Norwegen 2020 – Südwärts

Mit der Tjeldsundbrua hatten wir den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht und inzwischen bereits 4500 km auf dem Tachometer stehen. Jetzt hieß es, sich wieder südwärts zu bewegen; und zwar auf dem schnellsten Weg, denn unser nächstes Ziel lag in ca. 1300 km Entfernung. Na da hatten wir uns ja wieder was vorgenommen!
Bis kurz vor Narvik waren wir am Vorabend ja noch gekommen, und eben diese Stadt wollten wir nun auch nicht einfach so ganz links liegen lassen.

Narvik – 15. August 2020

Narvik ist mit Sicherheit kein schöner, dafür aber ein sehr geschichtsträchtiger Ort, der schließlich der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg seine erste größere Niederlage einbrachte. Doch wie kam es letzten Endes dazu?
Das ehemalige Fischerdorf hat es seiner Lage am durch das vom Golfstrom klimatisch begünstigten Nordmeer und dem somit ganzjährig eisfreien Hafen zu verdanken, dass es sich zum weltweit größten Umschlagplatz für Eisenerz entwickeln konnte. Dieser begehrte Rohstoff wurde in den Gruben der nordschwedischen Stadt Kiruna (die noch immer als größte Eisenerzmine der Welt gilt) zu Tage gefördert und konnte mit der Fertigstellung der Ofotbanen im Jahre 1902 nun auch nach Narvik weitertransportiert und von dort auf Erzfrachter verladen werden. Aus wirtschaftlicher Sicht waren das natürlich die besten Voraussetzungen für Narvik, welches infolgedessen auch das Stadtrecht verliehen bekam.
Obwohl Hitler es eigentlich vermeiden wollte, den Norden mit in seinen Krieg einzubeziehen, entschied er sich nach reiflicher Überlegung doch dazu, u.a. auch den Hafen von Narvik am 09. April 1940 im Zuge der Operation Weserübung einzunehmen; um die „Neutralität der nordischen Staaten zu sichern“. – Die nicht so schnell versiegende Eisenerzquelle war dann wohl doch zu bedeutend für die Kriegsindustrie des deutschen Reiches. – Noch am selben Tag entsandte er unter der Leitung von Generalmajor Dietl ein Expeditionskorps nach Narvik und dieses nahm es auch ohne großen Widerstand umgehend ein. Diese spontane, etwas schlecht vorbereitete Aktion sollte der Führer jedoch sehr schnell bereuen, und so wurde die deutsche Wehrmacht am 28. Mai 1940 auch schon wieder von den Alliierten Truppen zurückgedrängt. Da die siegreichen alliierten Einheiten allerdings durch die deutsche Invasion in Frankreich nun an dieser neuen Front dringender benötigt wurden und somit 14 Tage später (08. Juni) schon wieder abrücken mussten, kam das einem Ritterschlag für die deutschen Gebirgsjäger gleich, die nun wieder praktisch kampflos in Narvik einmarschieren konnten. Während der nun folgenden fünfjährigen deutschen Besatzungszeit wurde das Eisenerz aus dem Norden förmlich herausgezogen und ins deutsche Reich zur Kriegsproduktion verschifft; die Stadt selbst allerdings in Schutt und Asche gelegt.
Narvik hat sich selbstverständlich schon lange wieder davon erholt und ist inzwischen zu Norwegens zweitgrößtem Umladehafen herangewachsen. Mit der Erzverladeanlage LKAB besitzt die Stadt auch die leistungsfähigste und modernste seiner Art. – Und zumindest auf dieses Monstrum wollten wir von Weitem mal ein Auge werfen.

Mehr als von Weitem, war dann leider auch nicht möglich, und so schlichen wir ein bisschen um Maschen- und Stacheldraht herum, um wenigstens einen Blick auf diese riesige, laut surrende Anlage erhaschen zu können. Nach all den herrlichen Naturerlebnissen der letzten Tage war das hier nun ein wirklich herber Kontrast; dennoch sehr beeindruckend. Vielleicht sollten wir ja, falls wir irgendwann noch einmal nach Nord-Norge kommen, über eine kleine Werksbesichtigung nachdenken. Doch heute trieb es uns weiter – südwärts.

