Island 2021 – Snæfellsnes

Heute hatten wir uns wieder ordentlich was vorgenommen. Wir wollten nämlich die Halbinsel Snæfellsnes im äußersten Westen des Landes erkunden, die von den meisten Ringstraßenkriegern aus Zeitgründen ausgespart wird. Dass wir die Westfjorde dieses Jahr nicht auch noch mitnehmen konnten, das war uns von vorherein klar, aber auf “Island en miniature” wollten wir unter gar keinen Umständen verzichten. Auch wenn das für uns nun erst einmal bedeutete, 3 1/2 Stunden im Auto zu sitzen, um vom Campingplatz auf Vatnsnes zu unserer ersten Tagesattraktion (den Kirkjufell bei Grundarfjörður) zu kommen. Doch ehrlich gesagt hört sich das jetzt dramatischer an, als es letztendlich war, denn im Grunde genommen ist es ja wie beim Wandern auch, dass der Weg das Ziel ist. – Zumindest kann man das behaupten, wenn man sich auf den Straßen und Pisten Islands bewegt. – Und so haben wir zuvor schon immer mal wieder kurz angehalten, um einen Blick auf die Westfjorde am anderen Ende des Breiðafjörðurs zu werfen oder u.a. die 4000 Jahre alte, von silbrig-grauen Moosen überspannte Lava des Berserkjahrauns aus der Nähe zu bewundern.

Snæfellsnes

Wortwörtlich übersetzt bedeutet Snæfellsnes die “Schnee-Berg-Halbinsel”. Und wenn das Wetter passt, so dass die Wolkendecke nicht tiefer als 1446 Meter hängt, dann weiß man auch warum. Denn genauso hoch ragt der schnellbedeckte Kegel des Snæfellsjökulls, der schließlich dieser Insel zu ihrem Namen verhalf, aus seiner Umgebung heraus.

Die Kuppe des Snæfellsjökull von der 574 aus gesehen - zwischen Rif & Hellissandur an der Nordküste von Snæfellsnes (Island)

Snæfellsjökull

So wie der noch immer aktive Stratovulkan den Mittelpunkt dieser schönen Halbinsel bildet, genauso vermutete man einst in Jules Vernes Klassiker (von 1864) “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” im Krater des Snæfellsjökulls den Eingang ins Erdinnere. Auch ich kann mich noch sehr gut an diesen Film erinnern, den ich als Kind des Öfteren mit meinen Eltern anschauen durfte. Von daher war ich jetzt natürlich umso begeisterter, nun selbst einmal vor diesem verstummten Akteur zu stehen. Doch der Schein mag trügen. Ganz so stumm ist der, in den vergangenen 800000 Jahren entstandene, Snæfellsjökull dann doch auch wieder nicht. Sein letzter Ausbruch liegt zwar schon ca. 1800 Jahre zurück, doch gilt dieser schlummernde Riese noch lange nicht als erloschen.
Genau das ist eben auch das Tückische an diesen so genannten Stratovulkanen, dass sie oftmals sehr lange ruhen und dann plötzlich wieder umso heftiger und andauernder ausbrechen. Deshalb hat man diese Halbinsel auch für eine (zweite) eigenständige Vulkanzone außerhalb der Riftzone Islands erklärt.
Was aus der Bezeichnung “Snæfellsjökull” ebenso hervorgeht, ist, dass es sich bei dem “Schneeberg” ferner um einen Gletscher handelt. Allerdings kommt dieser inzwischen nur noch auf eine Gesamteisfläche von 10 km² und einen im Durchschnitt 30 Meter dicken Eispanzer, der sich zudem Jahr um Jahr um weitere 1 1/2 Meter ausdünnt. Das bedeutet im Klartext, dass der Snæfellsjökull doppelt so schnell schmilzt wie die kompakten Eismassen im Landesinneren, und wenn das so weitergeht, (laut Geologen) in 20 Jahren dieser Gletscher nicht mehr existent sein wird. Aktuell ist jedenfalls der ein Kilometer breite sowie 200 Meter tiefe Krater noch mit Eis gefüllt.

