Norwegen 2020 – Wasserfälle

Norwegens Wasserfälle – eine Statistik

Wie viele Wasserfälle Norwegen insgesamt hat, diese Frage scheint wohl keiner genau beantworten zu können. Was man allerdings mit Sicherheit sagen kann, dass sich 8 der 25 weltweit größten Wasserstürze hier befinden, und kein anderes Land Europas auch nur annähernd mit Norge gleichziehen kann, sowohl was die Anzahl als auch die Falltiefe und Spektakularität der Wasserfälle betrifft. Die meisten davon weist Vestlandet auf, was einen auch nicht weiter verwundern sollte, wenn man bedenkt, von wie vielen Fjorden diese Region durchzogen ist. Anhaltende Niederschläge und die langen Winter tun noch ihr Übriges, wodurch vor allem im späten Frühjahr die Wasserfälle besonders beeindruckend sind.
Natürlich hat man sich diesen Umstand auch aus ökonomischer Sicht zunutze gemacht, und so profitiert das ganze Land von der Energiegewinnung durch die Wasserkraft und natürlich auch vom Tourismus.

Noch ein paar Zahlen, damit ihr euch ein konkreteres Bild davon machen könnt, was „groß“ in dem Fall nun bedeutet:
Laut der World Waterfall Database gilt der Vinnufossen mit einer Falltiefe von 860 Metern als der höchster Wasserfall nicht nur von Norwegen, sondern auch von Europa, und belegt Platz 6 im weltweiten Vergleich. Kurz dahinter folgt der 840 Meter hohe Kjelfossen im Aurland. Auch der Kjeragfossen, welchen wir noch vor 3 Tagen am >>Kieragbolten<< direkt vor unseren Augen zum Lysefjord in die Tiefe stürzen gesehen haben, ist mit seinen 715 Metern ganz weit oben dabei. – Nun will ich jetzt natürlich nicht alle Wasserfälle der Reihe nach aufzählen, jedoch sollte wenigstens noch der Vettisfossen erwähnt werden, da dieser – zwar „nur“ 273 Meter – die Besonderheit aufweist, Europas höchster, unregulierter, frei fallender Einstufen-Wasserfall zu sein.
Genug nun der blanker Theorie, folgende Wasserstürze haben wir höchst persönlich bewundern können und sind jederzeit weiterzuempfehlen:

Låtefoss – 04. August 2020

Wie ich ja bereits in meinem Blogbeitrag über den >>Ryfylkevegen<< geschrieben habe, kamen wir auf unserem Weg zum Buarbreen auch durch das Tal der Wasserfälle. Dieser Name kommt natürlich nicht von ungefähr, denn aufgrund der abschmelzenden Eiskronen des Folgefonna Gletschers auf der westlichen und der steil abfallenden Flanken des Hardangerplateaus auf der östlichen Seite, haben sich über die Jahre unzählige Wasserfälle herausgebildet und ihren Weg in dieses Tal gebahnt; wovon wir uns auf der Durchreise auch persönlich überzeugen konnten. Dennoch hatten wir es (wie wohl die meisten) in erster Linie auf den einen Speziellen abgesehen, den „König der Wasserfälle“ – den Zwillingswasserfall Låtefoss.
Wenn ich zuvor noch über Zahlen gesprochen hab, mag dieser mit seinen 165 Metern vielleicht nicht gerade mächtig erscheinen, doch seine Exklusivität besteht darin, dass er sich über zwei Arme ins Tal ergießt, die gewissermaßen Ausläufer der Hardangervidda sind. In Sachen Geräuschkulisse steht er den ganz Großen allerdings in nichts nach, und so konnten wir unser eigenes Wort kaum verstehen, als wir staunend auf der schmalen Bogenbrücke standen, während das Wasser von oben an uns vorbeidonnerte und uns dabei die Gischt ins Gesicht wirbelte. Noch immer unsere Wanderung kürzlich über den Schluchtensteig im Schwarzwald vor Augen, waren wir nun mehr als beeindruckt.

