Tongli – September 2019

Am Vorabend waren wir uns noch immer nicht ganz schlüssig, welche der Kanalstädte wir denn nun besuchen sollten. – Tongli, Zhouzhuang oder gar Beide nacheinander? – Letzten Endes entschieden wir uns für das näher gelegene Tongli, und falls es die Zeit zulassen würde, könnten wir im Anschluss ja auch noch nach Zhouzhuang fahren. – Das hörte sich zumindest nach einem ganz akzeptablen Plan an. – So ging es also nach einem wirklich leckeren Frühstück mit der U-Bahn weiter nach Tongli.

Die Wasserstadt Tongli oder auch die Stadt der Kanäle

Wie auch schon Suzhou liegt Tongli am Kaiserkanal, doch hingegen zu ihrer großen, bekannten Schwester, ist diese mehr als 1000 Jahre alte Wasserstadt – die bereits in der Song-Dynastie gegründet wurde – noch immer von 15 kleinen Kanälen durchzogen, die wiederum 49 unterschiedlich gestaltete Steinbrücken aus verschiedenen Epochen überspannen. Man sagt, dass Suzhou zu seiner Blütezeit so in etwa ausgesehen haben muss.
Auch wenn man in Tonglis Altstadt inzwischen viele der historischen Häuser aus der Ming- und Qing-Zeit zu touristischen Zwecken ein wenig aufgehübscht hat, scheint hier das Leben manchmal fast stillzustehen. Und so waschen die Einwohner noch immer ihre Wäsche in den Kanälen, währenddessen die Besuchermassen in die hübschen Privatgärten und antiken Wohnsitze der ehemaligen Kaufleute strömen oder sich mit der Gondel über das Wasser tragen lassen.
2004 wurde Tongli neben Zhouzhuang zum UNECSO-Weltkulturerbe erklärt. Um jedoch diese charmante Kanalstadt zu erleben, ist ein Entgelt von 100 RMB (ca. 12 EUR) zu entrichten.

Näheres zum Kaiserkanal könnt ihr auch noch einmal in meinem Reisebericht über >>Suzhou<< nachlesen.

Übersichtsplan der Altstadt von Tongli / Jiangsu / China

18.09.2019 – Tongli – Historische Altstadt

In Tongli angekommen, haben wir erst einmal nach dem Infostand innerhalb der Metrostation Ausschau gehalten, um gleich dort unsere Eintrittskarten für die Altstadt zu kaufen, welche zudem die Fahrt mit dem Shuttlebus zum Nordtor mit einbegriffen. Als wir nun völlig allein im Bus saßen, befürchteten wir schon, dass wir jetzt wohl sehr lange warten müssten, bis sich erst einmal die Plätze gefüllt haben und wir schließlich losfahren würden. So kannten wir es zumindest von unseren bisherigen Reisen in andere asiatische Länder. Doch wir wurden angenehm überrascht, und so setzte sich der Bus kurz darauf auch schon in Bewegung. – Chinesische Pünktlichkeit scheint hier wohl doch über Profitabilität zu gehen. So gefällt mir das!

im Bus in Tonglis Altstadt / Jiangsu / China

Gleich von Anfang an haben wir uns an diesem idyllischen Ort wohlgefühlt. Die Temperaturen unterhalb der schattenspendenden Bäume, entlang des türkis schimmernden Wassers, waren erträglich. Ein laues Lüftchen wehte uns angenehm durchs Haar, während wir uns so langsam über das holprige Kopfsteinpflaster an den alten Häusern mit ihren roten Laternen weiter in die Altstadt vorgearbeitet haben. Hier fegte jemand den Gehweg, dort wusch eine betagte Frau ihr Gemüse im Kanal, ein Anderer warf seine Angel zum Fischen aus; nur die stetig wachsenden Anzahl an Gondeln und den hübsch dekorierten Läden mit ihren typisch chinesischen Papierschirmen erinnerten einen wieder daran, dass wir hier unmöglich die einzigen Touristen sein können. Doch zu dieser Uhrzeit hielten sich selbst die noch in Grenzen, so dass sich bei uns fast schon so etwas wie Entspannung einzustellen vermochte.

