Norwegen 2020 – Kieragbolten

Auf dem Lysevegen zum Kierag

Allein schon die Anreise zu unserem nächsten Ziel – dem Kierag – war ein Erlebnis für sich. Wie auch schon zuvor am Kap Lindesnes, hatten wir solch eine Landschaft vorher noch nie gesehen, als wir nun um die Mittagszeit auf dem Lysevegen übers Fjell fuhren. Natürlich kannten wir schon Hochgebirge (so die Übersetzung für Fjell) aus unseren Regionen, allerdings liefen da keine Fernverkehrsstraßen mitten hindurch. Außerdem unterschied sich hier die Vegetation wesentlich von der unseren. Wohin das Auge auch sah runde Felshügel, die von gelb-grünen Grasmatten umgeben und teilweise auch überzogen waren, dazwischen sanft mäandernde Bäche, später kleine funkelnde Seen, so dass man eher das Gefühl hatte, auf die Schärengärten am Skagerrak zu schauen; hätte das Wasser denn einen Ticken mehr Türkis.
Ich konnte gar nicht anders, als Flo immer wieder zum Anhalten zu nötigen, um diese wunderbare Szenerie einzufangen.

Je weiter – und damit auch höher – wir kamen, umso mehr verschwanden allerdings die Hügel in einem dicken Nebelschleier. So herrlich der Tag noch begonnen hatte, so ungemütlich wurde es jetzt nun hier oben. Und als wir schließlich aus unserem Auto stiegen, mussten wir leider feststellen, dass es inzwischen merklich abgekühlt hatte und dann sogar auch noch zu regnen begann. So beschlossen wir, lieber gleich in unsere Outdoor-Klamotten zu schlüpfen, bevor es später womöglich noch ekeliger werden würde.

Wanderung zum Kieragbolten – 03. August 2020

Nachdem wir wieder ein Stück talwärts gefahren waren, lichtete sich so langsam der Nebel, so dass der riesige Parkplatz am Øygardstølen-Fjellrestaurant uns förmlich entgegensprang. Etwas beruhigt waren wir allerdings schon, als wir diesen nur halbvoll vorfanden, denn wir hatten ehrlich gesagt schon mit dem Schlimmsten gerechnet.
Auch wenn dieser legendäre Aussichtsfelsen dem ebenfalls am Lysefjord gelegenem Preikestolen zwar nicht ganz den Rang in Sachen Besucheraufkommen ablaufen kann, wird es nicht viele geben, die auf diese einzigartige Attraktion verzichten wollen, wenn sie einmal in dieser Gegend sind und sich zumindest in einer halbwegs guten Verfassung befinden, um auch mal 5 Stunden am Stück wandern zu können. – Fähre und Bustransfer machen es möglich; zum Glück aber nicht zu Corona-Zeiten, und so hielt sich der Andrang doch einigermaßen in Grenzen.

Für uns wirklich äußerst ungewöhnlich, starteten wir erst gegen 13 Uhr mit unserer kleinen Wanderung. Zuvor durften wir allerdings noch die sensationell hohe Parkgebühr von 300 NOK (ca. 30 EUR) berappen. Hätte ich darüber nicht schon vorher irgendwo gelesen, wären wir spätestens jetzt aus den Latschen gekippt.

Der Wegweiser verhieß uns 4,9 km bis zum Kjeragbolten; also kein Problem für 2 ambitionierte Wanderer. Trotzdem sind wir relativ zügig durchgestartet, da wir zum einen noch nicht wussten, wie wir im Anschluss weiter zum Preikestolen kommen würden, zum anderen sich zur gleichen Zeit 4 lärmende Touris in Bewegung setzten, die wir unbedingt abhängen wollten. Die Konsequenz war, dass wir schon nach wenigen Metern 2 unserer 3 Kleidungsschichten wieder ablegen mussten, da wir gleich mächtig ins Schwitzen kamen. Denn von Anfang an ging es schon recht steil bergan, und das meist über blanke, teilweise vom Regen rutschige Platten. Nun ist diese Passage zwar stellenweise versichert, doch wollte ich es tunlichst vermeiden, an diesen unappetitlichen Draht zu fassen. Es musste also auch so gehen.

