Norwegen 2020 – Goldene Route

Ich möchte noch gar nicht zu weit vorgreifen, denn den Jotunheimer Nationalpark haben wir eigentlich erst eine Woche später etwas genauer unter die Lupe genommen. Dennoch lässt es sich nicht ganz vermeiden, wenigstens schon einmal kurz darauf einzugehen, denn unsere Route sollte heute sowohl den Landesteil Vestlandet als auch ein kurzes Stück des Østlandets durchstreifen. So gehört streng genommen der Sognefjellsvegen auch nicht zu der im allgemeinen Sprachgebrauch verwendeten „Goldenen Route“ dazu, welche die gesamte Strecke über den Geirangervegen, den Ørneveien und den Trollstigen bezeichnet. Würde es allerdings nach uns gehen, sollte man das augenblicklich ändern, denn diese traumhaft schöne Hochlandstraße steht beileibe den anderen Dreien wirklich in nichts nach.

Sognefjellsvegen – 09. August 2020

Nachdem wir wieder der Enge des Jostedalen entflohen waren, konnten wir uns nun entscheiden, den Gletscher im Westen oder aber im Osten zu umfahren. Da es zum einen kürzer und unserer Karte nach zu urteilen wohl landschaftlich auch attraktiver zu sein schien, bogen wir schließlich in Richtung Osten ab. Nicht alles ließ sich im Vorfeld planen, und so hatten wir überhaupt noch keine Ahnung, was uns auf dieser Strecke denn erwarten würden. Umso überraschter waren wir letzten Endes, was für eine grandiose Natur sich vor unseren Augen ausbreitete.
Zunächst sollte uns jedoch unsere Reise erst einmal am Nordufer des 42 km langen Lustrafjords – einen weiteren Seitenarm des Sognefjords – entlangführen. Nachdem wir stundenlang die fast schon erdrückende Wucht des Nigardbreens zu spüren bekommen hatten, tat es jetzt richtig gut, auch mal wieder in die Weite zu schauen und das soeben Erlebte verarbeiten zu können. Doch dazu blieb uns gar nicht allzu viel Zeit, denn es folgten auch bald schon wieder die nächsten überwältigenden Eindrücke.

Wer auch immer den Begriff Bilderbuchlandschaft einst geprägt hat, muss wohl über den Sognefjellsvegen gefahren sein. Über 80 Kilometer zieht sich diese spektakuläre Panoramastraße von Gaupe am Lustrafjord bis nach Lom im Osten und durchstreift dabei das Kerngebiet von Jotunheimen, dessen Berge mit ihren ausladenden Gletschern die höchsten von ganz Skandinavien sind; mit dem Galdhøpiggen (2469 m) an der ersten und dicht gefolgt dem Glittertind (2464 m) an der zweiten Stelle. Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Erhebungen, die die Zweitausendermarke knacken; der Nationalpark verfügt noch über weitere 200.
Während sich die Jotunheimer Berggiganten auf der rechten Seite aufbauen, befindet sich linker Hand die Gletscherwelt des Jostedalsbreens. Doch nun soll mal keiner denken, dass man sich bei dem Blick auf die Gipfel allzu sehr den Kopf verrenken muss, denn der Sognefjellsvegen selbst geht bis auf 1434 Meter hinauf und ist damit die am höchsten gelegene Passstraße Nordeuropas. Von daher ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich der Schnee auch noch bis weit in den Sommer hinein hält, und die Straße aus diesem Grund auch nur zwischen Anfang Juni und Mitte Oktober befahren werden darf. (Dies gilt übrigens für die meisten anderen Hochlandstraßen in Norwegen ebenso.)
Jetzt war aber eben August, und so sprach nichts dagegen, unseren Motor mal wieder ein bisschen aufheulen zu lassen.

