Norwegen 2020 – Oslo

Oslos Wahrzeichen Nr. 1

Auf dem Holmenkollen – 18. August 2020

Nachdem wir uns die letzten Tage ausnahmelos in der freien Natur bewegt hatten, waren wir fast schon ein wenig überfordert, als wir jetzt wieder in urbanes Gebiet kamen; noch zudem in Norwegens frequentierte Hauptstadt. Hochkonzentriert folgten wir nun den unzähligen Hinweisschildern, die uns mit ihrer komplizierten Verkehrsführung gänzlich zu verwirren drohten und von einer Vierspurigen auf die nächste schickten. Was waren wir froh, als wir endlich in die Straße hinauf zum Berg Holmenkollen abbiegen konnten, die schon eher wieder einen dörflichen Charakter pflegte. Dafür hatten wir allerdings im oberen Teil der Strecke mit ganz anderen Widrigkeiten zu kämpfen und mussten so nun ständig auf der Hut sein, um nicht in etwa einen der schnittig um die Kurve rauschenden Radfahrer aufs Horn zu nehmen.

Schon von Weitem stach uns Oslos Wahrzeichen Nummer 1 ins Auge. Jetzt war ich aber wirklich sehr gespannt, dieses Monstrum von Skisprungschanze einmal aus der Nähe zu betrachten. Auch wenn ich mich normalerweise für Skisport und Wettkämpfe im Allgemeinen eigentlich überhaupt nicht erwärmen kann, wollten wir dennoch dem Tipp meiner Osteopathin folgen, die mir riet, unbedingt einmal den Holmenkollen zu besuchen. Dass es hier oben außerdem auch noch einen großen kostenlosen Wanderparkplatz geben sollte, auf dem man für 48 Stunden stehenbleiben darf, beeinflusste unsere Entscheidung natürlich nicht ganz unerheblich.
So ließen wir vorerst einmal das wurmähnliche Gebilde links liegen und machten uns umgehend auf die Suche nach diesem Platz; den wir dann auch recht schnell fanden. Die Schlafstätte für heute Nacht war jedenfalls schon mal gesichert.

Da halb acht ja noch keine Zeit ist, wollte ich dann aber unbedingt noch einmal die paar Meter zur Skisprungschanze hinabfahren; nicht zuletzt, um eventuell schon einen ersten Blick auf Oslo am gleichnamigen Fjord zu erhaschen.
Mit der Aussicht auf die Stadt klappte es leider nicht so wie erhofft, dafür kamen wir aber in den Genuss des lebhaften Treibens der verschiedenartigster Sportler. Man musste richtiggehend aufpassen, damit man den unzähligen Skiläufern – mit ihren kurzen Sommerskiern auf Rollen – nicht in die Quere kam; für die eigens auf dem Gelände entsprechende asphaltierte Wege angelegt wurden, auf denen Fußgänger eigentlich gar nichts zu suchen haben. Doch für mich war so etwas natürlich absolutes Neuland, und so brauchte ich nun eben etwas länger, bis ich letzten Endes alles gecheckt und mich wieder aus der Gefahrenzone begeben hatte.
Neben schon erwähntem Radfahren standen außerdem noch Berglauf und Frisbee hoch im Kurs. Wohin man auch blickte, wimmelte es nur so von emsigen, sich körperlich auspowernden Menschen. – Obwohl ich mich ja eigentlich auch für eine sehr aktive Person halte, kam ich mir jedoch in dem Moment so richtig unsportlich vor. Dennoch, allein schon um dieses gigantische Outdoor-Fitnessstudio zu erleben, das war es wert, hier raufgekommen zu sein.

Die modernste Skisprungschanze der Welt

Schon seit 1892 finden am Holmenkollen Wettkämpfe im Skispringen statt. Damals baute man die Schanze aber noch Jahr für Jahr aus Zweigen und Schnee zusammen, was selbstverständlich schon lange der Vergangenheit angehört. Inzwischen hat man die älteste sozusagen durch die modernsten Sprungschanze der Welt ersetzt, welche pünktlich zur Austragung der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 2011 fertiggestellt wurde.
Als Hochburg des Wintersports, fanden bereits 1952 in Oslo die Olympischen Winterspiele statt. Auch wenn seitdem der Besucherrekord nicht mehr geknackt werden konnte, trifft sich am Holmenkollen nach wie vor das Who is Who der Skispringer, wenn es wieder einmal darum geht, während der alljährlichen Skisprungweltmeisterschaften neue Weltrekorde aufzustellen; wie auch in den Disziplinen Skilanglauf, Nordische Kombination und Biathlon.
Zudem verfügt Oslo über ca. 2600 Kilometer Loipen sowie mehr als ein Dutzend Pisten und trägt somit nicht zu Unrecht auch den Beinamen „Wintersporthauptstadt Europas“.

Wenn ich mir jetzt einmal den Trubel zur Hauptsaison vor Augen führe, war es dagegen heute tatsächlich sehr ruhig. Insbesondere die Sprungschanze gähnte komplett vor Leere; lediglich 3-4 Besucher hatten sich auf die mittlere Plattform verirrt. Um es ihnen jedoch gleichzutun, war es inzwischen leider schon zu spät. So schlichen wir jetzt nur einmal kurz um die moderne Konstruktion herum und sahen dann zu, dass wir schleunigst wieder zum Parkplatz zurückkamen, bevor womöglich dann doch noch alles belegt sein würde.

