Suzhou – September 2019

17.09.2019 – Suzhou – „Venedig des Ostens“

Weiterfahrt nach Suzhou

In aller Hergottsfrüh krochen wir aus unseren Federn und schlichen auf Zehenspitzen zum Nachtportier, um an der Rezeption unser Gepäck zu verstauen und auszuchecken. Auch wenn nur das Tageslichtpersonal Englisch sprach, konnten wir ihm irgendwie begreiflich machen, dass wir in 2 Tagen noch einmal hier schlafen und dann auch wieder unsere Rucksäcke abholen würden. Hach, war das schön, endlich einmal nicht den kompletten Hausstand mit sich rumschleppen zu müssen. Alles was man für 2 Tage braucht, hat einfach in eine handelsübliche Handtasche zu passen. Denn dass weniger oft mehr ist, haben uns nicht zuletzt unsere Fernwanderungen gelehrt.
Schon kurz nach 5 Uhr trafen wir in der Metrostation ein, um gleich die erste U-Bahn zu nehmen, mit der wir zum Shanghaier Hauptbahnhof fahren wollten und von dort aus dann mit dem Zug direkt weiter nach Suzhou. Obwohl wir in Chinas größter Stadt waren, glänzte das Metroabteil mit gähnender Leere. So etwas haben wir hier kein zweites Mal mehr erlebt.

Halb Acht trafen wir schließlich in Suzhou ein und haben uns zu Fuß gleich weiter ins Stadtzentrum aufgemacht, in dem sich der Großteil der Sehenswürdigkeiten ballt. Sollten wir uns vor 2 Tagen noch über Regen beklagt haben, brannte hier dafür um diese frühe Zeit schon die Sonne gnadenlos auf einen herab. Doch ich will mich darüber jetzt gar nicht einmal beklagen, sondern nur deutlich machen, wie unterschiedlich das Klima innerhalb von China ist.

Kaiserkanal in Suzhou / Jiangsu / China

Die Geschichte der Stadt & der Kaiserkanal

Suzhou ist bekannt für seine zahlreichen Chinesischen Gärten, die eng verbunden sind mit dem Wohlstand durch den einstigen Seidenhandel über den Großen Kanal – der gern auch als Kaiserkanal bezeichnet wird.
Die bereits zur Zeit der Östlichen Zhou-Dynastie (486 v. Chr.) begonnene – nach seiner Vollendung mehr als 1800 km lange – Wasserstraße führt von Beijing im Norden bis nach Hangzhou im fruchtbaren Süden und ist der größte, je von Menschenhand geschaffene Kanal. Mehr als 5 Millionen Arbeitskräfte (Bauern und Zwangsarbeiter) waren erforderlich, um letztendlich die im 7. Jh. von Sui-Kaiser Yang Di initiierte Verbindung herzustellen. Seine Gesamtlänge erreichte der Große Kanal jedoch erst im 13. Jh., als die Kaiser der Yuan-Dynastie Beijing (ehemals Dadu) zu ihrer neuen Hauptstadt wählten und ihn bis dorthin verlängern ließen. 600 Jahre lang transportiere man nun Handelsgut wie Seide, Lebensmittel in Form von Reis und Getreide, Truppen- und Waffennachschub für das Militär, ja sogar Holz für den Bau der Verbotenen Stadt oder aber auch Kunst, Kultur und Ideen über den Kaiserkanal.
Als schließlich die Wasserstraße nicht mehr durchgängig schiffbar war (ab dem 19. Jh.) und zusätzlich im 20. Jh. die Eisenbahn erstarkte und das Straßennetz weiter ausgebaut wurde, verlor der künstliche Kanal an Bedeutung; nicht jedoch aus kultureller Sicht. So tuckern heute zumindest noch viele kleine Ausflugsboote über das flache Wasser zu den alten Kanalstädten.

