Norwegen 2020 – Lofoten

Nord-Norge

Wenn man die Einsamkeit sucht, dann ist man in Nord-Norwegen (Nord-Norge) goldrichtig. In diese raue, bevölkerungsarme Region verschlägt es wohl nur echte Nordlandenthusiasten; sofern man mal die Lofoten oder das Nordkap ausschließt. Und auch wenn es fast schon ein Frevel ist, auf der „Via Scandinavia“ (E6) in diesen entlegenen Landesteil vorzudringen, bedarf es jedoch einer ordentlichen Portion Aufopferungsbereitschaft, die endlosen Kilometer in den Norden abzuspulen, nur um wenigstens die Lofoten sehen zu können; wie eben in unserem Fall. Sollte einem also nur ein bisschen mehr Zeit zur Verfügung stehen, dann gehört es fast schon zum Pflichtprogramm, entlang der zerklüfteten Helgeland-Küste in den Norden zu fahren.

Nord-Norge in Norwegen

Nord-Norge nimmt mit 113000 km² ein Drittel der gesamten Landesfläche ein und ist somit die größte Region Norwegens. Diese teilt sich wiederum in 3 Fylker (Provinzen) auf, die da wären: Nordland – als südlichster Bezirk, Troms – mit der Hauptstadt der Region (Tromsø), und die an Finnland und Russland grenzte Finnmark. Gemessen an den anderen Fylkern, gilt Nordland mit 500 km als der längste und mit teilweise gerade einmal 6 km auch als schmalster Bezirk.
Mit durchschnittlich 6 Einwohnern pro km² in Nordland und 1,5 pro km² in der Finnmark – in manchen Regionen sogar noch unter 0,3 Einwohnern -, erhält der Begriff Einsamkeit hier gleich eine ganz andere Dimension. Wer in diesem Landesteil lebt, muss sehr anpassungsfähig sein, wie z.B. die rentierzüchtenden Samen. Wer allerdings hierher reist, der wird mit ganz besonderen Eindrücken belohnt, wie den nördlichsten Punkt Europas – das Nordkap, das Phänomen der Mitternachtssonne am 21. Juni und der Polarlichter im Winter, aber auch – mit dem Svartisen – Norwegens zweitgrößten Gletscher und natürlich die aus dem Nordmeer ragende Lofotenwand.
In Nord-Norge dominiert die raue Natur, was man u.a. auch an den ausgedehnten Kältesteppen (Tundra) und den zerklüfteten Felswänden erkennen kann. Doch dank des Golfstroms ist es im Sommer auch schon mal möglich, dass die Temperaturen an der Küste auf 20 Grad steigen. Davon waren wir die Tage jedoch leider weit entfernt.

Nördlicher Polarkreis – 12. August 2020

Bei 66°33´51´´ nördlicher Breite verläuft die unsichtbare Grenze zwischen der gemäßigten und der polaren Zone; der Nördliche Polarkreis. Um diese Linie irgendwie sichtbar zu machen, hat man an der E6 das auffällige Gebäude des Polarsirkelsenteret aufgestellt. Eingepfercht zwischen den Ausläufern des Saltfjellet-Svartisen Nationsparks im Westen und fast schon in Spuckweite der schwedischen Grenze im Osten, umgeben von der öden Landschaft der Tundra und dazu heute noch die tiefhängenden Wolken, da kam in uns tatsächlich doch gleich ein sehr polares Feeling auf.
Der Souvenirshop interessierte uns jetzt allerdings weniger, vielmehr zog es uns die kleine Anhöhe mit all den Steinpyramiden hinauf, an denen sich auch viele Touristen auf kleinen Steinen verewigt oder diese hübsch bemalt hatten. Weniger hübsch war dagegen das Mahnmal bzw. die Tatsache, dass man damit jenen Menschen gedenkt, die zwischen 1942 und 1945 unter der deutschen Besatzung zu Tote gekommen sind. Kriegsgefangene, allen voran Jugoslawen, die man eingesetzt hat, um die Fjell-querende Nordlandbahn, ja sogar Teile der E6 zu errichten. Nicht umsonst nennt man diese auch die „Blutstraße“.

Fähre von Bodø nach Moskenes auf den Lofoten

Jetzt hatten wir also die magische Grenze erreicht und konnten uns nun wie echte Nordlandfahrer fühlen. Als wir 2 1/2 Stunden später dann endlich auch noch in Bodø (die Hauptstadt der Provinz Nordland) eintrafen, war ich tatsächlich schon etwas aufgeregt. Wer hätte das denn vor zehn Tagen ernsthaft für möglich gehalten, dass wir es letzten Endes wirklich schaffen würden, bis hierher vorzudringen. Blieb jetzt nur noch die Ungewissheit wegen dem Wetter und wo wir die nächsten 2 Nächte verbringen würden. Ich hatte im Vorfeld ja schon das Schlimmste zu Ohren bekommen, von wegen, dass dieses Inselreich über so wenige Parkmöglichkeiten verfügt und dem hohen Touristenansturm kaum standhalten kann. Selbst die Parkplätze vor den Supermärkten wären bis obenhin zugestellt. Na, das konnte ja heiter werden! – Ich kann euch jedoch jetzt schon verraten, dass zumindest diese Aufregung umsonst war, und wir immer ein Plätzchen gefunden haben. Es war im Gegenteil eigentlich eher so gut wie gar nichts los, da zu dem Corona-Umstand auch noch hinzukam, dass die Feriensaison in Norwegen jeweils bereits Mitte August endet und damit das Urlauberaufkommen auch wieder abflaut. Gerade noch einmal Glück gehabt!

