Felsenland-Sagenweg – April 2018

Während unserer ersten Fernwanderung (einen Monat zuvor) haben wir Einiges dazugelernt und danach ordentlich aufgerüstet. Um der Natur auch in der Nacht ganz nah und vor allem auch in Sachen Schlafplatz und Streckenlänge flexibel zu sein, haben wir uns inzwischen Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr & Co gekauft. Doch selbst die leichteste Ausrüstung bringt in der Summe so einiges auf die Waage. Dennoch waren wir froh, endlich nahezu komplett autark zu sein. Was wir in den 4 Tagen alles erlebt haben und welchen Herausforderungen es sich galt zu stellen, will ich euch nun verraten. Ich wünsche allen schon einmal viel Spaß beim Lesen. Im Warmen mit genügend Wasser lässt es sich immer einfacher schmunzeln.


1. Tag / 28.04.2018 / Dahn-Erfweiler-Schindhard-Eichelberg

Flo hat es natürlich pünktlich einen Tag vor Abreise geschafft, sich so zu verrenken, dass er sich kaum bewegen und noch weniger liegen konnte. Alles war schon geplant und fertig gepackt, und so habe ich es mir verkniffen, ihn auf seine Befindlichkeiten anzusprechen, in der Hoffnung, er denkt selbst nicht mehr daran. 
Am Vorabend sind wir nach einem kurzen Nickerchen so gegen 22 Uhr aufgestanden, und ich habe Flo meine Worte in den Mund gelegt, dass Bewegung gut für das Gestell ist. Dass er dabei 15 kg schleppen und wir insgesamt in 4 Tagen 95 km und 3000 Höhenmeter zu bewältigen haben, ließ ich dabei dezent unter den Tisch fallen.
So sind wir eine Stunde später ins Dahner Felsenland – in der schönen Pfalz – aufgebrochen und haben uns pünktlich mit Einbruch der Dämmerung auf den Weg gemacht. Auch dieses Mal galt es wieder, die 5 Etappen in nur 4 Tagen zu schaffen.

Gleich zum Warm up ging es bei Schummerlicht über einen kleinen Trampelpfad hinauf auf den Vogelberg und zum Jungfernsprung. In einem Trekking-Blog hatte ich im Vorfeld gelesen, dass 2 Jungs den glatt verpasst haben. Das sollte uns garantiert nicht passieren. Also gingen wir zielsicher den kleinen Waldweg hinauf und vorbei an den ersten Felsenformationen. Den weichen Boden mit seinen Wurzeln und Nadeln konnte ich mir schon richtig als Schlaflager für die Nacht vorstellen, und auch zum Gehen war er sehr angenehm. Ich war fürs erste beigeistert, und freute mich auf die bevorstehenden 4 Tage.

Wir folgten weiterhin immer schön brav den Wegweisern, auch wenn diese nun erst einmal wieder bergab führten. Von Vornherein war uns klar, dass es ein stetiges bergauf und -ab werden würde, denn irgendwie müssen die 3000 hm ja schließlich zustande kommen. Doch als wir dann auf der Straße standen, wurde mir schlagartig bewusst: Wir hatten den Jungfernsprung verpasst!!! Das gibt es doch nicht. Wir waren so nah dran, sind einfach nur den Wegweisern zu früh nach unten gefolgt. Das Paradoxe an der Sache ist, dass wir auch noch ein Foto von dem Schild gemacht haben, wo der Jungfernsprung mit 0,1 km ausgewiesen ist. Doch hinterher nützt einem das auch nichts mehr.
Von unserem jetzigen Standpunkt konnten wir ihn jedenfalls sehen.

Aber bei all dem, was uns in naher Zukunft bevor stand, den Weg wieder hinauf, das wollten wir dann auch nicht machen. Die Aussicht, vielleicht am Ende unserer Fernwanderung noch einmal nach oben zu spazieren, tröstete mich ein wenig. Trotzdem war ich erst einmal etwas angefressen. Wie kann man nur so doof sein?!

Laut einer Sage soll hier eine fromme Maid abgestürzt sein, als sie vor einem aufdringlichen Jäger fliegen wollte. Doch der Himmel war ihr gnädig, und sie überlebte den Sturz aus 75 Metern Höhe.

