Spreewald – April 2016

„Als der Teufel vor langer Zeit mit seinem Ochsengespann das Bett der Spree pfügte, war er schon ein gutes Stück voran gekommen, doch dann zeigten sich plötzlich die 2 Höllentiere müde und wollten wieder zurück. Das passte dem Leibhaftigen ganz und gar nicht. Wutentbrannt warf er eine Münze nach den Rindviechern, und schrie sie an: „Dass euch faules Vieh doch meine Großmutter hole!“
Daraufhin ergriffen die erschreckten Tiere die Flucht und rannten mit dem Pflug kreuz und quer davon. Der Teufel konnte die türmenden Ochsen bald wieder einfangen, doch war das Feld nun völlig zerstört. Die verbliebenen Rinnen füllte sich alsbald mit Wasser, und so entstand ein Delta mit 350 Wasserläufen und Fließen von mehr als 1000 km Länge.“

Der Sage nach ein missglücktes Werk des Teufels, laut Wissenschaft jedoch soll der Spreewald als Teil eines Urstromtals beim Rückzug der Eismassen nach der letzten Eiszeit entstanden sein.
Was auch immer man glauben will, Sagen sind auch heute noch in der Region allgegenwärtig und eng mit den Volksbräuchen der Sorben und Wende verwoben. Wobei speziell diese Sage erst nach der Christianisierung entstanden sein muss, da es die Figur des Teufels nicht in der Vorstellungswelt der Sorben und Wenden gab.

Laut slawischer Mythologie mahnt die „Mittagsfrau“ auch mal Pause zu machen, anderenfalls schneidet sie denen, die zu lange über Mittag auf dem Feld bleiben, den Kopf mit der Sichel ab.
Der Wassermann ist ein ungemütlicher Geselle. Er tötet mit seiner Keule besonders gern kleine Kinder und zieht neugierige Menschen in sein unterirdisches Reich hinab. Da er Fluten und Stürme herauf beschwören kann, gab es schon oft im Frühjahr Überschwemmungen.
Dagegen gilt der Schlangenkönig als wahrer Glücksbringer unter den Sagengestalten und ziert schon gerne mal das ein oder andere Wappen. So sieht man an vielen Giebeln der traditionellen Blockhäuser meist ein Paar gekreuzte Schlangenköpfe, welche die darin wohnende Familie vor bösen Geistern schützen soll.
Der Plon – ein sorbischer Glücksdrache – bringt unerhofften Reichtum in Form von Korn und Geld.
Und zum Schluss will ich noch die Lutki nennen, ein Volk von kleinen Menschen mit roten Jäckchen und Mützen, die unter der Erde leben und sich von Brotkrümeln ernähren. Deshalb darf man auch nicht zu tief pflügen, weil man sie sonst vertreiben würde.

Neben all den Sagen und Bräuchen gibt es allerdings noch andere Zeugen aus Slawischer Zeit, wie eine Anzahl von Wall- und Befestigungsbauten belegen – einen Wall kann man sich in der Nähe von Raddusch anschauen.

Ebenso spiegeln sich alte Traditionen in den typischen Trachten der Spreewälderinnen mit den markanten Hauben wieder.

Um noch kurz etwas das sprachliche Gewirr zu lösen: Von der slawischen Muttersprache leiten sich 2 Dialekte ab. Im Spreewald wird Niedersorbisch gesprochen, was dem Polnischen sehr ähnlich ist, in der Niederlausitz dagegen Wendisch. Dass es dabei kleine, aber feine Unterschiede gibt, kann man als Auswärtiger daran sehen, dass viele Ortschaften zweisprachig ausgeschildert sind.

Damit wären wir auch gleich beim Thema Ortsschilder. Während diese bei uns immer an der Straße stehen, findet man sie im Spreewald genauso auf den Fließen. Das ganze Leben spielt sich mehr oder weniger auf dem Wasser ab, so stakt selbst die einzige Postfrau Deutschlands über die kleinen Kanäle zu ihrer Kundschaft.