Entwicklung zu Norwegens Hauptstadt

Historie

Ausgrabungen zufolge, begann die Geschichte Oslos (sprich: Uschlu) – entgegen den Behauptungen des isländischen Gelehrten Snorro Sturluson – bereits 1000 n. Chr. als eine kleine Siedlung am nördlichen Ende des 100 km langen Oslofjords. Doch da Oslo erst im Jahre 1048 durch König Harald III. die Stadtrechte verliehen bekam, gilt dieses Jahr als die eigentliche (anerkannte) Geburtsstunde. Als 1299 der amtierende König Håkon V. dann auch noch die Residenzfunktion von Bergen hierher verlegte, und damit Oslo zur Hauptstadt gradiert wurde, entwickelte diese sich zu einer der bedeutendsten Handelsstädte Skandinaviens.
Mit dem Ausbruch der Pest (Mitte des 14. Jh.), welche die Einwohner um mehr als die Hälfte dezimierte, war es vorerst vorbei mit dem Aufschwung. Mehrere Brände, die einen Großteil der aus Holz errichteten Gebäude vernichteten, besiegelten das Schicksal der Stadt noch zusätzlich. Als im Jahre 1624 Oslo ein weiteres Mal von einer verheerenden Feuerbrunst heimgesucht und dabei komplett zerstört wurde, beschloss der Dänenkönig Christian IV., die Stadt von nun an in den Schutz der Festung Akerhus zu verlagern, und dass zudem fortan nur noch aus Stein gebaut werden durfte. So entstand schließlich auch das Kvadraturen-Viertel am Fuße der Befestigungsanlage, mit seinem typisch rechteckigen, im Renaissancestil errichteten Schachbrettmuster. Im gleichen Zuge wurde Oslo erst einmal in Christiania umbenannt.
Unter der norwegisch-schwedischen Union wechselte die Stadt 1877 dann noch einmal ihre Bezeichnung (in Kristiania), bis sie 1925 endlich wieder ihren ursprünglichen Namen zurückerhielt.

Oslo heute und in Zukunft

Schnell fand Oslo wieder Anschluss an einstige ruhmreiche Zeiten und ist mittlerweile – mit 697000 Einwohnern (Stand 01.01.2021) – nicht nur zur größten Stadt Norwegens herangewachsen, sondern auch zu einer der teuersten Städte weltweit, mit dem höchsten Lebensstandard. Aber Oslo gilt ebenso als die grünste Metropole unseres Kontinents und wurde so von der EU-Kommission 2019 auch zur „Umwelthauptstadt Europas“ gekürt. Nicht nur, dass mehr als die Hälfte der Gesamtfläche aus Wäldern besteht, und 343 Seen sowie ca. 40 Inseln dieser Stadt angehören, setzt sich Oslo zudem eine komplett autofreie Innenstadt und einen „Null-Emission-Staat“ (in naher Zukunft) zum Ziel. Dieses Umweltbewusstsein spiegelt sich auch in den vorrangigen Wirtschaftszweige wie Energiewesen, IT-Business und Biotechnologie neben dem Finanzwesen wider.
Und wie bereits in meinem Eingangsblog erwähnt, ist Oslo auch für die Verleihung des Friedensnobelpreises bekannt, der seit 1901 jährlich zum Todestag (10. Dezember) seines Stifters Alfred Nobel für „den Einsatz für Menschenrechte und besondere Verdienste in der Friedensbewegung“ vergeben wird.

Stadtbesichtigung Oslos – 19. August 2020

Nicht schon wieder Regen! Diesen einen Tag hätte er uns doch nun wirklich einmal verschonen können. So war das mit der Aussicht über Oslo natürlich auch gleich wieder hinfällig. Dabei fanden wir es gerade in Ålesund so toll, zuerst die Stadt einmal von oben abzuscannen, bevor wir sie anschließend zu Fuß erkundet haben. Hier und jetzt ließ sich aber durch das Fenster der Straßenbahn – vom Holmenkollen aus hinab in die City – nur ein grauer Schleier bewundern.

Karl Johans Gate

Klassizistischer Prachtboulevard

Wo spiegelt sich das repräsentative Herz Oslos wohl besser wider, als bei einem Spaziergang über die Karl Johan Gate? So dachten wir, als wir aus dem Untergrund ins Freie dieser Promenadenstraße traten, welche das Königliche Schloss (Slottet) im Westen mit dem Parlament (Stortinget) – bis hin zum Hauptbahnhof – im Osten verbindet. Einst als Prachtboulevard von dem norwegisch-schwedischen König Karl Johann angelegt, schmücken diese verkehrsberuhigte – jedoch von Fußgängern stark frequentierte – Straße noch immer viele klassizistische Gebäude. Eines davon ist die staatliche Universität mit ihren auffälligen ionisch geprägten Säulen, in der übrigens früher der Nobelpreis verliehen wurde. Dieser direkt gegenüber findet man das (allerdings im Barockstil errichtete) Nationaltheater, in dem auch der bekannte norwegische Dramatiker Henrik Ibsen zur Eröffnungsfeier im Jahre 1899 eines seiner sozialkritischen Stücke aufführen durfte.
Doch nicht nur öffentliche Gebäude säumen den Karl Johan, sondern auch jede Menge ebenso reich verzierter Luxusläden, prominente Cafés und Nobelhotels; wie z.B. das Grand Hotel oder das Hotel Continental mit dem angesagten Theatercafé.
Ob für die einen nun noble Shoppingmeile oder für die anderen beliebter Treffpunkt zum Rumlungern im angeschlossenen Park Studentenlunden, am 17. Mai treffen jedoch alle mit der gleichen Absicht zusammen, wenn es wie jedes Jahr heißt, der festlichen Parade anlässlich des Nationalfeiertags beizuwohnen, die in Richtung Slottet marschiert, um dort schließlich von der Königsfamilie vom Balkon herab begrüßt zu werden.