Obwohl die Stadt schon seit mehr als 2500 Jahren existiert, gewann sie erst mit der Vollendung des Großen Kanals zur Sui-Zeit an Bedeutung. Nach und nach erblühte der Seidenhandel und zog somit immer mehr Händler, Kaufleute, Adlige, Künstler und Gelehrte – und damit auch schöne Frauen – an, die in der Ming-Zeit (14. Jh.) damit begannen, hier ihre Villen zu bauen und edle Gärten anzulegen. Da Suzhou nie in dem Maß wie andere Städte der Zerstörung zum Opfer fiel, blieben sehr viele dieser Gärten erhalten und können nun ganz offiziell besucht werden. Wenn man sich die Zeit lässt, entspannt hindurchzuwandeln, dann versteht man auch, warum Suzhou so oft als „Venedig des Ostens“ bezeichnet wird.

Das Prinzip der Chinesischen Gärten

Die traditionellen Chinesischen Gärten sind vielmehr als einfach nur gewöhnliche Gärten, wie wir sie hierzulande kennen; sie unterscheiden sich aber ebenso von den Gärten aus dem Alten Ägypten, welche sich vordergründig der Pflanzen bedienten. Chinesische Gärten stehen eher für die Harmonie zwischen Mensch und Natur und versuchen im Wesentlichen durch 4 natürliche Grundelemente, das Universum auf der Erde künstlich widerzuspiegeln.
Schon mehr als 3000 Jahre reicht die Kunst der Gartengestaltung zurück und wurde zu Zeiten der Ming und Qing vervollkommnet; als viele reiche, gebildete Leute ihre privaten Rückzugsoasen in den städtischen Gebieten errichteten.
Da die Poesie und die Landschaftsmalerei von jeher im engen Zusammengang mit der Gartengestaltungskunst stand, versuchte man, die Chinesischen Gärten für den Betrachter wie ein dreidimensionales Gemälde wirken zu lassen. Dafür bediente man sich der Elemente Wasser, Felsen, Pflanzen und der Architektur.
Wasser ist einem Spiegel gleichzusetzen, der den Garten optisch vergrößert und den Himmel, die Natur und die Häuser reflektiert. Es bildet einen weichen Kontrast zum zweiten Element – den Felsen bzw. Steinen. Diese wurden zu kleinen, von Höhlen durchzogenen, Bergen aufgetürmt oder aber auch für Begrenzungsmauern und Brücken verwendet, über die man die einzelnen Bereiche des Gartens erreicht. Ferner schwimmen im Wasser sehr oft Goldfische, die in China Glück verheißen.
Pflanzen – als drittes Element – versinnbildlichen das Leben; dennoch wurden diese hier sparsamer eingesetzt als anderswo. Man findet in den Gärten hauptsächlich den aus dem Schlamm wachsenden Lotus vor, der für Reinheit und den Sommer steht oder den kaum zu brechenden Bambus, der Entschlossenheit symbolisiert. Weitere Pflanzen sind:
– die Trauerweide im Frühjahr – als sexuelles Symbol
– die Chrysantheme im Herbst – für Tapferkeit
– die Pflaume im Winter – für Kraft
– die Kiefer als Männlichkeitssymbol
– und die Päonien für ein erfülltes Frauenleben und Reichtum
Für das letzte Element stehen die Gebäude, meist in Form von überdachten Wegen und Pavillons, die ein sehr wichtiger Bestandteil sind, um die Blicke auf den Garten überhaupt erst genießen zu können und Platz zum Verweilen und zur Kontemplation bieten. Mit Hilfe von runden Toren – sogenannten Mondtoren – und durchbrochenen Stellwänden lassen sich die Aussichten einrahmen oder zeichnen kunstvolle Schatten auf die weißen Wände, die gewissermaßen als unbemalte Leinwände daherkommen und so die ideale Projektionsfläche liefern.
Neben den 4 Grundelemente bezieht man oft auch noch „geborgte“ Aussichten ein, was so viel bedeutet wie, dass man bestimmte Szenen der Umgebung mit in das Gesamtgemälde einfließen lässt; das kann eine Pagode im Hintergrund der Stadt oder aber auch ein ferner Hügel sein.

