Island 2021 – Vom Dettifoss zur Krafla

Was denkt ihr, war wohl das Erste, was wir von Island zu Gesicht bekommen sollten? – Natürlich Nebel, dunkle Wolken, Regen und ja vor allem jede Menge Rücklichter! Doch schon als wir den Pass entlang der Fjarðarheiði von Seyðisfjörður in Richtung Egilsstaðir hinauffuhren, lichtete sich der graue Schleier etwas, und so konnten wir immerhin schon einmal auf den 53 km² großen See Lögurinn hinabschauen, durch den wiederum der 140 km lange Lagarfljót hindurchfließt.
Wie vermutlich die meisten anderen Neuankömmlinge auch, hielten wir in Egilsstaðir erst einmal zum Betanken unseres Gefährts und der mitgeführten Kanister an, da wir ja nicht wussten, wann wir dazu wieder die Gelegenheit bekommen würden. (Auf der Fähre darf nämlich aus Brandschutzgründen Treibstoff ausschließlich im Fahrzeugtank befördert werden.)

Begrüßung auf Isländisch

Wie es sich für einen Gast gehört, wurden wir selbstverständlich gleich einmal gebührend willkommen geheißen. Ich will nicht sagen “Flo war schuld!” oder doch: “Flo war schuld!” Definitiv!
In Island benötigt man nämlich für die Zahlung mit der Kreditkarte unbedingt seine PIN. Tja, und wie sich erst nach unserem Urlaub herausstellte, hatte sich meine bessere Hälfte schlicht und ergreifend die falschen Nummern notiert; und das unglaublicherweise auch gleich für seine beiden Karten. So blieb uns nun nichts Anderes übrig, und ich musste mit meiner Masterkarte antanzen, um die Wogen wieder zu glätten. Angenehm war uns diese Situation natürlich nicht, vor allem wenn man dann auch noch weiß, dass in Island wirklich jeder solvente Bürger mit der Karte zahlt. Leute, die in diesem Land Bargeld über den Tresen reichen, gelten als nicht kreditwürdig und demnach auch nicht als vertrauenswürdig.
Auf jeden Fall hat dieses ganze Hin & Her nun doch etwas Zeit in Anspruch genommen, wofür der Isländer, der hinter uns wartete und auch tanken wollte, partout kein Verständnis zu haben schien. Nachdem er nun unzählige Male seine Hupe betätigt hat, ist mein nervöser Flo dann zwischendurch doch noch schnell nach draußen gesprungen, um mal eben umzuparken. Doch auch das konnte diesen aufgebrachten Typen leider nicht von seinem Vorhaben abhalten, uns dennoch ein nettes Begrüßungsschreiben an unserer Windschutzscheibe pappen:
“Asshole, you’re not alone on the world!” – Jawohl, da fühlt man sich doch gleich richtig willkommen!

Auf der Ringstraße 1 bis zur Jökulsárgljúfur

Das erste Ziel auf unserer Islandreise sollte der beeindruckende Canyon Jökulsárgljúfur mit seinen zahlreichen Wasserfällen sein. Doch das musste einen deshalb ja noch lange nicht davon abhalten, sich schon zuvor einmal kurz die Beine am Rjúkandafoss zu vertreten, an dem man sowieso vorbeikommt, wenn man auf der Ringstraße in Richtung des Nationalparks fährt.
Zu den meisten Wasserfällen hierzulande mag der 138 Meter hohe Rjúkandafoss vielleicht imposant erscheinen, aber auf Island gehört dieser eher zu den kleineren seiner Artgenossen. Dennoch war der kleine Zwischenstopp ein recht stimmiger Auftakt und wir zudem sehr froh, nach der ewigen Hockerei auf der Fähre nun wenigstens einmal kurz aufstehen zu können, um uns etwas anzuschauen.