Nach zwei Stunden ungeduldigen Wartens, verabschiedete sich nun – wie geplant 15:45 Uhr – die Fähre der Torghatten Nord AS laut sprudelnd von der kleinen Hafenstand Bodø. Endlich war es uns jetzt auch einmal möglich, die rundgeschliffenen Schärenküsten vom Wasser aus zu bewundern. Vor allem aber zogen uns die kleinen roten Rorbuer-Hütten an der Küste, sowie die schroffen Bergspitzen auf dem entfernten Festland in ihren Bann, und vermittelten uns schon mal einen kleinen Vorgeschmack, was uns bald in konzentrierter Form erwarten würde.

Ganze 4 Stunden zog sich die Überfahrt über den Vestfjord, und wir wurden immer hippeliger. Schließlich wollten wir noch am selben Abend den ersten kleinen Aussichtsberg besteigen, bevor das Wetter ab morgen schlechter werden sollte. Zum Glück schien zumindest über dem Fjord noch die Sonne, so dass wir die meiste Zeit an Deck verbringen und die immer näher rückende Lofotenwand in Augenschein nehmen konnten. Immer näher rückten allerdings auch die Wolken an das Inselarchipel heran und wirkten, als wöllten sie die Berge gleich verschlingen. Ich hüpfte von einem Fuß auf den anderen und hoffte, dass sich diese gefräßigen Mäuler doch noch etwas gedulden könnten; zumindest bis wir auf dem Reinebringen standen. Bis zur letzten Minute habe ich noch die wenigen Sonnenstrahlen mit der Kamera einzufangen versucht, die die kleinen roten und weißen Häuschen von Moskenes vor der abendlichen Bergkulisse in ein schönes Licht rückte. Keine Sekunde zu früh saßen Flo und ich in unserem Auto und sind umgehend nach Reine durchgestartet. Eine Dreiviertelstunde später standen wir dann auch schon auf dem Berg.

Die Lofoten

Die Lofoten, mit ihren bizarren Felsformationen, entstanden fast zeitgleich mit der Verkrustung des Erdmantels vor 3,5 Mrd. Jahren. Seit jeher ist viel geschehen, was wir allerdings heute sehen, ist eine Bergkette aus 7 Hauptinseln (Røst, Værøy, Moskenesøy, Flakstadøy, Vestvågøy, Gimsøya und Austvågøy – von Süden nach Norden) und vielen weiteren kleinen Inseln. Diese so genannte Lofotenwand erstreckt sich auf einer Länge von 150 km über 2 Breitengrade, ist jedoch nur 10 km breit. Bis zu 1200 Meter ragen die schroffen Zacken direkt aus dem arktischen Nordmeer empor.
Zwischen der Insel Værøy und Moskenesøy befindet sich mit dem Moskenestraumen (Malstrom), auch einer der gefürchtetsten Gezeitenströme der Erde. Wesentlich sanfter kommt dagegen der Vestfjord her, der als einer der fischreichsten Gewässer weltweit gilt. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich an den Ostufern der Lofoten schon vor 6000 Jahren Fischer anzusiedeln begannen, um den begehrten Stockfisch zu produzieren, und somit über die Jahre an diesem Küstenstreifen besonders viele traditionelle Fischerdörfer entstanden sind.
Im 9. Jh. ließen sich hier dann auch die Wikinger nieder. Sie waren es, die der „Insel der Götter“ schließlich ihren Namen gaben, auch wenn sich die Ähnlichkeit mit einer Luchspfote lediglich auf die Insel Vestvågøy bezog.
Auch die Hanse wurde natürlich in dieser ertragreichen Gegend recht aktiv und startete ab dem 13. Jh. mit der Lofot-Fischerei. Aufgrund der gnadenlosen Überfischung in den letzten Jahrhunderten war es gezwungenermaßen aber irgendwann auch einmal vorbei mit dem Raubbau an der Natur. Das Aufkommen der Trawler beförderte die Lofot-Fischerei dann noch zusätzlich ins Abseits.
Heute zeugen lediglich noch all die hübschen Rorbuer-Hütten (Fischerhütten) von dieser Zeit und das ein oder andere Museum, in denen das Leben der Fischer und die Herstellung von Trockenfisch recht anschaulich demonstriert wird. Fragt sich allerdings, wie lange dieses Idyll, welches die Norweger selbst als begehrtes Urlaubziel ansteuern, noch Bestand hat. Denn (man muss sagen) leider schlummern unter dem Vestfjord noch gewaltige Erdölreserven, die man früher oder später zu Tage fördern will. Auch das war einer der Gründe, kein Jahr länger mehr zu warten, um diese traumhaft schöne Inselkette zu besuchen.

Moskenesøy

Wanderung auf den Reinebringen

Fünf Minuten später, nachdem wir die Fähre verlassen hatten, trafen wir auch schon an dem kleinen Fischerdorf Reine ein und fanden überraschenderweise am Ortseingang auch gleich einen Parkplatz. Doch egal wie sehr es eigentlich pressierte, musste ich wenigstens einmal kurz stehenbleiben und meine Blicke über das, was sich nun vor unseren Augen ausbreitete, hinwegstreifen lassen. Einfach wunderschön, wie sich die bunten Häuser so malerisch an die sanften grünen Hügel im Kirkefjord schmiegten und dahinter die bedrohlich wirkenden Bergspitzen aus dem Meer herausragten. Da wurde einem sofort wieder klar, für was man die Strapazen der langen Anreise auf sich genommen hatte.