Nach ca. 30 Kilometern erreichten wir die Ortschaft Fortun, die an und für sich jetzt vielleicht weniger erwähnenswert ist, jedoch jedes motorisierte Fortbewegungsmittel aufstöhnen lassen sollte. Denn wenn es am Anfang auch noch ganz unscheinbar beginnen mag, die 900 Höhenmeter, die über 10 Spitzkehren bei einer Steigung von 12 % zu überwinden sind, muss erst einmal ein Fahrzeug (und auch jeder Beifahrer) mitmachen wollen. Ich kann nur sagen, dass man in dem Fall wirklich froh ist, kein dickes Wohnmobil unterm Hintern zu haben; welche berechtigterweise auf vielen solcher Straßen übrigens gar nicht erst zugelassen sind.
So verwandelte sich nun die Landschaft abrupt von verträumt und liebreizend auf schroff und kantig. Mit jeder Kehre mehr, stand mir der Mund weiter offen. Hinter den dunkelgrünen Felswänden, die anfangs noch die Straße säumten, kamen nach jeder Kurve die dunklen scharfen Zacken weiter zum Vorschein. Ich hängte mich regelrecht schon aus dem Fenster, damit mir ja nichts entgegen würde. Es könnte ja sein, dass der Erdboden plötzlich alles verschluckt. – Wunder wahr, die Berge waren sogar noch da, als wir oben ankamen. 😉
Das war auch ein sehr guter Zeitpunkt, um wieder einmal anzuhalten und auszusteigen. Bei der Gelegenheit konnten wir auch gleich eine Kleinigkeit essen und dabei die Umgebung in Ruhe auf uns wirken lassen. Dieser Kontrast zwischen weich und hart, zwischen freundlich wirkenden sanften Hügeln und abweisenden schroffen Granit, zog mich wieder einmal magisch an.

Als wir das höchste Niveau der Passstraße erreicht hatten, wurde es wieder wesentlich ebener und so ließ sich demnach auch die Landschaft wieder besser überblicken. Waren wir neulich schon vom Lærdalsvegen so begeistert, dann schaffte es der Sognefjellsvegen tatsächlich, diesen noch zu toppen. Man kann sagen, was man will, aber bei Sonnenschein sieht die Welt einfach ganz anders aus. Doch man soll sich mal nicht täuschen, auf 1400 Metern kann es trotzdem recht frisch werden; zum Baden hätte ich jetzt jedenfalls nicht in einen der vielen Fjellseen springen wollen. Nicole übrigens auch nicht!

Aber selbst Schönheit ist ja immer noch steigerungsfähig! Zu dem Schluss kamen wir, als wir schließlich an dem größten See inmitten des Fjells vorbeikamen. Was unser Auge so erfreute, war eine Komposition aus tiefblauen, klaren Wasser, umrandet von einem grünen von Steinen durchsetztem Teppich; dazwischen breiteten sich noch die letzten Schneereste des vergangenen Winters aus, die nun langsam Stück für Stück mit dem See verschmolzen. Die wuchtigen 2000er in ihren blau-weißen Gewändern wirken in diesem Moment, als würden sie friedlich schlafen. Bei diesem Anblick konnte man leicht einmal vergessen, dass einer davon der höchste Berg Skandinaviens ist; zumindest von dieser Stelle aus gesehen. – Doch wenig später änderte sich unsere Perspektive auch schon wieder; mit direkten Blick auf die vergletscherten Gipfel wirkten die Eisriesen gleich wieder so abweisend und bedrohlich, wie sie nun mal waren.
Was auf jeden Fall feststeht: sollten wir zukünftig noch einmal nach Norwegen reisen, ist ein längerer Aufenthalt in dieser atemberaubend schönen Gegend garantiert; dann möchte ich hier unbedingt auch einmal wandern und mein Zelt inmitten des Fjells aufschlagen. Doch heute waren wir – wie immer – leider nur auf der Durchreise.