Die schönere Hausseite und die Gärten sind stets dem Wasser zugewandt. Ohne Kahn ist man als Hiesiger praktisch aufgeschmissen.
Wir haben einmal versucht, die Gegend auf dem Landweg zu erkunden und können nun eindeutig bezeugen, dass es per Boot wirklich um einiges attraktiver ist, noch zudem man im anderen Fall selten überhaupt direkt am Wasser entlang gehen kann. 
Aufgrund des Hochwasserschutzes hat man so genannte „Umfluter“ angelegt, die die weitmaschigen, fein verästelten Kanäle gewissermaßen einrahmen und das überschüssige Wasser ableiten. Das hat allerdings oben erwähnten Nachteil.

Jetzt habe ich euch hoffentlich nicht allzu sehr gelangweilt, aber eins solltet ihr euch – neben einer Fahrt im Kahn – auf keinen Fall entgehen lassen: Spreewälder Gurken!!!

22.04.2016 / Wußwerk-Lübbenau-Lehde-Leipe-Wotschofska

Seitdem ich im Kindergartenalter einmal mit meinen Großeltern im Spreewald war, hat er mich einfach nicht mehr los gelassen, und ich wollte unbedingt irgendwann noch einmal hierher zurück kommen. Denn außer Ohrenschmerzen und selbst gehäkelte Taschentuchbehälter unter dem Hintern einer dicken, unsympathischen Rentnerin, die ich als Dreijährige stets nur in Po-Höhe wahrnahm, konnte ich mich an noch so viel Gutes erinnern – wie die Kanäle, Schleusen, Boote und schöne, jodelende und tanzende Spreewälderinnen in ihren Trachten. 

Bereits gestern waren wir in unserer kleinen gemütlichen Unterkunft in Wußwerk angekommen. Liebevoll hatten die Vermieter eine kleine Scheune umgebaut, in der wir uns schnell heimisch fühlten, sobald Flo erst einmal den Kamin angeschürt hat.

Schon das Abendbrot im „Alten Bahnhof“ in Burg war ein Erlebnis für sich. Per Signalscheibe hat man das Essen bestellt und die Getränke im Miniaturwagon geliefert bekommen. Wirklich eine nette Idee.

Gleich am frühen Morgen standen wir schon am Großen Spreewaldhafen in Lübbenau, weil wir unbedingt eine Kahnfahrt mitmachen wollten.

Nun war es aber wirklich noch sehr zeitig und noch zudem viel kälter als gedacht, so dass wir uns entschieden, erst einmal ein paar Schritte zu gehen und Lehde – laut Theodor Fontane das „Venedig in Taschenformat“ – per pedes zu erkunden.
Das kleine Dorf zählt gerade einmal 150 Einwohner, und jeder Haushalt scheint auf seiner eigenen Insel zu stehen. Über Bänke, wie man hier die Brücken nennt, sind die Häuser miteinander verbunden, die man früher ausschließlich übers Wasser erreichen konnte. 
Jeder der einmal den Oberspreewald besucht, wird mit Sicherheit in diesem Vorzeigedörfchen landen.

Wir wollten nun aber noch ein Stück weiter bis nach Leipe wandern, um uns auch ein bisschen an der Natur zu erfreuen. Zum Glück bleibt man im Frühjahr noch von den bösartigen Stechmücken verschont, die einen hier sonst ordentlich zusetzen können. Auch ist es um diese Jahreszeit besonders schön, wenn die Pflanzen am Boden noch sattgrün leuchten, während die dunklen Stämme der Schwarzerlen fast Furcht einflößend aus den Fließen empor ragen. 

In Leipe angekommen, konnten wir nun das erste Mal auch eine Schleuse in Augenschein nehmen, wo es nicht ganz unüblich ist, diese auch selbst zu bedienen, wenn man mit dem Boot allein unterwegs ist.

Nach einer leckeren Soljanka ging es nun wieder auf gleichem Weg zurück, nur um kurz darauf, sich diese Strecke noch einmal vom Wasser aus anzuschauen.

Ein wunderschönes Erlebnis, wozu man auch nichts mehr zu sagen braucht, wenn man sich die Bilder anschaut.


Da wir einfach nicht totzukriegen sind und nach der 2stündigen Kahnfahrt auch völlig verfroren waren, wollten wir zum Ende des Tages nun noch einen kleinen Fußmarsch Richtung „Wotschofska“ (Erleninsel) in Angriff nehmen.