Jetzt aber Attacke!!! Genauso hat es sich ehrlich gesagt auch angefühlt, als wir in 45 Minuten den (mit 90 min ausgewiesene) Pfad zum Reinebringen fast schon hinaufgerannt sind. Zwar hat man diesen Weg inzwischen zum Großteil recht gut ausgebaut, doch wenn man die steilen Stufen förmlich hinaufspringt und dabei noch ständig schnaufende, rastende Wanderneulinge überholen muss, dann weiß man hinterher auch, was man getan hat. Doch in Gedanken seiner Lunge nachzuhängen, dafür blieb eh keine Zeit, als wir dann erst einmal auf dem 442 m hohen Reinebringen standen und auf die einzigartige Landschaft zu seinen Füssen hinabblicken konnten. Mir blieb fast die Spucke weg, so atemberaubend schön war das. Ich wusste gleich gar nicht, wo ich denn zuerst hinschauen sollte. Direkt unter uns konnten wir jedenfalls die 2 pittoresken Fischerdörfer Reine und Hamnøy – mit ihren vorwiegend rot oder gelb schillernden Rorbuer-Hütten – erkennen, die sich über die zahlreichen kleinen Schäreninseln im tiefblauen Wasser des Kirkefjords verteilen und über Dämme und zerbrechlich wirkende Brücken miteinander verbunden sind.
Während sich der von wild gezackten Gipfelreihen flankierte Kirkefjord immer weiter gen Westen aufästelte, breitete sich hingegen der Vestfjord sanft nach Osten bis zum Horizont aus. Nur wenige Meter darüber lag der Reinevatnet eingebettet zwischen den Ostflanken des Reinebringen und wurde nun von Minuten zu Minute mehr von dessen dunklen Schatten verschlungen. Der eigentliche Gipfel verschwand schon so langsam unter einem dicken Wolkenmantel, der über den Atlantik gen Süden waberte. – Doch wir hatten es gerade noch rechtzeitig geschafft! Die Goldene Stunde haben wir zwar knapp verpasst, dafür konnten wir nun aber die Sonne über den Lofoten untergehen sehen und wie sich dabei das Farbspiel immerzu änderte. Selbst die Wolken spielten dabei eine wichtige Rolle und gaben der Szenerie noch den letzten Schliff.

Wie es der Zufall denn so wollte, mussten wir ausgerechnet hier oben auf einen Rosenheimer treffen, den es aufgrund der Liebe nach Norwegen verschlagen hat. Bei einem netten Plausch erhielten wir von ihm auch den ein oder anderen Geheimtipp, wo wir die nächsten Tage denn noch etwas isolierter wandern könnten. Sollte er dies hier also zum Lesen bekommen, dann möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal bei ihm bedanken. Wir haben seine Anregungen in die Tat umgesetzt und waren absolut begeistert; vor allem vom Ryten. 😉
So ins Gespräch vertieft, merkten wir überhaupt nicht, dass es inzwischen schon 22 Uhr war. Tja, um Reine nun auch noch zu besuchen, war es jetzt definitiv zu spät, jedoch nicht, um noch einen abschließenden Blick auf die umliegenden Berge zu riskieren, die sich zu dieser Stunde in ihren dunklen Gewändern furchteinflößend über dem Fjord aufbauten. Mit etwas Fantasie konnte man sich fast schon in einem riesigen Haifischmaul wähnen, aus dem man über die schiefen, scharfkantigen Zähne einen letzten Blick ins Freie erhascht. (Ich hoffe, es wählt jetzt keiner die 112!)

Wieder am Fuße des Reinebringen angekommen, galt es noch schnell einen Stellplatz für die Nacht zu suchen; den wir zum Glück auch schnell fanden. Bei einem Schluck Rotwein – auf den noch warmen Felsen der Schären sitzend – und natürlich mit 1A Aussicht auf den Vestfjord, beschlossen wir nun zufrieden die ersten Stunden auf den Lofoten.

Morgenstund‘ auf Moskenesøy – 13. August 2020

6 Uhr und Sonnenschein, so fing der Tag doch schon einmal gut an. Der Blick über den Vestfjord verriet uns allerdings auch, dass der Wetterbericht nicht so ganz Unrecht haben konnte, und so mussten wir uns nun eben etwas beeilen, um noch möglich viel vor den ersten Regenschauern zu schaffen. Ziel war es, zunächst erst einmal nach Å (sprich: Oh) , in das südlichste Dorf der Lofoten zu fahren, bevor wir uns später wieder gen Norden aufmachen würden. Auf dem Weg dorthin kamen wir bereits durch ein anderes kleines Fischerdorf (Sørvågen) hindurch, welches um diese Uhrzeit jedoch noch komplett ausgestorben zu sein schien.

Å

Schließlich lag es vor uns, Å mit seinen vorwiegend roten, teilweise auch weißen oder ockerfarbenen, auf Stelzen errichteten Rorbuer-Hütten, die sich auf den flachen Schären vor der Kulisse einer zerklüfteten Felslandschaft verteilten. Eigentlich ist dieses Dorf ja nahezu ein einziges Museum, welches allein schon aus den 23 Gebäude des 150 Jahre alten Norwegischen Fischereimuseums besteht und des Weiteren dem Lofoten Tørrfiskmuseum (Trockenfischmuseum). Doch Kommerz hin oder her, sollte man es dennoch auf keinen Fall versäumen, dieses liebreizende Dörfchen zu besuchen; am besten noch ganz in der Früh, bevor all die anderen Touristen kommen, und es mit der Ruhe dann endgültig vorbei ist.
Der Name Å bedeutet übrigens so viel wie Bach und leitet sich von jenem Bach ab, der an dieser Stelle in den Vestfjord mündet.