In einem weniger krassen Gefälle von 8 % ging es so langsam wieder bergab, zuerst ins Breiseterdalen und im weiteren Verlauf durch das Leierdalen. Die Berge rückten jetzt langsam weiter vom Straßenrand weg und machten wieder Platz für Bäume, Wiesen und irgendwann auch für Häuser. Eines davon war das Elveseter Hotel, welches wir im ersten Moment für eine weitere Kirche oder dergleichen hielten. Im Vorbeifahren haben wir uns nur über die etwas eigenartige Architektur gewundert und daraufhin kurzentschlossen die Bremse gezogen, um uns die Sache genauer anschauen zu können. Mit den dunkelbraunen, sich um einen sehr gemütlichen Innenhof gruppierenden Holzhäusern, auf deren Dächern kleinen Türmchen thronen, an deren Simsen Drachen ihre Köpfe zum Himmel recken, und deren Türen und Wände mit freundlich bunten Malereien versehen sind, die dem Besucher die nordischen Mythologie näherbringen, wähnten wir uns fast schon wie in einem kleinen Museum.

Stabkirche Lom

Wie es der Zufall wollte, kamen wir auch heute wieder an einer sehr schönen Stabkirche vorbei. Dieses Mal mussten wir dafür nicht einmal einen Umweg in Kauf nehmen, sondern waren im Gegenteil völlig überrascht, als plötzlich das spitze Holzdach zwischen den Bäumen zum Vorschein kam. Ich überredete gleich Flo, noch einen kurzen Zwischenstopp einzulegen, auch wenn er so langsam schon keine Stabkirchen mehr sehen wollte. Doch letzten Endes hat ihm dieses alte Gotteshaus dann doch wieder ganz gut gefallen.
Wie ich finde, kann man an jeder dieser Kirchen wieder etwas Anderes entdecken; jede hat ihren ganz speziellen Reiz. Von daher war es auch kein Fehler, sich auf unserer Reise zumindest einmal die Stabkirchen näher anzuschauen, an denen wir eh vorbeikamen. Das Besondere an der Stabkirche in Lom war z.B. der warme Farbton des Kiefernholzes, das im Sonnenlicht nun fast schon orange leuchtete, hingegen die Rückseite des Gebäudes dunkel und das Holz eher morsch wirkte. Vor allem im Inneren soll das Gotteshaus wohl außerordentlich sehenswert sein, doch durch das Schlüsselloch ließ sich leider nicht allzu viel erkennen.

Ich möchte den treuen Leser meines Blogs jetzt nicht langweilen und schon wieder die ganze Story über Stabkirchen herunterbeten. Wer allerdings noch nichts darüber gelesen haben sollte und sich dafür interessiert, der kann gerne den folgenden Link zu meinem Eintrag >>Ryfylkevegen<< anklicken, in dem ich mehr darüber geschrieben hab.
Die Stavkirke Lom im Speziellen zählt jedenfalls zu einer der besterhaltendsten und größten ihrer Art und ist mit ihrer dreischiffigen Basilika und dem rechteckigen Grundriss im Aufbau der Stabkirche von Borgund recht ähnlich. Im 17. Jh. baute man sie dann zur Kreuzkirche um und fügte außerdem den Turm dazu. 1933 wurde das Gotteshaus umfassend restauriert.

