Norwegen 2020 – Nigardsbreen

Auf 6 Uhr hatten wir uns den Wecker gestellt, um möglichst die ersten am Nigardsbreen zu sein. Die Nacht war bitterkalt, und natürlich war es auch jetzt noch nicht wirklich wärmer, als wir unseren Fuß ins Freie setzten. Zum Glück mussten wir noch ein paar Minuten fahren, so dass in der Zeit unsere Glieder wenigstens wieder etwas auf Betriebstemperatur kamen. Mit zittrigen behandschuhten Fingern hielt ich nun meinen Eiskaffee, auf den ich trotz allem auch an diesem Morgen nicht verzichten wollte.

Gleiches Spiel wie gestern Abend, doch dieses Mal sollte die Maut nicht umsonst gezahlt sein. Umso entrüsteter waren wir, dass trotz aller Warnungen inmitten des Moränefelds im Naturpark gezeltet wurde und sogar 2 Camper auf dem Parkplatz standen, woraus recht offensichtlich hervorging, dass sie hier übernachten. Tja, manchen scheint wohl wirklich nichts heilig zu sein! Immerhin schliefen die Insassen noch, und so konnten wir kurz vor 7 vollkommen allein zur Gletscherzunge aufbrechen; allerdings nicht ohne uns zuvor in die Isolations- und Hardshelljacken zu hüllen.

Jostedalsbreen – der Mächtige

Wie bereits im Vorwort erwähnt, entstand Norwegens überwältigende Gletscherlandschaft nicht in etwa während der letzten Eiszeit, sondern im Zuge einer Klimaverschlechterung ca. 500 v. Chr. Je nach vorherrschender Wetterbedingungen dehnte sich der glaziale Panzer entweder aus oder begann wieder zu schrumpfen. Im 18. Jh. erreichten die Eismassen schließlich ihre höchste Ausdehnung, und die Gletscherzungen – von denen es noch heute 24 gibt – schoben sich dabei so weit ins Tal hinein, dass ihnen dabei sämtliche Felder und Gehöfte zum Opfer fielen. Seit 1850 begannen sich die gefrorenen Massen allerdings langsam wieder zurückzuziehen; ein Prozess, der noch bis heute andauert. (Und nicht zuletzt ist auch der Mensch mit dafür verantwortlich zu machen.) Die einstigen Ausdehnungen lassen sich jedoch immer noch sehr gut an den hinterlassenen Moränefeldern ablesen.
Norwegen besitzt sage und schreibe 2534 Gletscher, die zusammengefasst eine Fläche von 3300 km² bedecken. Mit 487 km² ist der Jostedalsbreen der größte Gletscher des Landes, ja sogar des gesamten europäischen Festlands. Wenn man die 30 umliegenden Eispanzer mitrechnet, kommt man sogar auf eine Ausdehnung von 1000 km². – Ich spreche jetzt absichtlich vom „Festland“, denn würde man die Insel aus Feuer und Eis, sprich Island mit einbeziehen, wäre Europas größter Plateaugletscher der Vatnajökull mit einer unfassbaren Gesamtfläche von 8500 km². Eigentlich unvorstellbar!


Der Jostedalsbreen liegt zwischen dem Nordfjord im Norden und dem Sognefjord im Süden eingebettet und grenzt im Osten an die Jotunheimer Bergriesen. Er dehnt sich auf ca. 100 km der Länge nach aus und erreicht eine Breite von bis zu 15 km. Stellenweise ist der Eispanzer bis zu 500 Meter dick, so dass die Gebirgslandschaft völlig unter dem ewigen Eis begraben zu sein scheint. Nur wenige Felsinseln ragen aus den frostigen Massen heraus. Die höchste Erhebung ist der 2083 m hohe Lodalskåpa, von dem aus sich die einzelnen Gletscherarme in die Täler ziehen.
Einige seiner bekanntesten und am leichtesten zugänglichen Seitenarme sind der Briksdalsbreen im Nordwesten, der Bøyabreen im Süden und der Nigardsbreen, den man über das Jostedalen vom Osten her erreichen kann. Wir haben lange hin- und herüberlegt, welchen von denen wir besuchen sollten; wo wir denn wohl am ehesten das zu sehen bekommen würden, was wir zu sehen erwarteten. Unsere Wahl fiel schließlich auf den Nigardsbreen, der im Übrigen seinen Namen von der im Jahre 1743 verschütteten Siedlung Nigard erhielt, und dessen Gletscherzunge seither wieder um 5 km zurückgegangen, aber immer noch gut erreichbar ist.