Zahlen

Abschließend noch schnell ein paar Zahlen:
Die Halbinsel Snæfellsnes ragt wie ein Zunge an der Westküste Islands in den Atlantik hinein. Sie ist ca. 80 Kilometer lang und zwischen 10 und 20 Kilometer breit. Mit dem Auto kommt man auf ungefähr 250 Kilometer, wenn man die Halbinsel einmal komplett umrunden will. Im Jahre 2001 wurde Snæfellsnes schließlich zum Nationalpark erklärt, der eine Fläche von insgesamt 170 km² einbezieht. – So, und jetzt genug erklärt, kommen wir endlich zu unserem ersten Highlight!

Kirkjufell & Kirkjufoss bei Grundarfjörður

Oh, wie habe ich mich auf diesen Ort gefreut. Seitdem wir Anfang des Jahres den Film “Der Island-Krimi: Tod der Elfenfrau” mit Franka Potente gesehen hatten, der uns schließlich zu unserer Islandreise inspirierte, wollte ich unbedingt hierherkommen. Doch mit dieser Absicht war ich nicht die einzige, lediglich das Medium, welches mich auf dieses Landschaftsidyll aufmerksam gemacht hat, war ein anderes. Die meisten Besucher in der Vergangenheit folgten dagegen einem Netzwerkbeitrag aus dem Jahr 2006, in welchem ein Bild des Kirkjufells mit dem Kirkjufoss davor online gestellt wurde. Daraufhin wurde überhaupt erst der Stein ins Rollen gebracht, und es begann der Run auf dieses bis dahin noch relativ unbekannte Fleckchen. Wie Heuschrecken sollen sie infolgedessen zu Tausenden hier eingefallen sein, Privatgrundstücke zertrampelt, Eigentum beschädigt und ihren Müll achtlos weggeworfen und somit die Einwohner maßlos verärgert haben. Zum Glück bekamen wir davon heute aber nicht viel mit; weder von lästigen Followern, noch von grummeligen Anwohnern.

Wenn man im Vorfeld die Fotos immer so sieht, hat man ja meist schon sein fertiges Bild im Kopf. In diesem Fall: einen liebreizenden Wasserfall eingebettet inmitten der grünen Landschaft, dazwischen ein paar kleine verwunschene Felsburgen, aus denen womöglich gleich ein paar Elfen kriechen könnten und als Krone über dem Ganzen, die grüne Pyramide des Kirkjufells. Natürlich ist man dann in dieser traumhaften Umgebung ganz allein und kann die Natur nicht nur bildlich anfassen. – “Cut!” Die Wahrheit sieht meist jedoch etwas anders aus. Zwar deckt sich meine Landschaftsbeschreibung mit dem tatsächlich Gesehenen, allerdings wurde das idyllische Bild etwas durch die Absperrungen und die vor die Kamera springenden Touristen getrübt. Ja und die Elfen zeigen sich natürlich auch nicht jedem! – Nichts desto trotz war es dennoch ein herrlicher Anblick und die Reise hierher absolut wert.

Kirkjufell bedeutet übrigens so viel wie der “Kirchberg”. Die 463 Meter hohe steinerne Kathedrale, die wie eine kleine Halbinsel in den Grundarfjörður hineinragt, ist der Hausberg des gleichnamigen Fischerdorfs und ein typischer “Nunatak”. So nennt man im Isländischen die Gipfel oder Felszacken, die aus der geschlossenen Eisdecke der Gletscher isoliert herausragen. Dabei kommt es nicht selten vor, dass das umgebene Eis dem Fels einen sehr charakteristischen Schliff verleiht. Im Fall des Kirkjufells modellierten die Gletscher der letzten Kaltzeit diese markante Pyramide.
Interessant ist auch, dass dieser Berg aus verschiedenen Lava- und Sedimentschichten besteht. So findet man am Fuße tertiäre Lava, danach wechseln sich Sandstein und quartäre Laven ab, und im Gipfelbereich stößt man hauptsächlich auf Hyaloklastit (ein Tuffgestein mit einem großen Anteil vulkanischen Glases, welches in Folge rascher Abkühlung entsteht). Als Laie würde ich mir jetzt zwar unmöglich anmaßen, zu behaupten, die unterschiedlichen Laven registriert zu haben, jedoch die seltsame Schichtung ist mir schon ins Auge gestochen.