Schon bald darauf wechselte die Szenerie von sattem Grün und wasserreich auf Rot-Braun-Schwarz und spröde. Die dunklen Wolken, die schwer über dieser kargen Gegend hingen und der frische Wind, der einen beharrlich um die Ohren pfiff, konnten es dennoch nicht verhindern, dass mich die Aura dieser magischen Landschaft sofort in ihren Bann zog.

Nach ungefähr 2 Stunden Fahrt war es dann endlich soweit, dass wir rechterhand in die 864 einbiegen konnten. Über diese nichtasphaltierte staubige Schotterpiste gelangt man an der Ostseite des Jökulsá á Fjöllum sowohl zum Dettifoss als auch weiter nach Ásbyrgi, am Ende der Schlucht. Diese definitiv weniger entspannte Variante in den Nationalpark Jökulsárgljúfur (die andere geht über die teilasphaltierte 862 auf der Westseite des Flusses) ist nun aber leider einmal die einzige Möglichkeit, um auch die anderen Wasserfälle mittels Auto (einschließlich einem kurzen Fußmarsch) zu erschließen. Jedenfalls wurden wir auf diese Weise nun schon gleich zum ersten Mal ordentlich durchgerüttelt. Und während es Flo anfänglich noch um das Fahrgestell seines Pick-ups leidtat, versuchte ich ziemlich erfolglos meine Blase zu hypnotisieren. Diesen Kampf lässt es sich allerdings ohne (mindestens) einen Zwischenstopp unmöglich gewinnen. Auch sollte man es beim Aussteigen dringlichst vermeiden, tief Luft zu holen; der rote Staub kriecht in jede noch so winzige Pore deines Körpers und in jede noch so kleine Alveole deines Atmungssystems.

Auf der Schotterpiste 862 zum Dettifoss (Island)

Jökulsárgljúfur-Nationalpark

Der 120 km² große Nationalpark (im Nordosten Islands) wurde im Jahre 1973 gegründet, und ist seit 2008 dem südlich davon gelegenen Vatnajökull-Nationalpark angegliedert. Das Zentrum des Jökulsárgljúfur-Nationalsparks bildet der Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum (wortwörtlich übersetzt: Jökulsá = der Gletscherfluss, á Fjöllum = aus den Bergen), über den sich der 8300 km² große Vatnajökull über mehrere Zungen entwässert. Mit seinen 206 km ist er immerhin zu Islands zweitlängster Fluss herangeschwollen.
Demnach bedeutet “Jökulsárgljúfur” auch so viel wie die “Schlucht am Gletscherfluss”. Über zig Jahre hat sich diese (inzwischen 25 Kilometer lange und 500 Meter breite) Schlucht ihren Weg durchs Erdreich gebahnt und sich dabei bis zu 120 Meter tief eingegraben. Damit gilt sie als die größte Erosionsschlucht Islands. Zahlreiche Wasserfälle kennzeichnen diesen Canyon genauso wie dunkle Basaltsäulen, blutrote Hügel und schließlich die Hufeisenschlucht bei Ásbyrgi am nördlichen Ende. (Auf letztere werde ich allerdings erst in meinem nächsten Beitrag gesondert eingehen.)

Dettifoss

Ich war überglücklich, als ich etwas blauen Himmel über der Schlucht ausmachen konnte und hoffte inständig, dass die wenigen Sonnenstrahlen auch dann noch den Dettifoss in ein schönes Licht tauchen würden, wenn wir denn endlich am Ziel angekommen waren. Flo hatte echte Mühe, mich so lange zu bändigen, bis er zumindest seine Schuhe fertig geschnürt und den Rucksack mit Kamera geschultert hatte. Am liebsten wäre ich umgehend losgesprintet, um ja möglichst wenig von dem geeigneten Zeitfenster verstreichen zu lassen.
Schon vom Parkplatz oberhalb der Schlucht konnte man den feinen Sprühnebel dieses mächtigen Wasserfalls ausmachen, der stetig aus den Tiefen des Canyons emporstieg. Dabei vermochte er scheinbar der sonst so kargen Vegetation wieder etwas Leben einzuhauchen und die dunklen Felswände mit einem grünen Moosteppich zu überspannen.