Wanderung zum Nigardsbreen – 09. August 2020

Täglich um 10 Uhr startet das kleine Boot seine erste Fahrt über den Gletschersee und spuckt eine Horde Touristen kurz vor der eisigen Zunge wieder aus. Mit diesem Wissen ließ es sich ganz gut kalkulieren, um unsere Erkundigungen noch vor dem großen Ansturm abzuschließen. Aber unabhängig davon, war es uns auch so lieber, die halbe Stunde zu Fuß am Rande des milchig-blauen Sees entlangzumarschieren, um diese wunderbare Landschaft in uns aufnehmen und nicht zuletzt uns auch wieder etwas aufwärmen zu können.
Über Treppen, Leitern oder aber auch blanken Stein war es ein ständiges Auf und Ab über die mehr oder weniger glitschige Felsen. Immer wieder konnten wir dabei einen Blick auf die Gletscherzunge erhaschen, die – noch im Schatten gelegen – hellblau herausblitzte. Doch auch die Aussicht zurück ins Jostedalen, über dem gerade so langsam die Sonne aufging und hinauf zu den nackten Felsflanken, an denen kleine Wasserfälle beharrlich zum See hinabrannen, war wie Balsam für unsere Seele.

In der Nähe des Bootanlegers am Nordufer angekommen, führte der Weg uns noch etwas weiter an den Gletschersee heran. Stellenweise hatte sich eine dünne Eiskruste darauf gebildet und schwammen kleine Eisbrocken am Rande des Ufers. Vorsichtig fischte ich 2 davon aus dem kühlen Nass und betrachtete sie genauer; sie waren glasklar.

Eis ist nicht gleich Eis, mal ist es Weiß, mal Blau, mal Grün, mal komplett durchsichtig. Doch wie kommen diese Unterschiede denn nun eigentlich zustande? – Letzten Endes handelt es sich hier um „komplizierte“ Physik und hängt mit den unterschiedlichen Wellenlängen der einzelnen Farbstrahlen des Sonnenlichts zusammen, wie diese im Einzelnen vom Eis absorbiert werden und davon, wie unser menschliches Auge es schließlich wahrnimmt. Ich möchte euch das kurz am Beispiel der Gletscher verdeutlichen:
Diese entstehen logischerweise dann, wenn in den Wintermonaten mehr Schnee fällt, als im Sommer schmelzen kann. Je länger nun der Neuschnee liegt, umso mehr verdichtet er sich und lässt dabei Eiskristalle entstehen, die anfangs noch jede Menge Luftblasen einschließen. Sobald das Sonnenlicht in seiner gesamten Farbpalette auf diese Schichten trifft, werden die Strahlen (Farben) vermischt und streuen (reflektieren) sehr stark in alle Richtungen; das Licht tritt demnach schnell wieder aus, kann ergo nicht absorbiert werden. Als Folge der Lichtbrechung entsteht nun ein leuchtend weißer Eisberg; aber auch das strahlende Weiß von Schnee – und ja sogar Milch – ist auf diesen Prozess zurückzuführen.
Wenn die Schneeschichten im Laufe der Zeit nun noch weiter komprimiert werden, verschwinden peu à peu auch die Luftblasen, und es entsteht blankes Eis. Da dieses nahezu das gesamte Farbspektrum des Lichts absorbiert – sprich gelbe, orange und grüne Strahlen schluckt -, und nur die kurzwelligen blauen Strahlen reflektiert werden, wirkt es für unser Auge, als wären die Gletscher blau.
Schlussendlich lässt sich also sagen, je kompakter das schneegepresste Eis, umso weniger Sonnenlicht kann es durchdringen, was im Umkehrschluss natürlich auch bedeutet, dass gefrorenes Wassereis für das sichtbare Licht wiederum extrem durchlässig und somit kristallklar ist.
Kleine Info am Rande noch: Warum uns das Sonnenlicht übrigens als durchsichtig oder weiß erscheint, hängt ebenso mit der Mischung der verschiedenen Lichtfarben und deren unterschiedlicher Wellenlängen zusammen. – Mein lieber Scholli, jetzt kennt ihr euch aber aus – oder kapiert erst recht gar nichts mehr. 😉

Den See im Rücken, stiegen wir auf den vom Eis glattgeschliffenen Felsplatten nun auch noch die letzten Meter dem Nigardsbreen entgegen. Dann lag er endlich vor uns, zum Greifen nah, mit seiner im schönsten Blau leuchtenden Zunge. Ich war so aufgeregt und konnte es kaum erwarten, noch näher heranzukommen. Welch erhabener Moment!
Zwar waren wir bereits in den >>Stubaier Alpen<< über einen Gletscher gewandert, doch das Blaueis blieb uns aufgrund der überlagernden Neuschneeschichten verborgen. Dieser Anblick war in Natura also auch für uns noch absolutes Neuland.