Slottet – Die Königliche Residenz

Von der Königsfamilie wurden wir heute nun zwar nicht begrüßt, aber immerhin von der königlichen Palastwache und der riesigen Reiterstatue König Karl Johans, die von einer dicken Stele auf uns herabschaute.
Der Kongelige Slotten, den Karl Johan nach seiner Krönung (1818) als seine königliche Residenz in Auftrag gab, befindet sich auf einer kleinen Anhöhe am westlichen Ende des Boulevards, von wo aus er die Stadt gut einsehen konnte. Jedoch hatte der König persönlich nicht mehr viel von seinem neuen Palast, verstarb er doch 5 Jahre bevor dieser im Jahre 1848 endlich fertiggestellt werden konnte.
Erst ab 1905 diente der Slottet tatsächlich als dauerhafte Königsresidenz, als die Union mit Schweden für beendet erklärt und daraufhin dem dänischen Kronprinz Carl der Thron angeboten wurde. Diesem Erneuerer hat man es letztendlich zu verdanken, dass Norwegen über das einzige demokratisch gewählte Königshaus Europas verfügt; schließlich plädierte er dazu, das Volk und nicht in etwa die Politiker darüber abstimmen zu lassen, ob er in den Stand des neuen Monarchen berufen werden sollte. Sein Engagement wurde belohnt, indem das Volk mehrstimmig für ihn entschied. Die Krönung Carls fand 1906 im Trondheimer Nidarosdom statt.
Seit 1991 sitzt nun König Harald V. auf den Thron, mit seiner Gattin Königin Sonja an seiner Seite. Sein Sohn – Kronprinz Haakon – und seine bürgerliche Gemahlin Prinzessin Mette-Marit haben mehr als genug Schlagzeilen gemacht und dürften somit inzwischen jedem ein Begriff sein; wie sich dagegen die genaue Thronfolge gestaltet, ist wesentlich nebulöser.
Im Übrigen, wenn über dem Palast die Fahne weht, dann soll der Regent im Hause sein. – Na hätten wir das mal früher gewusst, dann wären wir auf einen Kaffee vorbeigekommen! So schlichen wir nun aber nur einmal um den royalen Gebäudekomplex herum, der fast genauso straight auf uns wirkte, wie der (den Palast umgebende) Slottsparken, und zogen dann wieder von dannen.

Stortinget – Das Norwegische Parlament

Über die Karl Johan Gate gelangten wir nun auch noch zum Sitz des Norwegischen Parlaments, dem Stortinget. In diesem, im norwegisch-italienischen Stilmix errichteten, neugotische Backsteingebäude hat (nach seiner Fertigstellung) im Jahre 1866 die Nationalversammlung zum ersten Mal getagt. Seitdem wurde der Komplex immer wieder erweitertet und verändert. Am beeindruckendsten soll wohl der Sitzungssaal sein, welcher für 169 Parteimitglieder ausgelegt ist und einem Amphitheater ähnelt. Das können wir jetzt zwar leider nicht persönlich bezeugen, doch rein äußerlich betrachtet, wirkt dieses Gebäude schon sehr repräsentativ; na und vielleicht auch ein bisschen florentinisch.
Der Name Stortinget (oder oft auch nur Storting genannt) lehnt sich an das altgermanische Wort „Thing“. Wie auch im Isländischen, deutet dieser Wortbestandteil auf eine frühzeitliche demokratische Gerichtsversammlung hin. Diese wurde zwar mit der Machterlangung der Monarchen (sowohl in Norwegen als auch in Island) erst einmal außer Kraft gesetzt, doch durch die Einführung des Parlaments (hier 1884) konnte schließlich wieder in Richtung alter Traditionen zurückgerudert werden. (Dazu dann allerdings mehr in meinem Island-Blog, wenn wir wieder von unserer Reise zurück sind!)

Rund um die Bucht Pipervika

Rådhuset – Das rote Rathaus

Nein, eine kommunistische Verbindung ist jetzt nicht herzustellen, auch wenn einem dieses rote Backsteingebäude, in einem ähnlich nüchternen Sowjetstil, sofort ins Auge stechen mag. Mit seinen 2 markanten viereckigen Türmen und der gigantischen Uhr hat sich das Rathaus, welches an der Pipervika direkt am Hafen liegt, zu einem weiteren Wahrzeichen Oslos entwickelt.
1931 wurde der Grundstein gelegt, jedoch erst 1950 (zum 900-jährigen Jubiläum) waren die Bauarbeiten für beendet erklärt, und konnte Oslos Verwaltungszentrum endlich eingeweiht werden. Auch wenn es mit dem Nobel-Friedenszentrum seit 2005 ein eigenständiges Gebäude gibt, wird der Friedensnobelpreis nach wie vor jedes Jahr am 10. Dezember im Rathaus übergeben.
Übrigens ist diese Auszeichnung der einzige der fünf schwedischen Ehrenpreise – die anderen sind Literatur, Medizin, Chemie und Physik -, die in Norwegen und nicht in etwa in Alfred Nobels Herkunftsland Schweden verliehen wird. Mag man bösen Gerüchten Glauben schenken, soll der Grund wohl darin liegen, dass der Wissenschaftler sein eigenes Land für nicht friedfertig genug gehalten hat. Man kann aber auch einfach nur die Geschichte zu Rate ziehen, die besagt, dass Norwegen und Schweden zu Zeiten von Nobels Ableben (1897) noch eine Union bildeten. 😉

Festung Akerhus

Auch wenn wir die Festung Akerhus erst zu einem späteren Zeitpunkt besucht haben, möchte ich jedoch gleich in diesem Kontext darauf eingehen, da sich die ehemalige Verteidigungsanlage ja ebenso direkt an der Pipervika befindet. Jedenfalls empfanden wir es nach all unseren vorherigen Erkundungen sehr erquickend, durch das schattenspendende Areal zu spazieren und dabei die Ruhe und die Aussicht auf den Oslofjord zu genießen.