Wenn die meisten immer von den berühmten Japanischen Gärten sprechen, denen sei nun gesagt, dass diese auf der Grundlage der Chinesischen Gärten dort erst im 6. Jahrhundert eingeführt wurden. Das Prinzip beruht ebenso auf den sogenannten „Sieben Dingen“ – Harmonie von Erde, Himmel, Wasser, Steinen, Pflanzen, Wegen und Gebäuden -, die wir nun auch einmal auf uns wirken lassen wollten…

Beisi Ta – Nordtempelpagode

Auf dem Weg zu den Gärten kamen wir zunächst an der achteckigen Nordtempelpagode vorbei, welche mit ihren 76 Metern die höchste Pagode südlich des Yangzi sein soll. Eigentlich wollten wir am Morgen gleich damit beginnen, die 9 Stockwerke nach oben zu steigen, um uns schon mal einen Gesamtüberblick von Suzhou verschaffen zu können. Doch leider waren die Pforten zum Tempelgelände der Beisi Ta um diese Zeit noch verschlossen, und so mussten wir uns eben damit abfinden, die Pagode lediglich von außerhalb der Mauern zu bewundern.

Beisi Ta in Suzhou / Jiangsu / China

Zhuozheng Yuan – Der Garten des Bescheidenen Beamten

Nach einer kurzen Zeit des Umherirrens – bis endlich ersichtlich war, wo denn eigentlich die Tickets gekauft werden und wo wir nun hineingehen müssen – standen wir endlich im ersten Chinesischen Garten von Suzhou und sogleich dem größten und schönsten; jedenfalls in der Art wurde es einem angepriesen. Da wir uns natürlich keinerlei Illusionen gemacht hatten, an so einem begehrten Ort die Einzigen zu sein, wollten wir dort wenigstens so früh wie möglich aufschlagen, um nicht schon nach ein paar Minuten im Gedränge zu enden. Und wir hatten Glück – zumindest für chinesischen Verhältnisse hielten sich die Besucherströme noch in Grenzen.

„Seinen Garten zu kultivieren, um glücklich zu sein, das ist die Politik des einfachen Mannes.“ (*Dumont Reise-Handbuch von Oliver Fülling) – Dieses Zitat entstammt einem Gedicht des Poeten Pan Yue, demnach der Zhuozheng Yuan auch Garten der Politik des Einfachen Mannes genannt wird. Sehr zutreffend, denn schließlich war es ein pensionierter Beamter – namens Wang Xianchen -, der auf dem Gelände eines ehemaligen Tempels 1509 den 2,5 ha großen Garten anlegte, und für dessen Gestaltungen den berühmten Maler Wen Zhengming hinzuzog.
Die Wohnbereiche befanden sich ursprünglich im zentralen Bereich des dreigeteilten Gartens. Da dieses Anwesen im Laufe der Jahre des Öfteren seinen Besitzer gewechselt hat, wurde es immer wieder nach dem Gusto des jeweiligen Eigentümers umgestaltet. Heute kann man nun über die unzähligen kleinen Zickzack-Brücken und geschwungenen Korridore zu den schmucken Pavillons wandeln, die sich um die mit Lotus bedeckten Teiche verteilen und so poetische Namen wie der „Pavillon des Lauschens auf das Geräusch des Regens“ tragen.

