Norwegen 2020 – Bergen

Aufstieg zum Handelszentrum & Hansekontor

Schon lange bevor Oslos Stern am politischen Firmament erstrahlte, war Bergen als die Hauptstadt des Nordens in aller Munde. Dies mag vor allem dem Umstand geschuldet sein, dass das einstige Bjørgvin strategisch günstig – unmittelbar an der offenen Nordsee – lag und somit im Jahre 1070 von König Olav Kyrre das Stadtrecht verliehen bekam. Infolgedessen wuchs Bergen im 12. Jh. zu einem der bedeutendsten Umschlagplätze für Waren aus aller Welt heran. Als König Håkon Håkonsson 1217 auch noch die königliche Residenz von Trondheim hierher verlegte, gewann Bergen nun auch noch an politischer Macht. Das änderte sich auch nicht grundlegend, als 1299 Oslo zur Hauptstadt auserkoren wurde. Handelszentrum und „heimliche Kapitale“ blieb immer noch Bergen; nunmehr jedoch nur noch die zweitgrößte Stadt des Landes.
Diesen lukrativen Handelsposten konnte sich natürlich auch die Hanse nicht entgehen lassen, die aufgrund der von der Pest gebeutelten Bergener keinen Widerstand zu befürchten und somit ein leichtes Spiel hatte, im Jahre 1360 an diesem Standort ein Kontor zu errichten. Zwar trug die deutsche Vereinigung maßgeblich zum Reichtum und Ansehen der Stadt bei, allerdings kontrollierte sie dafür auch den gesamten Handel an der Westküste Norwegens. Die Hanseaten brachten Getreide, Salz, Malz und Bier ins Lande, erwirkten im Gegenzug aber das Monopol auf die Ausfuhr von Häuten, Tran und den begehrten Lofotener Stockfisch. Erst 1754 wurde das Deutsche Kontor aufgelöst, und die Handelshoheit ging wieder in norwegische Hand über. Das historische Hanseviertel mit seinen markanten bunten Holzhäusern zeugt auch heute noch von ihrem Wirken und hat sich zu dem Wahrzeichen Bergens schlechthin entwickelt.
Auch heute hat Bergen nichts an seiner Popularität eingebüßt und wurde im Jahre 2000 sogar zur Kulturhauptstadt Europas gewählt. – Übrigens Norwegens bedeutendster Komponist, Edvard Grieg, wurde hier geborgen und auch zu Grabe getragen. – Durch die Lage direkt am Wasser, umgeben von sieben inselgespickten Fjorden und sieben Bergzügen, versprüht die 282000 Einwohner Stadt eine ganz besondere Atmosphäre. Einziger Wehrmutstropfen sind die damit verbundenen hohen Niederschläge. Mit fast 3000 mm pro Jahr kann keine andere City Norwegens Bergen so schnell den Rang als „Hauptstadt des Regens“ ablaufen. Na das hätten wir mal früher wissen müssen…

Mit den Öffentlichen nach Bergen – 07. August 2020

Laut meiner Recherchen wurde dringend davon abgeraten, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, da es zum einen sich wohl recht schwierig gestalten sollte, einen Parkplatz zu finden, zum anderen auch sehr teuer werden würde. So steuerten wir nun unverzüglich den etwas außerhalb gelegenen Bahnhof an und stießen dabei schon einmal auf die erste Hürde. Inmitten eines riesigen nahezu leeren Parkplatzes wussten wir nicht, wo wir unser Auto abstellen sollten. Das lag jetzt etwa weniger daran, dass wir uns nicht hätten entscheiden können, sondern dass die Stellplätze nur für Pendler mit gültigen Berechtigungsschein gedacht waren. So blieb uns nichts anderes übrig, als noch einmal die Gegend abzufahren. Weitergebracht hat das uns allerdings nicht, wir konnten und wollten es auf keinen Fall riskieren, einfach irgendwo an der Straße zu parken und womöglich noch abgeschleppt zu werden. Also sind wir wieder zum Bahnhof zurück, und ich habe das Auto gehütet, währenddessen Flo versucht hat jemand Kompetentes aufzutreiben, der uns schließlich verraten kann, wo wir denn parken könnten. Nach einer gefühlten Ewigkeiten kam er endlich wieder aus dem Bahnhofsgebäude heraus, immerhin mit dem Tipp, das Auto an der Kirche zu parken. Mein Onkel (und Pfarrer) Roland hätte da sicherlich keine Skrupel gehabt, uns beschlich jedoch ein mulmiges Gefühl, ob das die Bergener Kirchgemeinde so gerne sieht, wenn ein mobiles Zuhause mit deutschen Kennzeichen ihre Parkplätze belegt.
Schnell noch am Automaten die Fahrkarten gezogen, dann konnte es aber endlich stadteinwärts gehen; allerdings nicht ohne dabei die ganze Zeit von einer netten Dame unterhalten zu werden. Doch die Konversation überließ ich dieses Mal ausnahmsweise Flo, denn mir war es gerade nicht nach Reden zumute und schon gleich gar nicht auf Englisch. Irgendwie war ich fad. Mir missfiel es tierisch, wieder so abhängig zu sein, und ich ärgerte mich darüber, dass wir uns gerade wie die letzten Menschen anstellen, obwohl wir in Asien stets mit viel widrigeren Umständen zu kämpfen hatten. Als wir jetzt auch noch erfuhren, dass es heute in Bergen den ganzen Vormittag regnen soll, wäre ich am liebsten gleich wieder zum Auto zurück. Doch dann waren wir auch schon angekommen.

