Xi’an – September 2019

Geschichtliches

Kaum eine andere Provinz hat Chinas Geschichte so maßgeblich geprägt wie Shaanxi, denn hier wurde ca. 200 v. Chr. das Reich der Mitte erstmalig unter Chinas erstem Kaiser Qin Shi Huangdi begründet; hier liegt der Ursprung der Han-Kultur.
Zwar errichteten bereits im Jahre 1066 v. Chr. schon die Westlichen Zhou in der Nähe des heutigen Xi’an ihre Hauptstadt, doch erst zu Zeiten der Qin vermochte man einen Großteil der Völker im Norden des Landes in einem Reich zu vereinen. Im folgenden Jahrtausend entwickelte sich Shaanxi – über den Zeitraum von elf Dynastien (Han, Sui, Tang) – zum machtpolitischen Zentrum Chinas. Als neuer Amtssitz wurde Chang’an (das heutige Xi’an) auserkoren, welches sich durch die Lage am östlichen Ende der Seidenstraße im Laufe der Jahre zu einer der wohlhabendsten Handelsstädte der Welt entwickelte.
Nachdem im 10 Jh. die Tang-Dynastie unterging und der kaiserliche Hof schließlich nach Osten abwanderte, begann sich nun leider auch das Schicksal von Chang’an (zu Deutsch: Langer Frieden) zu wenden. Doch trotz der folgenden Hungersnöte, der kriegerischen Auseinandersetzung und der Inbesitznahme durch die Kommunisten, ist noch viel von dem alten Chang’an erhalten geblieben. Neben einer nahezu intakten Stadtmauer und einigen bedeutenden Tempeln und Pagoden, trifft man im verwinkelten Muslimischen Viertel noch immer auf die Einflüsse der Seidenstraße. Am bekanntesten und kulturell am bedeutendsten dürfte allerdings die archäologische Fundstätte der Terrakotta-Armee sein, welche das Grab von Kaiser Qin Shi Huangdi bewachen sollte.
Den Namen Xi’an (Westlicher Frieden) erhielt die Stadt übrigens 1369 vom ersten Ming-Kaiser Hongwu, der damals die Hauptstadt hierher zurückverlegen wollte, sich letzten Endes aber für Nanjing entschied. Vielleicht zum Glück für Xi’an; so blieb ihr wenigstens die Invasion und die brutale Zerschlagung durch die Japaner erspart.

13.09.2019 – Xi’an & Terrakotta-Armee

Schlechtes Timing

Trotz all der Aufregung am Vorabend, hatte ich doch gar nicht mal so schlecht geschlafen. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass es nun langsam an der Zeit war, aufzustehen, damit ich noch schnell meine Morgentoilette erledigen und die Sachen zusammenpacken konnte, bevor der Zug in Xi’an einfahren würde.
Das Licht im Abteil war noch nicht an, und so schlich ich auf Zehenspitzen im Dunklen an den Betten vorbei, um ja niemanden aufzuwecken. Auf dem Weg zum WC habe ich mich noch gewundert, warum der Schaffner schon aktiv ist und die Tickets austeilt; schließlich sollte es laut Fahrplan doch noch eine Stunde dauern, bis wir am Ziel eintreffen würden.
Kaum hatte ich die Zahnbürste im Mund, hörte ich auch schon meinen Namen rufen und eilte unverrichteter Dinge wieder zu meinem Abteil zurück. Ziemlich gestresst habe ich nach dem Metallchip gekramt, um diesen beim so langsam ungeduldig werdenden Schaffner gegen mein Originalticket einzutauschen. Zu allem Überfluss blockierten inzwischen auch noch die Franzosen mit ihren fetten Koffern den ganzen Weg, so dass ich kaum an meinen eigenen Rucksack herankam.
Plötzlich hielt der Zug auch schon an, und alle stürmten hektisch aus dem Abteil. Oh je – irgendwie habe ich jetzt gar nichts mehr kapiert -, was nützt einem denn die beste Planung, wenn man eine Stunde zu früh am Ziel ankommt!
Nachdem wir endlich genug Platz hatten, rafften nun auch Flo und ich fix unsere Siebensachen zusammen und eilten nach draußen. Ich weiß nicht, was mich in dem Moment mehr verwirrt hat, das Durcheinander von soeben oder dass es nun schon wieder regnete. Jedenfalls wollten wir uns jetzt echt nicht mehr stressen lassen und haben völlig unbeeindruckt unsere Rucksäcke auf den Bahnsteig ausgebreitet und erst mal richtig eingeräumt; ja und eben die Regenutensilien hervorgeholt.
Sobald wir unseren Fuß ins Freie gesetzt hatten, waren wir auch gleich wieder pitschnass. Zum Glück stand gegenüber vom Bahnhof eine Art Markthalle, in die wir uns schnell hineinflüchten konnten. Dort wollten wir uns nun noch vollends in Schale werfen, bevor es endlich richtig losgehen sollte; mit dieser Idee waren wir allerdings nicht allein. Aber wohl dem, der keinen Schmerz hat, sich in der Männertoilette zu schminken, und so haben wir letzten Endes doch noch rechtzeitig den ersten Bus zur Terrakotta-Armee bekommen.