Geirangervegen & Ørneveien

Den vorläufig östlichsten Punkt hatten wir erreicht, nun ging es aber schnurstracks übers Ottadalen wieder in die andere Richtung und damit zurück ins Vestlandet. Das nächste nennenswerte Ziel sollte nach weiteren 50 Kilometern folgen, als wir nun ins Fjordland hineinfuhren, wo uns ein Wegweiser ankündigte „Geiranger, Trollstigen“.
Die Berge begannen jetzt wieder näher an uns heranzurücken, und während wir nun rechts auf die an einem grünen Hügel hinaufführende Straße abbogen, türmte sich von links eine schwarze mit Schnee überzogene Wand immer höher über uns auf. Begleitet von diesen Eindrücken schlängelten wir uns allmählich zum Djupvatnet hinauf, in eine irre schöne Landschaft, die kontrastreicher kaum sein konnte. Es half nichts, wir mussten jetzt und sofort hier anhalten.
Diese Szenerie hatte schon fast etwas Unheimliches, wie die dunklen Bergriesen die Straße zu überrollen drohten und sich der in der Sonne glitzernde Eispanzer des Jostedalsbreens noch darüber schob. Man konnte sich in diesem Moment nur zu gut vorstellen, wie die Gletscher damals einfach alles weggewalzt haben und wartete förmlich darauf, dass es jeden Augenblick wieder passieren könnte. Trotz allem oder gerade auch deshalb war dies ein phänomenaler Anblick; ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Flo nutzte unterdessen gleich mal die Gelegenheit, um an einem kleinen Gebirgsbach unsere Wasserreserven wieder aufzufüllen.

Dalsnibba

Wenige Minuten später führte uns die Straße auch schon zur Djupvasshytta, die äußerst anschaulich auf 1038 m Höhe am tiefblau schimmernden Djupvatn liegt. Dieser Gebirgssee, der oftmals das ganze Jahr über gefroren ist, verdient unbedingt einen weiteren Platz in der Kategorie Bilderbuchlandschaften. Dieses aus leuchtend grünen Gras und stechend blauen Wasser, von dunklen grauen Fels und funkelnd weißen Gletschereis umgebene Idyll, lässt sich nur noch besser einblicken, wenn man sich über die mautpflichtige Serpentinenstrecke (Nibbevegen) nun auch noch zum Dalsnibba nach oben arbeitet.
Das wollten wir uns natürlich auf gar keinen Fall entgegen lassen, zumal heute wirklich kaum etwas los war auf dieser begehrten Strecke. – Unter normalen Umständen soll nur noch auf der E6 (die einzige Autobahn Norwegens) und den Trollstigen mehr Andrang vorherrschen als hier. – Immerzu hätte ich anhalten können. Mit jeder Kurve, die wir weiter nach oben vordrangen, wurde die Aussicht noch spektakulärer.

Auf 1494 m war das Dalsnibba-Plateau schließlich erreicht oder um es ganz genau zu nehmen, haben wir unser Auto kurz zuvor auf einen Parkplatz abgestellt und sind die letzten Meter nun auch noch zum Aussichtspunkt hinaufgestiegen. Dort hat man 2016 eine gigantische Panoramaplattform mit einer Glasfront errichtet, auf der nun selbst Rollstuhlfahrer gefahrenlos umherrollen können. Die Sicht von hier oben auf den Geirangerfjord und die umgebene Gebirgswelt gilt als legendär. Man sprich mitunter sogar von der fantastischsten Aussicht der Welt. Soweit würde ich jetzt allerdings nicht gehen.
Etwas schade fand ich allerdings, dass die Felsmassive um diese Zeit schon so harte Schatten auf den Fjord warfen. Dafür konnte ich mich wiederum an den vergletscherten Bergriesen kaum sattsehen und war fasziniert von der Straßenführung des Geirangervegens, der sich so kurvenreich und schwindelerregend entlang der steilen Hänge nach unten ins namensgleiche Örtchen zieht. Meine Hochachtung für die Straßenbaukünstler Norwegens.

