Norwegen 2020 – Preikestolen

Wenn auch sonst nichts anderes auf der Übersichtskarte Norwegens eingezeichnet sein sollte, der Preikestolen ist stets vermerkt. Zu Deutsch soviel wie „Predigerstuhl“, gehört diese charakteristische Felskanzel zu den frequentiertesten Naturdenkmälern des Landes. Diese ist sogar so populär, dass sie n.a. als Drehort für „Mission Impossible“ herangezogen wurde. Selbstredend, dass der Preikestolen in keinem Norwegenführer, Prospekt, ja sogar dem eigenen Urlaub fehlen darf.
Allen Recherchen nach zu urteilen, verliefen hier vor ca. 10000 Jahren oberhalb des Massivs die Gletscherkanten. Wasser drang in bestehende Ritzen ein, gefror und sprengte schließlich kleine oder auch größere Felsblöcke ab. Was stehen blieb, war letztendlich diese markante, überhängende 25 m² große Plattform 604 Meter über dem Lysefjord.
Und auch heute klafft hier noch ein riesiger Riss, welcher sich quer über das gesamte Plateau zieht. Selbst wenn Geologen die Situation eher als unkritisch einstufen, kann ich mir persönlich nicht vorstellen, dass 30000 Besucher pro Jahr einem räumlich so begrenzten natürlichen Ort sonderlich gut tun mögen. – Ja, auch wir sind auf diesem Felsen herumspaziert; das stimmt. Aber vielleicht kann ich es wieder ein wenig gutmachen, indem ich unsere Eindrücke mit so vielen wie nur möglich teile, so dass es einigen schon reicht, meinen Blog hier zu lesen und diese wunderschönen Bilder auf sich wirken zu lassen.

Wanderung zum Preikestolen – 04. August 2020

Pünktlich 5 Uhr klingelte mein Wecker, und ich hörte auch schon die ersten Stimmen, was mich zugegebenermaßen ein wenig nervös machte. Wenn wir schon nicht auf dem Preikestolen geschlafen hatten, so wollten wir wenigstens so früh wie möglich mit unserer Wanderung dorthin beginnen, damit wir dem befürchteten Ansturm weitestgehend auskamen. Also Flo eiligst geweckt, aus der Koje gesprungen, Zähne geputzt, Zelt zusammengefaltet, Rucksack aufgehuckelt… Keine 20 Minuten später waren wir auch schon auf dem Weg. Leider nicht allein! – Wenn ich etwas hasse, dann ist es die Tatsache, gleich zu Beginn jemand am Hintern kleben zu haben. So haben Flo und ich uns kurzerhand noch einmal die Schuhe nachgeschnürt und die Störenfriede passieren lassen; wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, 2 sehr nette Münchner und ebenfalls Kletterer.

Jetzt hatten wir endlich wieder unsere Ruhe, und das erfreulicherweise für sehr lange Zeit. Dafür durften wir aber gleich unsere noch müden Glieder ein wenig fordern, denn von Anfang an ging es relativ steil durch ein kleines Kiefernwäldchen bergan; und das über mehr oder weniger lose Felsbrocken. Doch das störte uns nicht wirklich, denn so kamen wir immerhin gleich auf die richtige Betriebstemperatur.
Während der ersten Etappe konnten wir hin und wieder einen Blick auf den – zwischen bewaldeten Hügeln eingebetteten – See Revsvatnet erhaschen oder in weiter Ferne sogar auf die Schäreninseln vor Stavanger, bevor es nach ca. 1,5 Kilometern ein kleines Hochmoor über einen Holzbohlenpfad zu queren galt. Ich kann jetzt schon sagen: So kurz die Wanderung vielleicht auch gewesen ist (hin und zurück 11 km), so abwechslungsreich war sie allerdings auch.

Noch ein letztes Mal hatten wir entlang einer gerölligen Felsrinne ein paar Höhenmeter zu bewältigen, dann war zumindest der körperlich anstrengende Teil geschafft. Nach 2 Kilometern und einer Dreiviertelstunde traten wir endlich wieder ins Freie und standen nun auf den halbwegs ebenen Boden des Neverdalfjells, von wo aus wir auch schon den Lysefjord herausspitzen sahen.

Keine 5 Minuten später wussten wir dann übrigens auch, wo man sich auf dem Preikestolen zu Nacht bettet. Auf einer riesigen, von vielen kleinen Seen (Tjødnane) gespickten Plattform tauchte erst ein Zelt auf, dann zwei, dann drei…; und kurz darauf kamen uns in Richtung Felskanzel vermutlich auch deren Besitzer entgegen. Spätestens in dem Moment waren wir eigentlich ganz froh, zum einen antizyklisch unterwegs zu sein und vor allem auch nicht hier oben geschlafen zu haben. Wir hatten wahrlich ein sehr gutes Zeitfenster erwischt, denn nach der ersten Invasion diverser Schlafgäste waren wir nun fast allein auf dieser sonst so überlaufenen Aussichtsplattform.