Irgendwann ging es allerdings nicht mehr weiter. Mit direktem Blick zum Gletschertor – eine Öffnung, über die das Schmelzwasser unterirdisch aus dem Gletscher herausfließt – standen wir nun vor einer Absperrung, die uns signalisierte: „Stopp! Ab hier wird’s gefährlich!“ So schnell wollten wir uns jedoch nicht geschlagen geben. Wir waren doch keiner der für gewöhnlich fußlahmen Reisebus-Touristen, die zuvor noch nie einen Berg gesehen oder etwas über Eis und Schnee gelesen hatten. Außerdem konnten wir noch immer weit und breit keine Menschenseele entdecken. So wagten wir es schließlich, noch ein paar Schritte weiterzugehen. Doch schon bald meldete sich unser Verstand zurück, als wir merkten, dass wir auf diesem Wege auf keinen Fall bis an die Zunge herankommen würden, ohne uns wissentlich in Gefahr zu begeben. Denn so viel hatte uns die Erfahrung schon gelehrt, dass man einen glatten, rutschigen Felsen nicht hinaufklettern sollte, wenn man nicht weiß, wie man wieder runterkommt; zumal der reißende Gletscherfluss auch noch darunter ist. – Dieses Risiko entsprechend abzuwägen, ist in der Vergangenheit wohl nicht jedem gelungen, und so gab es hier leider schon einige tödliche Unfälle.

Auf der gegenüberliegenden Seite schien es besser auszusehen. Doch wie würden wir nun wieder dort rüberkommen? Auf der Suche nach einer geeigneten Möglichkeit den Fluss zu überqueren, stiegen wir nun wieder fast bis zum See hinab. Tatsächlich gab es dort eine schmale Hängebrücke, die wir zuvor im Eifer des Gefechts gar nicht gesehen hatten. Also sind wir flugs darüber gesprintet und im Eiltempo wieder in Richtung Zunge hinaufgewandert, bevor uns doch noch jemand einen Strich durch die Rechnung machen würde. Dabei gerieten wir ganz schön ins Schwitzen, denn inzwischen drang die Sonne auch zur Gletscherzunge vor und erwärmte die Luft rasant von Hardshell- auf T-Shirt-Wetter.

Auch hier kamen wir nun wieder an eine Absperrung. Doch inzwischen waren wir schon ganz gut im Ignorieren, und mich konnte nichts, wirklich nichts mehr aufhalten, um endlich direkt vor dem Nigardsbreen zu stehen. Ich war so etwas von aufgeregt und rannte die letzten Meter förmlich dorthin. Total happy stand ich nun davor und konnte das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht bekommen. Dies war für mich einer der schönsten und ergreifendsten Momente unserer gesamten Norwegenreise.

Es war äußerst beeindruckend, wie sich das riesige Gletschertor auftat und der Milchfluss mit einer enormen Wucht daraus sprudelte. Wie klein man sich doch im Angesicht dieses riesigen Eispanzer fühlt. Fast schon unterwürfig habe ich das blaue Eis ganz kurz berührt, allerdings nicht ohne ihm einen gewissen Respekt zu zollen. – Doch mal ganz ehrlich „Asche auf mein Haupt“, so richtig schlau war das nicht, was wir hier getan haben. Denn nach alldem was ich mir inzwischen angeeignet habe, gerade auch in Bezug auf unsere bevorstehende Islandreise, ungefährlich ist so etwas nicht. Die Gletscher sind nämlich keine toten Eisblöcke, die irgendwo in der Wildnis herumliegen. Das Eis lebt und arbeitet; meist im Inneren. Man kann es mit dem bloßen Auge vielleicht nicht gleich erkennen – obwohl das nun auch wieder nicht stimmt, wenn der Gletscherbach direkt neben einem vorbeirauscht -, doch dann geht alles auf einmal ganz schnell. Plötzlich löst sich ein Block und begräbt einen unter sich. Also fühlt euch gewarnt, es besser zu machen als wir. – Trotzdem war’s schee… 😉

Nigardsbreen in Norwegen

Fast schon ein wenig wehmütig haben wir uns vom Nigardsbreen verabschiedet und langsam den Rückweg angetreten. Mit dem steten Blick hinab ins Tal, konnten wir uns nur zu gut ausmalen, wie sich die Zunge zu Zeiten ihrer höchsten Ausdehnung bis tief ins Jostedalen vorgeschoben hat. Dort wo vor einigen Jahren noch das ewige Eis dominierte, liegen inzwischen die gerölligen Moränefelder und breitet sich darüber der milchig-blaue Gletschersee in all seiner Schönheit aus. Doch was uns in diesem Moment wie der Himmel auf Erden erscheinen mag, verheißt für unser aller Zukunft leider nichts Gutes. Dennoch, heute hatten wir nur Augen für das Schöne!

Unser Timing war auch dieses Mal wieder perfekt. Als wir den See erreichten, brachte gerade das Boot die ersten Touristen zum Gletscher hinüber, und der Parkplatz füllte sich zusehends. Gerade noch einmal Glück gehabt! Einen besseren Start in den Tag konnten wir uns gar nicht wünschen; und ich kann schon so viel verraten, er ging genauso perfekt weiter.

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