Geirangerfjord

Über die 11 Serpentinen, auf denen wir soeben noch hinaufgekommen waren, ging es jetzt genauso aussichtsreich wieder zum Djupvatn hinab, danach bogen wir allerdings in nördlicher Richtung ab. Sollten die Bremsen bisher noch nicht heiß gelaufen sein, dann spätestens jetzt. Auf den gerade noch von oben bewunderten 20 Serpentinen ging es nun nämlich steil hinunter nach Geiranger; jedoch nicht ohne wenigstens kurz an dem Aussichtspunkt Flydalsjuvet zu halten, von dem sich nun noch einmal ein besonders schöner Blick auf das Geirangerfjord eröffnete.
Ablenken lassen sollte man sich bei so einer abenteuerlichen Straßenführung jedoch nicht; nicht durch die bezaubernde Landschaft und erst recht nicht von überforderten Autofahrern, wie jener, der jetzt im Schneckentempo vor uns her schlich und dabei sogar Flo’s Geduld ordentlich auf die Probe stellte. Doch zum Glück hatte sich dieses Problem ab Geiranger in Luft aufgelöst, und so zwangen uns jetzt nur noch die Spitzkehren des Ørneveien zum Abbremsen, zu Deutsch die Adlerstraße, die uns – gerade einmal unten angekommen – auch sofort wieder nach oben geleitete.
Wie zwei Adler haben wir uns wahrhaftig auch gefühlt, bei diesen sagenhaften Ausblicken, die wir vom Ørneveien erst von vorn und spätestens an der Adlerkurve von oben ins Geirangerfjord werfen konnten. Allmählich begann sich die Sonne hinter den Bergen zu verkriechen und tauchte dabei den Fjord in einen diffusen Schleier, der die Kontraste verschwimmen ließ. Irgendwie haftete dieser Atmosphäre etwas Beruhigendes an.

Wir waren dankbar für den Tipp eines anderen ambitionierten Fotografen, unbedingt den kleinen Pfad hinter der Aussichtsplattform nach oben zu gehen, denn hier waren wir nun wirklich ganz alleine und konnten zudem noch besser in den Geirangerfjord hineinschauen. Fast schon zärtlich breiteten die „Sieben Schwestern“ ihre Wasserzöpfe über den mächtigen Felswänden aus, als wöllten sie diese besänftigen. Alles wirkte hier so freundlich, so einladend, so grün, auch wenn im Hintergrund die Schneehauben wohl nie verschwinden würden.
Nahezu unscheinbar glitten gerade 2 kleine Boote durchs grün-blaue Wasser. Es herrschte eine unsagbare Ruhe, die man einfach genießen musste; und die es so schnell wohl leider nicht mehr geben wird, wenn erst einmal wieder die Kreuzfahrtschiffe wie Heuschrecken über dieses liebliche Örtchen herfallen. – Wir waren also gewissermaßen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Deshalb beschlossen wir jetzt auch, diesen stillen Moment so lange wie möglich auszukosten. Wo hätte das besser gehen können als auf diesem exponierten Felsplateau in dieser wunderschönen Umgebung; natürlich bei einem romantischen Dinner zum Sonnenuntergang. Nie wieder würde mir ein Sauerkraut-Eintopf mit Kassler und Kartoffeln von Erasco besser schmecken. Ich träume heute noch davon.

Wer hat noch nie etwas von ihm gehört, Norwegens bekanntesten und meistbesuchten Fjord – den Geirangerfjord? Oft wird er von Superlativen begleitet wie „Top-Highlight Skandinaviens“, „Fjord der Fjorde“ oder „Perle aller Fjorde“. Zusammen mit dem Nærøyfjord schaffte er es 2005 auf die World Heritage List der UNESCO; nicht zuletzt auch wegen seiner unberührten Natur.
Der gerade einmal 16 km lange und bis zu 260 m tiefe Fjord ist ein Nebenarm des Sunnylvsfjords und der innerste Zweig des 120 km langen Storfjords. Mit nur 0,6 – 1,3 km ist der Geirangerfjord auch nicht sonderlich breit, jedoch dafür umso beeindruckender.
Unzählige Wasserfälle stürzen sich an den bis zu 1700 Meter hohen Felswänden in das türkis-grüne Fjord; Wasserfälle mit so einprägsamen Namen wie die „Sieben Schwestern“, der „Freier“ oder der „Brautschleier“.
Der Sage nach hielt ein Freier um die Hand jede der Schwestern an, die jedoch alle sein Angebot ablehnten, woraufhin er aus Kummer zur Flasche griff und dem Alkohol verfiel. Natürlich erinnert der Wasserfall des Freiers auch an eine Flasche, sowie die gegenüberliegenden 7 Wasserfälle der Schwestern – mit einer Fallhöhe von 250 Metern – an 7 Frauenzöpfe erinnern. – Und wie sollte man diese Naturschauspiele wohl besser bewundern können als vom Boot aus? Das denken sich wohl die meisten Touristen, und so fallen jährlich ca. 150 Kreuzfahrtschiffe – vom Meer aus kommend – in das 250 Seelendorf Geiranger ein. Was muss doch das Jahr 2020 für ein Segen für die Natur gewesen sein, die nun endlich wieder einmal so richtig durchatmen durfte.