Viel Gelegenheit zum Nachdenken hatten wir nicht. Mit noch schweren Beinen und Rucksäcken ging es nun das zweite Mal bergauf – zum Sängerfelsen. Zu dieser Uhrzeit noch ganz alleine unterwegs, konnten wir einen Blick auf Dahn erhaschen, dabei der Sonne zuschauen wie sie langsam hervor kroch und eine erste Brotzeit zu uns nehmen.

Auf dem Weg zur Burgruine Neudahn kamen wir auch schon an den ersten bizarren Buntsandsteinformationen vorbei, die so sonderbare Namen wie Satansbrocken und Hexenpils tragen. Ich hatte glatt ein Déjà-vu und sah den Kelchstein bei Oybin im Zittauer Gebirge vor meinem geistigen Auge.

Vor Abermillionenjahren sind diese Gebilde aus Sand entstanden und nach und nach durch Erosion und Verwitterung abgetragen und geformt worden. Die typische Farbe haben die Felsen durch den hohen Eisengehalt erhalten.

Wir konnten es uns einfach nicht verkneifen, kurz unsere Kletterkünste auf die Probe zu stellen.

Nun waren wir an der Ruine Neudahn angekommen, die zu den jüngsten Burgen der Region gehört. Natürlich konnten wir daran nicht einfach vorbei gehen, sondern mussten diese erst einmal eingehend begutachten; wobei wir wohl keine Nische ausgelassen haben. 

Danach hatten wir allerdings nichts dagegen, mal etwas Fahrt aufzunehmen. Erst einmal ging es wieder bergab und entlang an kleinen Bächen und Tümpeln durchs Naturschutzgebiet Moosbachtal, bis wir wieder in Dahn gelandet sind. Es war schon irgendwie befremdlich, fast wieder am Ausgangspunkt angelangt zu sein.
Bevor wir nun aber endgültig Dahn hinter uns lassen sollten, kamen wir am Felsen-Duo „Braut & Bräutigam“ vorbei,

und dann ging es über steile Leitern auf den Wachtfelsen.


Allerdings ging der Weg direkt an der Jugendherberge vorbei, wo gerade ein allgemeiner Aufbruch der Langschläfer zu starten schien, dass wir zeitweise an extremen Verfolgungswahn litten. So hatten wir uns das nicht vorgestellt und sicherheitshalber einen taktischen Rückzug in ein Cafe angetreten, bis der Ansturm vorüber war. Gott sei Dank!!!


Zum Glück wurde es nun wieder ruhiger. Eine Wanderung in der Natur lebt ja auch davon, dass man ein wenig innehalten und genießen kann. 

Noch ein kurzer Zwischenstopp auf dem Hochstein, von dem wir einen grandiosen Blick auf die Umgebung haben, dann kommen wir zu der beeindruckenden Burgengruppe Alt-Dahn. Diese besteht genau genommen aus 3 einzelnen Burgen – Altdahn, Grafendahn & Tannstein.
Da Flo und ich uns für Ruinen echt begeistern können, sind wir von dieser Anlage voll angetan. Die Besichtung frisst allerdings einiges von unserem Zeitpolster auf. Doch es wäre jammerschade gewesen, einfach daran vorbei zu wandern. Dafür mussten wir im Anschluss die Füße ein klein wenig in die Hand nehmen.

Hingegen der eigentlich vorgesehenen Etappen-Ziele war für uns in Erfweiler noch lange nicht Schluss. Von dem Hahnenfels und dem Hahnenberg aus hatten wir eine schöne Sicht über das Örtchen.