Am vorerst höchsten Punkt angekommen, ging es dann gleich wieder auf ebenso glitschigen Felsplatten in ein von schmalen Bächen durchzogenes Quertal hinab. Von hier aus ließ sich aber auch schon erahnen, dass sich der Weg doch noch länger ziehen würde, als wir uns anfangs gedacht haben. Aber 3 Stunde sind nun eben mal 3 Stunden; und selbst wenn wir für gewöhnlich immer etwas schneller als angeschrieben am Ziel sind, können auch wir es dann nicht in nur einer Stunde schaffen. 😉
Schon jetzt waren wir vollends begeistert von dieser einzigartigen Natur; den feucht-glänzenden, abgerundeten, hellgrauen Granitblöcken und dem saftig grünen Grasteppich mit all den kleinen Flussläufen dazwischen. Leider mussten wir aber auch registrieren, dass das Wetter nicht wirklich besser wurde, und immer mehr dunkle Wolken in Laufrichtung aufzogen. Wie lange würde uns wohl das Glück noch hold sein?

Auf ging es nun zum zweiten Anstieg, der uns mittendrin noch an einer kleinen malerischen Steinhütte vorbeiführte, bevor wir ein weiteres idyllisches Quertal durchschritten. Danach wurde die Landschaft allerdings immer karger, und der grüne Fleckenteppich wich mehr und mehr felsigem Untergrund. So langsam hatten wir aber auch an Höhe gewonnen, und so boten sich uns nun die ersten Aussichten auf den schmalen Lysefjord und das kleine Fjorddörfchen Lysebotn; wo auch die Fähre startet bzw. ankommt. Mit dem Blick ins Tal konnte man sich nun also wirklich sehr bildlich vorstellen, wie sich einst die glazialen Eispanzer mit aller Wucht hier hindurch geschoben haben.

Die Leute, die uns nun noch entgegenkamen, wurde immer weniger, der Nebel umso mehr. Stellenweise machten wir uns wirklich ernsthaft Sorgen, um unser erhofftes Aussichtserlebnis. Doch von Zeit zu Zeit lichteten sich die Wolken ein wenig, so dass wir vom Plateau aus immer wieder mal das Lysefjord herausspitzen sahen.

Nach 1 3/4 Stunden war es dann soweit, und wir hatten endlich das begehrenswerte Ziel erreicht. Zuvor galt es allerdings noch, ein kleines Schneefeld zu überwinden, was zugegebenermaßen gar nicht so ganz ohne war, da die Felsen unter der festgetrampelten, vereisten Engstelle etwas auseinanderklafften. Doch ich hatte jetzt wirklich nur noch eins vor Augen – den Kieragbolten -; und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen den rötlich-grauen Felswänden steuerte ich nun geradewegs darauf zu und war vor freudiger Aufregung schon ganz zittrig. Nun lag er also dort bzw. war (dieser riesige Granitblock) zwischen 2 Felsen eingekeilt, darunter in 1048 Meter Tiefe das Lysefjord; und keiner traute sich in diesem Moment zu, auf diese luftige Attraktion zu klettern. Ich hingegen beschleunigte meine Schritte eilends und rannte fast schon zum Kieragbolten, um darauf zu klettern, bevor es womöglich noch jemand vor mir tut. So oft hatte ich schon Bilder davon gesehen, und auch wenn ich nicht alleine mit dieser Idee war, ging für mich damit ein kleiner Traum in Erfüllung. Einmal wollte ich persönlich meinen Fuß daraufsetzen. – Ich muss zugeben, dass eine Standwaage mit Rucksack an so einer Stelle vielleicht nicht gerade das Optimale ist, aber ich weiß, dass ich es kann; frei nach dem Motto „Das Leben ist lebensgefährlich“. Flo war es jedoch schon vom Hinschauen schlecht, so dass er auf einen weiteren Adrenalinkick seinerseits gut und gerne verzichten konnte und sich lieber aufs Fotografieren konzentriert hat.

