Norwegen 2020 – Besseggengrat

Nationalpark Jotunheimen

Als kleines Kind war ich mit Nicole ja schon einmal im Riesengebirge. Doch während sich mein Vater daran jetzt vielleicht eher mit gemischten Gefühlen erinnern wird, sind dagegen meine Erinnerungen schon fast gänzlich verblasst. Aber es soll in meinem heutigen Beitrag ja letztendlich auch gar nicht um das zu DDR-Zeiten so begehrte Urlaubsziel im Osten (Polen) gehen, sondern quasi um das „Riesengebirge“ im hohen Norden – den Nationalpark Jotunheimen.

Seinem superlativen Spitznamen wird diese Hochgebirgsregion vollkommen gerecht, denn schließlich ragen hier die höchsten Berge von ganz Skandinavien aus den ausgedehnten Gletschermassen (60 von der Zahl) heraus. An erster Stelle sei der 2469 Meter hohe Galdhøppigen genannt, mit nur 5 Metern weniger folgt auch schon der Glittertind. Mehr als 200 weitere Gipfel überschreiten die 2000er Marke, 20 davon sind sogar noch höher als 2300 Meter.
„Das hört sich jetzt doch gar nicht wirklich so hoch an!“, mögt ihr nun vielleicht denken. Jedoch aufgrund des Breitengrads muss man das Ganze in einer völlig anderen Relation betrachten. Am Einfachsten lässt sich das vielleicht anhand der Baumgrenze vergleichen, die in Jotunheimen bereits bei 1000 Höhenmetern liegt, hingegen diese bei uns in den Alpen bei ca. 1800-2000 hm, in Afrika am Kilimandscharo bei 3000 hm und im Himalaja bei 4400 hm ist. Wenn man sich nun also auf dem Gipfel des Galdhøppingens – den höchsten Punkt Norwegens- befindet, wäre das quasi so, als würde man bei uns schon fast auf dem 3798 m hohen Großglockner stehen (denn die meisten Berge der Tiroler Alpen sind noch unter 3500 hm) oder aber ca. 500 Meter oberhalb des nepalesischen Basislager am Mont Everest (auf 6000 hm). – Und jetzt wage es doch bitte noch mal einer zu behaupten, Norwegens Berge wären nicht hoch!

Genauso alpin sich das jetzt anhört, wirken die Jotunheimer Riesen aber auch in Wirklichkeit; insbesondere, wenn man diese – wie wir erst kürzlich auf unserer Fahrt über den >>Sognefjellsvegen<< – von der Vestlandet-Seite aus betrachtet. Schon wesentlich sanfter präsentiert sich dagegen die Landschaft auf der Østlandet-Seite, wo auch die Wanderung über den Besseggengrat startet. Neben dem berühmten Trekking-Klassiker gibt es hier selbstverständlich noch unzählige andere lohnenswerte Touren, gilt der im Jahre 1980 eingerichtete, 3500 km² große Nationalpark schließlich als die besterschlossene Wanderregion Norwegens. Mit all den malerisch gelegenen, sich tief in die weiße Bergwelt einschneidenden, smaragdgrünen oder kobaltblauen Seen darf man allerdings nicht erwarten, alleine in dieser traumhaften Gegend zu sein. Doch wir sollten auch dieses Mal wieder positiv überrascht werden.