Danach ging es weiter auf und ab bis wir irgendwann in Schindhard angekommen sind, wo es höchste Zeit wurde, unsere Wasservorräte aufzufüllen.
Wie kostbar Wasser ist, merkt man erst einmal, wenn man auf diese Art und Weise unterwegs ist. Denn nicht überall, wo Berge und Wälder sind, gibt es auch Wasser. Und nicht überall, wo man Zivilisation vermutet, gibt es Lebensmittelläden und Restaurants. Zum Glück hatten wir uns essenstechnisch für ein paar Tage eingedeckt, doch Wasser braucht man jeden Tag aufs Neue; nicht nur zum Trinken, auch zum Kochen, Waschen, Zähneputzen usw… In der „Wildnis“ zählt jeder Tropfen. Wenn man erst wieder daheim ist und sieht wie verschwenderisch man mit diesem kostbaren Gut umgeht. Unglaublich!
Wir mussten tatsächlich eine Einheimische rausklingeln und um etwas Wasser bitten. Uns hätte es vollkommen gereicht, unsere Trinkblasen wieder am Wasserhahn aufzufüllen, stattdessen hat sie uns eine Glasflasche mitgegeben. Wir waren dankbar und wollten ihr nicht erklären, dass diese weder ultraleicht noch besonders Platz sparend ist. Trotzdem sind wir lieber auf Nummer sicher gegangen und haben an einem Brunnen, der angeblich kein Trinkwasser enthielt, unsere Softbottles aufgefüllt, um für die nächsten Stunden gewappnet zu sein. Das war auch gut so, selbst wenn unsere Rucksäcke nun wieder 3 Kilo schwerer waren. Doch für heute hatten wir schon ordentlich Weg gemacht und wollten es eh bald gut sein lassen.

Zum Endspurt kamen wir über eine schöne Streuobstwiese, von wo sich noch einmal einen herrlichen Blick auf die Burgengruppe Altdahn bot,

dann sollte es noch ein letztes Mal für heute den Berg hinauf gehen, auf welchem wir uns ein Schlaflager für die Nacht suchen wollten. Den ganzen Weg über haben wir die Augen offen gehalten, wo sich ein kleiner Unterschlupf auftun könnte, wenn wir doch noch einmal zurückgehen müssten.
Auf dem Eichelberg – der über den Örtchen Busenberg thront – haben wir schließlich das perfekte Lager gefunden. Ein Tisch und 2 Bänke direkt auf dem Aussichtsplateau luden einfach zum Verweilen ein. Nach 11 Stunden, 25 km und fast 700 hm hatten wir vorerst genug und wollten hier nun bleiben. So ganz konnte ich mich zwar noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, in so exponierter Lage zu nächtigen, weil das Wetter auch umschwenken sollte, aber zumindest um unser Abendbrot zuzubereiten war es sehr geeignet.

Nachdem ich unseren Proviant ausgepackt habe und Flo den Mini-Gaskocher angeschmissen hat, um Wasser für unsere Süppchen zu erwärmen, habe ich mich noch einmal auf die Suche begeben und bin auch fündig geworden. Besser sollte es nicht gehen. Direkt unter dem Plateau war ein Felsvorsprung, der für 2 Personen wie gemacht zu sein schien. So konnten wir boofen, und brauchten nicht einmal unser Zelt aufzubauen. Perfekt für unsere erste Nacht im Freien.
Nach dem Essen hat uns Flo das Bett bereitet, ich war für die Logistik zuständig. Nun brauchten wir nur noch darauf zu warten, dass es dunkel wird. Doch leider ging unsere Rechnung nicht ganz auf, und es fing an zu regnen. Also Rettungsdecke raus, die 2 Matten hintereinander aufgereiht, damit es keinen anregnet und dann früher als geplant in den Schlafsack gekrochen. 

Nun versuch aber mal einer zu schlafen, wenn es noch nicht richtig dunkel ist, der Schlafsack ständig von der schmalen Isomatte rutscht und diese wiederum von der knisternden Unterlage auf dem leicht abschüssigen Untergrund, dabei einem noch Regen ins Gesicht nieselt, Musik aus’m Dorf beschallt und dazu komische Tiergeräusche in unmittelbarer Nähe. Man hat plötzlich viel Zeit zum Nachdenken, z.B. ob ein Wildschwein nur an einem schnüffelt, wenn es vorbeikommt und ob es vielleicht doch besser wäre, wenn der Regen laut genug ist, dass man nicht mehr jedes Geräusch hört…

2. Tag / 29.04.2018 / Busenberg-Erlenbach-Bundenthal-Nothweiler-Wegelnburg/Hohenbourg/Ruine Löwenstein

Geschlafen habe ich schätzungsweise so gut wie gar nicht, aber irgendwie fand ich es schon wieder cool, so etwas erleben zu dürfen. Ich habe dem Vollmond einfach zugeschaut bis die Uhr 5 Uhr gesagt hat, dann bin ich aufgestanden, um den Tageseinbruch über Busenberg zu erleben. Traumhaft, wie der Dunst in aller Früh noch über dem Dorf hing; auf der gegenüberliegenden Seite spitze schon der Berg mit unserem nächsten Etappenziel aus dem Wolkenschleier – die markante Ruine Drachenfels.