Saltdalen

Über aussichtsreiche Brücken, durch zahlreiche Tunnel, entlang von frisch herausgesprengten Straßen; mal im Regen, mal im Sonnenschein; begleitet von satten Regenbögen, befremdlichen Elch-Warnschildern und den unterschiedlichsten geformten Bergen, kamen wir schließlich kurz vor dem Nördlichen Polarkreis ins wunderschöne Saltdalen hinein. Durch dieses Tal fließt auch die wild-romantische Saltelva (oder auch Lønselva) hindurch, an der wir eigentlich nur vorhatten, unsere Wasserreserven wieder aufzufüllen. Doch irgendwie konnten wir dem klaren, kalten, grünblauen Wasser nicht wiederstehen und haben uns ganz spontan einen Waschgang gegönnt; sehr zur Freude eines ungebetenen Beobachters.

Heißt der Fluss denn nun Lønselva oder aber Saltelva? Diese Frage habe ich mir auch gestellt und etwas intensiver recherchieren müssen, da die Angaben bei Google und auch in den meisten anderen Karten nicht so ganz stimmen. Letztendlich ist es so, dass die Lønselva über unzählige Felsstufen aus dem Saltfjellet-Nationalpark im Westen und die Junkerdalselva aus dem Junkerdal-Nationalpark im Osten im Saltdalen (bei Storjord) zusammenfließen. Aus diesen beiden Gebirgsflüssen geht schließlich die Salt(dals)elva hervor, welche nach Norden in den Saltdalsfjord abfließt. Und damit es noch verwirrender wird, gibt es für alle 3 Flüsse auch noch einmal einen sämischen Namen. Doch damit will ich euch und auch mich jetzt verschonen.

Endlich wieder einmal die Sonne auf unserer Seite und von den imposanten Felsmassiven des Junkerdal-Nationalparks umgeben, fiel es uns reichlich schwer, so schnell schon wieder von diesem malerischen Landstrich Abschied nehmen zu müssen. Deshalb hielten wir keine 2 Minuten später gleich noch einmal an, um uns nun auf einem einladenden Felsblock direkt an der Lønselva etwas zum Mittag zu kochen; bevor wir dann kurz darauf wieder in die unwirtliche Gegend um den Polarkreis abtauchen würden.

Ein Tag geht zu Ende

Die restlichen 7 Stunden verbrachten wir ausschließlich mit Fahren. Nur eine kurze Pause haben wir uns gegönnt, und noch einmal an unserem überaus idyllischen Übernachtungsplatz (von der Hinfahrt) im Namdalen angehalten. Doch zum Schlafen noch viel zu früh, gab es heute nur fix einen – für Norwegen so typischen – Labskaus; natürlich aus der Dose.
Um 21 Uhr, kurz vor Steinkjer, reichte es uns dann aber endgültig. 850 Kilometer waren immerhin schon mal geschafft.

Ein neuer Tag beginnt – 16. August 2020

Ich war ja schon so etwas von aufgeregt, denn heute wollten wir mit unserer Wanderung über den legendären Bessegengrat im Jotunheimer Nationalpark starten. Doch zuvor galt es noch etliche Kilometer abzuspulen. Nord-Norge hatten wir zumindest schon mal hinter uns gelassen, jetzt mussten wir allerdings erst einmal die Region Trøndelag durchqueren, um bis ins Østlandet vorzudringen. 400 sture Kilometer auf der E6 standen auf dem Programm, die sich noch einmal ordentlich hinzogen. Doch eine kleine Überraschung hatte auch diese Strecke für uns parat, denn unmittelbar vor unseren Augen rannte eine Elchkuh mit ihrem Jungen über die Straße. Eine ausgesprochene Seltenheit, da Elche – hingegen zu den domestizierten Rentieren – sehr scheue Tiere sind und normalerweise eher im Schutz der Dämmerung ihre sicheren Gefilde verlassen. (Anmerkung: Es ist übrigens nicht korrekt, wenn behauptet wird, dass die größte heute vorkommende Hirschart zu den nachtaktiven Spezies gehört. Denn Elche sind sowohl tagsüber als auch in der Nacht aktiv!)