Terrakotta-Armee

Wer hat noch nicht von ihnen gehört, den berühmt-berüchtigten Kriegern der Terrakotta-Armee, die zu den spektakulärsten archäologischen Funden der Welt zählen? Doch hätten nicht zufällig im Jahre 1974 ein paar Bauern, auf der Suche nach Wasser, einen Brunnen gegraben und dabei eine unterirdische Höhle entdeckt, wären vermutlich die 8000 lebensgroßen Terrakotta-Soldaten nie zutage getreten – von denen sich übrigens 5000 immer noch teilweise im Erdreich befinden.

Gerade erst einmal 13 Jahre alt und frisch auf dem Thron, gab Chinas erster Kaiser Qin Shi Huangdi bereits 246 v. Chr. den Bau seines Grabes in Auftrag; u.a. mit tausenden kampfbereiten Terrakotta-Kriegern, die ihn auch im Jenseits beschützen sollten, damit sich die besiegten Seelen seiner Feinde nicht an ihm rächen würden. 36 Jahre lang waren ca. 700000 Menschen (meist Zwangsarbeiter) damit beschäftigt, die Figuren samt Ausrüstung, Pferden und Streitwagen zu erschaffen; keine Miene und keine Frisur sollte der anderen gleichen, selbst im Rangabzeichen und Bauchumfang unterschieden sich die Krieger – Modell stand dafür vermutlich sein eigenes Heer.


Heute kann man die über 2200 Jahre alten tönernen Krieger in 3 Gruben begutachten – eine mit hochrangigen Offiziere, eine mit der schnellen Angriffsgruppe und eine letzte mit den 6000 Soldaten der Infanterie. Doch das ist noch nicht alles. Circa 1,5 Kilometer westlich davon soll sich unter einem noch nicht vollständig freigelegten Erdhügel die eigentliche Nekropole von Qin Shu Huangdi befinden; nebst den 48 Grabstätten seiner Konkubinen, die mit ihm zusammen begraben wurden – lebendig, versteht sich. Das gleiche unmenschliche Schicksal ereilte ebenso die Arbeiter, damit diese später nicht die Lage der Grabanlage ausplaudern konnten. Und fast wäre sie ja auch tatsächlich für die Menschheit auf ewig verborgen geblieben.

Um ehrlich zu sein, hatte ich mir im Vorfeld darüber Gedanken gemacht, ob wir denn überhaupt nach Xi’an fahren sollten, da sich im Netz etliche beklagten, dass man die einzelnen Figuren der Armee eh nur von Weitem sieht oder sie aus verschiedenen anderen Gründen enttäuscht waren. Doch nach einigem Abwägen entschieden wir uns trotzdem dafür, denn wenn man schon nach China reist, dann muss man zumindest auch einmal die Terrakotta-Armee gesehen haben. Nur dann kann man es sich auch anmaßen, sein eigenes Urteil zu fällen. Und egal wie nah man letzten Endes ans Geschehen herankommt oder wie touristisch es sein mag, mit eigenen Augen zu sehen, zu was für einer Leistung der Mensch imstande ist, verdient einen gewissen Respekt – auf der einen Seite die Macht eines Einzelnen und dieser unendliche Größenwahn, auf der anderen Seite die Genialität und dieser Perfektionismus. So etwas kann man nicht im Internet nachlesen, so etwas kann man auch nicht auf Bildern zum Ausdruck bringen, so etwas kann man einfach nur selbst erleben.

Terrakotta-Armee in Xi'an / Shaanxi / China

Dieses Mal waren wir diejenigen, die zu früh ankamen; um 8 Uhr hatten die Kassen selbstverständlich noch nicht geöffnet. Doch es konnte nicht schaden, etwas vor der Zeit da zu sein, da die tägliche Besucherzahl auf maximal 65000 Personen begrenzt ist. Das hört sich viel an? Na dann könnt ihr noch nie in Asien gewesen sein. 😉
Natürlich waren wir nicht die ersten, aber wenn man mal vom Kassiervorgang ausgeht, sicherlich die Schnellsten. Ich weiß nicht, warum man in China auf das bargeldlose Bezahlen mit dem Handy setzt, wenn man dafür 10mal solange benötigt wie mit Cash. Doch irgendwann sollte das Warten zum Glück doch noch ein Ende haben.