Besseggengrat

Bevor ich nun aber endlich anfange, über unsere persönlichen Erlebnisse während unserer Wanderung zu berichten, noch ein paar kurze Infos zum Gjende- bzw. Besseggengrat (zu Deutsch: Bärengrat):
Wenn man es ganz genau nimmt, bezieht sich diese Bezeichnung im eigentlichen Sinne gar nicht auf die gesamte Überschreitung, sondern war lediglich für einen relativ kurzen Teilabschnitt namensgebend – und zwar dem Herzstück dieser Tour, einem 1,5 km langen und 20 m breiten panoramareichen Felsriegel, von dessen höchstem Punkt aus man auf der einen Seite zum 600 Meter tiefer gelegenen türkisblauen Gjende-See und auf der anderen Seite zum 200 Meter tiefer gelegenen dunkelblauen Bessvatnet hinabschauen kann.
Start- und Endpunkt liegen jeweils auf ca. 1000 Meter, die höchste Erhebung erreicht man mit dem Gipfel des 1743 Meter hohen Veslefjells, und im Durchschnitt wandert man die meiste Zeit auf einem Höhenniveau von 400 Metern oberhalb des (18 km langen und nur einen km breiten) Gjende-Sees.
Ob man diese Wanderung nun von Gjendesheim aus startet und im Anschluss von Memurubu aus wieder mit der Fähre zurückkommt oder aber zuerst mit der Fähre nach Memurubu übersetzt und es dann genau andersherum aufrollt; ob man über den holprigen Uferweg wieder zum Ausgangspunkt zurückmarschiert oder aber die Tour noch bis Gjendebu am Westufer verlängert, das obliegt jedem selbst und ist nicht zuletzt auch von der Fähre abhängig, die zum Ende der Saison natürlich nur noch sehr sparsam verkehrt. – Ja und genau das war auch unser Dilemma, so dass wir zu Beginn unseres kleinen Trekkingabenteuers noch immer nicht sagen konnten, bis wohin wir gehen, wie wir wieder zurückkommen, was wir denn letzten Endes nun wirklich machen würden. Es blieb also erst einmal spannend!

Besseggengrat im Nationalpark Jotunheimen in Norwegen

Wanderung über den Besseggengrat

Tag 1 – 16. August 2020

Es ist Sonntag, es ist 15:15 Uhr, es ist das herrlichste Wetter; also vielleicht nicht gerade die schlauste Entscheidung, sich ausgerechnet jetzt zu Norwegens zweitbeliebtester Wanderung aufzumachen. Auf der anderen Seite sprachen aber auch genau diese Punkte wieder dafür, um eben gerade dann am Besseggengrat zu stehen, wenn die meisten Tageswanderer schon längst wieder abgerückt waren, und man mit etwas Glück eventuell sogar noch einen wunderschönen Sunset vom Zelt aus erleben konnte.
Um unseren sportlichen Ansprüchen ein Stück näherzukommen – naja, und natürlich auch, um uns das teure Parkticket zu sparen -, haben wir die 14 km lange Tour (einfach gerechnet) gleich noch einmal um jeweils weitere 2 Kilometer verlängert, indem wir unser Auto (legaler Weise) direkt am Straßenrand der 51 geparkt haben. – Sicher wird sich jetzt beim Lesen der eine oder andere an den Kopf langen, aber wie oben schon erwähnt, hatten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch überhaupt keine Ahnung, wann wir denn wieder zurück sein würden, und ob wir das Ticket folglich für 2 oder 3 Tage hätten lösen sollten. Immerhin verschaffte uns der kleine Umweg die Möglichkeit, sich auf dem relativ eben verlaufenden, gut ausgetretenen und zudem sehr einsamen Pfad schon mal ein bisschen warmzuhatschen.
Als wir eine halbe Stunde später dann auch an der Gjendesheim-Wanderhütte – am Ostufer des Gjende-Sees – ankamen, waren wir nun doch etwas überrascht, dass auf dem Parkplatz verhältnismäßig wenige Autos standen und auch kaum Leute herumsprangen. Natürlich umso schöner für uns, denn so konnten wir jetzt ganz entspannt mit dem steilen Aufstieg zum Besseggengrat beginnen.