Übersichtsskizze des Zhuozheng Yuan in Suzhou / Jiangsu / China

Nachdem wir den schönen, dennoch etwas weniger dekorativen, Östlichen Garten durchschritten hatten, betraten wir nun den Zentralen Teil der Anlage, welcher mit seinen zahlreichen Seen und dem Meer aus Lotusblüten die Landschaft des südlichen Yangzis imitieren soll. Gleich zu Beginn konnten wir schon einmal eine der oben beschriebenen „geborgten Aussichten“ genießen, welche in diesem Fall die Nordtempelpagode mit einbezog. Doch auch die anderen Aussichten auf die sich im Wasser spiegelnden Pavillons und aus dem Teich ragenden kleinen Steinpagoden, standen derer in nichts nach.

Die eigentlichen Highlights befanden sich allerdings im besonders liebevoll angelegten Westlichen Teil des Zhuozheng Yuans, welchen wir durch eines jener Mondtore erreichten. Hier steht auch die Mandarinenten-Halle mit ihren blauen Mosaikfenstern, durch die es ausgesprochen viel Laune gemacht hat, die vorbeigehende Passanden zu beobachten oder zu fotografieren. Doch auch wir schienen immer wieder ein sehr begehrtes Fotomotiv zu sein, und so hatten beide Seiten ihren Spaß daran, sich gegenseitig abzulichten. – Aber wir bekamen natürlich auch das ein oder andere Kuriose zu sehen; da soll sich hierzulande mal noch jemand über die gerade auferlegte Maskenpflicht beschweren. 😉

Shizi Lin – Der Löwenwald-Garten

Mit seinem durchklüfteten, labyrinthartigen Steingarten ist der Shizi Lin wohl der schönste von Suzhous Gärten, auch wenn er um einiges kleiner als sein Nachbar ist. Das fanden wir und wohl auch die vielen anderen Besucher, die ihre wahre Freude daran hatten, in gebückter Haltung durch die 21 Höhlen der bizarren Felsgebilde zu huschen, auf der Suche nach dem richtigen Ausgang.

Der Shizi Lin wurde 1342 von einem Mönch aus der Yuan-Dynastie – namens Tian Ru – auf den Resten eines zerstörten songzeitlichen Gartens angelegt und war einst Bestandteil eines buddhistischen Klosters. Aufgrund der löwenähnlichen Felsspitzen nannte ihn der Abt schließlich Löwenwald-Garten.
Qing-Kaiser Qianlong soll insbesondere von dem zentralen Pavillon wohl so begeistert gewesen sein, dass er diesen als identische Vorlage zum Bau von 2 weiteren nahm – einem in der Verbotenen Stadt in Beijing und den anderen in der Sommerlichen Residenz in Chengde.
Seine heutige Größe erhielt der Shizi Lin jedoch erst unter der Familie Bei, die diesen im Jahre 1917 kaufte und bis 1926 weiter ausbaute. Danach fiel er erst einmal der Regierung in die Hände und durfte eine zeitlang ausschließlich von Parteifunktionären betreten werden. Seit 1954 steht der Löwenwald-Garten nun endlich auch der Öffentlichkeit zur Verfügung und wurde 2000 sogar zur Liste des UNECSO-Weltkulturerbes hinzugefügt.

Auch hier konnten wir wieder jede Menge Zickzack-Brücken und hübsche Pavillons entdecken, die entweder direkt im Wasser standen oder sich darum gruppierten. Bei einem hatte man sogar das Gefühl, sich auf einem nostalgischen Boot zu befinden, von dem aus man durch die bunten Mosaikfenster aufs offene Meer schauen konnte bzw. eher auf Menschen, die im Lotusmeer versanken.
Natürlich durften hier auch nicht die Löwen fehlen. Für manche brauchte man etwas weniger, für andere mehr Fantasie.

Pingjiang Lu – Alter Kanal

Zeit für Baozi und gebratene Nudeln und für einen Chá – einen Tee. – Das darf ich natürlich nicht versäumen zu erwähnen, denn da wir den Genuss von den in China angebotenen Eiskaffees ausgesprochen grausam empfanden, kamen wir irgendwann mal auf den Geschmack, es eben mit kalten Grünen Tee und später noch mit Milch geupgradet zu versuchen. Ich kann es euch nur ans Herz legen, das einmal selbst zu probieren; und bei meiner nächsten Reise werde ich daran denken, zu Demonstrationszwecken davon auch noch ein Foto zu machen.