Der Weg dorthin war genau das, was wir uns unter den Spreewald vorgestellt hatten. Kleine Bänke, die sich über die Fließe spannen, Nebenarme, die sich weit ins Gestrüpp verästeln, sich im Wasser spiegelnde Erlen und Schilf soweit das Auge reicht. Je später es wurde, umso mehr begann sich der Nebel über dem Wasser zu bilden. Die Stimmung hatte zunehmend etwas Mystisches, und man konnte sich gut vorstellen, wie es wäre, wenn sogleich irgendwo der Schlangenkönig oder der Wassermann aus dem Dunst aufsteigen würde.

Nun waren wir aber ganz schön durch und wollten nur noch eine kleine Ehrenrunde durch Lübbenau drehen, welches als inoffizielle Hauptstadt des Spreewaldes gilt.
Am „Sagenhaften Brunnen“ sind wir auch gleich wieder alten Bekannten, wie dem Lutki und dem Schlangenkönig, begegnet.

Danach gab es zwar noch immer keine Gurken, aber lecker Quark mit Leinenöl, was seitdem in unserer heimischen Küche nicht mehr fehlen darf. 

23.04.2016 / Altzauche-Pohlenzschänke-Wotschofska-Burg

Wie schon erwähnt, wollten wir an einem Tag auch mal den Spreewald auf dem Landweg erkunden. Nach unserer Joggingrunde am Morgen haben wir uns von Altzauche aus in Richtung „Pohlenzschänke“ aufgemacht, welches als ältestes Wirtshaus im Spreewald gilt.
Da wir den Nordumfluter erst umgehen mussten, kamen summa summarum so einige Kilometer zusammen. Noch zudem auf nicht gerade fußfreundlichen Betonplatten – made in GDR, da kann sich die Begeisterung schon einmal in Grenzen halten.

Zum Glück war wenigsten dieses Mal das Restaurant geöffnet, so dass wir wieder Kraft für den nächsten längeren Abschnitt tanken konnten. 

Ich muss schon sagen, am Rande des Oberspreewaldes ging es teilweise sehr urig und einsam zu, aber das war ja das, was wir auch gesucht hatten. Trotzdem kamen wir zu dem Schluss, dass wir uns das nächste Mal lieber wieder auf dem Wasser fortbewegen wollen.

Noch war der Tag nicht ganz zu Ende, und so fuhren wir am Nachmittag in den Kurort Burg, wo ich damals ja auch mit meinen Großeltern war. Bis zur Wiedervereinigung 1990 galt es als das größte Dorf der DDR. 
Leider wollte das Wetter nun nicht mehr ganz so mitspielen, und so gab es vom 29 Meter hohen Bismarckturm auch nicht wirklich was zu sehen. Das Reklamemuseum hatte inzwischen auch schon geschlossen, und so wollten wir den Tag nicht mehr unnötig in die Länge ziehen.


24.04.2016 / Straupitz-Burg-Vetschau

Da der Spreewald auch für sein gutes Leinöl bekannt ist, wollten wir heute unbedingt noch einen Abstecher nach Straupitz machen. Dort steht nämlich eine echte Holländer-Windmühle, die man zur Herstellung von Korn, Öl und zum Sägen nutzt. Sie ist die einzige funktionsfähige Dreifachmühle Europas.
Leider waren wir zu früh dran, um sie in Aktion zu erleben, aber ein Fläschlein Öl haben wir zum Glück trotzdem bekommen.


Sehr augenfällig ist auch die unverhältnismäßig große klassizistische Kirche, die nach den Plänen des berühmten Baumeisters Karl Friedlich Schinkel errichtet wurde.


Auf dem Weg noch ein paar Weißstörche gesichtet, dann mussten wir noch ein letztes Mal stoppen, denn in Vetschau gibt es eine Doppelkirche, die ich mir gerne anschauen wollte.

Im 13. Jahrhundert wurde die Wendische Dorfkirche auf einem Hügel errichtet, an die man 1690 einfach eine zweite Stadtkirche für evangelische Deutsche angebaut hat; quasi als friedliches Nebeneinander zweier Sprachen und Kulturen. Wand an Wand stehen nun die 2 Gebäude nebeneinander, teilen sich aber nur einen Kirchturm.


Unsere Reise sollte heute noch weitere Teile der Lausitz streifen, über dich ich aber separat etwas schreiben möchte. Doch soviel kann ich bereits sagen, der Spreewald hat uns schon sehr bald wieder gesehen, und ich hoffe, ich konnte euch auch ein wenig begeistern. 

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