Harzer-Hexenstieg – Ostern 2018

Flo und ich lieben es nicht nur zu reisen, sondern ebenso zu wandern. Egal ob auf der Ebene oder auf den Berg, Hauptsache wir sind den ganzen Tag draußen auf den Füssen unterwegs. Auch schweres Gepäck scheuen wir nicht. Nachdem wir 2016 schon unsere Idee in die Tat umgesetzt haben, die 70 km von daheim aus nach München an einem Tag zu gehen und ein Jahr darauf, dieselbe Strecke zu laufen, brauchten wir nun für 2018 wieder ein neues Projekt. Zu Ostern wollten wir unserer erste Fernwanderung starten (und auch beenden) und den Harzer-Hexen-Stieg in 4 Etappen (110 km) erwandern. Auch Schnee und das Sturmtief Friederike konnte uns nicht davon abhalten, wenn das auch bedeutete, den ein oder anderen Umweg in Kauf zu nehmen oder ganze Landstriche über Bäume kletternd hinter uns zu bringen. Doch wir lieben einfach die Herausforderung und scheinen diese auch irgendwie magisch anzuziehen.

1. Tag / 30.03.2018 / Osterode-Buntenbock-Altenau-Torfhaus

Viel Schlaf hatten wir nicht abbekommen. Um gleich am ersten Tag schon 2 Etappen zu schaffen, mussten wir auch mitten in der Nacht von zu Hause losfahren. Ein Stündchen haben wir in Osterode mehr mit den Zähnen geklappert als im Auto zu schlafen, dann fing es endlich an zu dämmern, und wir konnten der Müdigkeit und der Kälte davonlaufen.

Die 1. Etappe ging von Osterode nach Buntenbock. Wir fanden diese Strecke nicht so prickelnd und würden sie beim nächsten Mal tatsächlich auslassen, wenn wir den Weg noch einmal andersherum von Ost nach West aufrollen. Doch dieses Mal ging es schließlich darum, seine Grenzen auszuloten und die gesamte Länge zu gehen, ob schön oder nicht…
Der Jahreszeit war zu Schulden, dass die Wege brutal schlammig waren, und auch die Aussicht hat uns nur mäßig überzeugt.


Einzig das Denkmal für die Harzer Kiepenfrauen soll Erwähnung finden. Ihre Körbe (Kiepen) brachten mit Wolle, Getreide, Obst, Bier, Holz etc. 40 Kilogramm auf die Waage. Wir konnten uns persönlich davon überzeugen, was das für eine Leistung ist. Zu dieser Zeit wären die Orthopäden und Osteopathen wohl reiche Leute gewesen.

Ab Buntenbock, wo die 2. Etappe startete, wurde es schon wesentlich interessanter für uns.
Um 1550 entstand die Oberharzer Wasserwirtschaft – das mit Abstand größte und bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem der Welt. 310 km Grabennetz und 107 Teiche sind noch heute davon im Oberharz erhalten.


Im 17. Jh. wurde die Wasserkraft für Bergbau und Verhüttung herangezogen. Beispiele für die frühere Wasserbautechnik konnten wir auf dieser Etappe zuhauf erleben. Doch soll im meinem Thread das Wandern im Vordergrund stehen. Wer sich ausführlicher mit diese Thematik beschäftigen will, findet darüber sicher mehr bei Google…

Die Höhenmeter wurden stetig mehr, und langsam gesellte sich etwas Schnee dazu und auch die ersten umgefallenen Bäume.
Anfangs haben wir das Ganze noch mit Humor gesehen, als wir über einzelne Stämme klettern mussten. Doch als wir dann irgendwann – im wahrsten Sinne des Wortes – mitten im Wald standen und kein Weg mehr unter dem Holz auszumachen war, sind wir doch noch etwas unruhig geworden. Der Sturm hatte ganze Arbeit geleistet und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Dank Navigationshilfe haben wir uns doch irgendwann wieder aus dem Dickicht herausmanövriert.
Im Nachhinein mussten wir feststellen, dass dieser Weg eigentlich gesperrt gewesen wäre, was allerdings versäumt wurde, auch aus der Richtung anzuschreiben.