Gleichzeitig mit der Entscheidung König Håkons V., die Hauptstadt im Jahre 1299 nach Oslo zu verlagern, ordnete er auch an, eine Verteidigungsbastion zum offenen Meer hin zu errichten. Die kleine hügelige – zwischen 2 Hafenbecken liegende – Halbinsel Akersneset direkt am Oslofjord bot sich dafür bestens an. Man kann leider nicht genau nachvollziehen, wann die ersten Baumaßnahmen beendet waren, jedoch hielt diese fast 700 Jahre alte Festung immerhin 9 Angriffen stand; u.a. auch der Belagerung durch den schwedischen König Karl XII. (1716).
Unter König Christian IV. (Siehe Historie!) wurde zwischen 1593 und 1646 die gesamte Anlage schließlich zu einem Renaissance-Schloss umgebaut, und diente so nun neben militärischen auch repräsentativen Zwecken. Seine eigentliche Funktion als Abwehrposten verlor die Festung allerdings schon im 19. Jh.

Eine Zeitlang diente Akerhus sogar auch als gefürchtetes Gefängnis. Heute amtiert hier dagegen das norwegischen Verteidigungsministerium. Ferner beinhalten die Räumlichkeiten ein Verteidigungsmuseum, in dem man die Geschichte Norwegens seit der Wikingerzeit nachvollziehen kann, sowie das Widerstandsmuseum und ein königliches Mausoleum; und auch Staatsempfänge werden in der einstigen Festung abgehalten.

Aker Brygge & Tjuvholmen – Docklands meets Modern Art

Am linken Ufer der Pipervika breitet sich das angesagte Szeneviertel Aker Brygge aus. Bis 1982 schufteten hier noch die Arbeiter der ehemaligen Schiffswerft Aker. Als diese jedoch ihre Pforten schließen musste, packte man die Gelegenheit beim Schopf und baute in einem ambitionierten Projekt (im Jahre 2003) die alten Backsteinbauten im Stile der Londoner Docklands um. Neben noblen Büros, modernen Wohnhäusern, hippen Bars und stylischen Läden findet man in Aker Brygge sogar schwimmende Cafés und außerdem ein Kino auf einer schwimmenden Plattform vor.
In direkter Nachbarschaft schließt sich gleich die „Insel der Diebe“ – Tjuvholmen – an. Die Gegend, die einst ein schmuddeliges Hafenviertel war, hat inzwischen eine 180 Grad Wende in Richtung Futurismus vollzogen. Das avantgardistische an ein Glassegel erinnernde Gebäude, welches ein Museum für moderne Kunst beherbergt, konnten wir jedenfalls jetzt auf unser Fahrt über den Oslofjord nach Bygdøy genauso wenig übersehen, wie den 54 Meter hohen gläsernen Aufzug Tjuvtitten, der wie eine spitze Nadel in das blau-weiße Gewand des Himmels stach.

Museumsinsel Bygdøy

Bygdøynes oder Bygdøy?

Diese Frage ist eigentlich recht schnell beantwortet. Auch wenn in den meisten Reiseführern immer nur von der Halbinsel Bygdøy die Rede ist, heißt diese jedoch korrekterweise Bygdøynes (-nes = Landspitze). Bei Bygdøy handelt es sich lediglich um einen Stadtteil auf dieser Halbinsel, der natürlich am meistbesuchten und von daher auch am bekanntesten ist, weil dort eine Handvoll historisch wertvoller Museen stehen, die der Museumsinsel letztendlich zu ihrem sehr passenden Spitznamen verhalfen.
Wörtlich übersetzt bedeutet Bygdøynes so viel wie „bewohnte Insel“. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war dieser Name tatsächlich auch noch Programm, bevor dann die Meerenge zum Festland hin versandete, und aus der (westlich vom Hafen Oslos, am Inneren Oslofjord gelegenen) Insel schließlich eine Halbinsel wurde.
Schon im 16. Jh. war diese waldreiche Insel bei den dänisch-norwegischen Königen überaus begehrt, die hierher zum Jagen kamen. Heute zieht es vor allem die wohlhabende Gesellschaft auf diese Halbinsel, die insbesondere in Bygdøy mit ihren exklusiven Villen auftrumpfen, und ferner jede Menge kulturell interessierte Touristen, welche die Qual der Wahl haben zwischen 5 ausgezeichneten Museen. Wir persönlich beschränkten uns jedoch aus Zeitgründen auf das Norwegische Volksmuseum (Norsk Folkemuseum) und die Wikingerschiffshalle (Vikingskipshuset). Die anderen 3 wären noch: das Fram-Museum, welches u.a. das berühmte gleichnamige Segelschiff beherbergt, mit dem einst die Polarforscher Fridjof Nansen und Roald Amundsen (im Jahre 1911 als erster Mensch am Südpol) zu ihren Arktis- und Antarktisexpeditionen aufgebrochen sind; das Kon-Tiki-Museum mit eben jenem fragilen Balsaholz-Floß, auf dem der Ethnologe Thor Heyerdahl mit seiner Crew die tollkühne Überfahrt über den Pazifik (von Peru nach Polynesien) in 101 Tagen vollzog; sowie als letztes das Norwegische Seefahrtsmuseum (Norsk Maritimt Museum).

Mehr oder weniger auf dem letzten Drücker konnten wir noch schnell zwei Plätze für die erste Fähre ergattern, welche uns nun vom Anleger an der Rådhusbrygge in 15 Minuten zur Museumsinsel brachte. Wie bereits zuvor beschrieben, ließen sich die Hafenviertel Aker Brygge und Tjuvholmen links, das Rådhuset in der Mitte und die Festung Akerhus rechts der Pipervika vom Wasser aus natürlich besonders gut überschauen. Doch bald tauchten im Fjord auch schon die markanten dreieckigen Gebäude mit dem unübersehbaren Schriftzug „Fram“ auf, welche uns unmissverständlich klarmachten, dass wir hier richtig waren. Da unsere 2 Ziele allerdings im nördlichen Teil der Halbinsel liegen, verließen wir die Fähre bereits am Dronningen Pier, in dessen Nähe auch das funktionalistische Gebäude „Dronningen“ (Königin) – des Königlichen Segelclubs und Studentischen Ruderclubs Norwegens – aus dem Wasser ragt und diesem direkt gegenüber das auffällige ehemalige Sommer-Varietétheater und Restaurant Kongen (König). Durch ein (ganz offensichtlich) bei der High Society nicht weniger beliebtes Viertel, führte uns nun der Weg schließlich vor die Tore des Norsk Folkemuseums.