Mit jedem Meter, den wir nun höher hinaus kamen, wurde der Blick hinunter zum Gjende-See umwerfender; auch wenn dieser sich erst einmal wieder ein Stück aus unserem Sichtfeld zurückzog – doch nur, um uns nach der nächsten Biegung noch mehr zu beeindrucken und in einem fast schon künstlich wirkenden Smaragdgrün zu erstrahlen.
Dieser grüne Farbton entsteht übrigens durch den Zulauf der Gletscherflüsse, welche Schlamm und winzige Tonpartikel mit sich reißen, die aufgrund ihrer Oberflächenbeschaffenheit das Sonnenlicht grün reflektieren. Je wärmer es ist, umso mehr wird das Abschmelzen der Gletscher begünstigt, was wiederum zur Folge hat, das die Seen von mehr Gletscherwasser gespeist werden und damit die Farbe umso satter ist.

So langsam kamen uns auch immer mehr Wanderer entgegen, die ihre Tour wohl in Memurubu gestartet haben mussten und jetzt bereits wieder am Abstieg waren. In unsere Richtung ging seltsamerweise keiner, was uns fast schon etwas seltsam vorkam. Allmählich wich allerdings auch immer mehr die grüne Vegetation am Wegesrand, dem nackten felsigen Untergrund, über den man auch mal mit Zuhilfenahme der Hände auf einem schmalen Felsband entlangkraxeln musste, bevor man danach endgültig in das Schrofengelände hineinkam.

Auf ca. 1600 Metern, hatten wir den gröbsten Anstieg erst einmal geschafft, nun ging es wieder etwas gemächlicher zum höchsten Punkt dieser Tour weiter. Dafür glich die Umgebung aber eher einer Mondlandschaft, und wir gerieten ehrlich gesagt etwas in Sorge, wo wir in der kantigen Steinwüste denn später unser Zelt aufstellen sollten. In diesem Moment wurde uns schlagartig bewusst, warum wir bisher auch keinen anderen mit großem Gepäck gesehen hatten.
Die nächsten Meter waren wir jedenfalls erst einmal damit beschäftigt, nach einer geeigneten Stelle für unser Nachtlager Ausschau zu halten, anstatt unsere Wanderung in vollen Zügen zu genießen. Erst als wir 1-2 Optionen in der Nähe der riesigen Steinpyramiden gefunden hatten, konnten sich unsere Nerven wieder etwas entspannen.

Inmitten der kargen moränigen Landschaft führte uns der Weg aber auch zu einer Stelle, an der man recht nah an die Abbruchkante herantreten konnte. Von dort aus boten sich uns unfassbar schöne Ausblicke auf die blauen Seen und die grünen Hügelketten, welche den Nationalpark im Osten begrenzen. Durch das Zusammenspiel des Gjende mit dem Nedre Leirrungen – einen weiteren See in südlicher Richtung – hatte es fast den Anschein, als wöllte sich das türkisblaue Wasser wie eine Schlaufe um den Gjendeshø legen.

Als wäre diese faszinierende Natur nicht schon Belohnung genug, blühte uns jetzt noch eine weitere Überraschung. Oder hätte ich wahrhaftig jemals damit rechnen können, einem Rentier mal in der freien Wildbahn gegenüberzustehen?
Erst war ich mir nicht wirklich sicher, doch je näher wir kamen, umso offensichtlicher zeichnete sich das Tier ab. Auf Zehenspitzen schlich ich mich nun weiter an dieses prächtige Ren heran; und es blieb tatsächlich stehen. Auch wenn ich mein Glück kaum fassen konnte, musste ich meinem inneren Drang, es nun auch noch streicheln zu wollen, widerstehen. Aber meine Kamera verfügt ja schließlich über einen guten Zoom, so dass ich dem Rentier dann nicht noch weiter auf die Pelle rücken wollte.
Und falls sich etwa noch einmal jemand über das hübsche Halsband wundern sollte: Das Tier war weder ausgestopft, noch angekettet oder in Kältestarre verfallen, sondern trug lediglich einen Sender um den Hals, was auch zum Schutz dieser Population beitragen soll. Hauptsächlich findet man Rentiere in der Finnmark, wo sie von den Samen gezüchtet werden. Doch eine kleine Anzahl dieser Tiere durchstreifen auch die Hardangervidda und die Jotunheimer Bergwelt.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch gleich noch einmal auf den (im letzten Beitrag erwähnten) bekannten Rentierjäger Jo Gjende verweisen, dessen Grabstein uns zuvor ja an der Stabkirche Vågå ins Auge gestochen war.
Was Rentiere übrigens von anderen Geweihträgern unterscheidet, ist die Tatsache, dass bei dieser Gattung beide Geschlechter ein Geweih besitzen. Während jedoch die männlichen Tiere ihr Gehörn bereits im Herbst abstoßen, ist das bei den Weibchen erst im Frühjahr der Fall.