Saxhóle-Krater

Da unsere Einreise ja auf dem Seeweg erfolgte, blieb uns leider auch der Anblick des Vatnajökull von oben verborgen, den wir anderenfalls bei guter Sicht hätten bewundern können. Von daher war ich nun umso gespannter, hier zum ersten Mal einen isländischen Gletscher zu sehen. Doch bis jetzt wusste sich der Snæfellsjökull noch gut hinter einer hartnäckigen Wolkenschicht zu verstecken. Als diese dann jedoch so langsam aufbrach und ihr weißes Inneres offenbarte, nötigte ich Flo nun in immer kürzeren Abständen zum Anhalten. Von daher kam es uns auch ganz gelegen, als wir irgendwann diesen farblich sehr interessanten Hügel direkt neben der Fahrbahn entdeckten. Den mussten wir uns jetzt natürlich erst einmal näher anschauen, und bei der Gelegenheit auch gleich den Snæfellsjökull etwas ausgiebiger ins Visier nehmen.

Über den Saxhóle-Krater etwas herauszufinden, war bzw. ist gar nicht so einfach. Allein schon dessen Name erschließt sich einem nur über gutes Kartenmaterial. Infotafel: Fehlanzeige! Einträge im Internet: kann man an einem Finger abzählen! Das einzige, was ich also dazu sagen kann, ist, dass dieser 100 Meter hohe Lavaring kein eigenständiger Vulkan ist, sondern unmittelbar mit dem Ausbruch des Vatnajökulls im Zusammenhang steht. Auch das umgebene Lavafeld Neshraun sowie die meisten anderen Krater auf der Halbinsel, sind auf die Aktivitäten des “Schneeberggletschers” zurückzuführen.

Am besten lässt sich das alles selbstverständlich von oben bewundern, und so stiegen wir jetzt die breite Metalltreppe empor. Vom Kraterrand aus präsentierte sich uns nun die unendliche Weite des tarnfleckenfarbigen Neshrauns. Erstaunlich, wie unterschiedlich doch die einzelnen Lavafelder sind. Keines scheint dem anderen zu gleichen. Dieses hier wirkte viel grüner, viel saftiger als die bisherigen, was vermutlich daran liegen mag, dass der Atlantik quasi in Sichtweite ist. Was wir heute jedenfalls ganz offensichtlich sehen konnten, war der ruhende Übeltäter direkt vor unserer Nase, der unsere Augen jetzt lediglich mit seiner abartigen Reflektion zu ärgern wusste.

Djúpalónssandur / Bucht von Dritvík

Einen schwarzen Strand und jede Menge bizarrer Lavabrocken, das erhofften wir uns jetzt als nächstes in der Bucht von Dritvík zu sehen. Dazu fuhren wir nun erst einmal über eine kleine Stichstraße (572) zum ausgeschilderten “Djúpalónssandur” in Richtung Küste. Dort angekommen, war schon deutlich mehr los als wir es von den letzten Tagen her kannten; und so mussten wir doch tatsächlich erst einmal nach einem Parkplatz suchen. Zum Glück verteilten sich die Leute aber vor Ort ganz gut, so dass wir wie gewohnt relativ streßfrei selbst dieses Highlight erkunden konnten.
Währenddessen die meisten nun sofort von ihrem Auto zur Bucht hinabeilten, zogen wir es hingegen vor, uns zunächst von der Plattform aus einen Gesamteindruck über den schwarzen Küstenstreifen zu verschaffen. Der Anblick dieses dunklen Strandes, war auch für uns noch einmal etwas komplett Neues; auch wenn wir inzwischen immerhin wussten, warum der Sand auf Island meist schwarz und seltener gelb ist. Doch jetzt wurde es Zeit, sich endlich selbst in das sandige Vergnügen zu stürzen. (Wobei es “steiniges Vergnügen” hier wohl eher auf den Punkt bringen sollte!)

Auf dem Weg nach unten sparten wir konsequent den markanten Lochfelsen aus, an dem nun Hinz und Kunz zum Posen anstand. Glücklicherweise hatten wir solch Felsentore schon am Mývatn bewundern dürfen, und es sollten auch nicht die letzten gewesen sein.
Im Anschluss folgte nun ein Strandabschnitt mit unzähligen rostigen, großflächig verstreuten Teilen, die manch einer für die eigenwilligen Kreationen eines abstrakten Künstlers halten könnte. Die Wahrheit ist allerdings weit weniger originell, denn hierbei handelt es sich um Wrackteile des britischen Trawlers Epine, der am 13.03.1948 vor dieser Bucht auf Grund lief. Von den 13 Besatzungsmitgliedern schaffte es lediglich einer aus eigener Kraft an Land, 4 weitere mit der Hilfe von isländischen Fischern, welche die Überlebenden mit ihren Ruderbooten retteten.