Einen der schönsten Abschnitte musste wir dann allerdings tatsächlich umgehen, da es in diesem Bereich einen schweren Erdrutsch gegeben hat. Die Sicherheit geht ja dann doch vor. Trotzdem haben wir uns ganz schön geärgert, vor allem weil die Umgehung nicht nur ein Umweg und direkt an der Straße entlang war, sondern noch absolut hässlich dazu. Wir konnten es nun kaum erwarten, nach 34 km und 12 Stunden
endlich in der Jugendherberge anzukommen, wo ich kurz zuvor noch telefonisch reserviert hatte. So zumindest die Theorie!
Doch stelle man sich das mal nicht so einfach vor, ein Zimmer zu bekommen. Mangels Alternativen haben wir spontan eine Jahresmitgliedschaft angemeldet, und auch das Zimmer war alles andere als ein Schnäppchen. Als wir in unserer Besenkammer dann endlich auch die Betten überzogen hatten, waren wir dennoch überglücklich, überhaupt ein Schlafplatz – in der höchstgelegenen menschlichen
Siedlung (812 hm) im Harz – gefunden zu haben.


Wenigstens das Abendessen haben sie uns gesponsert, was wir nun auch dringend nötig hatten. Da schmeckt mir dann auch mal ein Schnitzel.

2. Tag / 31.03.2018 / Torfhaus-Brocken-Drei Annen Hohne-Mandelholz

Eigentlich wollten wir schon 7 Uhr aufbrechen. Eigentlich hatten wir ausgemacht, dass wir deshalb auch etwas früher frühstücken können. „Eigentlich“ war Schnee von gestern, denn heute wusste keiner mehr was davon. Doch Beharrlichkeit zahlt sich manchmal aus, so dass wir zumindest 8 Uhr angestrapst vor der Tür standen.

Die Wunden und Blasen an Hüfte und Ferse waren fürs Erste versorgt, der Regen ging langsam in Schnee über. Immerhin waren wir wieder unsere eigenen Damen und Herren.


Zuerst ging es durchs wunderschöne winterliche Torfhausmoor, dann passierten wir bei immer schlechter werdender Sicht, Schnee und eisigen Wind die ehemalig innerdeutsche Grenze, auf dem beschwerlichen Weg hinauf zum Brocken auf 1142 hm. Wie von daheim in den Bergen gewohnt, durften wir natürlich spuren.

Dennoch waren wir nicht die ersten am Gipfel, da Dank Brockenbahn sich jeder hinaufchauffieren lassen kann. Dieses Privileg muss das „einfache“ Volk heutzutage ausnutzen. Zu Zonezeiten war der gesamte Brocken Sperrgebiet und der Zutritt nur hochrangigen Parteimitgliedern vorbehalten.
Umso größer die Enttäuschung für diejenigen, wenn sie heute – oben angekommen – die Hand vor Augen nicht sehen.

Für uns hingegen war das zu verschmerzen, da es einzig zählte, dass wir uns unter den Bedingungen überhaupt hier hinauf gekämpft haben.
Schließlich gibt es am windreichsten Ort Deutschlands 306 Nebeltage im Jahr, da darf man nicht erwarten, ausgerechnet im Winter den Aussichtsturm zu sehen, wenn man direkt davor steht.  😉

Genau an dem Tag war auch ein Kamera-Team vor Ort, was uns gleich interviewt hat. Meine lieben Eltern haben das natürlich aufgenommen, damit wir es uns später auch anschauen konnten, was ein Bayer auf dem Brocken zu verlauten hat.
Noch eine kleine Stärkung und ein kurzes Aufwärmen, dann ging es wieder bergab und durch die Kernzone des Harzes, vorbei an den typischen Granitklippen wie dem Ahrensklint und dem Trudenstein.