Noch immer ganz hin und weg, kamen wir als nächstes erst einmal am Gipfel des 1743 m hohen Veslefjells vorbei. Eigentlich wäre uns das aufgrund des relativ gleichbleibenden Höhenniveaus gar nicht aufgefallen, wenn diesen Punkt nicht gerade eine gigantische Steinpyramide markieren würde. Ab hier hieß es dann allerdings wieder Absteigen – zum Besseggengrat auf 1550 Meter; unserem Etappenziel für diesen Tag. Dabei musste ich jetzt tierischst 😉 aufpassen, um vor lauter Aufregung nicht gar noch über einen der Steine zu stolpern, die den Untergrund zuhauf in unterschiedlicher Form und Größe bedeckten.

18:45 Uhr tat sich endlich das legendären Bilderbuch-Panorama vor unseren Augen auf. Zu unseren Füßen zog sich der schmale Grat hinüber in die weite Felslandschaft und zerschnitt dabei das blaue Wasser in zwei Teile. Erst beim näheren Betrachten fiel einem wirklich auf, dass der milchige Gletschersee Gjende auf der linken Seite noch einmal 400 Meter tiefer liegt als der klare Gebirgssee Bessvatnet zu unserer Rechten. Zwar kam zu dieser Uhrzeit und bei dem Gegenlicht der Farbunterschied nicht mehr ganz so krass raus, wie gedacht, doch wir hatten jetzt ja genügend Zeit, das auszusitzen. Schließlich wollten wir über Nacht hier oben bleiben.
Die Berge schienen von unserer Position aus wohl gar kein Ende nehmen zu wollen. Begannen sie direkt vor uns noch grün und sanft, gespickt mit dem ein oder anderen im Sonnenlicht funkelnden Bergsee, so endeten sie als weiß gezackte Gipfelketten weit im Westen des Jotunheimer Nationalparks.

Eine Idee, wo wir mit etwas Mut zur Kreativität eventuell unser Zelt aufstellen konnten, hatten wir immerhin schon einmal. Also schnell die Handtücher auswerfen, bevor uns etwa noch die 3 – plötzlich aus dem Nichts auftauchenden – Burschen dieses eine Plätzchen wegschnappen würden. Dann warfen wir aber erst einmal den Gaskocher an, jedoch ohne dabei diese wunderschöne Landschaft auch nur eine Sekunde aus den Augen zu verlieren, und genossen in vollen Zügen die Einsamkeit und Stille hier oben. Nie im Leben hätten wir es jemals für möglich gehalten, an diesem begehrten Ort alleine zu sein; und das auch noch (nahezu) die ganze Nacht. Umso glücklicher waren wir natürlich jetzt.