Langfoss – 05. August 2020

Der Langfoss zählt mit seinen 612 Meter zu einem der höchsten Wasserfälle Norwegens; mit exakt dieser Höhe ist er vor allem aber der höchste frei fallende Wassersturz des Landes. Einer zu Boden gleitenden Brautschleppe ähnlich, wurde der Langfoss als einer der schönsten Wasserfälle der Welt eingestuft. Davon wollten wir uns natürlich ein eigenes Bild machen und haben den kleinen Umweg zum Åkrafjord in Kauf genommen.
Da die E134 direkt daran vorbeiführt, ist es fast schon unmöglich, diesen imposanten Wasserfall zu verfehlen. Schon von Weitem springt er einen förmlich ins Auge, und so legten wir nun schon einmal einen kurzen Zwischenstopp in einer kleinen Bucht bei Fjæra am Åkrafjord ein, um den Schleier in seiner vollen Größe bewundern zu können. Aus der Distanz wirkte dieses weiße Band, das sich an den dunklen, nackten Felswänden in den Fjord zieht, so unglaublich friedlich. Man könnte bei diesem Anblick leicht vergessen, welche Kräfte dabei eigentlich am Werk sind. – Diese bekamen wir natürlich schon sehr bald zu spüren, als wir letztendlich vis-à-vis des tobenden Langfoss‘ standen. Zu gern wäre ich nun auch noch entlang dieses mächtigen Falls nach oben gewandert, doch heute stand bei uns bereits die >>Trolltunga<< auf dem Programm. Ein anderes Mal vielleicht!

Infotafel am Langfoss in Norwegen

Hardangerfjord – Sørfjord, Eidfjord

Ich möchte in diesem Zusammengang noch kurz etwas zu den in der Überschrift genannten Fjorden einschieben, da sich die drei (von mir im Blog beschriebenen) Wasserfälle alle in deren Nähe befinden. Streng genommen handelt es sich dabei jedoch eigentlich nur um einen Fjord – den Hardangerfjord -, denn sowohl der Sørfjord als auch der Eidfjord gehören lediglich zu diesem weit verzweigten Fjordsystem.

Hardangerfjord

Manch einer bezeichnet den Hardangerfjord als den „König der Fjorde“, sehr viele immerhin als den schönsten des Landes. Das mag vielleicht daran liegen, dass Norwegens zweitlängster Fjord zu einem nicht unerheblichen Teil von grünen Wiesenhängen und sanften Hügeln dominiert wird, bevor später im Fjordinneren die schroffen Felswände folgen. Aufgrund dieser agrarwirtschaftlich günstigen Bedingungen konnten hier unzählige Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen hochgezogen werden, die jedes Frühjahr und jeden Frühsommer den Hardangerfjord zum Obstgarten Norwegens heranreifen lassen.
Mit einer Länge von 180 Kilometern ist er Norwegens zweitlängster Fjord – nach dem Sognefjord – und der drittlängste der Welt. Er erstreckt sich (beginnend mit seiner Fjordöffnung) bei der Insel Bømlo in der Nordsee bis an den Westrand der Hardangervidda. Bei Utne – an der nördlichen Spitze der Folgefonna Insel – gliedert er sich jedoch u.a. in die Nebenarme des Sørfjord und des Eidfjord auf.

Sørfjord

Im direkten Vergleich ist der gerade einmal 38 Kilometer lange und maximal 3-4 Kilometer breite, in südliche Richtung verlaufende Sørfjord weniger einnehmend; zumindest was seine Ausmaße anbelangt. Wenn man jedoch (wie wir) den gesamten Fjord der Länge nach auf der schmalen Uferstraße gen Norden abfährt, eingerahmt von den vergletscherten Bergen des Folgefonna Nationalparks auf der linken Seite und rechterhand von den Ausläufern der Hardangervidda, wird einem wieder einmal mehr klar, dass es im Leben sooft auch die kleinen Dinge sind, an denen man sich erfreuen kann. Wenn man jedoch nun auch noch im Frühsommer am Sørfjord entlangfahren sollte, dann kommt man in den einzigartigen Genuss, die 500000 Obstbäume im zarten Rosa blühen zu sehen, während die Bergwelt noch immer im Schnee versunken ist. Diese Pracht sei den Zisterziensermönchen zu verdanken, die diese Plantagen im 13. Jh. für ihre Klöster angelegt haben. – Auch wenn wir im August für die Blütesaison vielleicht schon zu spät dran waren, verbindet uns mit diesem Fjord dennoch ein ganz großartiges Ereignis. Hier befindet sich nämlich auch die spektakuläre Trolltunga, zu der wir mit unserem Zelt gewandert sind.