Norsk Folkemuseum

Der Grundstein des Norsk Folkemuseums wurde im Jahre 1894 durch den Bibliothekar Hans Aall – nach dem Vorbild des bereits bestehenden Nordischen Museums in Stockholm (heute Freilichtmuseum Skansen) – gelegt. Als kleines Museum im Herzen Oslos (seinerzeit Kristiania) aus der Wiege gehoben, verlagerte man im Jahre 1898 die Ausstellung auf das neu erworbene Grundstück in Bygdøy und begann nun dort, die ersten Dorfhäuser zu rekonstruieren. 1907 konnte dann schließlich auch noch die umfangreiche historische Gebäudesammlung des Nachbargrundstücks angegliedert werden, welche von Oscar II. ab 1881 zusammengetragen wurde; und als das erste Freilichtmuseum der Welt (!) angesehen wird. Darunter befand sich auch die (im Jahre 1170 entstandene) Stabkirche Gol, die er aus dem Hallingtal überführen und auf Bygdøynes wiederaufbauen lassen hat. (In Gol selbst steht inzwischen nur noch eine Kopie, die 1994 eingeweiht wurde.)
Seitdem ist Norwegens erstes Freilichtmuseum, was zugleich auch Europas größtes ist, etliche Male erweitert und um einige Exponate bereichert wurden und besteht nunmehr aus 155 Gebäuden (ab dem 16. Jh. bis in die Gegenwart). Aus allen Regionen des Landes hat man alte oder auch modernere Bauernhöfe, Speicher, Fischerhütten sowie auch Stadthäuser und eben jene Stabkirche zusammengetragen und auf dem Museumsgelände wieder zusammengebaut. So entstanden teils komplette Straßenzüge, über diese wandelnd, man sich in vergangene Zeiten des urbanen Lebens zurückversetzt fühlen kann, aber im Gegensatz dazu eben auch (in Landesteile gegliederte) typische Gehöfte, welche das ländliche Leben und die unterschiedlichen regionalen Bauweisen sehr gut widerspiegeln.

Wenn ich jetzt anfangen würde, all das, was wir gesehen haben, im Einzelnen zu beschreiben, wäre das eindeutig zu viel des Guten. Dieses Areal ist so weitläufig, und was man entdecken kann so vielschichtig, dass man sich leicht 2 (wie wir) aber ohne Probleme auch schon mal 4-5 Stunden oder noch länger beschäftigen kann. Wir waren jedenfalls nach dem Betreten des Museums erst einmal etwas konfus und wussten gleich gar nicht, wo wir denn anfangen sollten. Was wir jedoch im Nachhinein sagen können, ist, dass uns vor allem der Kopfstein gepflasterte Straßenzug mit den altstädtischen Häusern (Gamlebyen) besonders gut gefallen hat sowie auch die aufgebockten Speicherhäuser des – für das Hallingdal so charakteristischen – rechteckigen Gehöfts und außerdem die mit filigranen Schnitzereien versehenen Gebäude mit ihren Grassoden-Dächern aus dem Setesdal. Und ganz klar stellt natürlich auch die Stabkirche Gol ein Highlight dar, allerdings hatten wir zu dem Zeitpunkt derer Kirchen bereits genügend gesehen.

Vikingskiphuset

In dem kreuzförmigen Gebäude des Vikingskiphusets, welches im Jahre 1914 von Arnstein Arnebergs geplant, 1926 fertiggestellt und 1932 um zwei Seitenflügel erweitert wurde, lagert Norwegens reichster Grabschatz. Darunter versteht man zwei der besterhaltenen Wikingerschiffe aus dem 9. Jh. – und ein weiteres zumindest in Teilen -, die man aus den Lehmböden dreier gigantischer Grabhügeln (in verschiedenen Regionen) ausgegraben hat. Ganz ähnlich zu anderen Kulturen, dienten (hier allerdings) die Schiffe hochrangigen Anführern als Grabbeilage und sollten deren sterblichen Überreste ins Reich der Toten befördern. Bestes Beispiel dafür ist gerade auch das um 820 gebaute Oseberg-Schiff, welches als einziges nie wirklich zum maritimen Einsatz kam, sondern 50 Jahre später völlig jungfräulich 2 prominenten Frauen (eine davon war die Häuptlingsfrau Åsa) mit ins Grab gelegt wurde; neben anderen Beigaben wie Gold- und Silberschmuck, ein mit Schnitzereien versehener Wagen, diverse Schlitten sowie eisenbeschlagene Truhen. – Diese Exponate wurden übrigens in einer separaten Halle direkt gegenüber des Schiffs untergebracht.
Das Oseberg-Schiff selbst füllt einen kompletten Flügel aus, wurde im Jahre 1903 (als letztes der 3) freigeschaufelt, und ist das besterhaltene Wikingerschiff. Das einst aus Eichenholz angefertigte 22 Meter lange Gefährt, besteht immerhin noch zu 90% aus dem original verbauten Holz und wurde mit 12 Rudern angetrieben.
Die Gokstad grub man dagegen schon im Jahre 1880 aus und mit ihr einen 60jährigen Mann, Hunde, Pferde, 3 kleine Boote, einen Schlitten und 64 Schilde. Mit fast 24 Metern gilt es als das größte dieser Wikingerschiffe und beschäftigte einst 32 Ruderer.
Als Drittes und Letztes seien nun noch die Fragmente des Tune-Schiffs – welche bereits 1876 (als erstes) zu Tage gefördert wurden – zu nennen, die in der letzten der 4 Hallen verweilen; und in der wir uns auch eine wirklich nett gemachte Video-Installation zum Thema Wikingergeschichte anschauen konnten.