Das Wetter wurde inzwischen immer ungemütlicher, die Kälte ist uns schon tief in die Knochen gekrochen.

Eigentlich wären wir nun am Etappenziel in Drei Annen Hohne angekommen, wo wir ursprünglich schlafen wollten. Doch dieser Örtchen besteht nur aus einer temporären Bushaltestelle und einem völlig überteuerten Hotel, was außerdem kein Zimmer mehr frei hatte.
Natürlich haben wir im Vorfeld nirgends eine Unterkunft gebucht, weil wir uns ja nicht sicher sein konnten, wie weit wir jeden Tag kommen würden. Doch mit spontan ist im Harz nicht viel; schon gar nicht zu Ostern. Da wir ja nicht ins nächste Dorf gehen konnten, ohne zu wissen, ob da noch was frei ist, haben wir uns ans Handy gehängt. Wie frustrierend! Ungefähr 10 Unterkünfte habe ich angerufen, keiner hatte was frei. Stattdessen musste ich mir anhören, was ich denn zu Ostern erwarten würde. Ich hätte wirklich heulen können. Mir war saukalt, es würde schon bald dunkel werden, und wir hatten keine Ahnung, wo wir schlafen können.
Flo war dieses Mal der Entspanntere von uns Beiden und hat es völlig unbeirrt dann noch einmal versucht. Mit Erfolg. Um nach Mandelholz zu gelangen mussten wir einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, noch dazu über einen Weg, der eigentlich auch gesperrt gewesen wäre, was uns dann aber wirklich mal sch…egal war. Auch hier ging es noch einmal ordentlich ans Portemonnaie. Aber wir waren froh, nach 11 Stunden und 26 km überhaupt noch was gefunden zu haben. Eins war sicher, für die nächste Fernwanderung wollten wir dann nur noch mit
Zelt ausrücken.

3. Tag / 01.04.2018 / Mandelholz-Königshütte-Rübeland-Neuwerk-Altenbrak

Ich merke schon, am Ostersonntag sollte man niemand hetzen. Doch warum haben die im Harz nur alle so die Ruhe weg? Schrecklich für eine rastlose Seele wir mich. 8 Uhr ging es dann doch wieder los. Die heutige Etappe führte durch die aktive Bergbauregion (Kalkstein) um Rübeland.
Ein schöner Auftakt war der Königshütter Wasserfall.

Auch das Wetter schien am Anfang noch viel versprechend. Weiter ging es an der „Kalten Bode“ entlang zur etwas versteckt liegenden Ruine der Königsburg, wo uns der Wind schon ordentlich um die Ohren pfiff.


Doch dann war es schon wieder vorbei mit dem Sonnenschein, und auch die Motivation ließ vorerst nach. Entlang der Überleitungssperre war es recht trist, und die Kälte kroch tief unter die Haut. Erst als wir wieder einmal eine Umgehung übersehen haben und ewig lang über
umgekippte Bäume klettern mussten, packte uns der Tatendrang, und wir waren in unserem Element; und danach auch wieder angenehm temperiert.

Vom „Hohen Kleef“ konnten wir nur doch noch einen kurzen Blick ins Rübetal und auf den Brocken in weiter Ferne erhaschen. Die Tropfsteinhöhlen in Rübeland haben wir allerdings nicht besucht, da uns dafür die Zeit nicht gereicht hätte.

Vorbei ging es an alten Wasserrädern in Neuwerk und dann durchs Schieferholz zur Rappbode-Talsperre.

