Norwegen 2020 – Jotunheimen

Nationalpark Jotunheimen via Valdresflye

Erwachen vis-à-vis dem Besseggengrat – 18. August 2020

Heute pressierte uns zum Glück einmal nichts. Da wir unsere Wanderung ja nun nicht verlängert hatten, blieb uns dafür jetzt etwas mehr Zeit, um zumindest noch ein wenig an der Peripherie des Nationalparks Jotunheimen zu kratzen, bevor wir später dann nach Oslo weiterfahren wollten. Das Wetter hieß uns an diesem Morgen auch gleich wieder recht herzlich Willkommen, auch wenn es der Höhe und Uhrzeit geschuldet noch ein bisschen frisch war. So fuhren wir zunächst erst einmal die wenigen Meter zurück in Richtung Gjendesheim, wo sich von der 51 aus noch einmal der gesamte Höhenzug des Veslefjellets überblicken ließ, über dessen moränige Mondlandschaft wir vorgestern erst zum >>Besseggengrat<< gewandert sind. Auch der seltsam geformte grüne Knutshø, der vom blauen Nedre Leirrungen umspült wird, und die dominante Erscheinung des rund-geschliffenen Besshøs, welcher sich direkt über dem legendären Band aufbaut, sowie die vergletscherte Surtningssue, die uns dann auf dem zweiten Wegstück des Längeren begleitet hat, stachen uns sofort wieder ins Auge. Am liebsten hätte ich mich gleich sofort wieder auf Schusters Rappen begeben, um diese sagenhaft schöne Landschaft ein weiteres Mal zu durchschreiten.

Tierische Überraschung

Auf uns dagegen, wartete jetzt eine weitere kleine Überraschung… Als wir uns nämlich auf die Weiterreise zum Bygdin-See begaben, wunderte ich mich erst noch, warum denn plötzlich ein Auto so mitten auf der Straße stehenbleibt. Doch dann sahen wir sie auch, eine Herde Rentiere, die ganz nah an der Fahrbahn gemütlich auf dem Fjell graste.
Dummerweise scheint nun aber nicht jeder mit ausreichend viel Hirn gesegnet zu sein, und so bretterte ein klappriger Bus lauthals an uns vorbei und erschreckte dabei die scheuen Tiere derart, dass diese nun leider flink das Weite suchten. Zum Glück verschwanden sie jedoch nicht komplett von der Bildfläche, und so habe ich mich mit Kamera und leichten Turnschuhen bewaffnet in die teils sumpfige Graslandschaft aufgemacht, währenddessen Flo mir mit dem Auto im Schritttempo auf der Straße folgte. Im Anschluss hatte ich zwar ziemlich nasse Füße, dafür ein paar – wie ich finde – recht gelungene Momentaufnahmen dieser wunderschönen Tiere im Kasten. Dieses Mal sogar ohne Senderhalsband. 😉

Panoramastraße Valdresflye

Die zweithöchste Passstraße Norwegens

Über die 49 km lange Panoramastraße Valdresflye, die einen nicht unerheblichen Teil der Reichsstraße 51 ausmacht und von Hindsæter in der Kommune Vågå bis Garli (nördlich von Beitostølen) verläuft, ging unsere Fahrt nun weiter an den imposanten Zweitausendern Ostjotunheimens vorbei. Dabei passierten wir auch den höchsten Punkt dieser aussichtsreichen Landschaftsroute – den Valdresflya auf 1389 Metern -, in dessen Nähe wir sogar ein lauschiges Frühstücksplätzchen, mit einem fabelhaften Ausblick hinab zum Vinstervatnet, fanden.
Im Übrigens gilt damit die Valdresflye als die zweithöchste Passstraße Norwegens; gleich nach dem >>Sognefjellsvegen<<, dessen höchster Punkt 1434 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Bygdin-See

Zum Bygdin-See, der bereits nicht mehr zum Nationalpark Jotunheimen gehört, hatten wir nun erst einmal wieder 400 Höhenmeter auf dem kurvenreichen Valdresflye hinabzufahren. Dieser 25 Kilometer lange, von bis zu 2300 Meter hohen Gipfeln gesäumte See, wurde neben dem Gjende-See in den 1960er Jahren in die World Heritage List der UNESCO – unter den „most important lakes of the world“ – aufgenommen. Doch hingegen zu seinem smaragdgrünen Konkurrenten, hat der Bygdin-See keinerlei Gletscherzuflüsse und leuchtet demzufolge in einem tiefen Blau aus der bergigen Traumkulisse heraus.

Zwar konnten wir uns jetzt keine ausgedehnte Tour mehr leisten, aber um zumindest einmal an das Ufer dieses pittoresken Sees heranzutreten, sollte die Zeit locker reichen. Also parkten wir unser Auto kurzerhand an dem kleinen Fluss direkt neben der 51, welcher den Bygdin-See mit dem Vinstervatnet verbindet, und spazierten von dort aus dahin.
Gleich zu Beginn des Weges sprang mir förmlich eine große Reklametafel ins Gesicht, die für die Via Ferrata am Synshørn warb. Als wir kurz darauf auch noch an der Bygdinstøga an einer mit Kletterhelmen und -gurten angestrapsten Truppe vorbeikamen, die gerade in Sachen Klettersteigbegehung eingewiesen wurde, war meine Neugier vollends geweckt. Sehnsuchtsvoll schielte ich die ganze Zeit zu der beeindruckenden Südwand des Synshorns hinauf und versucht dabei anhand der winzigen bunten menschlichen Punkte, die Linienführung dieses Klettersteiges auszumachen. – Eins ist jedenfalls jetzt schon sicher, bei unserem nächsten Norwegenbesuch nehmen wir auch unser Kletter(steig)ausrüstung mit!