Kurz entschlossen bin ich erst mal ein paar Meter gerannt, um etwas warm zu werden, damit mir die Zahnbürste nicht an der Hand anfriert. Dann hieß es endlich, Flo wecken, Sachen zusammenräumen und uns ein spartanisches Frühstück zubereiten –  federleichtes Knäckebrot mit einer Spur Honig, dazu ein Babybel. Das musste bis auf Weiteres reichen.

Zuerst einmal ging es hinab in die Ortschaft Busenberg. Irgendwo musste es dort doch eine Bäckerei geben. Es sollten doch noch Wunder geschehen. Hätten wir das vorher gewusst, wären wir gleich hier eingefallen und hätten uns das Knäckebrot noch etwas aufgespart. Bei heißem Tee und einem Schokocroissant haben wir gewartet, dass der kurze Regenschauer vorüber zieht und unsere Wasservorräte wieder komplett aufgefüllt. 
Unser Timing funktionierte großartig. Pünktlich als wir zum Aufbrechen bereit waren, hörte es auch zu regnen auf. Nun wartete die Ruine Drachenfels auf uns und damit auch die ersten Höhenmeter für diesen Tag.
Oben angekommen, wurden wir erst einmal von einem meditierenden Typen begrüßt, oder eher nicht begrüßt. Je weiter wir in die Anlage vordrangen, umso mehr mussten wir aufpassen, nicht über irgendwelche Schlafsäcke zu stolpern. In welche Nische man auch blickte, hat sich jemand zum Schlafen niedergelassen und das auch noch mehr oder weniger lautstark getan. Wir waren froh, diese Ruine nicht als Nachtlager ausgewählt zu haben. Lieber kann ich nicht schlafen, weil es mich anregnet oder seltsame Tiergeräusche um mich herum zu vernehmen sind, als dass mich jemand zwangsbeglückt. Wie wir im Nachhinein von einem Typen erfahren haben, dem wir an diesem Tag immer wieder begegnet sind, soll es in der Nacht unter den Kletterern wohl recht lang geworden sein. Zum Glück ohne uns!
Nicht desto trotz, die Burg aus dem 12. Jahrhundert, welche im 15. Jh. zerstört wurde, war den Besuch absolut wert. Es gibt hier so viel zu entdecken. Selbst die bizarre Felsenkralle on top kann man noch besteigen.

Auch hat man von hier oben noch einmal einen wunderschönen Blick hinüber zur Burgengruppe Altdahn, die wir erst gestern erkundet haben und ebenso zum Eichelberg, von dem wir bis vor Kurzem nach sehnsüchtig hierher gespäht haben.

Über Wiesen und kleine Wege ging es nun weiter nach Erlenbach, und die Sonne zeigte sich wieder einmal von ihrer besten Seite. Wir mussten stoppen, um uns etwas Leichteres anzuziehen.

Nach dem kleinen Ort und einigen Pferdekoppeln galt es leicht bergauf zur Burg Berwartstein aus dem 11. Jh. zu steigen, welche noch komplett erhalten ist und ein Museum und ein Restaurant beherbergt. Wir haben uns diese allerdings nur von außen angeschaut, da uns die Zeit dafür nicht ausreichen würde, und uns das Burgleben auch nicht so wirklich interessiert. 

Lieber haben wir uns eine kleine Auszeit auf einer Streuobstwiese gegönnt, wo wir auch das erste Mal mit unserem gelegentlichen Mitstreiter ins Gespräch kamen. Nennen wir ihn der Einfachheit halber mal Pumuckl, um mir zukünftige Erklärungen zu sparen. 😉

Die Fladensteine – kurz vor Bundenthal – sind ein Eldorado für Kletterer. Da bekommt man gleich richtig Lust, mitzumachen.

Einst sollten an dieser Stelle 7 Zecher nach einem Gelage auf Berwartstein einem Bettler begegnet sein und ihn beschimpft und geschlagen haben. Daraufhin hat der diese mit folgenden Worten verflucht: „Weil eure Herzen so hart sind wie Stein, sollt ihr zu Stein werden.“

Da unser Proviant nicht dafür ausgelegt war, für 4 volle Tage die Verpflegung für 2 Personen zu sichern, wollten wir wenigstens einmal am Tag irgendwo zum Essen einkehren. Das ließ sich allerdings gar nicht so einfach realisieren. In Bundenthal gab es kein einziges Restaurant, was geöffnet gehabt hätte, und auch keinen einzigen Laden.