Torget & Historisches Hanseviertel Bryggen

Schirm auf, Schirm zu, Schirm wieder auf, so ging es bei leichten Nieselregen oder aber auch stärkeren Ergüssen in Richtung Torget. Bergen wollte es uns von Anfang an wirklich nicht leicht machen, es zu mögen. Dazu beigetragen haben u.a. auch der Versuch, Geld in einer Bank abzuheben, mit dem Resultat, dass jenes Bankinstitut kein Bargeld im Haus hat und des Weiteren die Erkenntnis, dass man Eiskaffee nicht in einem 7-Eleven-Store kaufen sollte, wenn man nicht das Dreifache eines eh schon utopischen Preises zahlen will. Zumindest hatte meine Laune spätestens jetzt ihren Tiefpunkt erreicht. Es konnte also nur noch aufwärts gehen.

Musikkpaviljongen im Byparken in Bergen in Norwegen

Torget bedeutet so viel wie Marktplatz. Zusammen mit dem alten Hanseviertel an der Ostseite des natürlichen Hafenbeckens Vågen und all den kleinen Segelyachten und Kuttern zu Wasser, bildet er quasi das touristische Zentrum der Stadt. Jeden Tag im Sommer findet auf den von hübschen Cafés und Restaurants gesäumten Platz der berühmteste Fischmarkt Skandinaviens statt. Ich habe mich zwar gefragt, wie denn dann weniger prominente Märkte aussehen müssen, da auf diesem jedenfalls im Moment gähnende Leere herrschte. Vielleicht hatten die Standbetreiber ja heute etwas anderes vor.

Jetzt war ich aber wirklich sehr gespannt auf das Fotomotiv der Stadt schlechthin: das einstige Hanseviertel Bryggen. Zu Deutsch so viel wie Brücken bzw. Kais, wurden hier die Schiffe und Speicher be- und entladen; hier befanden sich die Wohnhäuser der Kaufleute, Handwerker und Bediensteten. Zu Hochzeiten sollen in Bryggen 300 von deutschen Hanseaten bewohnte Kaihäuser gestanden haben. Leider fielen all die bunten Holzhäuser mit ihren schiefen Spitzgiebeln mehreren Brandkatastrophen zum Opfer, jedoch wurde ein Teil originalgetreu rekonstruiert und zählt seitdem zum UNECSO Weltkulturerbe.

Gamle Bergen

Da der Regen noch immer nicht so recht nachlassen wollte, haben wir uns kurzentschlossen in einen Bus gesetzt, der uns innerhalb von 7 Minuten zur Museumsstadt Gamle Bergen (Alt-Bergen) brachte. In diesem Freilichtmuseum stehen seit 1947 ca. 50 Stadthäuser aus dem 18.-19. Jh., die man aus der näheren Umgebung hierher überführt hat und nun besichtigt werden können. Wenn man durch die alten Wohnhäuser, Läden und Werkstätten schlendert, bekommt man einen kleinen Einblick vermittelt, wie man damals in Bergen sowohl als höher gestellter Beamter, aber auch als kleiner Handwerker gelebt hat. Um das Ganze noch authentischer wirken zu lassen, wurden 3 (der Zeit entsprechend gewandete) Protagonisten als lebende Kulissen eingebaut, die auch die eine oder andere Story zum Besten gaben.

Wider Erwarten hat sich genau dieser Ort für uns zu einem kleinen Highlight entpuppt. Eigentlich wollten wir uns nur die Häuser in Ruhe anschauen, als wir aus einem fast schon rausgeschmissen, aber gleichzeitig dazu eingeladen wurden, einem kleinen Schauspiel auf dem öffentlichen Platz beizuwohnen. So richtig Lust hatte ich ja eigentlich nicht, wollte aber nicht unhöflich sein, da wir zu der Zeit eh fast die einzigen Besucher waren.
Mitbekommen habe ich von dem Erzählten zwar kaum etwas, da ich wie wild mit Fotografieren beschäftigt war, doch Flo hat mir im Anschluss alles erläutert, und ich hatte dafür ein wunderschönes Kalenderfoto im Kasten.
Kurzum, es ging um die Rolle der fremdbestimmten Frau im 19. Jh., als es sich noch nicht ziemte, zu arbeiten. Die eine Dame trug ihre exklusiven Kleider auf, völlig entrüstet darüber, wie sich ein Weib die Hände schmutzig machen, ja sogar ihr eigenes Geschäft eröffnen kann. Es handelte sich dabei um die erste Frau in Bergen, die sich mit einem Fotostudio selbständig gemacht hat; und dass auch noch ohne Erlaubnis des Ehemanns.
In der heutigen Zeit kann man sich überhaupt gar nicht mehr vorstellen, dass das jemals ein Problem hätte sein können.