Eidfjord

Der Eidfjord mag den meisten wohl in erster Linie wegen Norwegens berühmtesten Wasserfall bekannt sein, für uns war jedoch die Landschaft selbst das Ausschlaggebende. Denn auch wenn sich der östliche Nebenarm des Haradangerfjord nur 28 Kilometer ins Landesinnere schiebt, schlängelt dieser sich im Anschluss als wilder Bach immer tiefer in die Bergwelt hinein und entfaltet erst im bezaubernden Måbødalen seine wahre Faszination. Was den Fjorden für gewöhnlich das tiefblaue Wasser ist, präsentiert sich einen an dieser Stelle als atemberaubende, grüne Kulisse: eine sagenhafte Schluchtenlandschaft, in der sich kleine und auch größere Wasserfälle von den Abbruchkanten des Hardangerplateaus in den Fluss Bjoreia hinabstürzen und vereint durch das Måbødalen schließlich ihren Weg nach Westen aufnehmen. Einer dieser Wasserstürze ist – „The most visited“ – der Vøringsfoss, den wir uns selbstverständlich anschauen mussten.

Indre Bru über den Eidfjord in Norwegen

Vøringsfoss – 06. August 2020

Wir hatten das Glück, jetzt im August diesen beeindruckenden Wasserfall in seiner vollen Pracht zu erleben. Zu jeder anderen Zeit wäre das undenkbar gewesen, da der Vøringsfoss inzwischen durch das Sima-Speicherkraftwerk (immerhin das zweitgrößte Norwegens) gedrosselt und das aus der Hardangervidda ablaufende Wasser zur Stromerzeugung herangezogen wird. Man konnte sich gerade noch darauf einigen, wenigstens während der Sommermonate diesem Naturphanomän freien Lauf zu lassen, was für die Touristenbranche ja auch nicht ganz abträglich ist. Anderenfalls wäre damit eine wirklich fantastische Attraktion verloren gegangen, über die wir nun unsere Blicke schweifen lassen konnten:
Am Westrand der Hardanger-Hochebene stürzte sich vor unseren Augen der Vøringsfoss aus 183 Metern (davon 145 Meter im freien Fall) in die Tiefe des Måbødalen. An den gegenüberliegenden brüchigen rot-braunen Felswänden rannen weitere kleinere Wasserfälle vom Fjell ins Tal hinab. Durch die Wucht des einschlagenden Wassers wirbelte die Gischt am Boden so stark auf, dass sie sich erst als undurchsichtiger Nebel über dem mäandernden Bjoreia und dann als feiner Schleier über der grünen, nicht enden wollenden Fjordlandschaft ausbreitete. – Nach all den bisher gesehenen, vom Wasser dominierten Fjorden, war diese grüne Idylle hier nun eine willkommene Abwechslung, und es wäre jammerschade gewesen, nicht auch in den Genuss dieses seltenen Anblicks gekommen zu sein.