Jetzt wurde es aber Zeit, dieses Erlebnis erst einmal zu verarbeiten – für Beide – und den außergewöhnlichen Felsblock für andere Adrenalinjunkies freizugeben. So konnten wir uns nun auch auf die Aussicht anfürsich konzentrieren, denn diese war nämlich einmalig. Bis zu 1000 Meter fielen die glatten Felswände von der Abbruchkante – an der wir nun standen – zum tiefblauen Lysefjord ab; an ihnen stürzte auch ein kleiner Wasserfall geräuschvoll in die Tiefe. Ich konnte unser Glück noch gar nicht so richtig fassen, nun wahrhaftig hier zu stehen und dies alles einmal mit eigenen Augen zu sehen. Das war wirklich ein wundervoller Moment, an den ich mich immer wieder gerne erinnern möchte.

Keine Minute zu früh waren wir auf dem Kierag angekommen, denn schon bald zog der Dunst vom Fjord an den Felswänden hinauf und hüllte alles in einen dicken Schleier, so dass man fast nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Dies hatte zwar etwas sehr mystisches, doch wollten wir von Glück reden, zuvor wenigstens noch einmal die volle Aussicht genossen zu haben. So beschlossen wir, nun langsam auch wieder den Rückweg anzutreten, der sich mal nebelig, mal regnerisch, dann wieder sonnig gestaltete. Nach 1 1/2 Stunden Abstieg erreichten wir schließlich wieder unser mobiles Zuhause.

Fahrt über den Lysefjord

Der Lysefjord mit all seinen spektakulären Felskanzeln gehört bereits zur Region Vestlandet, welche sich von Stavanger (im Süden) bis nach Kristiansund (im Norden) entlang der Nordseeküste zieht und auch unter „Fjordland“ bekannt ist. Aufgrund seiner unzähligen, bis weit ins Landesinnere verzweigten Fjordarme gilt dieses Gebiet nicht zu Unrecht als eines der attraktivsten Urlaubsziele weltweit.
Mit einer Länge von 40 Kilometern und einer Tiefe bis zu 500 Metern gehört im Speziellen der Lysefjord zwar eher zu den kleineren Vertretern, in Sachen Attraktionen ist er aber ganz weit vorn dabei. Auffallend sind hier die nahezu senkrecht abfallenden, fast vegetationslosen Granitwände, die sehr nah ans Wasser heranreichen und es somit schwer machen, die Ufer anders als per Boot zu erreichen. Deshalb sind an diesem kleinen Fjord auch nur sehr wenige Orte entstanden. Einer davon ist Lysebotn am inneren Ende, zu dem auch nur eine einzige Straße führt, die sich sehr eindrucksvoll über 27 enge Haarnadelkurven – an einer 600 Meter hohen Felswand – ins Tal hinabwindet. Sie ist Teil des Lysevegens und gilt als eine der spektakulärsten Serpentinenstrecken Norwegens. – Und auf dieser haben wir uns nun auch weiter nach Norden vorgearbeitet.

Lysevegen in Norwegen

Es war aus unserer Sicht die einzig vernünftige Option, nun mit der Autofähre über den Lysefjord in Richtung Mündung zu schippern, um zum Preikestolen – unser nächstes Ziel – zu kommen. Alles andere hätte einen erheblichen zeitlichen Aufwand und einen riesigen Umweg bedeutet. Und ehrlich gesagt, war Flo auch einmal ganz froh, sich nicht ständig aufs Fahren konzentrieren zu müssen. Zu lange waren wir inzwischen schon auf Achse und allein vom heutigen Tag auch ganz schön ausgepowert. Allerdings hatten wir keine Ahnung, ob denn überhaupt eine Fähre gehen würde und wenn ja, ob man in dieser momentan so außergewöhnlichen Situation ohne weiteres ein Ticket erwerben kann. – Das Glück war auf unserer Seite! Kaum in Lysebotn angekommen, ging es auch schon sofort los. Aber die dritte Fahrkarte für Nicole, die wollten wir dann doch nicht zahlen. Immerhin, die Norweger haben Humor. 😉