Wikinger – Skandinaviens gefürchtetes Kriegervolk

Wer denkt bei Norwegen nicht sofort auch an die Wikinger, und wer verbindet dieses kriegerische Seefahrervolk nicht im gleichen Atemzug auch mit Blutrünstigkeit, Plünderungen und Gewalt? Genau dies geht nämlich aus dem altnordischen Verb „víkingr“ hervor. Ein anderes lateinisches Wort – „vicus“ – bedeutet sinngemäß aber ebenso „mit dem Schiff von Ort zu Ort reisende Männer“.
Letzten Endes darf man jedoch (wie immer) nicht alles oder jeden über einen Kamm scheren! Es gab jene Wikinger (Norweger, Schweden und Dänen), die auf brutalste Weise in fernen Ländern Klöster plünderten, Dörfer eroberten, deren Bewohner versklavten, und was sie nicht mitnehmen konnten, mit den ausgeraubten Ansiedlungen niederbrannten. Es gab aber auch die anderen Wikinger, die hervorragende Seefahrer, fleißige Handwerker und geschäftstüchtige Handelsleute waren. (Felle, Tierhäute, Honig, Waffen und erbeutete Sklaven tauschte man gegen Seide, Silber und Gewürze; menschliche Ware insbesondere im Orient.)
Als Auslöser vermutet man eine Überbevölkerung (und damit einhergehenden Knappheit von fruchtbarem Ackerland) Norwegens im 8. Jh., wodurch in Folge eine ausgeprägten Landflucht einsetzte; mit dem Ziel, bessere Lebensverhältnisse zu schaffen. Viele Männer wurden aber auch regelrecht dazu angehalten, fremde Länder auszukundschaften. Zuerst erreichten die nordischen Seefahrer die englische Küste und Irland, dann Mitteleuropa, wo sie von dem vorgefundenen Reichtum fast geblendet waren, und das natürlich an ihre – unter ärmlichen Bedingung lebenden – Landsmänner sofort weitertrugen. Von da an starteten die Wikinger nun ihre Beutezüge regelmäßig in dieses vermeintliche Schlaraffenland. Ihre robusten, wendigen Boote mit den flachen Kielen eigneten sich außerdem hervorragend, um überraschend schnelle Angriffe zu verüben.
Während die schwedischen „Barbaren“ vorwiegend in den Osten bis nach Bagdad, Byzans und sogar ins russische Nowgorod vorstießen, richteten sich die Norweger vorzugsweise nach Westen aus. So trafen im Jahre 870 unter Ingólfur Arnason die ersten dauerhaften Siedler in Island ein, nachdem zuvor bereits andere prominente Wikinger daran gescheitert waren, in diesem unwirtlichen Land aus Feuer und Eis sesshaft zu werden. 982 erreichte Erik der Rote dann auch noch Grönland, und sein Sohn Leif Erikson entdeckte gegen 1000 Nordamerika (noch lange vor Christoph Columbus im Jahre 1492).
Die nicht einmal 300 Jahre währende Ära (793 bis 1066), fand im 11. Jh. allerdings auch schon wieder ihr Ende, als die Skandinavier wieder sesshaft zu werden begannen, die Monarchie das Sagen zurückerlangte, und zudem das Christentum im Lande angenommen wurde.

Nach dem Besuch dieser beiden Museen, wollten wir nun zumindest noch einen kurzen Blick auf das Fram-Museum werfen, in dessen Nähe sich ja sowieso auch der zweite Fähranleger befindet. Inzwischen hatte der Himmel zum Glück auch etwas aufgeklart, so dass uns von hier aus eine sehr schöne Sicht über den Oslofjord bis hin zur Skisprungschanze auf dem Holmenkollen zuteilwurde. Mit dem kleinen Kutter vom Morgen ging es dann schließlich wieder zurück nach Oslo; nicht ohne dabei einem gigantischen Kreuzer der ColorLine gefährlich nah zu kommen.

Bjørvika und Östliches Zentrum

Bitte ein Bier!

Das sagt sich in Deutschland so leicht! – Als wir jetzt auf dem Weg zum Opernhaus entlang der Bjørvika (zu Deutsch: Bärenbucht) spazierten, entdeckten wir ein wirklich lauschiges Restaurant mit ein paar gemütlichen Strandkörben sowie Hängematten und vor allem einer tollen Aussicht hinüber zum schneeweißen Gebäude der Oper. So dachten wir uns in unserem jugendlichen Leichtsinn, nun wenigstens einmal über die exorbitanten Preise hinwegzuschauen und uns ein Getränk (im Kölsch-Format) zu gönnen. Das Ende vom Lied ist, dass wir wieder unverrichteter Dinge abgezogen sind, nachdem wir aufgrund der sonderbaren Corona bedingten Verhaltensregeln schlichtweg überfordert waren. Abstandskontrolle, Platzwahl nur auf Zuweisung und unter fachmännischer Begleitung usw. mag ja vielleicht noch okay sein, aber wenn man sich zuerst einen App aufs Smartphone ziehen muss, um die Speisekarte herunterzuladen, und ausschließlich auch nur online bestellen kann (obwohl das Personal um einen herumspringt), wo soll das denn bitte noch hinführen? Vielleicht nur dann zu schlucken, wenn alle anderen Gäste eben mal kurz die Luft anhalten? – Irgendwo kann man es tatsächlich auch mal übertreiben. Aus der Nummer waren wir wieder raus! Gut, dass wir zu 99,9 % Selbstversorger sind!