Altstadt von Tongli / Jiangsu / China

Changqing-, Jill- & Taiping Brücke

Wie schon eingangs erwähnt, Brücken gibt es in Tongli so einige. Doch nun kamen wir an einen Kanalabschnitt, der mit seinen 3 bogenförmigen Steinbrücken besonders reizend ist. Die Changqing-Brücke (Brücke der anhaltenden Feierlichkeiten) aus der Ming-Zeit, die Jill-Brücke (Brücke des Glücks) und die Taiping-Brücke (Brücke der Ruhe und Beschaulichkeit) aus der Qing-Zeit sind in ihren Gesamtheit das Wahrzeichen der kleinen Wasserstadt, und so werden diese von traditionsbewussten Chinesen zu wichtigen Anlässen (wie Hochzeiten) überschritten, was ihnen für das zukünftige Leben Frieden, Glück und Feier bescheren soll. – Und weil die Brücken nicht schon Attraktion genug sind, hatte sich nun dazwischen auch noch ein geschäftiger Kormoranfischer niedergelassen, um seine abgerichteten Vögel gegen Bares nach Fischen tauchen zu lassen. Kommerz hin oder her, trotzdem war es einmal interessant, dieses Spektakel live zu erleben.

Chongben & Jiayin Halle

Die Chongben Halle ist ein antiker Wohnhof – wie wir sie ganz ähnlich schon in Pingyao gesehen hatten – und zum Ende der Qing-Dynastie (1911) entstanden. Was sie besonders interessant macht, sind die über 100 filigranen Schnitzereien an den Balken der einzelnen Gebäude, die einen wertvollen Beitrag dazu geleistet haben, die chinesische Kultur zu überliefern. Doch auch die Ausstellung im Untergeschoß war sehr aufschlussreich, und so konnte man neben alter Kleidung und Kopfbedeckung auch einmal die winzigen Schühchen für die – einst so in Mode gekommenen und unter unmenschlichen Bedingungen erzwungenen – Lotusfüsse begutachten.

Chongben Halle in der Altstadt von Tongli / Jiangsu / China

Eine weitere Halle, mit ebensolchen prunkvollen Holzschnitzereien, ist die im Jahre 1922 erbaute Jiayin Halle auf der gegenüberliegenden Kanalseite.

Zhenzhu Ta – Perlenpagode

Durch eine schon etwas mehr in die Jahre gekommene Gasse erreichten wir nun auch die Anlage mit der Perlenpagode. Wenn man den Namen zunächst hört, denkt vermutlich jeder sofort an eine jener großen, mehrstöckigen Steinpagoden; so natürlich auch wir. Letzten Endes mussten wir aber feststellen, dass eine winzige, mit Perlen behangene Modelpagode – die in einer Vitrine ausgestellt ist – diesem Ort schließlich zu seinem Namen verhalf.

Perlenpagode in der Altstadt von Tongli / Jiangsu / China

Genau genommen handelte es sich bei der Zhenzhu Ta um einen großen Wohnkomplex mit einer Ahnenhalle aus der Qing-Epoche, dem ein privater Garten mit einer Opernbühne angegliedert ist. In den Räumlichkeiten sind jede Menge antiker Möbelstücke, wie auch für diese Zeit typische Kleidung, Schmuck und diverse andere Sachen ausgestellt.
Man hatte sogar die Möglichkeit, sich in eins dieser aufwändigen Gewänder stecken und auf einem nachgebauten Drachenthron fotografieren zu lassen. Ich zog es ernsthaft in Erwägung, mir dieses Spaß einmal zu gönnen. Während wir noch am Überlegen waren, kam in der Zwischenzeit eine chinesische Familie daher, und kurzerhand wurde der kleine Sohn bzw. Enkel in einen zweiten Pu Yi verwandelt. Das kam uns natürlich noch gelegener als selbst auf dem Foto zu sein, auch wenn es der angestellten Chinesin etwas weniger gefiel, die nun an uns leider nichts mehr verdienen konnte. Die Omas des Kleinen waren uns gegenüber dagegen umso aufgeschlossener, und wollten sich dafür mit mir zusammen ablichten lassen; was ich wiederum nicht abgelehnt habe.

Der dazugehörige Garten war ganz im Stile der typisch Chinesischen Gärten angelegt; mit weiß getünchten Gebäuden und Korridoren, geschwungenen Pavillons, unzähliger graziler Stellwände und einem See mit Steingärten, Zickzack-Brücken, Trauerweiden und weiteren Pflanzen. Was ihn jedoch von den üblichen unterschied war ein Raum mit Exponaten aus der Chinesischen Medizin und eine bunt bemalte Oberbühne mit weit in den Himmel ragenden Drachen, auf der gelegentlich auch traditionelle Stücke aufgeführt werden.