Es erwies sich nicht als Fehler, auch hier wieder einmal die Sache von hinten aufzurollen. Während die meisten unverzüglich ins dazugehörige Museum oder gleich in die größte Halle (1) rannten, haben wir mit Halle Nummer 2 begonnen. Auf diese Weise konnten wir uns so langsam bis hin zum eigentlichen Highlight steigern.
In dieser Grube wurden bisher um die 1300 Figuren ausgegraben, welche als Infanterie und berittene Kavallerie samt Streitwagengespannen und den vorangestellten Bogenschützen als schnelle Angriffsgruppe dienen sollte. Doch nicht nur die zusammengefügten Terrakotta-krieger waren äußerst beeindruckend, sondern auch all die einzelnen ausgegrabenen Fragmente, die noch völlig durcheinandergewürfelt zwischen den Wällen aus gestampfter Erde herumlagen – hier ein Torso, da ein Bein, an anderer Stelle ein Kopf oder einfach nur ein paar Tonscherben dieser Hohlkörper. Es wird noch viel Arbeit sein, bis die Experten, die tagtäglich mit den Restaurierungsarbeiten beschäftigt sind, die ganze Armee wieder zusammengepuzzelt haben werden.

Auch gegen das stetig eindringende Grundwasser hat man anzukämpfen, und so verschwindet zunehmend die individuelle Bemalung der Krieger, je länger diese an der Luft lagern. Man forscht unabdinglich daran, die Konservierungstechnologien zu verbessern, damit die zukünftig ausgegrabenen Krieger ihre ursprünglichen Farben behalten.
Ein paar vollständig restaurierte Statuen sind allerdings schon in den Vitrinen dieser Halle ausgestellt.

Terrakotta-Armee in Xi'an / Shaanxi / China

Im Anschluss haben wir uns in Halle 3 umgesehen, die mit Abstand die kleinste freigelegte Grube überdacht. Hier stehen 68 hochrangige Offiziere, die Historiker als militärischen Führungsstab identifiziert haben. Im Unterschied zu den Figuren der einfachen Soldaten, die lediglich 1,85 Meter messen, sind diese immerhin fast 2 Meter groß.
Hier hatte man jetzt sogar die Möglichkeit, sich mit ein paar gefakeden Terrakotta-Kriegern ablichten zu lassen. Den Spaß haben wir uns zumindest gegönnt.

Genug des Vorgeschmacks, ging es nun endlich über den Hintereingang hinein in Halle 1, die aufgrund ihrer schieren Größe einem Flugzeughangar gleicht. Die unglaubliche 230 Meter lange Grube ließ einst Qin Shi Huangdi persönlich ausheben, den Boden feststampfen und zusätzlich mit Ziegeln auskleiden, um darauf seine Tonkrieger zu platzieren. Darüber errichtete man ein überdimensionales Holzdach, welches zu seiner Zeit von dicken Stützbalken getragen wurde, die wiederum in den Lehmfundamenten der eingezogenen Mittelgänge verankert waren.

Von den geschätzten 6000 Statuen sind allerdings nur ca. 2000 ausgestellt. Entsprechend einer Schlachtordnung hat man die Soldaten angeordnet – zuvorderst stehen in 3 Reihen die 204 Bogenschützen, sozusagen als Vorhut, gefolgt von der Infanterie, die ursprünglich bewaffnet war. Dazwischen befanden sich in regelmäßigen Abständen Streitwagen aus Holz, die dem Fußvolk als Befehlsstation dienten. Doch diese sind genau wie alle anderen Holzkonstruktion über all die Jahre verrottet. Zum Schluss folgte die Nachhut, die das Heer nach allen Seiten mit ihren feuerbereiten Armbrüsten absicherte.