Nachdem wir nun bereits in den kleinen Ort hineingefahren waren, kehrten wir gleich noch einmal um. Zu groß war die Verlockung, das Auto schon etwas außerhalb (in einer Haltebucht bei Tind) stehenzulassen und von dort aus die Besichtigung anzugehen. Denn von keiner anderen Stelle aus, wird man auf dem Weg ins Dorf ausdauernder von dessen wundervollem Panorama begleitet.

Natürlich war auch Å um diese Zeit noch komplett ausgestorben und die Museen noch nicht geöffnet. Doch wie ihr uns inzwischen kennen müsstet, hat uns das alles andere als gestört. So konnten wir nun in aller Ruhe zwischen den roten Rorbuer umherwandeln und dabei die hier überall nistenden und laut kreischenden Möwen beobachten, deren ohrenbetäubenden Rufe sich schon fast wie schreiende Kinder anhörten.
Auch stießen wir am Brygge-Restaurant zum ersten Mal auf die – einst wie auch jetzt noch – so begehrten Trockenfische, von denen hier ein paar wenige Exemplare auf den dafür vorgesehenen Holzgestellen aufgehängt waren. (Normalerweise ist die Trockensaison der Dorsche von Februar bis April.)
So viel Fisch und frische Luft macht natürlich hungrig, und so ließen wir uns auf der Mole unser spärliches Frühstück schmecken und die Eindrücke noch einmal auf uns wirken.

An dieser Stelle aber noch ein kleiner Exkurs in die Symbolik der einzelnen Häuserfarben: Rot strichen damals die Fischer ihre Hütten an, Blau die Kaufleute und Weiß die Dorfbesitzer. Zu Gelb konnte ich partout nichts finden, was vielleicht auch daran liegen mag, dass heutzutage jeder sein Häuschen so anpinseln kann, wie es ihm beliebt; und Dorfbesitzer (im eigentlichen Sinne) gibt es inzwischen natürlich auch keine mehr.

Reine

Wieder zurück in Reine, dem Hauptort und Verwaltungszentrum der Inselgemeinde Moskenes, war es dann aber leider endgültig vorbei mit dem schönen Wetter. Bei leichtem Nieselregen wollten wir nun dennoch auch dieses traditionsreiche Fischerdorf etwas näher erkunden, welches uns am Vorabend ja schon so in seinen Bann gezogen hatte und mit Sicherheit nicht zu Unrecht einst als schönstes Fischerdorf Norwegens galt.
Auch wenn die Wolken heute bis tief ins Tal hinabhingen und dabei die spitzen Gipfel köpften, vermochte dieses malerische Dörfchen dennoch nichts an Charme einzubüßen. Mit all seinen roten mit Gras bewachsenen Rorbuer-Hütten, die fast ausnahmelos auf dünnen Stelzen in das Wasser des Kirkefjords hineingebaut waren, konnte man leicht ins Schwärmen geraten; auch wenn uns das triste Wetter zugegebenermaßen schon ein wenig fad werden ließ. – Also erst einmal wieder zurück ins Auto, aufwärmen und durchschnaufen, und weiter ging’s!

Sakrisøy & Hamnøy

Weiter hieß in unserem Fall zu den nächsten Fischerdörfern Sakrisøy und Hamnøy, welche – genauso wie Reine – an der Mündung des Kirkefjords in den Vestfjord liegen und zu der Inselgemeinde Moskenes zählen. Und wie Reine auch, sind diese (jedoch jeweils nur auf einer kleinen Insel gelegenen) Dörfer ausschließlich durch Brücken mit dem Lofoten-Festland verbunden. Während allerdings in Hamnøy wieder die roten Rorbuer-Hütten dominieren, ist in Sakrisøy Gelb die vorherrschende Farbe. Gelb waren die Häuser, gelb waren auch die Boote, und selbst die Schilder an der Straße, ja sogar das Gras schien gelb zu sein.
Genossen haben wir auch noch einmal der Blick vom Reinefjord auf den kleinen Naturhafen, der im Westen von dem reißzahnähnlichen Olstinden und im Norden von dem markanten 700 Meter hohen Festhæltinden überragt wird.

Flakstadøy

Nusfjord

Über die im Jahre 2007 fertiggestellte Europastraße 10 (den Lofast), welche die einzelnen Inseln über Brücken, Dämme und Tunnel miteinander verbindet, ging es nun weiter nördlich auf die nächste Lofoten-Hauptinsel Flakstadøy. Unser folgendes Ziel war dort das Museumsdörfchen Nusfjord, am Fjord Bottelvika, welcher nur einen Kilometer lang und gerade einmal 100 Meter breit ist. Die Enge dieses Fjords bekamen wir gleich unvermittelt zu spüren, als wir uns nun zwischen den dunklen fast senkrecht aufstrebenden Felswänden nach Nusfjord vorarbeiteten. Einen kurzen Moment überlegten wir, ob wir vielleicht doch noch einmal umdrehen und erst etwas Anderes machen sollten, bis sich das Wetter eventuell bessern würde, aber dann entschieden wir uns zu bleiben.