Es liegt noch gar nicht so lange zurück, da war Suzhou komplett von Kanälen durchzogen. Leider hat man inzwischen die meisten davon zugeschüttet und zu Straßen umgebaut – fast wie in Amsterdam. Dennoch gibt es einen Kanal, der im Original erhalten blieb und an dem man entlangspazieren und sich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen kann.
Während es in der kleinen Fußgänger mit den nostalgischen Läden recht eng zuging – zumal sich dort nebst Rollern auch noch diverse Fahrrad-Rikschas hindurchquetschten -, hatten wir das gegenüberliegende Ufer, an dem sich die weiß getünchten Häuser der Einwohner aneinanderreihten, fast für uns allein. Auch wenn uns der Anblick nicht fremd war, fanden wir es spannend, etwas Chinesischen Alltag einzuhauchen; hier eine Leine mit frisch gewaschener Kleidung, da ein raufendes Hundepaar, dort eine verdatterte Oma, die sich wohl gerade fragen mag, was denn die Barbaren in ihrer Siedlung machen. – Etwas touristischer kamen dann schon die Gondoliere mit ihren konischen Hüten daher, die unbeirrt durch den alten Kanal stakten und einem das Gefühl vermittelten, sich im Suzhou der vergangenen Tage zu befinden. Aber war das nicht gerade auch einer der Gründe, hierhergekommen zu sein?

Eine Story muss ich nun aber noch zum Besten geben: Wie das nun mal so ist, muss Frau gelegentlich auch mal auf die Toilette; die in China übrigens erfreulicherweise fast alle kostenlos genutzt werden können. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem Toilettenpapier, was man lieber selbst – in Form von Tempos – bei sich haben sollte. – Nicht so in dieser sanitären Einrichtung! Ich habe mich noch gewundert, was das eigentlich für ein seltsamer Kasten am Eingang sein soll und wollte mir den nun einmal näher anschauen; als dieser plötzlich anfing, Papier auszuspucken und nicht mehr damit aufhören wollte. Ich schrie nach Flo, was ich denn nun tun könnte. Seine simple Antwort war „rübergehen!“. Und siehe da, das war des Rätsels einfache Lösung. – Mann, kam ich mehr dämlich vor.
Hier funktionieren doch tatsächlich sogar die Klopapier-Automaten mit Gesichtserkennung. An so etwas hatte ich in meiner blinden Naivität gar nicht gedacht. Das mein Chinesisch nicht so gut ist, wusste ich, aber mein Englisch…?

Pingjiang Lu in Suzhou / Jiangsu / China

Shung Ta – Zwillingspagoden

Auf dem Weg zum nächsten Garten kamen wir nun auch noch an den achteckigen Zwillingspagoden vorbei, die in China recht selten und für gewöhnlich eher in Indien zu finden sind. Diese 30 Meter hohen Exemplare wurden schon zur Song-Zeit von einem Studenten und seinem Bruder zu Ehren seines Lehrers und Förderers erbaut.
Um ehrlich zu sein, hatten wir uns die Anlage etwas größer vorgestellt. Doch letztendlich kam es uns ganz Recht, dass die Besichtigung nicht so viel Zeit in Anspruch nahm, da uns diese nämlich so langsam etwas davon rannte, und wir uns heute eigentlich noch 2 Sachen anschauen wollten. Dennoch war es ein einmaliges Erlebnis, diese 2 farbenprächtigen Pagoden einmal aus nächster Nähe zu sehen.