Um jedoch einen Blick in die Grube werfen zu können, war nun Ellenbogenmentalität gefragt; und das schon zu dieser frühen Stunde. Ich hab mich allen Ernstes gefragt, ob man das noch steigern kann und wie das logistisch gelöst werden soll, wenn dann erst die Busladungen voller Touristen einfallen? Wir konnten wirklich von Glück reden, unter den Ersten gewesen zu sein; und mit etwas Durchsetzungskraft war es uns schließlich doch noch möglich, einen Blick auf die Krieger zu werfen und von ihnen ein paar schöne Fotos zu schießen. So würden wir uns das alles zu einem späteren Zeitpunkt in Ruhe anschauen können, ohne dabei umhergeschubst zu werden.
Im hinteren Teil ging es dafür wieder etwas entspannter zu. Und auch hier konnte man noch einmal verfolgen, welchen Aufwand es bedarf, die Tonfiguren zu restaurieren.

Doch so interessant das alles auch war, hatten wir irgendwann genug von dem ganzen Trubel und inzwischen auch ordentlich Kohldampf. An dem Imbissstand direkt vor dem Museumshop wurden wir zwar fündig, und das Angebote war auch sehr lecker, aber es hat durchaus etwas gebraucht, um hinter das System zu steigen.
Dann wollten wir aber endlich wieder zurück nach Xi’an. Doch hingegen zur Hinfahrt, wo es überhaupt kein Problem war, die Haltestelle für die Buslinie 915 zu finden, wurde es uns jetzt gar nicht so leicht gemacht. Und fast wären wir in die Falle getappt und in einen der völlig überteuerten Touristenbusse eingestiegen, in die man uns versucht hat, hineinzulocken. Also kleiner Tipp an alle Traveller: einfach über den Parkplatz mit all den Reisebussen hinwegspazieren und dann bis zur Hauptstraße vorgehen; dort halten die regulären Linienbusse.

Dayan Ta – Große Wildganspagode

Sehr schön, in Xi’an angekommen und endlich mal kein Regen mehr. So würden wir wenigstens trockenen Fußes zu unserem >>Hotel<< kommen, welches innerhalb der Stadtmauer liegen sollte. Doch dass die Dimensionen hier nun etwas anders als in der Altstadt von Pingyao sind, bekamen wir schon bald zu spüren, und so blieb uns zum Besichtigen diverser Sehenswürdigkeiten irgendwann mal nichts anderes mehr übrig, als auch innerorts in einen Bus zu steigen. Gut wäre natürlich noch gewesen, dann an der richtigen Haltestelle auszusteigen, um die Große Wildganspagode zu besuchen. Aber wir gehen ja gern…

Stadtmauer in Xi'an / Shaanxi / China

Zur Blütezeit der Tang war Xi’an siebenmal so groß, und so stand ihr markantestes Wahrzeichen noch innerhalb der damaligen Stadtmauer. Im Jahre 648 wurde zunächst erst einmal der Bau des Tempels der Großen Freundlichkeit und Gnade (Da Cie’en Si) von Tang-Kaiser Gaozong zu Ehren seiner verstorbenen Mutter veranlasst. Hier ließ sich nun auch der Mönch Xuanzang nieder, der zuvor 17 Jahre lang durch Indien gereist war und von dort zahlreiche buddhistische Schriften mitgebracht und vom Sanskrit ins Chinesische übersetzt hat. Um die wertvollen Sutren aufzubewahren, erbat er vom Kaiser die Errichtung einer Pagode.
652 wurde schließlich die 64 Meter hohe, rechteckige Ziegelpagode fertiggestellt. Der Name Dayan Ta lehnt sich an eine indische Legende, zu deren Zeit es den Mönchen noch nicht untersagt war, Fleisch zu essen. Als es ihnen jedoch auszugehen drohte, bat ein Mönch Buddha um Hilfe. Plötzlich fiel eine Wildgans vom Himmel, und der Mönch dachte, dass sich Buddha nun in Gestalt einer Gans geopfert hätte. Daraufhin errichtete er ihm zu Ehren diese Pagode.
Der einstige Bau, der damals nur 5 Stockwerke besaß und auch nicht begehbar war, fiel irgendwann in sich zusammen und wurde 704 unter Kaiserin Wu Zetian auf 10 Etagen aufgestockt. Doch auch dieses Konstrukt war nicht für die Ewigkeit gemacht. So wie die Dayan Ta jetzt in Erscheinung tritt, ist es den Erbauern während der Ming-Dynastie zu verdanken. Erwähnenswert ist auch, dass Stein auf Stein liegt, ohne jegliche Verwendung von Zement.

Schon aus der Ferne konnte man die imposante mehrstufige Pagode erblicken. Auf dem großen Platz davor wurde gerade eine Bühne aufgebaut, für die angeblich größten Wasserspiele Chinas, die dort jeden Abend mit Musikuntermalung stattfinden sollen; jedoch leider ohne uns. Wir kämpften uns stattdessen erst einmal durch die lebhafte Fußgängerzone zum Eingang der Dayan Ta. Was uns dabei angenehm auffiel, waren all die kostümierten Jugendlichen. Überhaupt empfanden wir die Leute hier sehr weltlich und stylisch gekleidet.