Geirangerfjord in Norwegen

Letzte Überraschung des Tages

Inzwischen war es schon halb acht, und wir wollten uns nun so langsam wieder auf die Socken machen, da wir wie immer ja noch ein Plätzchen für die Nacht suchen mussten. Außerdem lag noch eine kurze Fährpassage über den Norddalsfjord vor uns, was um die Abendzeit immer eine gewisse Unsicherheit mit sich bringt. Etwas verunsichert waren wir dann allerdings auch, als ewig kein Schlafplatz herging, denn wir wollten es um jeden Preis vermeiden, schon heute den Trollstigen hinabzufahren. Dieses Highlight wollten wir uns für morgen in der Früh aufsparen, wenn unser Geist wieder frisch und aufnahmefähig sein würde.
Im idyllischen Valldalen wurden wir dann letztendlich doch noch fündig; was sich im Nachhinein fast schon als eine glückliche Fügung herausstellte. Völlig unerwartet, fanden wir uns nun auch noch in einer wirklich beeindruckenden Schlucht wieder.
Die bis zu 25 Meter tiefe und nur 5 Meter breite Gudbrandsjuvet ist das Erzeugnis des Flusses Valldøla. Innerhalb von tausenden von Jahren hat dieser sich kontinuierlich in das Gestein gegraben und dabei tiefe Gletschertöpfe entstehen lassen, die in den skurrilsten Formen in Erscheinung treten. Fast ebenso eigenwillig mutet auch die außergewöhnliche Aussichtsplattform an, die wie ein Kranz um die Schlucht gelegt wurde. Von hier aus konnten wir immerhin trockenen Fußes einen Blick in den sprudelnden Canyon werfen, bevor nun auch noch die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwanden. Nach dieser letzten kurzen Besichtigungstour – quasi im Schnelldurchlauf – haben wir diesen genialen Tag schließlich bei einem Gläschen Wein ausklingen lassen.

Trollstigen – 10. August 2020

Halb sieben, nix wie los!!! – So richtig die Ruhe hatten wir auch heute früh wieder nicht. Wir wussten zwar nicht, ob um diese Zeit überhaupt schon das Sonnenlicht auf den Trollstigen fallen würden, aber viel wichtiger war es für uns, möglichst noch vor den ersten Reisebussen vor Ort zu sein; selbst wenn es u.U. mal wieder bedeutete, dafür gewisse Abstriche in Kauf zu nehmen.
Die Fahrt durchs Meiardalen begann schon einmal ganz erfreulich. Wir kamen wieder höher, entsprechend fjellartiger wurde auch wieder die Landschaft. Sanft vermochten die ersten Sonnenstrahlen des Tages unser Gemüt zu streicheln und ein paar einzelne, an der Straße entlanglaufende, Schafe uns ein fröhliches Lächeln ins Gesicht zaubern.
„Rauma kommune“, selbst ein Straßenschild kann sich selten so attraktiv präsentieren wie dieses. Vor allem aber waren es die 2 Höcker zu unserer linken Seite, die sofort unser Interesse auf sich zogen. Diese zwei schroffen Kegel gehören – wie die gesamte Umgebung – dem Nationalpark Reinheimen an, der sich im Osten bis ins Romsdalen und noch weiter südlich bis ins Gudbransdalen erstreckt. Mit 1974 km² zählt dieser zu den größten Nationalparks Norwegens.