Das Wasser des Dettifoss`s mag hingegen weniger einladend anmuten, wirkt fast schon schmutzig, was an den ausgespülten Gletschersedimenten liegt. Mit 45 Metern Höhe und 100 Metern Breite ist der Dettifoss zwar weder der größte noch der wasserreichste Wasserfall Islands, allerdings Europas energiereichster Vertreter. Und das kann man sich auch wahrhaftig vorstellen, wenn man unmittelbar davorsteht und die grau-braune Wand donnernd vor einem herunterbricht.
(Als kleiner Tipp am Rande noch: Der Dettifoss mag zwar von der Westseite noch beeindruckender wirken, doch nur von der Ostseite kommt man wirklich so nah heran. Also am besten wie wir sich bei Ansichten gönnen. Es lohnt sich!)

Selfoss

Wenn man dem Lauf des Jökulsá á Fjöllum folgt, ist jedoch nicht der Dettifoss, sondern der Selfoss der erste Wasserfall in der Schlucht. Allerdings erreicht man diesen ausschließlich über den Anfahrtsweg seines größeren Bruders, und anschließend geht es noch ein Stück zu Fuß weiter in Richtung des südlichen Flussverlaufs. Diese kurze Wanderung sollte man sich dennoch unbedingt genehmigen, da zum einen der Weg dorthin immer wieder schöne Ansichten in den Canyon bereithält und zum anderen der – lediglich 12 Meter hohe, aber 100 Meter breite – Selfoss für mein/unser Dafürhalten der eindeutig schönere Wasserfall der beiden ist.

Wenn man vis-à-vis vor der weitläufigen Fallstufe steht, bricht um einen herum gefühlt von allen Seiten das Wasser entlang der Basaltsäulen in den Jökulsá; manchmal unter dem andauernden Druck die Säulen sogar gleich selbst. Man muss förmlich seinen inneren Drang widerstehen, um nicht noch näher an die hufeisenförmige Kante heranzutreten; nicht dass man zum Schluss selbst noch vom Sog mit in die Tiefe gerissen wird. – Und während die nassen Felsen unaufhörlich im Gegenlicht funkelten, zauberte das Sonnenlicht in der Gegenrichtung die schönsten Regenbögen in das Wasser. Allein dafür war es schon wert, hierhergekommen zu sein.

Hafragilsfoss

Schon vom Dettifoss aus konnte man den Hafragilsfoss erahnen, dessen emporsteigende Nebelschwaden ihn verrieten. So ging es nun mit dem Auto noch ein wenig weiter über die Schotterpiste gen Norden.

Diesen 27 m hohen Wasserfall kann man vom Osten aus allerdings nur von oben bewundern. Dafür lassen sich jedoch weite Teile des Canyons – der sich wie eine grüne Oase durch die sonst so trostlose Landschaft schlängelt – einblicken, und man bekommt zumindest ein kleines Gefühl für die wahren Dimensionen dieser Schlucht vermittelt. Außerdem konnten wir von dieser Position aus schon ein wenig mutmaßen, wo entlang genau der Fernwanderweg verlaufen würde, den wir uns für die nächsten 2 Tage vorgenommen hatten. Das ließ die Vorfreude, aber auch die Aufregung, noch weiter steigen.

Zentralvulkan Krafla

Der Tag war definitiv noch zu jung, um ihn 15:30 Uhr schon zu beschließen. So ging es jetzt erst einmal weiter auf der Ringstraße ins Krafla-Gebiet am Mývatn (auch wenn das notgedrungen bedeutete, am nächsten Tag wieder etliche Kilometer zurückfahren zu müssen). Schon von Weitem waren die dampfenden Hochtemperaturgebiete zwischen den lehmfarbenen rhyolitischen Hügeln auszumachen, und wiesen uns damit grob die Richtung.