Chinesen in Xi'an / Shaanxi

Im Inneren der Tempelanlage kamen wir wieder an einer jener riesigen, bronzenen Urnen vorbei zur Haupthalle, die 3 stehende goldene Buddha-Figuren enthält. Und während davor die Gläubigen ihre Räucherstäbchen anzündeten, entspannten sich andere in den weitläufigen Grünanlagen oder ließen sich in ihren schönen Gewändern fotografieren. Generell ging es an diesem Ort sehr lebhaft zu, und so bildete sich auch vor der Pagode eine nicht zu unterschätzende Schlange. Nichtsdestotrotz haben wir uns mit eingereiht und diese Entscheidung nicht bereut.

Über rote Holztreppen ging es die einzelnen Stockwerke empor, und dabei konnten wir immer wieder nach allen Seiten unsere Blicke über Xi’an hinwegschweifen lassen.

Glockenturm, Trommelturm & Muslimisches Viertel

Nachdem wir nun auch noch die Kleine Wildganspagode aufgesucht hatten, dort allerdings schon vor verschlossenen Toren standen, sind wir weiter zum Muslimischen Viertel innerhalb der Stadtmauern gezogen. Auf dem Weg dorthin kamen wir auch am Großen Glockenturm mit seinen 3 auffälligen grünen Dächern vorbei. Einst stand dieser noch 2 Blocks weiter westlich und enthielt lediglich eine einzige Bronzeglocke, die zum Sonnenaufgang geschlagen wurde. Inzwischen im Zentrum einer vielbefahrenen Kreuzung gelegen, befindet sich nun im Inneren des Turms ein Museum mit einer Sammlung von Glocken und Musikinstrumenten. Seine ganze Pracht kann der Glockenturm jedoch erst im Dunklen entfalten, wenn dieser bunt beleuchtet wird.

Glockenturm von Xi'an / Shaanxi / China

Nicht weniger schön erstrahlt dann auch der Trommelturm, der am Rand des Muslimischen Viertels steht und den Einbruch der Dunkelheit ankündigte. Beide Türme entstanden im 14. Jh. und wurden im 18. Jh. wieder neu aufgebaut.

So richtig gespannt war ich jedoch auf das quirlige Viertel, in dem seit Jahrhunderten die Hui-Gemeinde ihr Zuhause gefunden hat. Diese Muslimische Minderheit zählt in Xi’an ca. 30000 Angehörige, deren männliche Anhänger meist die weißen Schädelkappen tragen, während für die Frauen ihre bunten perlenbestickten Kopftücher typisch sind.
Vor allem wenn der Nachtmarkt am Abend seine Pforten öffnet, ist es ein wahrer Genuss, diesen Ort zu besuchen.
Schon von Weitem war das Marktgeschrei der Händler zu hören, die laut rufend ihre Waren anpriesen. Von überall stieg der Rauch aus den schmalen Gassen auf, die nun aufgrund der hineinströmenden Menschen noch enger wurden. An jeder Ecke duftete es lecker nach Gedämpften, Gebratenen, Würzigen oder auch Süßem. So musste ich natürlich auch gleich einmal zuschlagen und mir einen Tintenfisch am Spieß besorgen; sehr zu Flo’s Leidwesen.

All die farbenfrohen Stände mit den verschiedensten und zum Teil auch sonderbaren Gerichten, die einen regelrecht zum Probieren einluden. Das bunte Treiben riss uns förmlich mit, und so gerieten wir immer tiefer ins Getümmel hinein, haben hier und da eine Köstlichkeit erbeutet und nicht mehr aufhören können, zu staunen. Ob Hühnerfüße, schwarzer Tofu, bunt aufgereihte Süßigkeiten und Trockenobst, unzählige Gewürze, ja sogar Kuriositäten aus Trockeneis, die uns wie Büffel aus der Nase qualmen ließen. – Letzteres wurde uns tatsächlich von einem Chinesisches Pärchen angeboten, nachdem wir sie zuvor wohl recht verdattert angeschaut haben müssen.

Ich hätte noch ewig weiter durch die Gassen bummeln können, doch irgendwann ist es auch mal genug und das Bett ruft.
Gerade noch rechtzeitig kamen wir in unserem Hotel an, bevor es wieder zu regnen anfing.