Als wir nun auch noch das Schild „Trollstigen“ passierten, wurden wir so langsam etwas aufgeregter. Doch schon kurz darauf hatten wir den riesigen Parkplatz Trollstigheimen auf 850 m erreicht und waren sehr erleichtert, dort noch keinen einzigen Reisebus oder dergleichen stehen zu sehen. So schritten wir nun schnell auf einer im Zickzack verlaufenden betonierten Brücke – Ob die hier wohl auch wie in Asien Geister abhalten sollen? – bis zum begehrten Aussichtspunkt vor und bewunderten dabei die wirklich sehr hübsch angelegte Wasserlandschaft unter unseren Füssen. Ich bereute es allerdings schon etwas, mich nicht wärmer angezogen zu haben, denn hier pfiff der Wind ordentlich übers Plateau.

Schon aus der Ferne konnten wir die seltsam anmutende rostfarbene Aussichtsplattform vor der Kulisse der gigantischen (über 1600 Meter hohen) Felswände und dem sich aus der Höhe hinabstürzenden Stigfossen ausmachen. Sie wollte so überhaupt gar nicht zu dieser beeindruckenden Landschaft passen. Aber das ist uns in Norwegen schon des Öfteren aufgefallen, dass die abstrakte Bauarchitektur mit der natürlichen Landschaftsarchitektur gerne zu wetteifern versucht. Immerhin ein gelungener Kontrast!
Auf jeden Fall, jetzt lag er nun endlich vor uns – der Trollstigen, und wie man zurecht behaupten kann, trifft es der Begriff „Trollleiter“ (so die deutsche Übersetzung) wie die Faust aufs Auge. Kein Reiseführer oder Bildband über Norwegen würde es wagen, dieses Meisterwerk der Straßenbaukunst nicht abzubilden, welches sich über 12 enge Haarnadelkurven mit einem Gefälle von bis zu 12 % ins 852 Meter tiefer gelegene Isterdalen hinabwindet.

Ursprünglich führte hier nur ein waghalsiger Gebirgspfad ins Tal hinab. 1925 begann man dann aber, eine Straße entlang der steilen Felswand in den Stein zu sprengen. Die Arbeiten dazu dauerten ganze 11 Jahre an, bis der Trollstigen 1936 endlich durch Seine Majestät König Håkon VII. eröffnet werden konnte. Seither zählt diese Strecke zu einer der extremsten Gebirgsstraßen Europas, und seither ist sie auch ein absoluter Publikumsmagnet, der jährlich mehr als 600000 Schaulustige anzieht.
2011 wurden der Trollstigen überdies zur Nationalen Touristenstraße erklärt. Um die Sicherheit auch für die Zukunft zu gewährleisten, investiert das Königreich viel Geld, um diese Strecke vor den Schäden durch Steinschlag und Lawinen zu bewahren und sie immer wieder auf Vordermann zu bringen. So ließ es sich auch nicht vermeiden, einige Abschnitte etwas zu entschärfen, jedoch ohne sie dabei wesentlich zu entdramatisieren. Wie die meisten anderen Passstraßen auch, ist der Trollstigen im Winterhalbjahr für den Verkehr gesperrt. Doch ich würde es mir ehrlich gesagt selbst in den Sommermonaten gut überlegen, mit welchem Fahrzeug ich die Route passiere.

