Schneeschuhtour Längentaler Weißer Kogel – März 2019

23.03.2019 / Längentaler Weißer Kogel

Wenn ich einmal zugeben muss, dass ich konditionell fast an meine Grenzen gekommen bin, dann war das bei dieser Tour. 
Von den vielen Aktivitäten der letzten Wochen eh schon etwas ausgelaugt, hatten wir heute wahrhaftig ein außergewöhnliches Programm abzuspulen, sowohl was die Gesamtstrecke, die Höhenmeter, die Anstrengung, als auch die Temperaturverhältnisse anging. Aber fangen wir wie immer von ganz vorne an.

Flo ist vor kurzem im Internet auf eine nette Seite mit Schneeschuhtouren gestoßen. Einer unserer Pläne für dieses Jahr war, auch einmal einen 3000er zu besteigen. Da es auf dieser Website tatsächlich einen einzigen Berg gab, der die Marke geknackt hat und es sogar auf 3217 hm bringt, wollten wir ihn nun gleich noch im Winter in Angriff nehmen. Nach einer schlechten Nachricht am Vortag stand es mir förmlich nach einer Herausforderung.

Schon 3:45 Uhr bin ich aus den Federn gekrochen, da wir ja fast 2 Stunden Fahrt bis ins Lüsenstal hatten und schon halb Sieben vor Ort starten wollten. Es sollte heute wieder recht warm werden, und so waren wir bestrebt, solange wie möglich dem sulzigen Schnee auszukommen.
Ich hätte ja nie gedacht, dass bereits hinter Innsbruck die 3000er losgehen würden. Schon auf dem Weg dorthin kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Die schneebedeckten Riesen im Wetterstein Gebirge und der Mieminger Kette haben mich förmlich in ihren Bann gezogen und erst Recht war ich begeistert, als wir von oben in das Inntal hinein und auf die Stubaier Alpen schauen konnten.
Doch ohne Unterbrechung ging es nun weiter Richtung Sellrain bis zu unserem Startpunkt am Alpengasthof in Lüsens – auf 1600 hm.
Obwohl wir wirklich so früh dran waren, war der Parkplatz bereits gut gefüllt. Wie im Nachhinein erfahren, nicht weiter verwunderlich, da viele gleich vor Ort campieren oder auf einer der Hütten nächtigen, um den langen Zustieg zu verkürzen.

Das erste Stück war noch nicht weiter anstrengend, ging es doch in ebenen Gelände direkt auf der Loipe bis zum Talschluss, wo sich vor uns schon die gewaltigen Felsen um den Lüsener Fernerkogel aufgebaut haben.

Allerdings sollte man sich auf der Strecke gut überlegen, ob man die Hosen herunter lassen will, allein war man hier sicher nicht. Einziges Alleinstellungsmerkmal hatten wir lediglich in Hinsicht auf unsere Schneeschuhe unter all den Tourenskigehern. 
Mit unseren fetten Krallen an den Füssen waren wir denen gegenüber sogar im Vorteil, wenn es so richtig steil wurde. Gleich beim ersten Anstieg hatten wir im Nu alle überholt und sind direkt zur Längentaler Alm durchgestartet. 

Ich muss zugeben, ich liebe es, je steiler es wird. In solchen Momenten kann ich alles ausblenden, richtig Gas geben und meine ganzen Stärken ausspielen, indem ich auf direkter Linie ohne irgendwelche dummen Serpentinen aufsteige. Vielleicht ungewöhnlich, aber jedem eben was er mag… Flo wird sich auch schon noch daran gewöhnen. *lach*
Danach hatten wir aber auch erst einmal gar nichts dagegen, dass es zwischenzeitlich wieder flacher wurde, denn wir waren ja noch weit von unserem Ziel entfernt. Und so schön es auch ist, hin und wieder ein wenig Sonne abzubekommen, waren wir auch wieder froh, als wir in den Schatten der Berge eintauchen konnten – ging es sich auf verharschten Untergrund doch wesentlich angenehmer. 


In Höhe des Westfalenhauses konnten wir schon auf den Lüsener Fernerkogel auf der linken und den Hohen Seeblaskogel auf der rechten Seite schauen, auch wenn wir das zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten.

Wir waren eigentlich mehr damit beschäftigt, den von der Hütte herunterkommenden, lärmenden Trupp nicht zu nah aufschließen zu lassen. So haben wir uns entschieden, den weniger begangenen Weg rechts der Moräne einzuschlagen, was rein lawinentechnisch auch sicherer, aber wesentlich anstrengender ist. Denn auf diese Art macht man nicht nur mehr Höhenmeter, sondern ist schon ziemlich bald der Sonne ausgesetzt, die den Schnee um diese Zeit brutal aufweicht. Meine Beine sind bereits hier ganz schön schwer geworden, und ich hab mich echt über mich selbst wundern müssen. Aber immerhin hatten wir endlich die Horde Tourengeher abgehängt, die sich nun unüberhörbar zum Hohen Seeblaskogel aufgemacht hat.
Allerdings waren wir zwischenzeitlich ein wenig verunsichert, weil wir plötzlich so ganz allein auf weißem Feld standen und uns nun gar keiner mehr folgte. Doch laut Karte sah es ganz danach aus, dass wir bald das Gletscherbecken unterhalb des Längentaljochs erreichen würden, wo auch wieder der andere Weg dazu kommt, der unterhalb vom Vorderen und Hinteren Brunnenkogel vorbeigeht.