14.09.2019 – Xi’an – Tempel, Pagoden & die Stadtmauer

Der Tag begann genauso nass, wie der letzte aufgehört hatte. Zum Glück waren wir im Besitz von ein paar schicken Überschuhen, die bei Flo allerdings keine 2 km hielten, und wir nun erst einmal neue kaufen mussten, bevor wir weiter ins Muslimische Viertel ziehen konnten. Auch wenn am Morgen das Angebot nicht mit dem des Nachtmarkts zu vergleichen ist, waren dennoch ein paar Essensstände geöffnet, und so haben wir uns zum Frühstück ein leckeres Brötchen mit Lammfleisch gegönnt; was hier quasi als gängiges Fast-Food gilt.

Frisch gestärkt wollten wir uns nun zu der Großen Moschee begeben, die jedoch gar nicht so leicht zu finden war. Sämtliche kleine Gassen sind wir auf- und abgerannt, bis wir endlich den – inmitten der Marktstände – versteckten Eingang entdeckt haben.

Qingzhen Dasi – Große Moschee

So klein die Qingzhen Dasi von außen auch anmuten mag, erstreckt sich die ganze Anlage immerhin über 12000 m² und ist mit ihren 4 Höfen die größte Moschee von ganz China. Als der Islam während der Tang-Dynastie durch arabische Händler ins Land gebracht wurde, entstand im Jahre 742 auch an dieser Stelle ein Islamisches Gotteshaus. Doch erst unter dem 1. Ming-Kaiser Hongwu erhielt diese Kultstätte ihre heutige Form und wurde zu Zeiten der Qing vollendet.

Wenn man das ruhige Areal mit all seinen Grünflächen durchschreitet, wähnt man sich eher in einem der Gärten von Suzhou oder in einem Chinesischen Tempel; doch genau darin liegt ja eben auch die Besonderheit, dass sich hier die chinesische und arabische Kultur zu vermischen scheinen. Das beste Beispiel hierfür ist das Minarett im dritten Hof, was eher einer Pagode als den traditionellen Gebetstürmen aus Fernost gleichen mag. Dagegen typisch islamisch ist die Ausrichtung des Komplexes gen Mekka – also von Ost nach West.

Angefangen im ersten Hof, sieht man allerdings gleich ein klassisches Beispiel für die chinesische Bauweise: ein 9 Meter hohes, mit Glaskacheln verziertes, mingzeitliches Holztor aus dem 17. Jahrhundert und ferner eine Ziegelmauer, die den Ort vor bösen Geistern schützen soll.

Im zweiten Hof dagegen stehen u.a. 2 imposante Stelen aus Stein, auf denen sich berühmte Kalligrafen in arabischer Schrift verewigt haben. Die Motive auf den Ziegeln enthalten nicht nur chinesische Ornamente wie Drachen, sondern auch Löwen, die gewöhnlich die Wände einer Moschee zieren.

Große Moschee im Muslimischen Viertel von Xi'an / Shaanxi / China

Weiter im dritten Hof trifft man auf das besagte Minarett und im vierten schließlich auf die muslimische Gebetshalle, welche ca. 1000 Gläubigen Platz bietet; von Nichtmuslimen allerdings nicht betreten werden darf. Daran hatten wir leider gar nicht gedacht, nur, dass man eine Moschee nicht an einem Freitag – dem muslimischen Feiertag – besuchen soll.
Trotz allem war es herrlich, die andächtige Stille inmitten dieser belebten Stadt zu genießen und somit den Tag relativ ruhig starten zu können. Das würde sich mit Sicherheit eh sehr schnell wieder ändern.

Xiaoyan Ta – Kleine Wildganspagode

Der zweite Versuch, die Kleine Wildganspagode zu besuchen, sollte uns schließlich glücken. Wir hatten auch kein Problem damit, einmal keinen Eintritt bezahlen zu müssen; vorausgesetzt, man will nicht das Xi’an-Museum besuchen, was sich ebenfalls innerhalb der Anlage befindet. – Doch bezüglich Museen hält sich unser Interesse generell etwas in Grenzen.
Jedoch anstatt gleich direkt zur Pagode durchzustarten, wollten wir uns rechterhand erst noch das Zentrum für Kulturaustausch anschauen, welches uns durch die vielen roten Laternen sofort ins Auge gestochen ist und damit unsere Neugier geweckt hat. Das kleine Areal mitsamt den grauen Ziegelhäusern war wirklich sehr nett hergerichtet. Überall hingen und standen ausgediente Gegenstände aus der Landwirtschaft; dazwischen hier ein kleiner See, dort eine Springbrunnen in Form einer Pagode mit winzigen Buddhafiguren und Muscheln; gebogener Bambus und saftig grüne Bäume säumten den Weg zu einem Mondtor und lebensgroße Tonkrieger die Eingänge der Häuser; der Details wurde man nicht müde.
Im Inneren der Gebäude konnte man den Künstlern beim Zeichnen zuschauen oder eben deren Kunsthandwerk kaufen.