Wangshi Yuan – Der Garten des Meisters der Netze

Schon im Jahre 1140 legte der Vizeverteidigungsminister Shi Zhengzhi (Song-Dynastie) den Wangshi Yuan an. Danach verwahrloste der Garten allerdings und wurde erst wieder 1770 von einem pensionierten Beamten restauriert, der dort seinen Lebensabend mit Fischen verbrachte. Da er die Gartenanlage gleichzeitig auch als Wohnstätte genutzt hat, enthält sie hingegen zu den meisten Chinesischen Gärten überdurchschnittlich viele Gebäude. Auch wenn der Wangshi Yuan relativ klein ist, bietet er aufgrund seiner verwinkelten Innenhöfe und der Vielzahl von filigranen Stellwänden und Holzgittern jede Menge Möglichkeiten, den Garten immer wieder aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen und die einzelnen Abschnitte einzurahmen.

Wangshi Yuan in Suzhou / Jiangsu / China

Besonders am Abend, wenn der Mond am Himmel steht und sich dabei im Wasser spiegelt, soll es sich lohnen, dieses Schauspiel vom Pavillon zur Mondbetrachtung aus zu bewundern; noch zudem dies im Sommer musikalisch unterlegt wird. Doch so lange konnten und wollten wir heute nicht mehr warten. Ganz zu schweigen von unserer zeitlichen Bedrängnis, fiel nun auch noch eine Truppe plumper Amis wie Heuschrecken über den Garten herein. Noch zudem waren wir inzwischen schon ganz schön ausgelaugt und auch von den Eindrücken übersättigt, so dass sich für uns an diesem Punkt alles nur noch irgendwie zu wiederholen schien. Wir brauchten erst einmal eine kurze Auszeit; und wenn es auch nur in Form von verzweifeltem Suchen nach einem Weg aus den Fängen eines eng bebauten Wohngebietes war, in welches wir hineingeraten sind, um irgendwo den Fluss zu überqueren.

Pan Men Landschaftspark

Im Unterschied zu den bereits besuchten Grünanlagen handelt es sich hier nicht um einen privaten Garten, sondern wie der Name schon vermuten lässt um einen Landschaftspark mit dem dazugehörigen Pan Men; Suzhous einzigem erhaltenen Stadttor aus dem Jahre 1355. Dieses doppelwandige, mit Schleuse und Winde versehene, Wassertor war Teil einer ehemals 8-torigen Befestigungsanlage, welches den Zugang zur Stadt über die Wasserstraße kontrolliert hat. Damit gilt es als das einzige Land- und Wassertor von China. Leider sind von der alten Mauer nur noch ca. 300 Meter erhalten geblieben, dennoch lohnt es sich, von hier oben einen Blick auf die Stadt und den Park mit der Ruiguang-Pagode zu werfen.

Übersichtsskizze des Pan Men Landschaftsparks in Suzhou / Jiangsu / China

Über diese 43 Meter hohe Pagode des Lichtes des Guten Omens (so wörtlich übersetzt) aus der Song-Zeit, haben wir zunächst einmal das Areal betreten, auf dem es um einiges ruhiger zuging als bei den anderen Attraktionen der Wasserstadt. Uns sollte das nicht stören, nur, dass sich leider gerade jetzt die Sonne hinter den Wolken verkroch. So beschlossen wir, erst einmal wieder etwas vom Gaspedal herunterzugehen. Vielleicht würden wir die Pagode ja später noch einmal im vollen Licht bewundern können.

Pan Men Landschaftspark in Suzhou / Jiangsu / China

Gleich im Anschluss folgte direkt am See die Halle der Vier Hellseherischen Verdienste, von der aus wir einen tollen Blick auf den dreistöckigen Pavillon der Halle der Schönen Aussicht hatten. Zu dieser ging es auch schon gleich weiter über die uns schon vertraut gewordenen Zickzack-Brücken, die von Unmengen gelber, orangefarbiger und weiß-gefleckter Karpfen umlagert waren, welche ihre gierigen Mäuler nach Futter aufrissen.