Schließlich öffnete sich der Blick auf den glitzernden Atlantik. Links und rechts des blauen Wassers säumten dunkle Lavadome die Bucht. Besonders auffällig war dabei eine düster anmutende steinerne Kathedrale, die man deshalb auch als die “Tröllakirkja” (= Trollkirche) bezeichnet. Für die meisten schien genau an dieser Stelle bereits mit der Erkundungstour Schluss zu sein. Doch wir wollten nun noch ein wenig am Lavastrand entlangspazieren, bis wir etwas weiter nördlich zu dem “Labyrinth” kamen.
Es war wirklich sehr mühsam, auf den schwarzen Kieselsteinen voranzukommen. Ständig gab dieser feinkörnige Untergrund unter unseren Füßen nach, als würden wir uns gerade wieder einmal mit den Schneeschuhen durch den sulzigen Schnee der Alpen kämpfen. Jetzt war uns auch klar, warum wir hier fast alleine waren. Aber, auch dieser Kampf sollte sich wieder auszahlen.

Dieses Labyrinth mit seinen ausgehärteten Lavaschloten erinnerte uns doch tatsächlich sehr an die >>Hljóðaklettar<< in der Jökulsárgljúfur. Allerdings hatte sich hier der Basalt weniger zur Rosetten angeordnet, dafür wiederum andere seltsame Formen in seinem Repertoire. Auch war es in diesem Fall weniger leicht möglich, das andere Ufer auszumachen (bis Grönland sind es dann doch ein paar Meter), dafür thronte nun aber die weiße Kuppe des Snæfellsjökull majestätisch über dieser landschaftlich eh schon reizvollen Kulisse.

Ich hätte jetzt wohl noch ewig weiter an der Küste entlangspazieren können. – Schnell nur noch einmal um die Ecke schauen! Und um noch eine, und noch eine…! – Aber etwas drängte die Zeit dann leider doch. Es war bereits halb Drei, und wir wollten uns heute unbedingt noch 2 weitere Sachen anschauen. Was wussten wir denn, wie das Wetter morgen wird. Es war eh schon unglaublich, wie lange wir bisher Glück hatten. Den Sonnenschein mussten wir nun faktisch ausnutzen, solange es nur ging. Und das war auch gut so!

Malarrif & Lóndrangar

Unsere nächste Station auf Snæfellsnes waren die 2 markanten Felsnadeln “Lóndrangar”. Auch diese sind wieder als Überreste eines alten Kraters stehengeblieben, der nach und nach der Brandung zum Opfer gefallen ist. Das kommt dem Volk der Elfen natürlich sehr gelegen, und so nutzen sie die 75 m hohe (christliche) und die 61 m hohe (heidnische) Säule als ihre Kirche.

Da wir ja gerne Hatschen, sind wir bereits am Parkplatz in der Nähe des 33 Meter hohen Malarrif Leuchtturms ausgestiegen. Von dort war es zwar ein etwas längerer Fußmarsch als vom 2 km östlich befindlichen Parkplatz am Viewing Point, dafür konnten wir dann aber auch die Lóndrangar von allen erdenklichen Seiten aus bewundern. Zudem führte uns der Weg über das Lavafeld Drangahraun, auf dem man richtig gut erkennen konnte, wie die einst geschlossene Lavadecke immer weiter auseinanderbricht. Überall klafft der von einem spärlichen Pflanzenteppich überzogene Untergrund auseinander, und man muss echt höllisch aufpassen, um nicht versehentlich in eine dieser Spalten zu tappen.

Aber nicht nur die Felsnadeln und das Lavafeld wussten uns zu beeindrucken, sondern ebenso der Küstenstreifen an und für sich, an dem wir jetzt weiter bis zum Aussichtspunkt spazierten. Vor allem das tiefschwarze kantige Basaltgestein, gegen das die Wellen immerfort schlugen, sowie die weiß-getünchten Vogelklippen, machten uns erst recht neugierig auf unsere (dritte) Kurzwanderung in Folge. Dazu mussten wir jetzt aber erst einmal wieder zum Auto zurück und kamen auf selbigem Weg ein weiteres Mal an den Lóndrangar vorbei, die im Gegenlicht nun noch bedrohlicher wirkten.