Die treibende Eisscholle – Oslos Opernhaus

Oslos modernes, weltoffenes Gesicht zeigt sich nicht zuletzt auch im Gebäude des Opernhauses, welches – gerade erst fertiggestellt – auf dem World Architecture Festival in Barcelona zum „Kulturgebäude der Welt 2008“ gekürt wurde. Sollte bis dahin Norwegens Hauptstadt in Sachen zukunftsorientierter Architektur vielleicht noch etwas hinter den anderen skandinavischen Hauptstädten hinterhergehinkt sein, so hat diese Stadt inzwischen gut aufgeschlossen, wenn nicht sogar diese bereits überholt.
Das grell-weiße Gebäude mit seinem schrägen begehbaren Marmordach und den gigantischen Glasfronten – was teils am, teils im Wasser gebaut ist -, wurde einem treibenden, in der Sonne glitzernden Eisberg nachempfunden; und soll das Gegenstück zu Sydneys Oper bilden. Mit einem Kostenapparat von sage und schreibe 520 Millionen EUR gilt es als das teuerste – und mit er Länge von 207 m, einer Breite von 110 m, über 1100 Räumen auf einer Gesamtfläche von 38500 m² auch als das größte – Kulturprojekt des Landes. Allein der Hauptsaal bietet 1369 Zuschauern Platz.
Im Inneren ist vor allem auch das Foyer überaus beeindruckend, in dessen Zentrum eine riesige geschwungene mit vertikalen Streifen verkleidete Holztreppe (aus goldener Eiche) die einzelnen Stockwerke miteinander verbindet. Designt wurde diese auffällige Konstruktion eigens von hiesigen Bootsbauern.
Neben der Norwegischen Nationaloper ist dies auch die Spielstätte des Norwegischen Nationalballetts und dient ferner der Aufführung diverser Konzerte – wie dem Festival der Osloer Kammermusik und dem Oslo World Music Festival – , die oftmals auch im Freien auf dem Dach ausgetragen werden.

So direkt von der Sonne angestrahlt, tat es richtiggehend weh, über das Wasser der Bjørvika auf das helle Opernhaus zu schauen, das jetzt wie ein Gletscher von allen Seiten reflektierte. Flo konnte diesem seltsamen Bauwerk nichts wirklich Schönes abgewinnen, mich zog es dagegen irgendwie magisch an. Mit brennenden Augen starteten wir nun dennoch gemeinsam die Besichtigung, zunächst des Foyers und im Anschluss entlang des schrägen – einer Rampe gleichenden – Daches. Doch anstatt eines kulturellen Exkurses blühte uns jetzt gleich ein ganz anderes Drama:
Dass Flo und ich neben einem jungen Kerl, der er es sich offensichtlich auf der Brüstung des Daches gemütlich gemacht hatte, die einzigen Besucher hier oben waren, hat uns nach den letzten Wochen nicht mehr wirklich verwundert. Doch als ich all die Menschen hinter den Fensterscheiben der umliegenden verglasten Bürogebäude an der Barcode-Skyline stehen sah, beschlich mich so eine leise Ahnung, die ich jedoch schnell wieder aus meinen Gedanken weggewischt habe. Erst als uns die Security mehrmals angehalten hatte, umgehend das Dach zu verlassen, und dieses währenddessen auch schon abzusperren begannen, nahm ich mir einen dieser Männer zur Brust, der uns meine dunkle Vermutung bestätigte. Und tatsächlich war dieser stille Gast auf der Mauer nicht irgendein Tourist auf Besichtigungstour, sondern gerade im Begriff, sich das Leben zu nehmen. Natürlich sprangen nun alle Sicherheitsbeamten im Kreis, und ich war froh, nicht in etwa auf der exponierten Balustrade neben diesem Typen meine geliebte Standwaage zum Besten gegeben zu haben.
Wie diese Story letztendlich ausgegangen ist, kann ich euch jetzt allerdings nicht sagen. Weder wollten wir die Sicherheitsbeamten in ihrer Arbeit behindern, noch irgendwie pietätlos erscheinen und dumm gaffen, also suchten wir schleunigst das Weite. Trotzdem, das mussten auch wir nun erst einmal etwas verdauen!

Genussfrei Flanieren

Mittlerweile auch direkt am Hauptbahnhof angelangt, machten wir uns nun auf die Suche nach der 206 Meter langen gläsernen Fußgängerbrücke Akrobaten; die wir aber leider nicht gefunden haben. So traten wir schließlich wieder über die Karl Johan Gate unseren Rückzug in Richtung U-Bahn-Haltestelle am Nationaltheater an, und kamen bei der Gelegenheit auch an der 1697 geweihten Stadtkathedrale – der Osloer Domkirke – vorbei. Zu einer Besichtigung haben wir uns jetzt allerdings nicht mehr hinreißen lassen, zu sehr knurrte mir der Magen. Da wir jedoch aufgrund der letzten enthaltsamen Wochen das Sparen quasi schon im Blut hatten, wollte ich mich partout nicht in eines der teuren Cafés an der Flaniermeile setzen. Die Folge war, dass ich nun ziemlich grummelig durch die Gegend lief. Doch irgendwann konnte mich Flo dann doch wenigstens zu einem Eiskaffee überreden, und danach war die Welt auch recht schnell wieder in Ordnung.
Noch ein allerletztes Mal über die Promenadenstraße spaziert, dann fuhren wir mit der Metro zu unserem letzten Ziel für heute – dem Vigelandsparken.