Frisch gestärkt, machten wir uns nun an den Zeltaufbau. Ein absolutes Abenteuer, sag ich euch! Unsere mobile Bleibe mag zwar vielleicht extrem leicht sein, doch durch die Tunnelform und die langen Abspannleinen ist das Vango F10 Xenon UL 2+ eher etwas für Fernwanderungen in weniger alpinen Gegenden. (Das etwas schwerere Geodäten-Zelt haben wir uns dann direkt auch gleich nach unserem Urlaub gekauft. *lach*) Jedenfalls war es eine ziemliche Herausforderung, dieses ausladende Zelt auf dem einzigen halbwegs ebenerdigen Fleckchen in eine leicht komprimierte Form zu zwängen; und das auch noch recht nah am Abgrund.
Die Heringe hätten wir eigentlich bei dem steinigen Boden genauso gut im Auto lassen können. Hier war jetzt so einiges an Fantasie gefragt, um die dünnen handverlesenen Steinkeile in die Schlaufen der Abspannleinen zu fädeln, und anschließend diese Konstruktionen irgendwie so mit großen Steinbrocken zu beschweren, dass unser Zelt auch noch am nächsten Tag stehen würde. – Ich glaube, es ist uns gar nicht mal so schlecht gelungen; und mal Hand aufs Herz: Wie könnte man wohl aufregender und idyllischer zugleich schlafen?

Die letzten 2 Stunden dieses unvergesslichen Tages haben wir nur noch dagesessen und genossen; den inzwischen eiskalten Rotwein jetzt zwar eher weniger, dafür umso mehr, wie sich die Jotunheimer Bergwelt von Minute zu Minute veränderte; wie die Seen zusehends an Farbe verloren, dafür der Himmel erst von Blau auf Gelb und später von Gelb auf Rot wechselte; und wie sich die weißen Riesen schließlich in schwarze Monster verwandelten. Jetzt war es an der Zeit, sich in den Schutz unseres kleinen, fragil wirkenden Zeltes zu begeben. Morgen würde es dann wieder weitergehen; wohin auch immer.

Tag 2 – 17. August 2020

5:15 Uhr! Geflüster um unser Zelt! – Hatten wir also doch richtig gehört, dass irgendwann in der Nacht (oder aber am ganz frühen Morgen) noch jemand dazugekommen ist. Etwas unruhig geworden, sprang ich nun auch aus dem Zelt; zum einen, weil ich natürlich neugierig war, zum anderen, weil ich unter keinen Umständen den Sonnenaufgang verpassen wollte. Und tatsächlich war gerade ein junges Paar sehr eifrig damit beschäftigt, ihr Hab und Gut wieder in den Rucksack zu stopfen und sich anschließend zusammengekauert, im Schutze eines Felsens, wieder bei einer Tüte Trekking-Nahrung aufzuwärmen. Jedoch kurz nachdem ich Flo dann endlich auch aus dem Zelt gelockt hatte, rückten die Beiden schon wieder ab, und wir konnten in trauter Zweisamkeit einen traumhaften Sonnenaufgang erleben.
Über dem Bessvatnet kroch so langsam die Sonne hervor und tauchte dabei den gegenüberliegenden 2258 m hohen Besshø in ein warmes rötliches Licht, während sich sein Spiegelbild im tiefblauen See immer klarer abzuzeichnen begann. Allmählich wechselte jedoch die Farbstimmung auf Goldgelb, bis der Himmel und die beiden Seen endlich in den gewünschten unterschiedlichen Blautönen in Erscheinung traten. Selbst die Wolken, die von Zeit zu Zeit die Gipfel streiften, vermochten dieses fantastische Bild nicht trüben. Jetzt sollten wir also doch noch das zu sehen bekommen, was wir uns so sehr erhofft hatten.

Bevor wir nun aber auch endlich aufbrechen konnten, wurde es 7:45 Uhr. Bis zuletzt hatten wir noch gehofft, unser Zelt doch irgendwie trocken zu bekommen. Man unterschätzt völlig, wieviel Luftfeuchtigkeit von den Seen zum Berg aufsteigt. Die Zeltwände waren pitschnass, sowie auch unsere Isomatten und Schlafsäcke, die ich leichtsinnigerweise zum Auslüften ins Freie verlagert habe. Jedenfalls wissen wir jetzt, warum die meisten Zeltcamper erst so spät aufstehen; denn so hat die Sonne immerhin ausreichend Zeit, alles wieder zu trocknen. Wir mussten unterdessen jetzt unser feuchtes Equipment irgendwie verstauen und das damit einhergehende Mehrgewicht unserer Rucksäcke in Kauf nehmen; was natürlich besonders angenehm ist, wenn man mit noch kalten Gliedern gleich zu Beginn den heftigsten Abstieg zu meistern hat. So etwas freut freilich die Knie!