Mývatn-Feuer

Der 818 m hohe Zentralvulkan Krafla (mit seinem für diese Vulkanform so typischen kesselförmigen Krater = Caldera) gehört zu einem insgesamt 100 km langen, nord-südlich ausgerichteten Vulkansystem, welches am nordöstlichen Ende der (ganz Island durchziehenden) Riftzone liegt und schon vor 200000 Jahren entstanden ist. Nach längerer Inaktivität (ca. 1000 Jahre) kam es zwischen 1724 und 1729 zu einer ersten großen Ausbruchserie – den sogenannten Mývatn-Feuer. Alles begann am 17. Mai 1724 mit einer hydromagmatischen Explosion, die den Víti-Krater (zu Deutsch: Höllen-Krater) – mit einem Durchmesser von 300 und einer Tiefe von 34 Metern – hinterließ. Man sagt, dass noch 100 Jahre später der Schlamm im Kraterinneren gekocht haben soll, in dem sich heute ein türkisfarbenes Maar befindet (dessen Farbe übrigens durch die dort vorkommenden Kieselsäurealgen hervorgerufen wird). In Folge öffneten sich nun innerhalb der nächsten 5 Jahre am Vulkan Leirhnjúkur gleich mehrere Eruptionsspalten, aus denen die Lavaströme gen Mývatn abflossen. Besonders nah kamen die Laven jedoch erst während des letzten Ausbruchs an den See heran und zerstörten dabei 4 Höfe im Örtchen Reykjahlið. Die kleine, auf einem Hügel erbaute, Kirche blieb aber dank ihrer erhöhten Position von diesem Unheil verschont.

Infotafel über das Krafla-Vulkansystem mit Leirhnjúkur und Víti-Krater (Nordostisland)

Krafla-Feuer

Auch bei dem Krafla-Feuer, der letzten großen Eruptionsserie innerhalb der Krafla-Caldera, war der “systemrelevante” Leirhnjúkur (übersetzt: Lehmhügel) wieder einmal der Hauptübeltäter. Mit einem kleinen Ausbruch begann am 20. Dezember 1975 diese Serie von Spaltenausbrüchen, dem einige große Erdbeben folgten und damit die in 3 Kilometern Tiefe gelegene Magmakammer stimulierten. In 20 Schüben, die sich über 9 Ausbrüche innerhalb von 9 Jahren verteilten, wurde immer wieder Magma zu Tage gefördert und die Erdkruste immer weiter aufgedehnt (Rifting); die maximalste Dehnung betrug dabei 9 Meter am Nordrand der Caldera. (Man könnte fast schon meinen, die Neun wäre in Nordisland die Unglückszahl schlechthin.) Erst am 18. September 1984 beruhigte sich das feuerspeiende Vulkansystem der Krafla wieder und hinterließ eine 11 km lange Spalte und ein 35 km² großes Lavafeld.

Infotafel über den Leirhnjúkur und die Krafla-Feuer (Nordostisland)

Geothermalkraftwerk Kröflustöð

Pragmatisch wie die Isländer nun einmal sind, machten sie sich die Gegebenheiten ihrer Heimat zunutze und errichteten im Krafla-Gebiet 1975 ein Geothermalkraftwerk. Sie ließen sich auch nicht von dem Umstand beirren, dass kurz nach Baubeginn die Krafla-Feuer ausbrachen und bauten nebenan einfach weiter; und das, obwohl sich die Laven bis auf 2 km heranwälzten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten liefert dieses Kraftwerk inzwischen mit seinen 35 (bis zu 2200 m tiefen) Bohrlöchern an der Leistungsspitze die vollen 60 Megawatt.
Jedenfalls war ich befremdet und fasziniert zugleich, als wir jetzt durch die futuristisch anmutende Anlage in Richtung Krafla fuhren. Die nicht enden wollenden, in der Sonne silbrig-funkelnden Röhren; seltsam geformten Iglus, die sich nicht entscheiden können, ob sie denn Kubus oder doch lieber Golfball sein wollen; dampfausstoßende knallrote Bauten und all das verstreut zwischen braunen spröden Gestein, saftig grünem Gras und bunten Hügelketten, hätten in jedem Science-Fiction-Streifen eine filmreife Kulisse abgegeben. Wahrlich einfach eine sehr surreale Landschaft!