Synshorn am Bygdin-See im Østlandet in Norwegen

Leider ist der Bygdin-See an seinen östlichen Ausläufern etwas verschachtelt und macht danach in Richtung Westen auch erst einmal eine leichte Biegung, so dass sich die gesamte Länge wohl nur mit dem Boot oder aber von oben erfassen lässt. Doch man kann eben nun mal nicht alles haben, und unabhängig davon bot uns auch diese verkürzte Ansicht ausreichend schöne Perspektiven. Hier von Bygdin aus wirkte dieser große See richtiggehend verträumt; so wie sich die grünen Bergketten auf der glatten Wasseroberfläche 1:1 spiegelten, und sich eine Schar bunt-gemischter Kühe auf einer kleinen Insel ganz unbeirrt sonnten. Unverzüglich zog es mich zu diesen gemütlichen pelzigen Vertretern und danach in das kristallklare Wasser.

Wie man sich inzwischen vielleicht schon denken kann, war dieses Gewässer natürlich auch nicht wärmer als die anderen Gebirgsseen, und so musste ich Flo schon etwas länger überreden, bis er endlich eingesehen hat, dass sein letzter Waschgang doch schon etwas länger zurückliegt als meiner. – Und wenn wir so etwas wie eine Badehose dabeigehabt hätten, dann würde ich es mir jetzt anmaßen, ein Foto einzustellen, wo ihr anhand von Flos Gesicht die Wassertemperatur erraten könntet. Wann immer ich mir dieses Bild anschaue, lach ich mich jetzt noch scheckig!

Stabkirche Hegge

Bevor wir nun diese gigantische Bergwelt von Jotunheimen und der Valdresflye endgültig hinter uns lassen sollten, kamen wir zuvor jedoch noch unmittelbar am 1608 Meter hohen Bitihorn vorbei, welches man mit seiner charakteristischen Hutform wohl kaum übersehen konnte. Danach wurde es allerdings zunehmend flacher und waldiger.
In dieser ländlichen Gegend gibt es auch wieder jede Menge kleiner Stabkirchen. Eine davon ist die Stavkirke Hegge, welcher wir – so unmittelbar an der 51 gelegen – nun einen kurzen Besuch abstatten wollten. Sehr viel länger wurde es dann tatsächlich auch wirklich nicht, denn dieses Gotteshaus blieb uns leider (wie so oft) wieder einmal verschlossen.

Dieser achtsäulige Bau wurde im Jahre 1216 errichtet und fand 1327 das erste Mal schriftlich Erwähnung. Von seiner ursprünglichen Architektur ist allerdings, nach einem umfassenden Umbau im 19. Jh., nur noch der Mittelbau erhalten geblieben. Von außen lässt sich lediglich das besonders reiche Schnitzwerk am Westportal und der nebenan stehende Glockenturm bewundern oder aber die hübsch bepflanzten Gräber um das Gotteshaus herum, welches noch bis heute von der örtlichen Gemeinde genutzt wird.

Chillen am Sperillen

Immer noch ganz überwältigt von den Eindrücken der letzten Tage, war es nun fast schon ein wenig ermüdend, durch das Begnadalen und das Ådalen weiter in Richtung Oslo vorzudringen. So hielten wir auf dem etwas öderen Abschnitt die ganze Zeit über die Augen offen, um vielleicht doch noch ein schönes Fleckchen an einem Fluss oder gar an einem See zu finden, wo wir denn 1-2 Stündchen entspannen könnten. Doch wie es nun mal immer so ist, geht natürlich genau dann nichts her, wenn man am sehnlichsten darauf wartet. Zwar schlängelte sich der beliebte Forellenfluss Begna fortwährend neben der Talstraße entlang, doch wirklich zum Baden lud er bedauerlicherweise an keiner Stelle ein.
Als wir es fast schon aufgeben wollten, fand sich dann aber doch noch ein geeignete Plätzchen am Binnensee Sperillen, das von der Straße leicht erreichbar und dennoch wunderbar einsam war. – Lage gecheckt, Handtuch, Bier (Nummer 2) und Mückenspray eingepackt, dann waren wir bereit, unseren Körper und Seelen eine kurze Auszeit zu gönnen. Und weil wir ja schließlich nach den ersten beiden entbehrungsreichen Urlaubswochen noch Einiges nachzuholen hatten, kamen unsere Astralkörper jetzt schon zum dritten Mal in 2 Tagen mit Wasser in Berührung. Also man kann es ja fast schon übertreiben! 😀
Doch was wäre in Norwegen ein Tag ohne Regen! Lange währte unser Vergnügen nicht, dann frischte auch schon wieder der Wind auf und zogen dicke Wolken über uns hinweg. Zeit, wieder zusammenzupacken und nun endlich ganz nach Oslo durchzustarten!

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