Während wir behutsam das Steilgelände zum besagten Band hinabkraxelten, sahen wir auch schon die erste Fähre über den Gjende-See in Richtung Memurubu schippern. Doch bevor diese ihre Passanten abgesetzt haben und diese uns irgendwann entgegenkommen würden, sollte noch etwas Zeit vergehen. Auch kamen wir nun an dem kleinen Zelt der 3 Burschen vom Vorabend vorbei, die sich ein nicht minder idyllisches Plätzchen für ihre Übernachtung ausgesucht hatten. Von uns völlig unbeeindruckt, schliefen die Jungs jedoch weiter, und wir konnten dafür weiterhin die Einsamkeit und unsere Ruhe in dieser herrlichen Umgebung genießen.

Besseggengrat im Nationalpark Jotunheimen in Norwegen

Unten angekommen, breitete sich nun der klare Bessvatnet direkt vor unseren Füssen aus. Diese Gelegenheit wollten wir natürlich nicht ungenutzt verstreichen lassen, und haben so umgehend unsere Trinkwasserreserven wieder aufgefüllt und uns immerhin mal das Gesicht gewaschen und die Zähne geputzt.
Wenn man direkt darauf steht, wirkt dieses Band gleich gar nicht mehr so schmal. Ohne Weiteres hätten wir unser Zelt auch hier aufstellen können. Allerdings wäre uns dann der einmalige Ausblick über die beiden Seen zum Sonnenuntergang und -aufgang verwehrt geblieben. – Aber für das nächste Mal wissen wir jedenfalls, dass die Übernachtungsmöglichkeiten auf dem nun folgenden Wegabschnitt wesentlich reichlicher gesät sind.
In so einem Moment möchte man nicht einmal daran denken, was einem entgangen wäre, wenn tatsächlich die norwegische Wasserkraftindustrie ihr Projekt in den 1970er Jahren durchgesetzt und an dieser Stelle ein Wasserkraftwerk errichtet hätte. Dann würde hier jetzt wohl keiner mehr über dieses Band wandern, stattdessen aber dicke Röhren die Landschaft verschandeln, und dabei das Wasser vom Bessvatnet zum 400 m tiefer gelegenen Gjende-See (zur Stromerzeugung) befördern. Zum Glück konnten sich aber der Verband der Naturschützer und der norwegische Alpenverein durchsetzen, und so wurde am 05. Dezember 1980 der Nationalpark Jotunheimen per königlichem Dekret gegründet.

Die nächsten Meter hatten wir uns zwar erst einmal wieder bergauf zu kämpfen, dafür wurden wir jedoch fürstlich belohnt, wann immer wir uns umgedreht und einen Blick zurückgeworfen haben. Aus dieser erhöhten Position konnten wir nun auch wieder beide Seen bewundern. Das Schönste war allerdings der Bessegengrat selbst, der von hier aus gesehen, wie ein schlummerndes Tier zwischen den funkelnden Gewässern lag, und über dessen mageres Rückgrat wir soeben nach unten geklettert und anschließend über seinen breit gefächerten Schwanz ans andere Ufer gelangt waren. – Ja, und auf seinem hubbeligen Kopf hatten wir die letzte Nacht verbracht.