Gengle Tang

Etwas versteckter im Westen der Altstadt liegt die Gengle Halle, die angeblich der schönste der drei alten Wohnsitze von Tongli sein soll; zumindest ist das Anwesen aus der Ming-Dynastie mit seinen 52 Hallen und 5 Höfen das größte.
Am faszinierendsten fanden wir persönlich allerdings die geschnitzten Möbel und riesigen Holzskulpturen, die ziemlich bizarr bis teilweise fast schon gruselig anmuteten. Teilweise dachte ich schon, mich soeben in Gunther van Hagens „Körperwelten“ verirrt zu haben.

Auch hier schloss sich wieder ein privater Garten an, der zwar wesentlich kleiner als die meisten anderen war, jedoch mit seinen Aussichten durch die Öffnungen der Kalksteinfelsen und die durchbrochenen Fensterläden bei uns punkten konnte.

Lujiadai Street versus Mingqing Street

Während es an den mit grünen Wasserpflanzen bedeckten Kanälen im Westen der Stadt recht ruhig zuging, wenn sich nicht gerade ein Touristenboot über die Wasserstraßen verirrt hat, steppte in der Mingqing Street schon eher der Bär. Das Grüne wich immer mehr den bunten Aushängen diverser Ladenfassaden, und leider schien es auch nicht mehr jeder Verkäufer nötig zu haben, dass man die von ihm angebotenen Lebensmittel genießen kann. So sind wir gleich zweimal eingestiegen, bis wir endlich etwas nicht nach ranzigem Öl Schmeckendes gefunden hatten.

Tuisi Yuan – Der Garten des Rückzugs und der Besinnung

Auch wenn wir inzwischen eigentlich schon mehr als genug Gärten gesehen hatten, wollten wir uns als letztes nun auch noch den 700 km² großen Tuisi Yuan anschauen. Diesen legte zwischen 1885-87 (Qing-Dynastie) ein pensionierter, ranghoher Mandarin – namens Ren Langshen – an, um dort Ruhe und Reflektion zu erfahren. So taufte er den Komplex schließlich auch Tuisi Yuan, was übersetzt so viel wie „Garten des Rückzugs und der Besinnung“ heißt. – Und wenn man in der Lage ist, die Scharen an Besuchern auszublenden, dann kann man sich so etwas in der Art auch vorstellen.
Besonders aus erhöhter Position wirkten die hölzernen Pavillons mit ihren braunen und blauen Stellfenstern, als würden sie – wie die „Schwimmenden Dörfer“ des Tonle Saps in Kambodscha – direkt auf dem Wasser schwimmen.
Völlig unbeeindruckt, ob der Anzahl ihrer Mitmenschen, nutzten die asiatischen Besucher nun dieses landschaftliche Idyll, um in Ruhe die Glück verheißenden Kois im Wasser oder ihre Handys zu füttern.

Sex, Mao & der Papierschirm

Nein, keine Sorge, das hat jetzt jedoch nichts miteinander zu tun; bis vielleicht auf die Tatsache, dass uns alles 3 zum Grübeln gebracht haben mag. Während allerdings die Wang Shao’ao Memorial Hall, mit all den roten „Mao-Bibeln“ und anderen Verehrungsgegenständen des Großen Vorsitzenden, leicht zu finden war, nahm es hingegen eine gefühlte Ewigkeit in Anspruch, bis wir das Chinesische Sex Culture Museum gefunden hatten bzw. was davon noch übrig blieb. – Ja, ihr habt euch nicht verlesen, so etwas sollte es hier wirklich geben, und wir wollten uns das natürlich auch einmal anschauen. So suchten wir krampfhaft nach der ehemaligen Mädchenschule im Osten der Altstadt, die es zwar noch gab, allerdings kein Museum mehr beherbergte. – Aber mal Hand aufs Herz, war das nicht eh nur eine Frage der Zeit, dass so etwas verschwindet; etwas, was in einem totalitär geführtem Land nie hätte da sein dürfen?