Diese besitzt Deutschlands größte Staumauer – mit 415 m Breite und 106 m Höhe. Wirklich sehr imposant. Leider konnten wir diese nur aus der Ferne sehen.
Endspurt im Bodetal. Nach 11 Stunden und 30 km ließen wir es gemütlich auslaufen. Noch eine kleine Stärkung bei kaltem Fisch in der Forellenzucht, dann bringen mich keiner 10 Pferde mehr aus meinem Zimmer in Altenbrak. Die Ballen brennen und die Füße verwehren mir den Dienst. Kein WLan der Welt ist es mir wert, die nächste Wirtschaft aufzusuchen. Kann Flo doch alleine gehen…


4. Tag / 02.04.2018 / Altenbrak-Treseburg-Thale-Hexentanzplatz

Wie immer kommt das Beste zum Schluss. Wie auch in unserem Fall. Selbst wenn man nach all der Zeit und den Strapazen schon gar nicht mehr so aufnahmefähig ist, ist diese Etappe im Nachhinein betrachtet landschaftlich eindeutig die Schönste; leider allerdings auch die am meisten frequentierte.
Wir hatten eh schon etwas Sorge, weil das Rappbodetal im Winter aus Sicherheitsgründen grundsätzlich gesperrt ist. Der Weg geht direkt am Flussbett entlang und ist stellenweise recht schmal und ausgesetzt ist; zumindest für Nichtalpinisten. Die Sturmschäden haben noch ihr Übriges dazu beigetragen.

Aber man muss auch einmal Glück haben, und so wurde der Weg am Tag zuvor – pünktlich zu Ostern – wieder freigegeben.
Das Bodetal mit seinen bizarren Felsformationen an der „Wilden Bode“ wird nicht umsonst „Grand Canyon des Harzes“ genannt. Immerhin ist es das tiefste Felsental nördlich der Alpen.


Die „Teufelsbrücke“ spannt sich über die einzige Klamm des Harzes. Hier verengt sich das Tal, und die Felsen ragen fast senkrecht empor.

Danach wird das Tal wieder breiter, und wir konnten gemütlich an der Bode entlang nach Thale wandern. Wenn uns Rollstuhlfahrer entgegenkommen, dann wird es allerhöchste Zeit, die Fernwanderung zu beenden. Wir waren nun tatsächlich am Ziel.

Trotzdem hatten wir uns noch in den Kopf gesetzt, den Berg zum „Hexentanzplatz“ hinaufzuwandern. Seit DDR-Zeiten war ich nicht mehr dort, und Flo sowieso noch nie. Oben angekommen, wimmelte es nur so von Seilbahn-Aktivisten. Also schnell eine Runde gedreht, einen Blick zur Roßtrappe hinüber und ins Rappbodetal hinab geworfen,

eine Brocken-Hexe im Ost-Style gekauft, den leckeren Käsekuchen verschmäht und dann wieder mit Vollgas den Berg hinab und zum Bahnhof gesprintet, damit wir noch rechtzeitig den Zug
erreichten, der uns in sagenhaften 4 Stunden zurück zum Ausgangspunkt nach Osterode brachte. Ich bewundere Flo, der uns danach noch geduldig mit dem Auto nach Hause gefahren hat.

Fazit

Leider liegt dieses Ereignis nun etwas länger zurück, und wir haben in der Zwischenzeit so viel anderes erleben dürfen. Somit sind meine Erinnerungen schon wieder etwas verblasst, und ich werde diesem Wanderweg womöglich nicht ganz gerecht, wenn ich behaupte, dass der „Felsenland-Sagenweg“ mich noch mehr überzeugt hat. Aber so habe ich es nun einmal empfunden. Ein Bericht dazu folgt in Kürze.
Ihr könnt euch gerne selber ein Bild davon machen oder noch besser, den Rucksack aufhuckeln und selbst losmarschieren.
Trotzdem würden wir diesen Fernwanderweg irgendwann gerne noch einmal absolvieren. Dann aber von Osten nach Westen, eventuell auch im Winter mit Schneeschuhen, unbedingt aber übernachten im Freien und auch die angebotenen Alternativ-Routen nutzen. Mal schauen, ob wir das hinbekommen.

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