Die sich vormals im königlichen Besitz befindende Siedlung Nusfjord, welche dann eine gewisse Familie Dahl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erworben und zum Fischereihafen ausgebaut hat, entwickelte sich in der Folge zu einem der Hauptorte der Dorschfischerei. Dieser Ort verfügte bereits damals über eine eigene Poststelle, eine Bäckerei, ein Gefängnis, eine Dampffahrtschiffsgesellschaft und sogar ein eigenes Kraftwerk. Mit dem Niedergang der Lofot-Fischerei verlor Nusfjord allerdings an Bedeutung. Einem europäischen Architekturwettbewerb (im Jahre 1975) ist es schließlich zu verdanken, dass die alten Fischerhütten wieder restauriert wurden und nun der Tourismus anstelle der Fischerei dem Dorf neuen Atem einhauchen konnte. Mehr als 50 Rorbuer-Hütten kann man nun gegen Eintritt in diesem privat geführten Freilichtmuseum bewundern, darunter z.B. die alte Bäckerei, ein historisches Sägewerk, eine Lebertranfabrik, eine Schmiede, Boots- und Lagerhäuser und das alte Kraftwerk von 1905.

Nusfjord auf den Lofoten in Norwegen

Zu Fuß kann einem einfach nichts auskommen, und so bestaunten wir schon am Ortseingang die filigranen grünen Fischernetze, die man zwischen den roten Rorbuer-Hütten sehr dekorativ aufgehängt hatte. Ich ließ es mir nicht nehmen, hier schon einmal auf den hölzernen Stegen entlang zu spazieren, von denen man einen schönen Blick auf den Fjord und aufgrund des niedrigen Wasserstandes auch unter die Häuser hatte.
Danach ging es aber hinein ins Dorf und immer schön der Nase folgend in die alte schmucke Bäckerei, deren Leckereien zum Glück nicht nur Deko waren. Einen Kaffee und ein halbes Stück Skolebrod später, fühlten wir uns dann genug gestärkt für eine weitere Besichtigung.

Entlang des natürlichen Binnenhafens, um den sich die roten und gelben Holzhütten in Hufeisenform zwängen, war es uns schließlich auch einmal möglich, ein paar konkretere Einblicke in das Leben zu Zeiten der Lofot-Fischerei zu gewinnen. Noch heute werden die Rorbuer während der Wintersaison von Fischern genutzt, während diese in den Sommermonaten an Touristen vermietet werden. Eine schöne Vorstellung, vorausgesetzt, man stört sich nicht an solch einen Trubel.
Den besten Eindruck vom Aufbau dieses Museumsdörfchens bekommt man allerdings, wenn man den kleinen Felsen in der Nähe der alten Tranfabrik emporsteigt. Auf dieser Anhöhe standen auch ein paar leere Gestelle herum, woraus wir folgerten, dass normalerweise hier die Fische zum Trockenen aufgehängt werden. Uns begrüßten in Nusfjord jedoch lediglich ein paar tote Fischköpfe.

Trockenfisch nach Wikingerart

Fischköpfe in Hülle und Fülle gab es auch auf dem Weiterweg zum Ryten zu sehen. Als wir das Feld voller zeltförmiger Gestelle vor einem massiven grünen Felskegel erspähten, war unsere Neugier sofort geweckt. Die meisten dieser Holzkonstruktionen sind um diese Zeit logischerweise leer, doch hier baumelten wahrhaftig noch unzählige getrocknete Fischköpfe daran. – Was für uns vielleicht jetzt etwas skurril wirken mag, war jedoch für die Norweger einst überlebensnotwendig.

Bereits die Wikinger machten sich das Trocknen und Salzen von Fischen (allen voran Dorsch bzw. sein geschlechtsreifer Vertreter der Kabeljau, aber auch Seelachs oder Schellfisch) zunutze. Diese Methode machte den Fang besonders haltbar und diente den Seeleuten somit als Proviant auf ihren langen Reisen; zumal dadurch noch dem gefürchteten Skorbut vorgebeugt werden konnte. Außerdem eignete sich der Klippfisch auch hervorragend zum Tauschhandel.
Nun muss man allerdings zwischen Stockfisch und Klippfisch unterscheiden. Während man den Stockfisch nach dem Ausnehmen und Abtrennen der Köpfe ungesalzen auf ein Holzgestell (Stokk) – immer 2 Fische werden an den Schwanzflossen zusammengebunden – aufhängt, wird der Klippfisch zusätzlich noch gesalzen und zum Trocknen auf eine felsige Klippe gelegt. Die richtige Mischung aus Sonne, Wind und Regen macht es schließlich aus, dass der Fisch nicht verdirbt; und dafür sind gerade in Norwegen die Bedingungen optimal. Norwegens Stockfisch gilt als der Beste und Begehrteste auf der ganzen Welt. Was also früher als Arme-Leute-Essen begann, hat sich im Laufe der Zeit zu einem traditionellen Essen entwickelt.
Die Fischköpfe werden übrigens (wie wir sehen konnten) gesondert getrocknet und gehen dann nach Nigeria, wo sie für eine beliebte Fischsuppe verwendet werden.

Wanderung zum Ryten

Nachdem wir all die Fischerdörfer fast schon im Akkord abgespult hatten, stand uns nun der Sinn mal wieder nach einer kleinen Bergtour mit entsprechenden Fernsichten. Also folgten wir dem Tipp vom Vorabend nach der Straße in Richtung Fredvang, von wo aus unsere Wanderung zum Ryten starten sollte. Zwar schlug die Uhr bereits Drei, doch dachten wir uns dabei nicht allzu viel; der Tag war ja noch jung.
Auf einem moderat ansteigenden Pfad, entlang von saftig grünen Wiesen und Feldern, startete die Tour noch relativ entspannt. Im Rücken das milchig blaue Wasser und der weiße Sand einer kleinen Bucht im Nordatlantik, wurden wir schon jetzt mit einer wunderschönen Aussicht belohnt. Schon bald darauf öffnete sich nun auch noch der Blick nach vorn, und zu unseren Füßen tat sich die zerklüftete Seenlandschaft des Einangsvatnets auf, hinter der bereits die ersten Felszacken herausblitzten. Noch kam uns ab und zu ein Wanderer auf seinem Weg hinab ins Tal entgegen, aber auch das sollte sich bald ändern und wir uns wieder in der erhofften Einsamkeit wähnen.