Víti-Krater

Und dann standen wir leibhaftig bei schönstem Sonnenschein am Víti-Krater mit seinem unfassbar türkisblauen Wasser, bei dessen Anblick einem unbedarften Touri nur einfiel “Da kann ich auch gleich an einen Badesee fahren.” – Na dann soll er doch! Ich war jedenfalls restlos begeistert, so etwas (von der Natur selbst Geschaffenes) sehen zu dürfen; wenn man zudem noch bedenkt, dass sich vor gut 100 Jahren genau an dieser Stelle die Hölle auftat. Heute schien das Maar dagegen fast friedlich vor sich hinzuschlummern, während wir völlig angstbefreit auf dem Kraterrand umherspazierten.

Leirhnjúkur

Etwas mehr Zeit zum Erkunden mussten wir schon mitbringen, um uns nun auch noch die Hinterlassenschaften des Leirhnjúkur anzuschauen. Dieser 593 m hohe Tuffrücken ragt lediglich 50 Meter aus seiner Umgebung (dem Lavafeld Leirhnjúkshraun) heraus und ist durch die Erdhitze regelrecht zu Lehm verkocht; von daher auch der Name “Lehmhügel”.

Über Holzbohlen geleitete uns nun der eigens dafür angelegter Rundweg durch diese wirklich erstaunlich facettenreiche Gegend. Entlang des Fußes des Leirhnjúkur konnten wir diesen ungemütlichen Gesellen schon kochen sehen. Überall stieg Dampf aus jeder erdenklichen Ritze und brodelten Solfataren vor sich hin, die in ihren sonderbaren Farben eher eiternden Wunden glichen. Das Süppchen was sich zwischen dem rhyolitischen Gestein auskochte, war hingegen zum abgekühlten Maar des Víti eher milchig-trüb und verströmte durch seinen hohen Schwefelgehalt den typischen fauligen Geruch, der einen an gekochte Eier erinnern lässt. (Zugegebenermaßen keine wirklich leckere Vorstellung, aber treffender kann man das Erlebte einfach nicht beschreiben.)

Nicht minder beeindruckend war natürlich das angrenzende, noch relativ junge Lavafeld, was immer mehr einer schwarzen Wüste glich, je tiefer man hineinging. Überall breiteten sich vor uns die porösen rötlich-braunen, lockeren Gesteinsbrocken (Tephra) aus, an denen man ganz deutlich erkennen konnte, dass hier einst zähflüssige, gasreiche (rhyolithische) Magmen unter sehr hohem Druck explosionsartig ausgetreten sind. Dazwischen fanden wir aber auch immer wieder die so typische, zu Schollen erstarrte, Fladenlava, welche im Unterschied zur Tephra durch dünnflüssige, gasarme (basaltische) Magmen entsteht und eher langsam aus dem Erdinneren herausfließt.

Die Zeichen der noch immer fortwährenden Aktivität konnte man auch hier sehr deutlich erkennen. Nicht nur, dass aus nahezu jeder Spalte heißer Dunst emporsteigt, man braucht einfach einmal seine Hand auf das Gestein (möglichst nicht gerade dort, wo es dampft) zu legen. Es ist noch warm.

Je weiter man sich auf den Lehmhügel zubewegt und je höher man dabei kommt, umso mehr verschiebt sich die Farbpalette zu Gunsten eines dunklen Rottons. Wie weich gewordener Kaugummi hängen die erstarrten Gesteinsfetzen an den Kraterrändern und verdeutlichen einem wirklich sehr bildhaft, was für Temperaturen im Erdinneren vorherrschen (und dass es immer besser ist, wenn die Magma lieber in ihrer unterirdischen Kammer verbleibt).