Vigelandsparken

Eine der größten – von nur einem einzigen Künstler kreierte – Skulpturensammlungen Europas befindet sich im Vigelandsparken (Teil des Frognerparks) nordwestlich des Osloer Stadtzentrums. Hier installierte der Bildhauer Gustav Vigeland (1869-1943), nach dem dieser Park letzten Endes auch benannt wurde, sein Lebenswerk und erschuf insgesamt 212 Skulpturen aus Bronze, Eisen und Granit. Die einzelnen naturalistischen Figuren (650 Stück), fügen sich meist in Gruppen zu einer geschlossenen Einheit zusammen und sollen die Zyklen des Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes – verkörpern.
Typisch für den Naturalismus (1880-1900) ist dabei eine unverfälschte natürliche Darstellung der menschlichen Natur und die Tendenz, soziale Missstände zu kritisieren und diese rein wissenschaftlich zu beleuchten (ohne jedoch zur Veränderung bekehren zu wollen); die mit der beginnenden Industrialisierung und Verstädterung auch zunehmend Elend unter das ausgebeutete Arbeitervolk brachten. (Diese Kunstepoche versteht sich demnach als Protestbewegung, kritisiert überdies eine deutschnationale Gesinnung, und hat von daher – wie des Öfteren angedeutet wird – überhaupt rein gar nichts mit Nazikunst zu tun.) Man kann also fast schon behaupten, Gustav Vigeland war der Gerhart Hauptmann der Bildhauerkunst.
Um nun wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Vigeland, für dessen Lebensunterhalt die Stadt aufkam (quasi als Gegenleistung für den Erwerb seiner Werke), kreierte nicht nur die lebensgroßen Figuren, sondern auch den Park selbst, der entlang einer 850 Meter langen Mittelachse angeordnet ist. Die Arbeiten dazu startete der Künstler im Jahre 1924, doch erst 7 Jahre nach seinem Tod standen alle Skulpturen an Ort und Stelle. Das Herz dieser grünen Anlage bildet ein 17 Meter hoher Monolith mit 121 eng ineinander verschlungenen Figuren, der auf einem Stufenpodest steht und von 36 weiteren Figurengruppen umgeben ist.
Wer noch mehr von Gustav Vigelands Kreationen sehen will, ist außerdem sehr gut mit dem angrenzenden Museum (seinem ehemaligen Atelier) beraten, in dem neben weiteren 2700 Skulpturen auch 12000 Zeichnungen und 400 Holzschnitte ausgestellt sind. – Im Übrigens geht auch das Motiv auf der Medaille des Friedensnobelpreises auf die Kappe dieses einzigartigen Künstlers.

Ich muss jetzt an dieser Stelle kurz ein paar Sachen gestehen: a) mag ich eigentlich keine Kunstmuseen, b) wenn doch, dann aber nur mit voller Hingabe, c) bin ich ein großer Fan von Salvator Dali und Surrealismus, d) meine zweitliebste Kunstepoche war der Naturalismus, e) ich habe auf meinem Gymnasium die Kunstbücher vom Oldenbourg Verlag und die Klassiker des Reclam Verlangs geklaut und f) als einzige von meiner Klasse die Buddenbrooks bis zum bitteren Ende (fast 900 Seiten) gelesen. Noch Fragen?
Jedenfalls schlenderten wir nun voller Begeisterung durch diesen wunderbaren Kunstpark und ließen dabei die Kultur und Natur auf unsere Sinne wirken. Manch eine Figur mutete fast schon ein wenig surreal an, und man fragte sich, was einem der Künstler wohl damit andeuten wollte.
Sehr gut gefallen hat uns auch der aus 6 Riesen (die eine gigantische Schale schultern) bestehender Springbrunnen, auf dessen Randsockeln 20 weitere Figurengruppen thronen; vornehmlich Kinder, die sich (wie es ausschaute) im Schutze der mütterlichen Plazenta spielerisch entwickeln. – Vielleicht mögt ihr darin aber etwas ganz Anderes sehen? Kunst liegt ja nicht zuletzt auch immer irgendwo im Auge des Betrachters!
Die Krönung war für uns natürlich auch die Plattform mit der Menschensäule. Die ein oder andere Figur auf den zahlreichen Sockeln hat meinen eh schon sehr kreativen Geist noch mehr beflügelt, so dass ich gut und gerne Gustav Vigeland ein paar Steilvorlagen hätte liefern können. Vermutlich wären dann allerdings nicht mehr 1 Millionen Besucher jährlich hierhergekommen. 😀

Krishnas Cuisine

Na wenigstens einmal wollten wir dann aber schon noch in unserem Urlaub essen gehen; vor allem, wo ich in meinem Loose-Reiseführer doch etwas sehr Vielversprechendes gefunden hatte: „Aus der Hare-Krishna-Bewegung hervorgegangenes, minimalistisch eingerichtetes Selbstbedienungsrestaurant mit vegetarisch indischer Küche. Günstiger wird man in Oslo kaum etwas vergleichbar Gutes zu essen bekommen…“, stand da geschrieben. Also nix wie hin, wo dieses Restaurant zudem noch quasi um die Ecke lag! (Wer vor Ort ist, und es ausprobieren will: Sørkedalsveien 10B im Colleseum Senter, Frogner)
Auch wenn wir erst ein wenig nach den Krishnas suchen mussten, waren wir von der Küche und dem freundlichen, witzigen Personal total begeistert. Das Tagesgericht war ausgesprochen lecker (vor allem das Rødbetekofta), sehr vielfältig und auch ohne Nachschlag absolut ausreichend. Da geht einem das Fleisch nun wirklich nicht ab. – Wie sagt man immer so schön? „Unser Autoren- & Budget-Tipp!“

Abschied von oben

Gegen 19 Uhr standen wir schließlich wieder auf dem Holmenkollen. An diesem Abend war das Wetter jedoch wesentlich besser als noch am Morgen, so dass wir nun endlich auch einmal Oslo von oben betrachten konnten. Für diesen Ausblick mussten wir allerdings noch ein letztes kleines Opfer auf uns nehmen und schon ein paar Haltestellen früher als geplant aussteigen, dafür kamen wir dann aber auch noch einmal an der weltberühmten Skisprungschanze vorbei bzw. sogar darunter hindurch; was wir ja am Vortag vergeblich versucht hatten.
Auf einem etwas längeren Spaziergang, der uns u.a. an der dunkel gebeizten Holmenkollen-Kapelle und einem Kunstwerk aus goldfunkelnden unterschiedlich designten Segeln entlangführte, erreichten wir letztendlich unseren treuen Passat. Damit war nun definitiv unser Sightseeing Oslos beendet. Morgen früh sollte es dann wieder auf die Heimreise gehen.

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