Als wir mit dem etwas höher gelegenen Fosavatnet nun auch noch See Nummer 2 erreichten, wurde es dann allerdings auch merklich steiler. An dieser Stelle gabelt sich der Weg, und man könnte von dort auch zu dem schneeweißen Sandstrand der Kvalvika-Bucht hinuntersteigen. Hätten wir nur ein bisschen mehr Zeit und weiterhin das Wetter auf unserer Seite gehabt, dann wäre dieses malerische Plätzchen der optimale Ort, um sein Zelt aufzuschlagen. Romantischer ging es wohl kaum! Wir nahmen aber stattdessen wie geplant den Weg nach oben, was wir natürlich auch nicht bereuen sollten. Der Blick hinab in das türkisblaue Wasser der Kvalvika-Bucht und auf den scharfkantigen Moltinden im Hintergrund offenbarte uns soeben das Paradies auf Erden.

Je höher wir nun kamen, umso mehr trat auch das grünblaue Wasser in Erscheinung, was zum Atlantik hin jedoch immer dunkler wurde und einen sofort wieder ins Gedächtnis rief, dass wir am Nordmeer und nicht etwa in der Karibik waren. Doch auch die Ausblicke über die grüne, von Seen durchbrochene Berglandschaft in Richtung Süd und Ost war einfach phänomenal. – Passend zu Ostern und natürlich zu dieser einzigartigen Umgebung fällt mir da glatt das Faustsche Zitat ein: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Kurz vor dem topografisch bezeichneten Gipfel wartete das eigentliche Highlight dieses Berges auf uns – die kleine Trolltunga. Und wer meinen Bericht über die >>Trolltunga<< gelesen hat und nun diese Bilder sieht, den brauch ich womöglich nicht mehr viel zu erklären. Diese Zunge hier war allerdings um einiges kürzer und schwulstiger, so dass man an ihr guten Gewissens auch einmal herumturnen konnte.

Bis zum Gipfel selbst, der auf 543 Metern liegt, war es nun auch nicht mehr weit. Spätestens hier oben wurde man dann aber wieder sehr abrupt aus seinen Südseeträumen gerissen. Die Aussicht über die steil zum Meer abfallenden Felsflanken, hinter denen die Unendlichkeit des Atlantiks gähnte, ließ einen schon beim schieren Anblick frösteln; und der garstige Wind trug noch sein Übriges dazu bei.

Mit einen kleinen Umweg über die rote Fredvanghytta ging es nun wieder auf gleichem Weg ins Tal hinab. Noch ein letztes Mal sollten wir die Lofoten unverschleiert und ohne Regen zu Gesicht bekommen. – Und während ich in diesem Moment so meinen Gedanken nachhänge und versuche, diese in Worte zu fassen, ergreift mich gleich schon wieder eine tiefe Sehnsucht.

Bevor wir uns nun aber auf die Suche nach einem Schlafplatz machen wollten, mussten wir unbedingt schnell noch was kochen, solange es trocken war bzw. dazu einen überdachten Unterstand finden. Wir hatten Glück, und zur Feier des Tages gönnte sich Flo sogar mal eine Dose Bier. – Das hört sich vielleicht so selbstverständlich an, doch Bier in Norwegen zu erhalten, ist gar nicht so einfach; zumindest wenn man seine Einkäufe am Morgen erledigen will. Zu dieser Tageszeit bekommt man schlicht und ergreifend kein Bier ausgehändigt. Einmal versucht, und wir musstes es an der Kasse direkt auch wieder abgeben. Tja, so gab es für Flo in 3 Wochen eben nur zweimal eine Dose Bier. Oh je!!!

Flakstadøy auf den Lofoten in Norwegen

Gimsøya

Übernachtungsdesaster

Okay ich muss zugeben, das hört sich jetzt vielleicht schlimmer an, als es letzten Endes war, doch beschämt hat es uns trotzdem. Da wir am nächsten Morgen gleich ganz in der Früh nun auch noch den zweiten Vorschlag von unserem Rosenheimer befolgen und den Hoven erwandern wollten, sind wir noch am selben Abend auf die Insel Gimsøya (die kleinste der 7 Hauptinseln) weitergefahren. Dort suchten wir umgehend den uns empfohlenen Parkplatz am Golfplatz auf, der gleichzeitig auch den Startpunkt der Tour markierte. Man hatte uns jedenfalls ausdrücklich zugesichert, dass wir dort ohne Weiteres über Nacht stehenbleiben könnten, da um diese Zeit ja eh keine Golfer mehr unterwegs sind, und wir somit auch niemanden behindern würden. – Gesagt, getan, und so waren wir eigentlich ganz froh, dieses Mal die „No Camping“ Schilder ignorieren zu dürfen, wo es doch eh schon 21 Uhr und dazu noch ungemütlich kalt war.
Die Nacht verlief aufgrund des starken Windes eher durchwachsen, doch gegen 7 Uhr wurden wir dann endgültig aus dem Leichtschlaf befördert. Erst laute Stimmen, dann Musik, danach reges Treiben, so als wöllte man uns um jeden Preis aufwecken. – Mist, wir fühlten uns ertappt und peinlich berührt, doch nicht woanders geschlafen zu haben. Normalerweise sind wir immer sehr darauf bedacht, in einem fremden Land nicht unangenehm aufzufallen; für mich war das somit der absolute Supergau. Ich hab mich kaum getraut, meinen Kopf aus dem Zelt zu strecken. Doch es half ja nun nichts, irgendwie mussten wir letztendlich weiterkommen. So gut es eben ging, haben wir uns wieder sortiert und schließlich zu unserer Wanderung aufgemacht; natürlich mit gesenktem Haupt in sicherer Entfernung zu den emsigen Greenkeepern.