Per pedes zurück nach Bergen

Ein Blick hinunter zum Hafen und auf die von dunklen Wolken verhangene Stadt verriet uns, dass sich das Wetter so schnell wohl nicht mehr bessern würde und wir uns somit den Weg auf den Aussichtsberg Fløyen sparen konnten. So hatten wir also noch genügend Zeit, zu Fuß nach Bergen zurückzumarschieren. Bei der Gelegenheit kamen wir an ein paar weiteren schmucken Speicherhäusern vorbei, die mit ihrem auffällig rot, orangefarbenen und gelben Anstrich wieder etwas Farbe in die Tristesse brachten. Im Hafen lag gerade auch eines der alten Hurtigruten Postschiffe vor Anker, die heute unzählige Touristen an der Westküste Norwegens entlangbefördern. Diesen Giganten lastet fast schon etwas Bedrohliches an, wenn man einmal direkt daneben steht. Zu unserem Glück war das Schiff leer, und so blieb zumindest der Run auf die Hotspots aus. Einer der wenigen Vorteile der gerade vorherrschenden Pandemie.

Festung Bergenhus – Rosenkrantztårnet

Dort wo heute der Festungskomplex liegt, entstanden zur Gründerzeit Bergens die erste Gebäude. Hier ließ König Håkon Håkonsson im 13. Jh. als Aushängeschild zwei repräsentative Hallen im gotischen Stile errichten. Während eines der Gebäude im 2. Weltkrieg vollkommen zerstört wurde, konnte die Håkonhalle wieder restauriert werden. Um 1560 kam der dunkle im Renaissancestil errichtete Wehrturm des Rosenkrantztårnet dazu. Erbauer und Namensgeber war der einflussreiche Lehnsherr Erik Otteren Rosenkrantz, welcher der hanseatischen Vorherrschaft in Bergen ein Ende bereitete und damit Geschichte schrieb. Leider konnten wir die Gebäude nicht besichtigen, da sich das Areal zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade im Umbau befand.

Wehrturm des Rosenkrantztårnets in Bergen in Norwegen

Kulinarische Exkurse in Bergen

Nachdem wir noch einmal das touristische Zentrum Bergens durchkämmt hatten, welches sich allmählich auch mit Leben zu füllen schien, regte sich in uns so etwas wie ein leichtes Hungergefühl. Die „Børning Hotdogs“ für umgerechnet ca. 4,- EUR hielten wir für angemessen und wollten sie zumindest einmal probiert haben. Unser bescheidenes Urteil: gar nicht so übel, kann man durchaus weiterempfehlen. Was wir allerdings kein zweites Mal essen würden, sind eine Art zusammengerollte Crêpes mit einer pappsüßen, klebrigen Cremefüllung, die man abgepackt im Supermarkt kaufen kann. Da geben wir jederzeit dem importierten Vollkornbrot und Ziegenkäse aus unserer Kühlbox den Vorzug!

Pinkeln nur gegen Kreditkarte!

Bevor wir Bergen nun wieder verlassen, will ich es aber nicht versäumen, zu erwähnen, dass man sich außerhalb der freien Wildbahn ohne Kreditkarte in Norwegen in die Hose pinkeln oder was auch immer muss. Und ist der Betrag noch so klein (1,- EUR im Fall der Öffentlichen Toilette), Bargeld kann man sich getrost in den Hintern schieben; hier zählt nur die Kreditkarte. Diverse Abrechnungen flackern Monate später noch mit der Hauspost bei uns herein.
Ich sage euch, war ich froh, als wir endlich wieder in unserem Auto saßen und pinkeln konnten, wo wir wollten – ohne Kreditkarte.

Kreditkartenkastl an jeder Klotür in Bergen in Norwegen

Fazit

Wie sich unschwer erkennen lässt, zählt Bergen nicht gerade zu unseren Top Favoriten. Ich will jedoch dieser eigentlich recht schönen Stadt nicht Unrecht tun, vielleicht stand ja an diesem Tag einfach kein guter Stern über uns oder wir haben uns schlicht und ergreifend einfach nur eingezwängt gefühlt, nachdem wir uns die Tage zuvor völlig autark in der freien Natur bewegen konnten. Trotz manch negativer Erfahrungen bereuen wir es dennoch nicht, den Weg in die alte, einst von der Hanse dominierten Stadt gefunden zu haben, um uns ein eigenes Bild davon machen zu können. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja mal wieder,… wenn das Wetter besser ist. 😉

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