Als wir schließlich zu dem schottrigen Plateau auf ca. 1500 hm komplett hinaufgestiegen waren, wurde der Weg zusehends ebener, und so konnten wir auch wieder unsere Blicke in jede Himmelsrichtung schweifen lassen und dabei die weitläufige Landschaft genießen. Während sich nun hinter uns der eigenwillig geformte grüne Hügel des Knutshø immer weiter in den Vordergrund drängte und an seinem Fuße ein milchig-blaues Band durchs Tal in Richtung Øvre Leirrungen mäanderte, zeichnete sich in Gehrichtung der himmelblaue Bjønbøltjønne ab, der uns bereits am Vorabend die ganze Zeit entgegengeblinzelt hat. Dahinter ragten majestetisch die weiß-gesprenkelten Zacken der Jotunheimer Riesen in die Höhe. Ein wahrlich traumhaftes Panorama!

Auf dem Gjende-See erspähten wir nun schon Fähre Nummer 2. Kurz darauf kamen uns dann auch schon die ersten Tageswanderer entgegen. Doch immerhin hatten wir noch ein kurzes Zeitfenster, um uns wenigstens noch am Bjønbøltjønne (auf 1474 Meter) in stiller Einsamkeit zu wähnen. Danach änderte sich das allerdings sehr rasch, und es folgte nun ein buntes Band zunächst von verbittert kämpfenden, gefolgt von vergnüglich lächelnden, und in hinterster Front von wild schnaufenden Homo sapiens sapiens, welches bis zum Abstieg zur Memurubu Wanderhütte nicht mehr abreißen wollte. Wir ließen uns jedoch nicht wirklich beeindrucken – hatten wir unsere einmaligen Momente ja bereits im Kopf und Herz verstaut -, und genossen stattdessen jetzt die überwältigende Aussicht auf die mächtigen Gletschermassen, die sich zwischen den Flanken der 2302 m hohen Surtningssue ins Tal vorschoben.

Vor uns lag nun auch schon die grüne Hügelkette, über die es weiter Richtung Gjendebu gehen sollte. Während Flo sich bereits sehr sicher war, wie er einen weiteren Anstieg vermeiden konnte, haderte ich dagegen noch etwas mit meinem Gewissen. Zu gerne wäre ich noch weitergewandert. Das Problem war allerdings, dass wir heute die letzte Fähre von Gjendebu zurück nach Gjendesheim nicht mehr schaffen würden, ohne uns dabei komplett zu stressen, und wir auch keine Ahnung hatten, ob morgen früh (zum Stichtag) die Fähre überhaupt noch verkehren würde. Zudem neigte sich unser Proviant so langsam dem Ende, so dass wir in Memurubu hätten schauen müssten, ob man eventuell dort etwas nachkaufen könnte. So entschieden wir uns (bzw. ich mich) schweren Herzens, die Wanderung dann doch nicht zu verlängern, dafür aber wenigstens den Weg am Ufer zurückzugehen; unabhängig davon wäre die nächste Fähre ja eh erst 16:55 Uhr gegangen, also 5 Stunden später.
Immerhin pressierte uns nun gar nichts mehr, und so legten wir kurzerhand ein kleines Päuschen ein, um uns eine Kleinigkeit zu kochen und dabei noch ein letztes Mal die spektakuläre Aussicht zu genießen .

Der Weg hinab zur Wanderhütte (wieder auf 1000 Meter) gestaltete sich ziemlich steil und holprig, dafür wurden wir aber mit konstant schönen Ausblicken auf den grünspan-blauen Gletscherfluss Muru, der bei Memurubu in den Gjende-See mündet, sowie den 2331 m hohen vergletscherten Tjønnholstinden und die anderen weißgetünchten Ü 2000er verwöhnt. Auch als wir kurz darauf den See dann erreichten, durften wir unsere Seelen noch weiterstreicheln lassen: von winzigen Steinhütten, die unter ihren bewachsenen Grassoden-Dächern kaum auszumachen waren; von rosa Blüten, die im Sonnenlicht leuchtenden; und von 2 kleinen Booten, die verlassen im hellblauen Wasser vor sich hinschaukelten. Das war jetzt der geeignete Ort, um unseren beanspruchten Füßen erst einmal ein Bad zu gönnen und uns währenddessen die Sonne ein wenig ins Gesicht scheinen zu lassen; bevor wir uns gleich wieder auf den Rückweg nach Gjendesheim machen würden.