Wanderung zum Hoven – 14. August 2020

Die Tour zum 368 Meter hohen Hoven war eigentlich nicht sonderlich schwierig und somit relativ bequem in einer Dreiviertelstunde zu bewältigen. Die eigentliche Herausforderung stellte heute wohl eher die Witterung dar, der man an diesem isoliert stehenden Berg sehr stark ausgesetzt ist. Vor allem als wir dann am Gipfel standen, blies der Wind so über uns hinweg, dass unsere Hardshelljacken schon fast an ihre Grenzen kamen. So blieb uns nichts Anderes übrig, als unser Frühstücksfleisch – ich konnte es langsam selbst schon gar nicht mehr ab – versteckt hinter einem Felsvorsprung einzunehmen.
Leider begannen die dicken Regenwolken die Gipfel der umliegenden Berge immer fester in ihren Griff zu nehmen, wodurch das für die Lofoten so typische Bild nun etwas kastriert wirkte. Unter optimaleren Bedingungen muss das Panorama von hier oben wohl einmalig sein, da der komplett freistehende, vom Moor umgebene, Hoven einem eine uneingeschränkte Sicht in jede Himmelsrichtung bietet. Dieser Sicht jedoch nun etwas beraubt, hielten wir uns jetzt gar nicht mehr allzu lange auf, schließlich wollten wir gleich noch einen zweiten Berg in Angriff nehmen.

Austvågøy

Wanderung zum Festvågtinden

Ihr mögt vielleicht denken, wir sind bescheuert, was wir alles in diese 2 Tage gepackt haben; und erst recht, wenn ich euch jetzt erzähle, dass wir im Anschluss gleich noch eine Wanderung unternahmen. Doch da wir ja die Zeit bzw. die Regenwolken im Nacken hatten und nicht umsonst all die Kilometer in den Norden gefahren sein wollten, mussten wir halt etwas mehr Gas geben, um unsere lange Wunschliste abzuarbeiten. Deshalb fuhren wir jetzt auch zügig weiter zur größten (477 km²) und nördlichsten der Lofoten-Hauptinseln oder um etwas konkreter zu werden nach Henningsvær. Doch bevor wir uns dieses berühmte Fischerdorf anschauen wollten, sollte es noch ein letztes Mal hoch hinauf gehen – und zwar zum 541 Meter hohen Festvågtinden.

Ging es bei all den anderen Wanderungen auf den Lofoten doch verhältnismäßig gemächlich zur Sache, war dieser Aufstieg hier mit Abstand der beschwerlichste. Schon gleich zu Beginn wurden erst einmal unsere Boulderfähigkeiten auf die Probe gestellt, während wir ganz nebenbei versucht haben, zwischen all den fetten Felsbrocken auch noch den richtigen Weg zu finden.
Geröllig blieb es auch im weiteren Verlauf, nur wurden die Steine allmählich kleiner und der Weg etwas einsichtiger. Ich würde uns jetzt zwar schon als alpin erprobt bezeichnen, doch wenn man eben mal schnell die vierte Wanderung (innerhalb von zwei Tagen) aus dem Hut zaubert und eigentlich gar nicht mit so einer Wegbeschaffenheit rechnet, dann darf man sich ruhig auch einmal wundern.

Umso fantastischer waren dafür auch hier wieder die Ausblicke – hinab zum Fjord und auf Henningsvæer -, die uns von Anfang an auf unserem Weg begleitet haben und nur für kurze Zeit mit uns im Nebel verschwanden. Ja, dieser war es schließlich auch, der uns einen der seltenen Momente in unserem Bergsteigerleben bescherte, kurz vor dem Gipfel umkehren zu müssen. Aber es hatte einfach keinen Sinn, sich jetzt noch weiter durch Wind, Regen und Nebel auf dem immer steiler und rutschiger werdenden Pfad nach oben zu kämpfen, wo sich doch der schwere Vorhang mit jedem Meter weiter zuzog und das Bühnenbild am Fuße des Festvågtinden zunehmend verschluckte, je höher man kam. Heute ging es uns schließlich um das, was wir uns zu sehen erhofften und nicht um die pure sportliche Herausforderung. Die konnten wir uns dann gerne wieder daheim suchen.

Der Rückweg gestaltete sich geringfügig anders, indem wir nun direkten Kurs auf den Bergsee Heiavatnet nahmen. Oberhalb von Henningsvær gelegen, diente dieser See dem Fischerdorf einst als Wasserspeicher. Trotz des zunehmenden Regens wollte ich hier nun zumindest mal ein kurzes Päuschen einlegen und vor allem aber nach diesem sonderbaren Kletterfelsen suchen, den ich irgendwo in einem Bildband gesehen hatte. Gefunden habe ich ihn natürlich nicht, was schlicht und ergreifend daran lag, dass dieses bizarre Gebilde nicht hier, sondern in Svolvær steht. Dennoch, die Fauna – mit ihren saftig roten und schwarzen Beeren und den leuchtenden lilafarbenen Blüten zwischen all den sattgrünen Blättern der Zwergsträucher -, die sich nun zu unseren Füßen wie ein bunter Teppich ausbreitete, vermochte mich wenigstens ein bisschen über die kleine Enttäuschung hinwegzutrösten.