Doch erst wenn man auf dem Leirhnjúkur selbst steht, lässt sich das tatsächliche Ausmaß der (im Vorfeld erwähnten) Ausbruchserien zumindest im Ansatz erahnen. Lava über Lava und in sich eingestürzte Tuffhügel soweit das Auge reicht. Von hier oben kann man jedoch auch das gesamte Spektrum an Farben bewundern, das nicht nur schwarze Felder im Programm hat, sondern ebenso orange-rot-gelbe Rhyolithügel, noch buntere Solfataren und dazwischen ein paar grüne Fetzen, wo sich die Pflanzenwelt ihr kleines Reich zurückerobern konnte.

Hlið Camping

Für unseren ersten Tag auf Island hatten wir wahrlich schon eine ganze Menge erlebt. Jetzt war es aber langsam höchste Zeit, sich endlich auch einmal um eine Übernachtungsmöglichkeit zu bemühen. Dafür fuhren wir nun weiter Richtung Reykjahlið und konnten auf dem Weg dorthin schon mehrere vielversprechende Blicke auf den Mývatn und die darum gruppierten, uns noch bevorstehenden Attraktionen erhaschen – wie z.B. das Solfatarenfeld am Námafjall, den gigantischen Ringwall des Hverfjall, die Badelagune Jarðböðin und die Pseudokrater von Skútustaðir. Noch schnell in aussichtsreicher Lage etwas zum Abend gekocht, danach wurden wir auf dem Campingplatz Hlið schließlich fündig.

Wenn man die Zeltplätze in Deutschland gewohnt ist und diese (wie wir) aufgrund ihrer komplizierten Abwicklung lieber meidet, dann läuft das auf Island alles so herrlich unbürokratisch ab. Man fährt einfach (wann immer man will) auf das ausgewiesene Campingareal, sucht sich eigenmächtig einen Stellplatz seiner Wahl und richtet es sich dort mehr oder weniger häuslich ein. Entweder geht man danach zum Bezahlen in die Rezeption (wenn überhaupt vorhanden) oder (was in den meisten Fällen zutrifft) es kommt irgendwann einfach jemand mit dem Auto angerollt, klopft an (gerne auch mal mitten in der Nacht) und kassiert die Stellplatzmiete bzw. verlangt nach der Campingkarte. Das ist auch schon alles!
Komplizierter machen wir es uns dagegen schon immer selbst. Denn da wir uns relativ kurzfristig dazu entschieden hatten, gleich am nächsten Morgen unsere Fernwanderung in Angriff zu nehmen, stand nun zu allem Übel auch noch ein abendfüllendes Programm – mit Auto ausräumen, Rucksäcke umpacken und Auto wieder einräumen – auf dem Plan. So abmontiert wie wir inzwischen waren, hätten wir eigentlich viel lieber den wunderschönen Ausblick genossen, der sich von hier aus über das Lavafeld zur kleinen Kirche von Reykjahlið (die wie bereits erwähnt der Zerstörung trotzen konnte) bis hin zum Mývatn erstreckte. Stattdessen hatten wir nun aber beträchtlich Sorge, dass die warmen Farben unter dem Gewitterhimmel eventuell vom Regen abgelöst werden könnten. Waren wir froh, als wir dann endlich in unserem Dachzelt lagen. Morgen würde ein spannender, aber auch anstrengender, Tag vor uns liegen…

(Dieser Bericht ist – aufgrund von intensiven Baumaßnahmen direkt vor meinem Bürofenster – im Zuge erhöhter Nachtaktivität sowie unter strengem Einsatz von Lärmschutzkopfhörern à la Micky Maus entstanden.)

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2 Gedanken zu „Island 2021 – Vom Dettifoss zur Krafla

  1. […] Mal näherten wir uns dem mächtigen >>Dettifoss<< allerdings vom Westen her. Von dieser Seite wirkte er wahrhaftig noch energiegeladener als vom […]

  2. […] sich dieses mit Grundwasser, und ein Maar entsteht – wie z.B. beim bereits besichtigten >>Víti-Krater<<.) Da der Wind bei diesem Spiel auch immer etwas mitspielt, je nachdem aus welcher Richtung er […]

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