14 km langer Rückweg am Ufer des Gjende-Sees

Ich versuche mich jetzt mal etwas kürzer zu fassen, selbst wenn der Rückweg am Ufer des Gjende-Sees nicht sehr viel kürzer sein mag. Auch sollte man diesen Weg nicht etwa unterschätzen, denn auch hier ging es des Öfteren steil auf und ab, hatte man rutschige Wasserläufe, ausgesetzte Stellen oder Schrofen zu queren. Aber eben auch dieser Pfad hat so seine Vorzüge; so konnten wir nun die gesamte Umgebung auch noch einmal aus der Perspektive von unten erleben, uns fortlaufend am Ufer des smaragdgrünen Sees bewegen, und sind zudem bis kurz vor Schluss keinem Menschen weit und breit begegnet. Einfach herrlich!!!
Mein persönliches kleines Highlight auf diesem Abschnitt war allerdings ein kleiner Wasserfall. So kurzentschlossen und schnell ich dort blankgezogen und mir eine Erfrischung gegönnt habe, konnte mein verdutzter Flo nicht einmal schauen. Was ich in dem Moment natürlich noch nicht wusste, war, dass das Wetter kurz darauf komplett umschlagen würde, und wir somit unsere Dusche sowieso noch abbekommen sollten. Na, das hätte es nun ja wirklich nicht gebraucht!
So knapp vorm Ziel wollten wir nun natürlich auch nicht mehr unsere komplette Regenausrüstung hervorholen, und so haben wir uns eben leicht gewandet bis zum bitteren Ende durchgekämpft. Als in Gjendesheim dann auch noch die Autos mit den Ankömmlingen der letzten Fähre an uns vorbeirauschten, hatten wir erst mal endgültig die Schnauze voll. Einziger Trost war, dass wir nicht heute Nacht vorhatten, am Besseggengrat zu schlafen und, als wir gegen 18 Uhr dann endlich auch an unserem Auto ankamen.

Regnerisches Ende

Nasse Klamotten und feuchte Ausrüstung erst mal ins Auto geschmissen, Sitzheizung und Lüftung hochgedreht, dann fuhren wir auf der 51 – auf der Suche nach Sonnenschein oder einem überdachten Platz – wieder zurück in Richtung Norden; und als dort letztendlich auch keine Besserung in Sicht war „Kommando zurück“ und weiter nach Süden. – So ein Mist, wie sollten wir denn jetzt ohne irgendeinen Unterstand bei dem Wetter kochen? Wenn man mit dem Wohnmobil unterwegs ist, lässt sich’s ja leicht reden! Doch wir müssen nun eben mal alles im Freien machen.
So blieb uns jetzt nicht viel mehr übrig, als noch eine Weile dumm durch die Gegend zu fahren und schließlich irgendwo zu warten, bis der Regen vielleicht doch mal wieder aufhören würde. Tatsächlich war dem dann auch so, und glücklicherweise fanden wir nun auch noch einen kleinen Parkplatz am angrenzenden Fjell, der sogar über eine kleine Sitzgruppe verfügte. So fackelten wir gar nicht mehr lange herum, und blieb dort zum Übernachten stehen.
Endlich kam auch wieder die Sonne zum Vorschein, und wir konnten unsere nassen Sachen zum Trocknen über die Türen und Bänke hängen. Gottseidank!!! Ein warmes Süppchen, ein halbes Gläschen Rotwein und ein herrlicher Regenbogen schafften es schließlich im Handumdrehen, uns wieder milde zu stimmen. Doch letzten Endes waren wir uns darüber ja sowieso im Klaren, dass wir 2 wunderschöne unvergessliche Tage erlebt hatten. Und auch über so kleine Unwägbarkeiten kann man hinterher leicht hinwegsehen, wenn nicht sogar darüber lachen.

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