Schneeschuhtour Brecherspitz – Februar 2019

Eigentlich verdient dieser Thread überhaupt nicht die Überschrift „Schneeschuhtour“, eigentlich. Immerhin hatten wir sie mit dabei und sogar kurz einmal anprobiert. Aber heute lief eh alles anders als geplant. 
Schon am Vortag hätte ich am liebsten einfach alles umgeschmissen, als ich gelesen hab, dass man im Winter lediglich den Westgipfel des Brecherspitz erreichen kann, und die Überschreitung zum eigentlichen Kreuz nur sehr erfahrenen Schneeschuhgehern unter optimalen Bedingungen vorbehalten ist. Na toll, wo ist da der Reiz, dann können wir es ja auch gleich lassen – dachte ich mir.
Leider war es heute – mit gemeldeten 14 Grad – extrem warm, und so hätte sich auch keine anderen Tour wirklich besser angeboten. Etliche Wege in den Bayrischen Voralpen waren schon gesperrt, und wie wir auch selbst sehen konnten viele Lawinen abgegangen. 
Gut, bevor wir nun aber gar nichts machen würden, dann wollten wir es halt trotzdem versuchen. Vielleicht könnte man ja wenigstens noch den Bodenschneid mitnehmen. Wir würden es sehen.

28.02.2019 / Brecherspitz

Wirklich noch vor 7 Uhr standen wir am Spitzingsattel. Wir trauten den Temperaturen heute gar nicht, deshalb war es enorm wichtig, dass wir früh dran und auch wieder früh zurück sind, bevor der Schnee noch mehr aufweichen würde. 
Seit 2 Tagen war auch der Trautweinweg gesperrt, und so war das mit der Rundtour gleich wieder hinfällig. Alternativ ging es also über den Firstgraben erst einmal zur unteren First-Alm, ohne sich dabei auch nur irgendwie einen Hax’n ausreißen zu müssen.

Im direkten Kurs auf die Alm richteten sich unsere Blicke unentwegt auf die Hänge dahinter, die schon vollständig ins Rutschen geraten waren. Da müsste man nun wirklich nicht freiwillig entlang gehen, dachten wir uns noch, ohne in dem Moment zu wissen, dass wir das bei unserer ursprünglichen Planung fast hätten tun müssen.

Auch zur Oberen First-Alm ging es relativ unspektakulär weiter, danach bestand das einzige Problem darin, dass man an einer Stelle dem eingeschneiten Wegweiser nicht folgen konnte, weil der Hüttenwirt seinen Haufen davor gesetzt hat.

Der Hang zum Westgipfel hinauf war zwar steil, aber sonst stellte auch er keine wirkliche Herausforderungen dar. Da ich nicht wusste, ob wir uns heute überhaupt noch einmal auspowern könnten, verzichteten wir wenigstens auf die Schneeschuhe mit den Steighilfen und ich zusätzlich auf meine Stöcke, um den Anspruch wenigstens ein wenig zu erhöhen. Doch im Kopf malte ich mir schon aus, wie es wäre, wenn wir vielleicht doch weiter zum Hauptgipfel vordringen könnten. Ich wollte es mir zumindest einmal anschauen…


Vom Westgipfel aus gesehen wirkte der Grad schon gefährlich, zumindest für Winterverhältnisse, doch wir sahen auch Fußspuren. Das war für uns der entscheidende Faktor, es nun doch zu versuchen. 

Die ganzen letzten Wochen hatte ich mich schon über mangelnde technische Schwierigkeiten beklagt, hier waren sie nun endlich. Ein klein wenig Skepsis hat sich trotzdem in mir breit gemacht, da ich die Festigkeit vom Schnee nicht richtig einschätzen konnte. Doch dieses Mal war Flo ganz überzeugt, und wenn sein Bauchgefühl „Ja“ sagt, dann muss das ein eindeutiges Zeichen sein. So habe ich mich nun Stück für Stück voran getasten, um jeweils über den nächsten Absatz schauen zu können, und Flo ist mir vorbildlich mit gebührenden Abständen gefolgt. Denn hatte man erst einmal den Anfang gemacht und die Angst war zu 98% zugunsten der Konzentration gewichen, dann war es auch kein Problem mehr. Aber es ist psychologisch eh immer eine viel größere Überwindung, wenn man eine schmale Stelle bergab überschreiten muss als den Berg hinauf. So waren dann die letzten Meter zum Gipfelkreuz hinauf wieder verhältnismäßig leicht zu bewältigen.