Ein einzelner Tourengeher ist schließlich doch noch an uns vorbei gesprintet. Das hat uns zum einen in unserer Wegwahl bestätigt, zum anderen mich zutiefst entsetzt, wo ich doch bis vor kurzem noch an meine gute Kondition geglaubt habe. Jetzt weiß ich auch, warum ich keine Wettkämpfe mitmache, ich lass mich halt einfach nicht gerne überholen. 😉

Auf dem steilen Gletscherhang zwischen Bachfallenkopf und Weißer Kogel galt es über Kehren nun die letzten Höhenmeter bis zum Nordgrat zu machen. Während die Leute, die wir im Hintern hatten, immer mehr wurden, brannte uns die Sonne gnadenlos ins Gesicht und mein Kopf drohte mir fast zu platzen. Ob sich das nun Höhenkrankheit nennt oder einfach nur zu viel Hitze war, ich kann es nicht sagen. Fakt ist, dass ich Kälte unter Anstrengung besser wegstecke als hohe Temperaturen und nun begann, mir sämtliche Klamotten vom Leib und Kopf zu reißen. Wie sich in Nachhinein herausstellte, keine gute Idee, denn ich hatte mir danach das Gesicht so dermaßen verbrannt, dass es nicht mehr schön war. Man kann die Intensität der Sonne in dieser Höhenlage (+50% über 3000) und die Reflektion durch den Gletscher aber auch so etwas von unterschätzen.

Auf jeden Fall waren wir durch unsere Spuraktionen von zuvor schon ziemlich demoliert, dass uns nur ein eiserner Wille noch bis ganz nach oben bringen konnte; innerlich habe ich aber echt geflucht und mich gefragt, wozu man sich das antut. Doch zum Glück ist alles wieder fast vergessen, wenn man dann auf dem Gipfel steht.
Dafür musste wir nun aber unsere Schneeschuhe ablegen, um auf den kleinen Tritten die letzten Meter bis zum Kreuz zu gelangen. 

Als einzige Schneeschuhgeher, die auch noch von ganz unten aufgestiegen sind und nun alles auch wieder zurück gehen mussten, wurde uns deutlich Respekt gezollt. Das tat dann schon auch mal gut.
Doch bevor ich nun noch irgendetwas sehen oder hören wollte, galt mein einziges Interesse meinem Brötchen…, danach war ich auch wieder aufnahmefähig.

Wir hatten es wirklich geschafft und waren sehr sehr stolz, die 1600 hm bewältigt zu haben und auf unserem ersten 3000er zu stehen. Die Aussicht hier oben war gigantisch, auch wenn wir es etwas schade fanden, keinen einzigen anderen Berg zu kennen. Bisher hatten wir uns immer kontinuierlich voran gearbeitet, doch dieses Mal betraten wir komplettes Neuland. Nicht desto trotz haben wir die Aussicht sehr genossen.

Im Süden konnten wir ins das Schrankar hinein und auf den Schrankogel schauen,


im Westen auf den Bachfallenferner und den Kühnlehnkarschneid,


im Norden auf den Bachfallenkopf und den Grüne Tatzen und nordöstlich auf den Lüsener Ferner, den Vorderen und Hinteren Brunnenkogel; nur um ein paar zu nennen.

 

Wir wussten jetzt schon, dass wir noch das ein oder andere Mal in diese Region kommen werden. Es gibt noch viel zu tun.

Langsam herrschte ein richtiger Andrang auf dem Gipfel, es wurde also Zeit für uns, wieder den Rückweg anzutreten. Schließlich würden wir dafür etwas länger benötigen als all die anderen.
Doch gerade als wir den steilen Gletscherhang queren wollten, rief uns jemand zu, ob wir einen Notruf absenden können. Warum auch immer, war es uns nicht möglich. Während Flo es weiter versuchte, habe ich mich dagegen auf meinen Hintern gesetzt und bin den Hang gleich nach unten gerutscht.
Ein einzelner Tourengeher hat hyperventiliert und ich ihn dementsprechend versorgt. Zum Glück hatte er sich bald wieder stabilisiert, doch nun war der Notruf schon abgesetzt und immer mehr Leute eilten herbei. Nachdem dann auch noch ein Bergretter eingetroffen war, haben wir uns so langsam abgeseilt. Trotz allem hat es sich der Typ wohl doch nicht nehmen lassen wollen, dennoch die letzten Meter zum Gipfel aufzusteigen. 
Auf jeden Fall kam nun der Rettungshubschrauber und hat im wahrsten Sinne des Wortes für einigen Wirbel gesorgt, um irgendwann unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Also an Action hat es uns heute mit Sicherheit nicht gemangelt.


Für die nächsten Stunden waren wir aber erst einmal damit beschäftigt, den ganzen Weg wieder von oben nach unten aufzurollen. Bei der Hitze war das nicht minder anstrengend. Ständig fuhren sie an uns mit den Skiern vorbei, aber wir hatten es ja nicht anders gewollt. Trotzdem werde ich mal darüber nachdenken, ob ich das Skifahren doch noch erlerne.

An einem Moränehügel haben wir uns dann aber auch mal eine kleine Auszeit gegönnt, damit es sich am nächsten Tag auch wirklich lohnen würde, die Après-Creme aufzutragen.


Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir wieder an unserem Auto an und waren nach diesem ereignisreichen Tag mehr als glücklich darüber. Egal was wir erreicht hatten, für heute war es wirklich mehr als genug.

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