Ferner hatte ich mir in den Kopf gesetzt, einen dieser klassischen, handbemalten Ölpapierschirme mit nach Hause zu nehmen, die mich schon von jeher so fasziniert haben. Bei unserer Ankunft am Morgen hatten wir ja schon einen kleinen Laden entdeckt, der diese edlen Schirme zum Verkauf anbot; und so machten wir uns nun auf die Suche. Als wir das Geschäft schließlich wiedergefunden hatten, standen wir nun erst einmal vor einer verschlossenen Tür und konnten die Auswahl lediglich durch das geöffnete Fenster bewundern. Ich dachte schon, dass ich jetzt leer ausgehen müsste, als sich ein freundlicher Nachbar bemühte, den Ladenbesitzer herbeizuschaffen. Nach langem Hin und Her hatten Flo und ich uns endlich auf einen Schirm geeinigt. Nun konnten also die Verhandlungen beginnen. Als der Verkäufer sich jedoch völlig unbeeindruckt gezeigt und weiter auf seinen ursprünglich verlangten Preis gepocht hat, verließen wir kurzerhand wieder den Laden. Leider ging unsere Rechnung überhaupt nicht auf, denn anstatt nun in die Verhandlungen einzusteigen, verließ der Besitzer sein Geschäft wieder und schloss die Türe hinter sich zu. Ich war etwas perplex und dachte mir nur „Wer nicht will, der hat schon!“, und so sind wir eben zu einem anderen Laden gegangen. Doch auch hier war ich nicht gerade dabei erfolgreich, den Preis zu senken, was sich auch nicht ändern sollte, als ich in Aussicht stellte, noch ein weiteres Präsent kaufen zu wollen. Aber immerhin war die Dame um einiges freundlicher, so dass ich mich letzten Endes dafür entschied, meinen Schirm hier zu kaufen, bevor wir womöglich noch länger vergeblich umherirren würden.
Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich mich ganz schön blamiert habe. Denn das aggressive Handeln – aus den übrigen, bereits besuchten asiatischen Ländern – gewohnt, muss man diesbezüglich in China etwas umdenken, da es in bestimmten Läden – wie Supermärkte oder aber auch kleine Kunsthandwerkläden etc. – so etwas wie Festpreise gibt. Und wenn ich auch sonst so belesen sein mag, war mir das zu dem Zeitpunkt dummerweise noch nicht geläufig.

Metro in Shanghai / China

Das Beste kommt zum Schluss – eine Bootsfahrt auf den Kanälen

Genauso war es! Zuerst wollten wir uns die Kanalstadt vom Land aus ansehen und zur Krönung dann zu Wasser. Dafür gingen wir nun zur Gondelanlegestelle und besorgten uns ein 6 Personen-Ticket für eine 25 minütige Bootsfahrt. Bereitwillig nahmen wir den vollen Preis in Kauf, wenn wir dafür diesen Ausflug in trauter Zweisamkeit genießen konnten.
Wir hatten auch das Glück, an einen wirklich sehr freundlichen Gondoliere zu geraten, der stets ein Lächeln auf den Lippen hatte und sich bereitwillig von und mit uns fotografieren ließ. So kamen wir jetzt noch einmal an all dem vorbei, was wir zuvor gesehen hatten; den alten Gebäude, Museen und Hallen, den Kormoranfischern, den unzähligen gebogenen Steinbrücken, den kleinen Restaurants am Kanalufer, aber auch an vielen weiteren Gondeln.
Das hielten wir wirklich für einen gelungenen Abschluss, der keines weiteren Kanalstädtchens mehr bedurfte. Und so ging es danach nur noch mit Stock und Schirm und vielen schönen Erinnerungen zum Busbahnhof, von dem aus wir nach 4 Stunden Fahrt noch einmal nach Shanghai zurückgekehrt sind.

Fazit

Ein Fazit ist eigentlich fast schon unnötig, wenn ihr meinen Beitrag gelesen und euch die Bilder angeschaut habt. Ich kann euch lediglich den Tipp geben, wie auch wir das Eintrittsticket gleich in der Metrostation zu lösen, um zusätzliche Transferkosten zu vermeiden und somit auch über den weniger frequentierten Nordeingang die Altstadt zu betreten. Am besten man trifft schon am frühen Morgen noch vor den Touristenmassen ein oder verbringt gleich eine Nacht hier. Dafür empfiehlt es sich allerdings, erst nach 17:30 Uhr anzureisen – ab da kostet es nämlich keinen Eintritt mehr -, um nicht zweimal ein Ticket lösen zu müssen. Auf jeden Fall rate ich, ein Zeitfenster von mindestens 5-6 Stunden einzuplanen und dann sich ohne großen Zeitdruck einfach durch die Gassen entlang der Kanäle treiben zu lassen.

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