Elche bei unserer Fahrt ins Østlandet in Norwegen

Stabkirche Vågå in Vågåmo

Endlich konnten wir die E6 verlassen und kamen in Vågåmo überraschenderweise noch an einer kleinen Stavkirke vorbei. Wobei, rein wissenschaftlich betrachtet, handelt es sich hier eigentlich gar nicht um eine Stabskirche, da so typische Elemente wie z.B. die Masten fehlen. Auch wurde die ursprünglich im 12. Jh. errichtete einschiffige Kirche, die vormals weiter westlich stand, an dieser Stelle nach der Reformation (ca. 1630) neu aufgebaut und kreuzförmig erweitert.
Das Taufbecken aus Talkstein gehört zu dem ältesten Inventar des Gotteshauses und stammt ebenso aus dem 12. Jh. Die Drachenmotive am Südportal gelten als die am feinsten ausgearbeiteten und ältesten des Landes. Während wir diese bewundern konnten, blieb uns der Eintritt ins Kircheninnere wieder einmal mehr verwehrt.
Dafür wies uns ein netter Herr auf einen berühmten Gedenkstein auf dem angrenzenden Friedhof hin, der zu dem Grab eines bekannten Rentierjägers gehört. Jo Gjende – noch nie zuvor gehört; doch sein Grabstein ist wirklich sehr schön.

Das war der geeignete Zeitpunkt, um neben der Besichtigung dieser Kirche auch gleich mal unsere Rucksäcke für die gleich bevorstehende Wanderung vorzubereiten; sprich: Wasser abfüllen, 5-Minuten-Terrinen umtüten, Gewand und Equipment verstauen usw… – Es gibt ja nichts Schlimmeres, wenn man sich am Startpunkt der Tour stressen muss und dann womöglich die Hälfte vergisst. – Doch dann konnte uns wirklich nichts mehr aufhalten, und so stiegen wir ins Auto, um nun auch noch die letzten 60 Kilometer nach Gjendesheim zurückzulegen. Keine Stunde später waren wir startbereit für die Überquerung des Bessegengrates. (Doch dazu gibt es wieder einen separaten Bericht!)

Typisch Norwegisch

… sind nicht nur Elche, Fjorde, Fjells und Rorbuer-Hütten, sondern auch ein paar Lebensmittel, die wir unbedingt ausprobieren und später damit auch unsere Verwandtschaft beglücken mussten. Zum einen sind das ein paar Käsespezialitäten, wie der klebrige, braune, süßlich schmeckende Geitost aus reiner Ziegenmolke und der diesem in Form und Farbe ähnelnde, noch süßere Gudbrandsdalsost, der allerdings aus Kuh-, Ziegen- und Schafsmolke hergestellt wird. Die etwas geruchsintensivere Variante wäre dann noch der Gammelost aus Kuhmilch, den wir allerdings (zumindest im Supermarkt) nirgends finden konnten. Während andere den Geschmack – der eher an Karamell und Erdnussbutter erinnert – und die Konsistenz, die einem den Käse ordentlich an den Zähnen kleben lässt, für sehr gewöhnungsbedürftig halten mögen, fanden wir diese Pseudokäse gar nicht mal so übel; vor allem in Kombination mit dem knusprigen Frøknekkebrød.
Ein anderes Gericht, was wir probiert haben, war der Labskaus – oder im Norwegischen auch als Lapskaus bezeichnet. Im Grunde genommen handelt sich hierbei um einen deftigen Eintopf, der ursprünglich aus der Zeit der Segelschifffahrt stammt, und besteht im Wesentlichen aus Kartoffeln, Roter Bete, Zwiebeln, Schmalz, Brühe und – im Fall des Brun (dunklen) Lapskaus – ferner aus gekochten Rindfleischstücken. Den Aquavit dazu haben wir uns jedoch nicht gegönnt, aber lecker war es trotzdem. – Und für all diejenigen, die diese kulinarischen Highlights jetzt nicht so überzeugt haben, denen sei versichert, dass Norwegen ja auch noch ein paar andere Vorzüge hat. 😉

Geitost, Gudbrandalsost und Frøknekkebrød - Spezialitäten aus Norwegen
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