Weiterreise nach Bergen

Da wir vorhatten, am folgenden Tag Bergen zu besichtigen und uns heute noch möglichst weit bis zu den Toren der Stadt vorarbeiten wollten, mussten wir uns nun noch einmal ins Auto setzen und ein paar Meilen machen. Doch da wir am Vormittag erst unsere Wanderung zur Trolltunga beendet hatten, konnten wir nun auch mal wieder etwas länger sitzen. Das Problem war nur, dass die Uhr bereits 16 Uhr schlug. Trotzdem wollten wir unbedingt am Eidfjord und später auch noch direkt am Hardangerfjord entlangfahren, auch wenn es eine wesentlich schneller Verbindung über die E16 gegeben hätte. Doch waren wir nicht zuletzt ja gerade wegen dieser einzigartigen Landschaft hier, und da wollten wir natürlich auch jetzt nichts versäumen. (Etwas fadere Strecken sollten in Norden noch kommen!)
Je weiter die Zeit voranschritt, und je näher wir an Bergen herankamen, umso hippeliger wurden wir allerdings auch, als uns einfach keine Übernachtungsmöglichkeit hergehen wollte. Gegen 19 Uhr wurden wir dann aber endlich doch noch fündig und zwar auf einem Skiparkplatz im Eikedalen, der zu dieser Jahreszeit natürlich vor Leere gähnte; so leer, dass wir uns nicht sicher waren, ob es denn überhaupt erlaubt sei, über Nacht hier einfach zu parken. Nach reiflicher Überlegung haben wir dann doch noch den Motor abgestellt, auch wenn es irgendwie befremdlich war, allein auf diesem riesigen Areal zu schlafen, obwohl sich ein offizieller Campingplatz direkt dahinter befand. Doch diese Option kam für uns schon gar nicht in Frage, da wir zum einen ja unnötige Kontakte soweit es geht vermeiden wollten, zum anderen schließlich nicht umsonst mit unserem Dachzelt unterwegs waren, was uns ermöglichte, auf den meisten Parkplätzen (vorausgesetzt es ist nicht ausdrücklich verboten) zum Übernachten stehenzubleiben. Nach einem kurzen Smalltalk mit einem vorbeispazierenden Camper legte sich unser Unbehagen ein wenig; noch zudem er uns dazu ermutigte, die sanitären Einrichtungen ruhig mitbenutzen zu können. Was für eine Verlockung nach fast einer Woche unzureichender Körperpflege!

Endlich konnten wir auch mal unsere Trekking-light-Ausrüstung – in Form von einem klein-zerlegbaren Tisch und zwei extraleichten Stühlen – auf die Bewährungsprobe stellen, und endlich konnten wir auch unsere Trekkingrucksäcke auspacken und die Wäsche und Schlafsäcke zum Trocknen aufhängen. Sehr schön! Einen Serbischen Bohneneintopf später ging’s dann ins Dachzelt; ohne Regen, ohne Sturm, ohne Übelkeit; nur mit Nicole, Leo und Ohrenstöpseln.

Körperpflege auf Norwegisch – Wash & Drive – Klappe die Erste

Wie zwei Schwerverbrecher haben wir uns gefühlt, als wir am nächsten Morgen in aller Früh auf den benachbarten Zeltplatz geschlichen sind. Klar meinte der Typ gestern, dass wir das ruhig machen können, dennoch, so ganz wohl war uns dabei nicht. Wir fragten uns, ob man sich dafür wohl irgendwo anmelden muss? Jedenfalls das, was wie eine Rezeption aussah, schien noch nicht geöffnet zu haben. Nur eine einzelne Dame schlich um diese Zeit an mir vorbei und erweckte den Anschein, sich über meine Anwesenheit wohl eher weniger zu freuen. Doch das tangierte mich in dem Moment eigentlich herzlich wenig, ich musste aufs Klo und wollte mir endlich mal wieder die Haare waschen. Flo war bereits im Männerwaschraum verschwunden, als ich halbentkleidet feststellen musste, dass man Münzgeld in Form von 1 NOK Stücken braucht, wenn man die Dusche in Betrieb nehmen will. – Na ganz toll, das hatte ich natürlich nicht. – Also habe ich wie ein treuer Köder vor der Tür gewartet, bis mein Liebster zur selben Erkenntnis kommt wie ich und schnell zum Auto zurücksprintet.
Wenig später kam Flo mit ein paar einzelnen Kronen zurück, die natürlich hinten und vorne nicht ausreichen sollten. Also hab ich das Duschen zähneknirschend auf einen anderen Tag verschoben und mir stattdessen ein abenteuerliches Waschbeckenszenario gegeben. Die Haare blieben trocken, die Kabine jetzt weniger, aber für die wichtigsten Körperregionen hat es schon irgendwie gereicht. – Na das konnte ja noch toll werden, wenn es die nächsten Wochen so weitergehen würde! – Immerhin frisch eingekleidet haben wir uns nun nach Bergen aufgemacht.

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