Henningsvær

Als wären wir noch nicht genug gewandert, parkten wir unser Auto nun auch noch vor den 2 Bogenbrücken, die in das Fischerdorf Henningsvær hineinführen. Doch da ausgerechnet heute auch noch ein Fahrrad-Marathon stattfand, und dafür das halbe Dorf abgesperrt war, nutzen wir eben diese letzte Gelegenheit, um uns noch einmal ordentlich die Füße zu vertreten. (Meinen Fersensporn freut so etwas ja ungemein!)

Im Dorf angekommen, wussten wir dann auch gleich wieder, was „Zugang“ bedeutet. Hatten wir zuvor die anderen Orte eher sehr einsam erlebt, so war hier das absolute Gegenteil der Fall. Wohnmobil über Wohnmobil, der Parkplatz war gerammelt voll. Wo sich allerdings dann letzten Endes all die Leute im Dorf verteilt haben, ist mir jedoch ein Rätsel geblieben; leider aber auch, warum man dieses Dörfchen als „Venedig der Lofoten“ bezeichnet. Uns hat es jedenfalls nicht so ganz überzeugen können, nach alldem, was wir bisher schon gesehen hatten. Vielleicht waren wir aber nach all diesen wunderbaren Eindrücken inzwischen auch nur etwas satt und brauchten nun wieder ein wenig Zeit, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Wie wir bereits von oben gut erkennen konnten, verteilt sich das berühmteste Fischerdorf der Lofoten über mehrere kleine Schäreninseln im Vestfjord, wobei die zwei Hauptinseln (Heimøy und Hellandsøy) durch eine Mole miteinander verbunden sind. Bis in die 1950er Jahre war Henningsvær zudem auch noch das größte Fischerdorf auf dem Lofoten-Archipel. Auch wenn die Hochzeiten der Fischerei inzwischen vorüber sind, gilt dieses Dorf noch immer als das Zentrum des Stockfischexports. So kann man während der Hauptsaison der Dorschfischerei unzählige Trawler im natürlichen Hafenbecken liegen sehen, während in den Sommermonaten sich Touristen und Kunstliebhaber die Klinke in die Hand geben; befindet sich mit dem Lofot Hus hier doch auch das bedeutendste Museum für die klassische Malerei auf den Lofoten und (wie man behauptet) der umfangreichsten Kunstsammlung Norwegens.

Die ausgesprochenen Kunstkenner sind wir ganz sicher nicht, also haben wir uns lediglich darauf beschränkt, einmal durch Henningsvær zu spazieren und einen Blick auf das nahezu leere Hafenbecken zu werfen. Die Luft war jetzt endgültig raus!

Servus Lofoten

Unsere Bestätigung, wieder einmal alles richtig gemacht zu haben, erhielten wir in den folgenden Stunden. Denn als wir uns nun zum Verlassen des Insel-Archipels noch weiter in den Norden aufmachten, schüttet es nur so aus allen Wolken. Also hatten wir letztendlich doch noch einmal Glück im Unglück gehabt und der selbstgemachte Stress sich wirklich gelohnt.
Wenn man sich einmal vor Augen hält, dass es auf den Lofoten ca. die Hälfte des Jahres regnen soll, dann ist die Chance also 50:50, so richtig daneben zu greifen. So traumhaft schön diese Gegend bei Sonnenschein oder verwunschen bei leichten Nebelschleiern ist, genauso rau und unberechenbar ist sie auch, wenn sich dunkle Wolken bis zum Boden ausbreiten und Sturm und Regen über die Insel peitschen. – Wir waren echt froh, nun im Auto zu sitzen und nicht mehr dieser ungemütlichen Witterung ausgesetzt zu sein. Nur noch zweimal hielten wir ganz kurz an und zwar, um in Svolvær den berühmten Kletterfelsen Svolværgeita (Svolvær-Ziege) mit seinen 2 Hörnern zu inspizieren und ein paar Muscheln für die Neffen einzusammeln. – Diese liegen oft zuhauf zwischen den Felsen am Wasser und werden für gewöhnlich von den Möwen im Flug fallen gelassen, nachdem sie die Weichteile herausgepickt haben.

Svolværgeita in Svolvær auf den Lofoten in Norwegen

Beeindruckend war zum Schluss auch noch einmal die 1007 Meter lange Tjeldsundbrua, eine Hängebrücke mit einer Spannweite von 290 Metern, die die Vesteråleninsel Hinnøy mit der Region Troms og Finnmark verbindet. Über diese ging es nun letztendlich auch für uns wieder zurück aufs Festland.
Trollfjord, Vesterålen, Senja, Troms, diese interessanten Ziele müssen vorerst leider alle auf uns warten. Unser Zeitpolster, um schließlich noch weiter in den Norden vorzudringen, war nun endgültig aufgefressen; jetzt mussten wir uns so langsam wieder in den Süden aufmachen. Aber immerhin hatten wir uns auch dort noch 2-3 Schmankerl aufgehoben.
Für heute war es jedoch kurz vor Narvik aber erst einmal vorbei!

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