Wanderung von Hellnar nach Arnarstapi

Mein Vater ist schuld! – In der modernen Zeit gibt es inzwischen ja ganz offiziell anerkannte Behandlungsmethoden wie die “Autosuggestion”. Früher musste ich dagegen immerzu “Das Wandern ist des Müllers Lust” singen. Das Resultat ist jedoch das Gleiche: Wenn man sich etwas lang genug einredet, dann scheint es wohl irgendwann auch zu funktionieren. – Wobei ich zwar kein Müller geworden bin, mich aber ehrlich gesagt bezüglich Bewegung niemals nötigen lassen musste. Diesen unbändigen Drang spüre ich immer und zu jeder Zeit in mir, und deshalb hieß es auch an diesem späten Nachmittag noch einmal: Wandern!!! (Und das von Hellar nach Arnastapi und anschließend alles wieder retour.)

Ich will nun keine detaillierte Routenbeschreibung abliefern, die findet man im Netz zuhauf. Aber auf das, was man bei dieser ca. 3,5 km langen Wanderung (one way) entlang der Steilküste alles geboten bekommt, möchte ich schon kurz eingehen:
Während die Meisten diese Wanderung eher in die entgegengesetzte Richtung vollziehen, ging es für uns jedenfalls in Hellnar los. Dieser ehemalige Fischereihafen zählte zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einem der größten Stützpunkte von Snæfellsnes, mit immerhin 200 Einwohner (was für isländische Verhältnisse nicht wenig ist). Heute leben hier lediglich noch 9 (!) Menschen außerhalb der Sommersaison. Für deutsche Verhältnisse schier unvorstellbar!

Der Snæfellsjökull trohnt majestätisch über Hellnar - Südküste von Snæfellsnes (Island)

Gleich zu Beginn der Tour erwarteten uns die beeindruckenden Brandungshöhlen Baðstofa, die dank eines großen natürlichen Felsfensters für besonders gute Lichtverhältnisse in ihren Inneren sorgen. Das machen sich natürlich auch die Dreizehenmöwen zunutze, die hier zahlreich nisten. Mein Augenmerk fiel jedoch auf diese sonderbaren Schuppen, die überall aus den Felsen horizontal und diagonal herausragten. In meiner Phantasie sah ich bereits, wie sich die Wände plötzlich zu verformen begannen und das gut getarntes Schuppentier seine Deckung fallen ließ. Das war natürlich wieder was für mich. Da konnte ich meinem Gesteinsfetisch nun voll und ganz frönen.

Mitten durch das 4000 Jahre alte Lavafeld Hellnahraun führte uns nun der Weg weiter nach Arnarstapi. Während zu Beginn noch die auffällige Tuffpyramide des 526 m hohen Stapafells der unumstrittene Hauptdarsteller war, änderte sich die Szenerie schon bald. Nach und nach betraten jetzt auch die tatsächlichen Prominenten die Bühne, um sich von uns Groupies feiern zu lassen.

Endlich traten auch die schwarzen, erodierten, von Vogelkot geweißelten Felsklippen mit ihrer hellgrün bemoosten Emaille in Erscheinung. Fingergleich ragen diese Lavafragmente in das tiefblaue Meer hinein, welches die Küste immer weiter unterhöhlt. Dazwischen gesellen sich diverse Felsnadeln und kleine Inselchen dazu, an deren Form man sich gut ausmalen kann, welche Kräfte bei ihrer Entstehung am Werk waren. Da vergeht einem dann doch recht schnell die Lust, freiwillig in dieser Brandungszone zu baden; von den Temperaturen einmal ganz abgesehen.

Je näher wir Arnarstapi kamen, umso kommoder wurde der Weg. So wich das schroffe Lavafeld nun einer grünen Wiese, auf der wir eine kurze Rast einlegen wollten, um dem Gezeter der Dreizehenmöwen zu lauschen. Diese kleinere Möwenart ist nicht nur für das ohrenbetäubende Geschrei vor Ort verantwortlich, sondern ebenso für die weiße Tünchung der Steilküste. Denn während der Brutsaison (Frühjahr, Frühsommer) kommen die fast ganzjährig auf dem Wasser lebenden Vögel an Land und befestigen dort ihre Nester mit Kot und Speichel an den Felswänden.
Doch nicht alles was einem um die Ohren fliegt, ist automatisch eine Dreizehenmöwe. Auch die Küstenseeschwalbe findet sich im Juni in Arnarstapi ein und errichtet sich ihr Nest in der Wiese. Also aufgepasst, wo man hintritt und bloß nicht die Wege verlassen!