In den folgenden 2 1/4 Stunden konnten wir nun endlich einmal etwas die Seele baumeln lassen und die atemberaubenden Ausblicke auf die imposanten Felswände genießen, die rechts und links an den Ufern des Lysefjords bis zu 1000 Meter senkrecht in den Himmel ragten. Das Licht, was um diese Zeit von vorn hineinfiel und somit das Wasser zum Funkeln und die nackten, dunklen Felsen zum Glänzen brachte, die sich über alldem langsam ausbereitenden schwarzen Schichtwolken, welche die Sonne wie durch einen diffusen Filter scheinen ließen, all das tat sein Übrigens, um diese Szenerie noch bedrohlicher wirken zu lassen. Hier und da stürzte sich ferner ein kleiner Rinnsal an den Massiven hinab oder aber auch ein ausgewachsener Wasserfall.

Jetzt waren wir aber schon richtig gespannt, das Kieragplateau nun auch einmal von unten in Augenschein zu nehmen. Und sollte man eventuell von oben noch keinen ausreichenden Eindruck davon vermittelt bekommen haben, wie weit man tatsächlich an der Abbruchkante gestanden oder in welch schwindelerregender Höhe der 5 m³ große Granitblock eingeklemmt ist – auf dem ich noch wenige Stunden zuvor meinen Gleichgewichtssinn getestet hatte -, dann wurde es einem just in diesem Moment vollends bewusst.

Die Wolken wurden zunehmend dichter, die Sonne verkroch sich immer mehr hinter den Bergen, so dass die eh schon kühlen Temperaturen noch weiter abnahmen und uns ganz schön bibbern ließen. Wir waren quasi durch; nicht nur gefroren, sondern auch mit den Nerven. So entschieden wir uns, im Anschluss zwar noch mit dem Auto bis zum Wanderparkplatz des Preikestolen vorzufahren, aber nicht mehr – wie geplant – die Wanderung hinauf in Kauf zu nehmen, um auf diesem Berg unser Nachtlager aufzuschlagen. Aber zumindest konnten wir von der Fähre aus schon einmal einen Blick auf die berühmteste aller Felskanzeln – in 604 Meter Höhe – werfen. Nicht schlecht! Dennoch, an Spektakularität reicht sie einfach nicht an den legendären Kieragbolten heran.

Anreise zum Preikestolen

Einmal mit der Fähre durch einen Fjord hindurchzufahren ist zwar wunderschön, vor allem in Norwegen, trotzdem waren wir heilfroh, als wir endlich wieder in unser Auto steigen und uns aufwärmen konnten. Immerhin schlug die Uhr nun schon 20 Uhr, und wir wussten ja noch gar nicht, wo wir letzten Endes schlafen würden. So ging es erst mal ein Stück auf dem Ryfylkevegen weiter, bis wir schließlich rechts in Richtung Preikestolen abbiegen konnten. Auf dem Weg dorthin war leider schon klar, dass wir jedenfalls entlang der Zufahrtsstraße keinen Schlafplatz finden würden, und so blieb uns lediglich übrig, auf dem Parkplatz selbst zu nächtigen. Doch bevor wir die Schranke dazu passieren und die 250 NOK (ca. 25 EUR) bezahlen wollten, mussten wir erst noch einmal in uns gehen, ob das denn eventuell Ärger nach sich ziehen könnte. Immerhin stand auch hier angeschrieben, dass das Campen verboten ist.
Jetzt ist das eben genau in unserem Fall ja so eine Sache, dass man mit dem Dachzelt eigentlich nicht als Camper gilt, wenn jenes die Automaße nicht überschreitet. Doch ob das im Ausland so gerne gesehen wird, ist wieder die andere Frage. Mangels an Möglichkeiten sind wir letzten Endes trotzdem auf den Parkplatz gefahren und haben unser Gewissen damit ruhiggestellt, dass sehr viele Wanderer ja auch ihre Autos hier über Nacht stehenlassen und dann auf dem Berg schlafen. Trotzdem wollten wir mit dem Aufploppen noch abwarten, bis es dunkel ist. Aber das kann in Norwegen im August etwas länger dauern. Müde wie waren, haben wir uns dann schließlich doch recht schnell in unser Zelt verkrochen; der Wecker sollte ja schon wieder 5 Uhr klingeln…

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