Nun wollten wir uns aber endlich der Kleinen Wildganspagode zuwenden, welche auf dem Gelände des Jianfu Si steht. Auch dieser Tempel wurde während der Tang-Dynastie errichtet, und zwar auf Geheiß der Kaiserin Wu Zetian zum Gedenken an ihren verstorbenen Gemahl – wie es der Brauch vorsieht, genau 100 Tage nach dem Ableben des 3. Tang-Kaisers (Gaozong) im Jahre 684.
13 Jahre später ließ Gaozongs Sohn Zhongzong in seiner zweiten Amtsperiode neben dem Jianfu-Tempel die Xiaoyan Ta, nach dem Vorbild der Großen Wildganspagode, errichten. Die Bauzeit hierfür reichte von 707-709. Allerdings ist diese mit ihren 43 Metern etwas niedriger als ihr Spiegelbild und besaß damals 15 Stockwerke, die im 16. Jh. durch ein schweres Erdbeben auf 13 reduziert wurden.

Im Inneren des Steinturms hat man ebenso buddhistische Schriften aufbewahrt, die einst der berühmte Pilger Yi Jing aus Indien mitbrachte, um sie hier zu übersetzen. Theoretisch ist es sogar möglich, in der Pagode bis fast nach oben aufzusteigen, doch das blieb uns heute leider verwehrt. So sind wir eben noch etwas durch das Tempelgelände geschlendert und haben bei der Gelegenheit von dem ein oder anderen Pavillon aus die Aussicht genießen und dabei zuschauen können, wie die Einheimischen eine große Glocke anschlagen oder deren Kinder im Regen spielen.

Baxian An – Tempel der Acht Unsterblichen

Allen Anschein nach schienen sich hierher wohl nicht gerade allzu viele Besucher zu verirren; jedenfalls nicht mit der Metro und anschließend zu Fuß – oder um genau zu sein, auf einem ausgedehnten Fußmarsch durch Xi’ans Randbezirke. Zumindest drängte sich uns das Gefühl auf, dass für gewöhnlich die Touristen um diese Gegend einen hohen Bogen machen und sich lieber direkt zu dem Tempel kutschieren lassen. – Wobei wir diesbezüglich wie immer recht offen sind und mit entsprechender Neugier verfolgt haben, wie die Leute im alltäglichen China leben.

Wohnviertel im Osten von Xi'an / Shaanxi / China

Etliche Male mussten wir um die Mauer rennen, bis wir endlich den Eingang zum Tempel der Acht Unsterblichen gefunden hatten, der zugegebenermaßen inmitten all der tristen Hochhäuser nicht gerade schön gelegen ist. Sehr erfreulich war dagegen, dass sich außer uns kaum jemand in dem Tempel aufhielt, und wir so auch diese Anlage in aller Ruhe durchstreifen konnten. Nur hin und wieder lief ein daoistischer Mönch, des immer noch aktiven Klosters, an uns vorbei.
Diese Abgeschiedenheit mag vielleicht auch der Grund dafür gewesen sein, dass man Kaiserwitwe Cixi hier versteckt hielt, als sie während des Boxeraufstands (1901) aus der Verbotenen Stadt fliehen musste.

Baxian An in Xi'an / Shaanxi / China

Ursprünglich in der Tang-Zeit als Tempel für den Donnergott erbaut, wurde auf diesem Gelände während der Song-Dynastie Xi’ans größter daoistischer Tempel errichtet. Sein Name geht auf die acht Unsterblichen zurück, die man an dieser Stelle gesichtet haben soll. Diese übernatürlichen mythologischen Wesen wurden von den Taoisten ganz besonders verehrt und man versuchte stets, die im Verborgenen Lebenden zu finden, um selbst Unsterblichkeit zu erlangen. Jeder dieser 8 zeichnet sich durch eine besondere Fähigkeit aus und hält symbolisch ein anderes Requisit in seinen Händen. Diese stehen für die acht Bedingungen des Lebens: Jugend, Alter, Armut, Reichtum, Weiblichkeit, Männlichkeit, elitäres und gemeines Volk

Im vorderen Bereich der Tempelanlage fielen uns gleich die hübschen Pavillons mit ihren rot-blauen Fenstern und den geschwungenen Ziegeldächern auf. Auch die massiven kupferfarbenen Urnen und Räuchergefäße, aus denen beharrlich der Dunst der Räucherstäbchen waberte, konnten unser Interesse wecken.