Leider schienen wir doch ein bisschen zu früh dran gewesen zu sein, zumindest was den Sonnenstand anging, und so warfen die umliegenden Berge von der einen Seite ihre dicken Schatten auf den Trollstigen, während die grünen Hänge auf der anderen Seite schon fast auszubrennen drohten. So ein Mischlicht mag das Fotografenauge eigentlich gar nicht, aber man hätte es durchaus auch schlechter treffen können. – Also schaut euch diese Fotos genau an, denn so sieht der Trollstigen in Wirklichkeit aus, wenn man ihn nicht mit einer Drohne aufnimmt! Ich erwähne das jetzt, weil es uns in letzter Zeit immer öfter passiert, dass wir irgendwelchen Aussichten hinterherjagen und dann leider feststellen müssen, dass man sie SO als Ottonormalverbraucher gar nicht sehen kann, weil sie entweder mit der Drohne oder dem Fischauge entstanden sind oder aber tausendfach bearbeitet wurden. Bei mir ist aber alles echt!!! 😀

Natürlich wollten wir uns den Trollstigen nicht ausschließlich von oben anschauen, sondern sind über die Serpentinen selbstverständlich jetzt auch noch nach unten gefahren. Und wenn sich nun jemand (wie auch wir) fragen sollte, in welcher Richtung die Strecke spannender zu befahren ist – von oben nach unten oder von unten nach oben -, dann würde ich jetzt behaupten, dass wir uns für unser Dafürhalten ganz richtig entschieden haben, das Ganze von oben her aufzurollen. Aber letztendlich ist das eine reine Geschmacksfrage, genauso wie der eine eben lieber von oben einen Wasserfall in die Tiefe rauschen sieht, während der andere es bevorzugt, entlang der auf den Boden prasselnden Wassermassen hinaufzuschauen. – Ja und selbst das konnten wir uns jetzt aussuchen, als wir auf halbem Weg nun auch noch den 180 Meter hohen Stigfossen querten.

Kurzer Abstecher ins Romsdalen

Bevor es nun gleich weiter nach Ålesund ging, wollten wir zuvor aber unbedingt noch einen kleinen Abstecher zur Trollwand machen. Den ersten Trollen waren wir soeben ja schon im Isterdalen begegnet, nun bogen wir auf der Sogge bru erst einmal in Richtung Romsdalen ab. Sofort stach uns dabei das markante Romsdalshorn entgegen, das gleichzeitig auch als berühmtester Berg dieser Region gilt. Doch wen wundert das auch, wenn man dieser äußerst dominanten Erscheinung dann erst einmal live begegnet.
Wenige Minuten später erreichten wir über den Trollvegen dann auch schon die Trollwand. Mit 1000 Metern ist sie Europas höchste senkrecht aufsteigende bzw. überhängende Felswand und gehört zu dem 1800 m hohen Trolltind. Wenn man sich jetzt auch noch vorstellt, dass sich bis vor einiger Zeit Basejumper mit Vorliebe daran heruntergestürzt haben – bei Misterfolg gerne auch auf Kosten der Gemeinde -, dann wirkt diese Wand auf einen gleich noch beeindruckender. Das müssen wir jetzt zwar nicht unbedingt gleich ausprobieren, aber zum Wandern oder Klettern würde ich jederzeit gerne noch einmal hierher zurückkommen.

Weiterfahrt nach Ålesund

Kommando zurück, zumindest bis zur Sogge bru, und weiter nach Åndalsnes! Ab hier ging es nun wieder hinein ins weitläufige Fjordland, wo der Romsdalsfjord auch gleich einen sehr schönen Auftakt darstellte und förmlich zu einer Frühstückspause einlud; natürlich mit Frühstücksfleisch. (Flo ist froh, dass es das erst wieder im August 2021 gibt!)
Entlang an weiteren attraktiven Fjorden und deren Nebenarmen, dabei die ein oder andere interessante Brücke überquerend, fuhren wir 2 Stunden später schließlich in unserem nächsten Etappenziel – Ålesund – ein.

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Ein Gedanke zu „Norwegen 2020 – Goldene Route

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