So zogen wir etwas desillusioniert weiter und haben uns mit Nüssen über Wasser gehalten. Pumuckl ging es nicht besser.
„Am Mäuerle“, einen kleinen Berg, wo vor langer Zeit erbitterte Kämpfe getobt haben sollen, konnten wir schon auf Nothweiler hinabschauen;

die letzte Ortschaft bevor wir ins Elsass kommen und somit deutsches Hoheitsgebiet verlassen. Das war unsere Rettung. Hier fanden wir schließlich doch noch ein Restaurant, um eine Kleinigkeit zu essen, ein Bier zu trinken und unsere Wasserreserven aufzustocken. Denn danach war Ebbe.
Pumuckl leistete uns Gesellschaft. Das war zwar ganz nett, nur fürchtete ich um unsere menschliche Zweisamkeit des nachts, und dass uns ein begehrter Schlafplatz abhanden kommen könnte.

Noch ein letzter Aufstieg, dann wollten wir es nach 12 Stunden, 25 km und 1000 hm für heute bewenden lassen. Als krönenden Abschluss erwarteten uns gleich 3 Ruinen nacheinander.
Die Wengelnburg war für uns nun die letzte Burg auf deutscher Seite. Sie ist mit 572 hm die höchstgelegene Burgruine des Pfälzerwaldes. Von ganz oben hatten wir einen phänomenalen Ausblick und konnten auch schon die nächste Ruine in Augenschein nehmen. Allerdings ging hier auch ein ordentliches Lüftchen, so dass man sich gar nicht so lange dort aufhalten wollte. Zum Schlafen hatte sich leider auch nichts Geeignetes angeboten.

Pumuckl sahen wir hier zum letzten Mal. Zu gerne hätte wir gewusst, wo er nun die Nacht verbracht hat, aber wir haben ihn am nächsten Tag leider nicht mehr getroffen.

Auf der Suche nach einem Lager zogen wir letztendlich weiter. Die erste Ruine im Elsass war die Hohenbourg. Die Felsenburg aus dem 13. Jh. mit den Resten von einem imposanten Wohnturm und einem Burgbrunnen war wirklich nett anzuschauen, aber leider auch nichts für heute Nacht. 

Alle Hoffnung setzten wir nun auf „Chateau Loewenstein“, die auf dem selben Bergrücken wie die 2 anderen Burgen steht. Diese wurde ebenfalls im 13. Jahrhundert errichtet und auf 2 nebeneinander stehenden Felsen gebaut. Auch wenn die Ruine etwas kleiner als ihre beiden Vorgänger ist, fanden wir sie viel atmosphärischer und wollten gerne über Nacht hier bleiben.

Ein Schlafplatz war schnell gefunden, weniger schnell von spitzen Steinen und Zweigen befreit. Im Schutz der Mauer wollten wir direkt unter freien Himmel mit Blick auf die Ruine Fleckenstein – in den nördlichen Vogesen – nächtigen. Beim Licht der untergehenden Sonne war der Blick in die Wälder der umliegenden Täler atemberaubend schön. 

Noch einmal hat Flo den Gaskochen fürs Abendbrot angeworfen,

dann wurde das Schlaflager gerichtet, noch voller Hoffnung und Zuversicht, dass wir dieses Mal nun endlich etwas Schlaf nachholen und uns für die nächsten Etappen regenerieren können.