Von dieser waren wir inzwischen nur noch wenige Meter entfernt, und diese galt es quasi auf einem schmalen Band an der Abbruchkante zu bestreiten. Doch wer einmal das Bettlerkar im Karwendel hinaufgekraxelt ist, den tangiert so was dann auch nicht mehr. Außerdem hatte ich in dem Moment eh nur noch Augen für die mächtige Felskanzel, auf der sich soeben schon 2 weitere Freiluftakrobaten in Pose warfen. – Supi, kein Schlange stehen, wie man es überall prophezeit hatte. Im Gegenteil, wir konnten eher froh sein, dass gerade überhaupt jemand vor Ort war, und man sich so wenigstens gegenseitig einmal fotografieren konnte. Meine luftigen Turnmanöver sorgten allerdings bei dem einen für Bewunderung, bei dem anderen für blankes Entsetzen.

Einzig das Wetter und die damit verbundene Aussicht wollten nicht so ganz mitspielen. Wie auch gestern schon am Preikestolen, stieg hier jetzt der morgendliche Nebel vom Lysefjord nach oben und hüllte sowohl Fels als auch Wasser in einen undurchsichtigen, farblosen Schleier. Wir haben uns zwar mehr Zeit als sonst gelassen, doch so recht aussitzen konnten wir diese ungünstige Wetterlage leider nicht. Hier und da blitze einmal der Fjord hindurch und nahmen die Konturen des Preikestolen Form an, doch mehr war dann auch nicht drin. Dennoch, auch so eine Stimmung hat ihren ganz besonderen Reiz.

Hingegen zu Flo mag ich das Outdoor-Klettern ganz gern, und so bin ich schließlich an den dahinterliegenden Felsenwänden noch ein paar Meter weiter nach oben gekraxelt, um auch einmal das riesige Plateau aus der Vogelperspektive zu erleben. Von hier aus war es jedenfalls ganz lustig zu beobachten, wie unterschiedlich die Leute mit ihrer Höhenangst umgehen. Doch der Drang für ein schönes Urlaubsfoto scheint bei den meisten stärker als die Furcht zu sein, und wenn es für sie heißt, dafür auf allen Vieren an die Abbruchkante zu kriechen. Mein Schatz ist da wesentlich pragmatischer und wartet lieber trotzig mittendrauf, bis ich von allein wieder zu ihm runterkomme. – Irmi und Heini können stolz sein auf ihren verantwortungsbewussten Sohn. 😉

Allmählich nahm nun auch die Besucherdichte etwas zu, doch waren wir nach wie vor überrascht, dass diese sich so in Grenzen hielten. Klar, keine Asiaten, keine Kreuzfahrtschiffe, viel ängstliche Touristen, die dieses Jahr ihren Urlaub lieber im eigenen Land verbrachten; von daher hatte Corona tatsächlich auch mal einen Vorteil, ansonsten wären wir hier sicher nicht so einsam unterwegs gewesen.

Tatsächlich hatte Flo dann doch noch einen Weg zu mir hinauf gefunden, wo er nicht mal klettern musste. Allerdings war ich gerade im Begriff, mich so langsam wieder nach unten vorzuarbeiten; doch dazu mussten wir erst einmal einen geeigneten Abstieg finden. – Das haben wir, doch dieser war zugegebenermaßen etwas tricky. Und weil wir jetzt eh schon am Kraxeln waren, haben wir uns noch ein wenig weiter vom eigentlichen Weg entfernt, um eine besser Sicht auf den Lysefjord zu erhaschen, der sich in dem Moment endlich etwas weniger verhangen präsentierte. Auch die Felskanzel wirkte aus der Distanz weitaus bedrohlicher; mit der Hand voll Touristen, die sich im Nebel vorsichtig an die Abbruchkante heranwagten. Man hätte diesem Schauspiel sicher noch länger beiwohnen können. Jedenfalls weiß ich nun ganz genau, wo wir unser Zelt aufschlagen werden, sollten wir doch noch einmal hierher kommen. Aber das verrate ich jetzt keinem. *lach*

Waren wir zum Preikestolen in nur 1 1/2 Stunden hinaufgestiegen, so schafften wir es herunter in einer knappen Stunde. Was uns dabei allerdings so alles entgegenkam, hat uns nicht nur aufgrund der Anzahl, sondern vielmehr auch wegen manch einer konditionellen Verfassung oder dem auserwählten Schuhwerk etc. verblüfft. Ich will echt nicht wissen, was hier zu „normalen“ Zeiten so abgeht. Aber jedem das Seine, wenn denn nix passiert!!! Wir hatten jedenfalls ein wundervolles Erlebnis, was unter unseren Top Ten zweifelsohne einen Platz belegt.

Preikestolen über dem Lysefjord in Norwegen

Schnell noch auf dem Parkplatz der Preikestolenhytta unsere kompletten Wasservorräte aufgefüllt, dann ging es mit dem Auto auch schon weiter – und zwar auf dem Ryfylkevegen bis zum Folgefonna Nationalpark. Doch dazu mehr in meinem nächsten Blogbeitrag.

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