Auch wenn der zweiten Hof auf uns etwas nüchterner wirkte, sollte man diesem eine besondere Bedeutung beimessen, denn hier steht schließlich die Lingguan-Halle, in welcher die Statuen der 8 Unsterblichen aufgereiht sind.
Im hintersten Abschnitt folgten wir den wenigen Besuchern nun auch noch in die letzte Verehrungshalle, die der daoistischen Göttin Doumu gewidmet ist und deren Wände mit filigranen Zeichnungen verziert sind. Ganz in der Nähe befindet sich im Übrigen auch jene Halle, in der sich die Kaiserwitwe während ihres Rückzugs aufhielt.

Stadtmauer von Xi’an

Wieder zurück in der Stadt, wollten wir nun natürlich noch das letzte Wahrzeichen von Xi’an sehen – die 14 km lange, bis zu 18 Meter dicke und 12 Meter hohe Stadtmauer, die unter dem Ming-Kaiser Hongwu 1370 entstand. Wenn man jetzt denkt, dass das viel ist, dann sollte man sich einmal vor Augen führen, dass diese Begrenzung zur Tang-Ära sogar 78 km² umschloss.

Eigentlich hatten wir ja vorgehabt, uns ein Fahrrad zu leihen und damit auf der Mauer entlangzufahren, um die Stadt nun auch einmal aus der Vogelperspektive zu sehen. Doch da uns das Wetter wieder einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, konnten wir zwar über das Südtor (Nan Men) auf die Befestigung hinaufsteigen, zu Fuß allerdings nur einen Bruchteil erkunden. Trotzdem waren wir glücklich darüber, einmal hier oben zu stehen.

Wenn man die ausladende gepflasterte Straße sieht, denkt man im ersten Moment gar nicht daran, dass man sich auf einer Stadtmauer befindet. Das wurde uns erst wieder bewusst, als wir durch die Zinnen hindurch auf das Äußere des groben Ziegelbaus, hinab in den Festungsgraben, hinüber zu all den kleinen Terrassen der alten Häuser oder hinauf zu den mehr oder weniger schönen hoch aufragenden Neubauten schauen konnten. Auch obenauf herrschte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen historischer Bausubstanz und neumodischen Kitsch. Beides empfand ich auf seine Art irgendwie beeindruckend.
Immerhin verhalf mir Flo bzw. einer der Souvenirstände zu einem besonders schönen Andenken: ein kleiner Tischparavent, der nun unser Wohnzimmer ziert.

„Drei Schwestern“

Auch für Chinesen scheint es sehr außergewöhnlich zu sein, 16:30 Uhr essen zu wollen. Dabei hatte ich doch ein Restaurant entdeckt, das sich laut Beschreibung sehr vielversprechend anhörte. „Saftige Karotten-Lamm-Teigtaschen in einem knusprigen Mantel aus Erdnüssen und gebratenen Schnittlauch bei den urigen Drei Schwestern…“ hieß es.
3 waren es, urig auch, doch begeistert über unser Kommen schienen sie nicht gerade gewesen zu sein. Trotzdem hatte sich das Suchen und auch das lange Warten gelohnt; das Essen schmeckte ganz lecker, doch im Speziellen die noch warmen, gefüllten mit Sesam ummantelten Grüntee-Plätzchen waren ein absolutes Gedicht.
Danach hing es nur noch zurück zu unserem Hotel, um ausgeruht in den nächsten Tag starten zu können, an dem es mit dem Schnellzug zu den Longmen-Grotten weitergehen sollte.

Fazit

Wider Erwarten waren wir von Xi’an vollends begeistert. Gut, die Terrakotta-Armee sollte man einmal gesehen haben, doch was uns wirklich angenehm überrascht hat, war die Stadt selbst, in der es neben den eigentlichen Sehenswürdigkeiten so viel zu entdecken gab und auch noch zu entdecken gäbe. Die zukunftsorientiere, aufgeschlossene Jugend, die sich auf den großen Plätzen trifft, das turbulente Muslimische Viertel, die authentischen Straßen am Rande des Zentrums, all das hat uns in ihren Bann gezogen, und wir würden es durchaus in Betracht ziehen, hier irgendwann noch einmal aufzuschlagen – wenn es denn die Zeit zulässt. 😉

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