Die letzten Attraktionen dieser Tour sollten für uns der Steinbogen “Gatklettur”, der wieder viel Spielraum für alle erdenklichen Phantasien ließ, sowie ein paar besonders fotogene (man könnte auch sagen: besonders zugekotete) Vogelinselchen sein. Für weitere Erkundigungen konnte ich Flo dann aber leider nicht mehr begeistern, da die Zeit schon etwas drängte, und wir ja alles wieder zurückspazieren durften. So sparten wir uns jetzt zumindest die Besichtigung des natürlichen Hafens von Arnarstapi, der in den 1930er bis 1960er Jahren als Exporthafen für den allseits bekannten Bimsstein diente, und konzentrierten uns lieber auf den Rückweg.

Die Suche nach dem Schlafplatz

So langsam wurde es Zeit, nach einem Campingplatz Ausschau zu halten bzw. den im Flyer der Camping-Card vermerkten Platz (irgendwo in der Nähe von Kolbeinsstaðir) anzusteuern. Auf dem Weg dorthin kamen wir entlang der Südküste von Snæfellsnes auch noch an Ytri-Tunga vorbei, wo es eine Kolonie Seehunde geben sollte. Da Flo für heute jedenfalls durch war, sprang ich eben schnell noch einmal alleine aus dem Auto. Doch dieser abendliche Trailrun brachte mir nur den Anblick eines toten Wals ein, dessen Verwesungsgeruch Flo noch durch das geschlossene Fenster in die Nase drang. Ein todsicheres Zeichen, dass es für heute eigentlich reichen sollte!

Irgendwie beschlich uns ein verdächtiges Gefühl, als wir nun in Richtung des auf dem Flyer angekündigten Campingplatzes fuhren. Kein Wegweiser weit und breit, nicht einmal ein handgeschriebenes Schild; auch auf der Straße regte sich rein gar nichts. Diese seltsame Vorahnung bestätigte sich letztendlich, als wir an der angegebenen Adresse schließlich vor einer leeren Wiese neben einer geschlossenen Schule standen. Hier war definitiv kein Zeltplatz. Shit!
Zum Glück wurden wir etwas weiter (bei der Farm Snorrastaðir) dann doch noch fündig, jedoch war auch hier wieder die Campingkarte hinfällig. Doch um 20:15 Uhr in dieser abgelegenen Gegend noch weiterzusuchen oder schlimmer noch, weiterzufahren, wo wir eh schon seit der Früh auf Achse waren, darauf konnten wir gut und gerne verzichten. Außerdem hatten wir brutal Hunger und wollten uns endlich etwas kochen.
So als wöllte man uns am Ende dieses eigentlich sehr gelungenen Tages nun doch wieder versöhnlich stimmen, wurde uns abschließend ein wunderschöner Sonnenuntergang über dem Eldborg beschert. Eigentlich hätte uns das zumindest bezüglich der Wetterentwicklung bereits zu denken geben sollen.

Sonnenuntergang über der Campingwiese bei der Farm Snorrastaðir - am Löngufjörður Kaldárós (Westisland)

Eldborg

Der Eldborg (zu dt. Feuerburg) ist ein formvollendeter, besonders beispielhafter Lavaring mit einem Kraterdurchmesser von 200 Metern und 50 Meter Tiefe. Typisch für diese Vulkanart sind die schüsselförmigen Schweißschlackenkegel, die sich über einen ritterschildähnlichen Schildvulkan ablagern. – Schweißschlacken entstehen übrigens, wenn das in die Höhe beförderte Magma nur teilweise in der Luft erstarrt (während hingegen bei Schlackenkegeln aufgrund ihres höheren Auswurfs das heiße Gestein komplett in der Luft aushärten kann) und so beim Herunterfallen regelrecht an den Boden “geschweißt” wird.
Das letzte Mal war dieser Krater vor ca. 5000 Jahren aktiv, woher auch das umgebene Lavafeld Eldborgarhraun zeugt. Das und diesen Ringwall zu erkunden, nahmen wir uns jetzt einfach mal für morgen früh vor.

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