Von vielen Pflanzen und wundervoll in die Landschaft integrierten kleinen Pavillons umgeben, gelangten wir nun zu der Halle der Schönen Aussicht, deren Name Programm war. Denn jetzt, wo die Sonne wieder schien, erstrahlte endlich auch die Ruiguang-Pagode in vollem Licht. Während ich diesen Moment voll auskostete, hat sich mein kränkelnder Flo ein lauschiges Plätzchen gesucht, um ein kurzes Nickerchen zu machen. Ich schätze mal, dass das in sitzender Haltung zwischen all den Mücken doch nicht so geruhsam war, so dass wir uns schon wenig später wieder auf den Weiterweg machten.

Als letztes sind wir nun auch noch an der Stadtmauer zum Tor hinaufgestiegen. Ich muss wirklich sagen, das war ein würdiger Abschluss. Das mit bunten Fahnen und roten Laternen bespickte Mauerwerk, welches in der späten Nachmittagssonne fast schon einen goldenen Farbton annahm; das historische Pan Men mit der antiken Winde; die imposante Pagode des Landschaftsparks im Hintergrund; der Blick hinab in den Wassergraben und zur bogenförmigen Wu-Men-Brücke, die sich über den Großen Kanal spannt; all das war den Besuch mehr als wert. Doch das absolute Highlight war eine Gruppe komplett in Weiß gekleideter Chinesen, die soeben ihre Kampfkünste zum Besten gaben; und das im wunderbaren Licht der untergehenden Sonne.

So wie man sich bettet, so liegt man!

… und das hat für diese Nacht sehr gut hingehauen. Auch wenn das moderne >>Zsmart Hotel<< direkt an einer großen, gut befahrenen Straße liegt und somit nicht gerade zu den ruhigsten Unterkünften gehören mag, war das Personal ausgesprochen freundlich und die Zimmer super schön eingerichtet und vor allem auch sauber. Die Dusche und die Toilette konnte man eher als Voyeur freundlich einordnen, aber es hätte im Zweifelsfall ja sogar Vorhänge gegeben. Das Beste war allerdings, dass man die Kabinen entweder in sattem Neongrün, leuchtend blau oder lila erstrahlen lassen konnte. Ja, auch so Spielerein haben mal was für sich. Bevor ich mich jedoch in diesen ergießen konnte, haben wir noch schnell irgendwo etwas zum Essen auftreiben wollen. Das war in dieser Gegend jedoch schwerer als gedacht, dennoch wurden wir in einer kleinen Seitenstraße fündig. Dann hieß es aber: nix wie ins Hotel, damit Flo endlich seine Erkältung ausschwitzen konnte, um am nächsten Tag wieder fit zu sein.

Fazit

Das historische Zentrum Suzhous mit seiner großen Anzahl Chinesischer Gärten ist ein wirklich sehr zu empfehlendes Reiseziel. Doch um das Ganze vielleicht ein wenig zu entzerren oder um noch die anderen berühmten Gärten, den Konfuzius-Tempel oder den Tigerhügel mit seiner schiefen Pagode zu besuchen, würde es sich durchaus anbieten, noch einen weiteren Tag anzuhängen. Für uns hingegen, die von Haus aus alles immer etwas sportlicher angehen, war die Zeit völlig ausreichend, da wir ja noch ein weiteres Wasserdörfchen besuchen wollten. – Mit der Kontemplation, das ist allerdings so eine Sache, die mir noch nicht so ganz gelingen will. Dann will ich mal nur hoffen, dass Hyperaktivität nicht ansteckend ist, und sich bei euch zumindest aufgrund unserer Bilder ein Gefühl von Entspannung eingestellt hat. 😉

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Ein Gedanke zu „Suzhou – September 2019

  1. […] zu entrichten.Näheres zum Kaiserkanal könnt ihr auch noch einmal in meinem Reisebericht über >>Suzhou<< […]

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