Oben angekommen waren wir natürlich stolz auf uns, diese Situation gemeistert zu haben und bereuten es sogar ein klein wenig, dass wir nicht sogar von Neuhaus aus aufgestiegen sind. Aber wir konnten schließlich nicht vorher wissen, dass es über den Ostgrad genauso gut gegangen wäre. Außerdem mussten wir uns die Lawinensituation auch wieder einmal vor Augen führen, und so war dies in der Tat die sicherere Variante.

Nicht außer Acht lassen will ich, dass wir auch dieses Mal wieder ein herrliches Gipfelpanorama genießen durften. So gingen unsere Blicke im Osten zum Hochmiesing und zur Rotwand, auf denen wir erst kürzlich standen, im Süden u.a. auf den Risserkogel und den Guffert, der von überall heraus sticht, und dann haben wir versucht uns auszumalen, an welcher Stelle wir zum Bodenschneid hinauf gelangen, wenn das denn momentan überhaupt eine gute Idee wäre. 

Jetzt mussten wir aber erst einmal wieder über den Grad zurück, bevor sich die Verhältnisse weiter verschlechtern würden. Bereits 20 Minuten später konnte man schon deutlich spüren, dass der Schnee allmählich anfing sulzig zu werden. Wir waren also wirklich keine Minute zu früh dran, um die Gefahrenstelle noch einmal zu überschreiten. 

Auf dem Weg vom Vorgipfel nach unten zur Oberen First-Alm kamen uns nun so langsam immer mehr Leute entgegen. Wir fragten uns, wo deren Reise wohl hingehen mag. Aber da die meisten mit Tourenskiern unterwegs waren, haben wir einfach mal vermutet, dass sie die Piste wieder hinunter rauschen. Dafür ist diese Region schließlich auch bekannt.
Wir freuten uns unterdessen nun auf den einsamen Teil der Tour – unter Vorbehalt.

Wieder an der Alm angekommen, haben wir uns nun tatsächlich die Schneeschuhe anschnallen müssen. Der Schnee wurde jetzt wirklich zunehmend weicher und in die Richtung, die wir jetzt einschlagen wollten, waren auch kaum noch Spuren auszumachen.

Schon als wir losgetrottet sind, machten wir uns gar keine allzu großen Illusionen, tatsächlich heute noch diesen zweiten Gipfel zu besteigen. Doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Ein Stück sind wir Richtung Krettenburg gegangen und auch 2-3 Meter den Hang hinauf. Doch wir trauten dem Frieden einfach nicht. Hier an der Ostseite waren diese Hänge noch gar nicht entladen, und selbst wenn wir unbeschadet dort hinauf kommen, wie würde es wohl kurz vorm Gipfel des Bodenschneids weitergehen? Laut Karte war noch eine Steilstufe zu überwinden, und vom Brecherspitz aus konnten wir zumindest soviel erkennen, dass die Hänge dort oben nicht so einladend aussahen.
Da wir lieber mehr Verstand als Glück vorweisen wollten, entschieden wir uns kurzerhand dafür, umzudrehen – schweren Herzens, aber wir hatten heute immerhin schon einen Erfolg zu verzeichnen, mit dem wir eigentlich gar nicht mehr gerechnet hätten.

Die Schneeschuhe also keine 10 Minuten später wieder eliminiert, und so ging es entspannt auf der Forststraße zum Auto hinab. Nur mit dem „Seele baumeln lassen“ war heute nicht mehr viel, denn selten kamen uns so viele Leute entgegen wie um diese Zeit an diesem Ort. Wir haben uns noch einmal mehr auf die Schultern geklopft, bereits so früh gestartet zu sein.

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