Tja, wäre auch zu schön gewesen. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. So idyllisch es sich für euch anfangs angehört haben und auf den Bildern auch aussehen mag, war es dann leider doch nicht. 
Am Harmlosesten waren noch meine kochenden Füße, die ich immer wieder aus meinem Schlafsack ausgeparkt habe, weil diese irgendwann der Meinung waren, dass sie mal wieder ordentlich durchblutet werden könnten, wenn schon mal die Schuhe weg sind. 
Der Wind wurde langsam mehr, und so flogen mir die ganze Zeit irgendwelche Blüten, Dreck und kleine Steinchen ins Gesicht. Ich habe mich immer weiter in meinen Schlafsack verzogen, währenddessen Flo das wohl nicht zu stören schien. Er war eher genervt, dass ich ihn nicht schlafen lasse. Nach einem weiteren ordentlichen Windstoß bekam er allerdings auch eine gehörige Ladung ab. Ab da war dann auch bei ihm nicht mehr wirklich ans Schlafen zu denken. Der Wind hatte urplötzlich gedreht und entwickelte sich zum handfesten Sturm, so dass die Äste über uns nur noch knarrten und ich schon ein Stoßgebet zum Himmel schickte, damit ich irgendwie heil aus der Sache wieder herauskomme. Heil herausgekommen bin ich, der Wind wurde in diesem Moment aber auch nicht weniger. Nun gesellte sich auch noch Regen dazu; erst ein paar Tropfen, dann fing es richtig zu gießen an. Die Kapuze von meinem Schlafsack leistete mir große Dienste; immer tiefer zog ich sie mir über die Nase und habe meine Umwelt einfach versucht, zu ignorieren. Trotzdem hat Flo mir gegen 4 Uhr dann nahe gelegt, dass wir umziehen, weil alles schon komplett nass ist. So haben wir uns die Stirnlampen aufgezogen und sind mit Sack und Pack in langen Unterhosen und sohlenfreien Wanderschuhen auf die andere Seite der Ruine gewatschelt. Wirklich sehr spektakulär.
Wundersamerweise war dort plötzlich überhaupt kein Wind mehr, hingegen zum Vorabend als wir uns gegen diesen Platz entschieden haben. Aber das konnte ja keiner vorher ahnen, dass der Wind dreht.
2 Stündchen Schlaf haben wir uns dann aber tatsächlich mal mehr schlecht als Recht gegönnt…

3. Tag / 30.04.2018 / Löwenstein-Fleckenstein-Hirschthal-Schönau-Petersbächel-Pfälzerwoog

Es wäre falsch zu behaupten, ausgeschlafen zu sein. Abenteuer hin oder her, so enthusiastisch bin ich an diesem Morgen dann doch nicht aus meinem Schlafsack gesprungen. Da ich aber Angst hatte, ich könnte einen herrlichen Sonnenaufgang verpassen, bin ich ca. 6 Uhr etwas unmotiviert über die klapprige Leiter auf die Ruine geklettert. Hätte ich gewusst, dass nur ein grauer Himmel auf mich wartet, hätte ich es Flo lieber gleich getan und wäre noch ein wenig liegen geblieben.

Nur schwer kamen wir heute in die Gänge. Mit klammen Fingern und kalten Gliedern dauerte alles etwas länger. So sind wir erst gegen 8 Uhr gestartet und hatten ständig das Gefühl, zu spät dran zu sein.
Es war auch weniger von Vorteil, dass es erst einmal bergab ging. Wenn in abschüssigen und unebenen Gelände erhöhte Trittsicherheit gefragt ist, dann merkt man erst einmal wie sehr es stört, wenn ein schwerer Rucksack von hinten auch noch schiebt. Die immensen Kräfte gehen einem ganz schön auf die Knie, und man versucht ständig zu bremsen und dagegen anzukämpfen. Umso glücklicher waren wir, als wir endlich an der Burgruine Fleckenstein ankamen. Schon am Abend zuvor konnten wir sie von oben die ganze Zeit bewundern.

Umso enttäuschter waren wir, diese noch verschlossen vorzufinden. Eigentlich hätte uns das klar sein sollen, zu dieser Uhrzeit. Aber wir konnten ja schlecht warten bis es 10 Uhr ist.

Auf der anderen Seite ist diese Ruine so begehrt und auch verkehrtechnisch gut erreichbar, dass ganze Armadas an Reisebussen hier aufschlagen und sich auch jede Menge Kinder dort tummeln, so dass es in der Tat besser war, schon vorher wieder die Flucht zu ergreifen. Aber wenigstens den kleinen Abenteuerspielplatz mussten wir noch mitnehmen. Nicht das wir ab und an kindisch wären. 😉

Nach all den Ruinen der letzten Tage tat ein wenig Abwechslung gut als wir, inzwischen wieder zurück in Deutschland, durch das grüne Hirtenbachtal wanderten. 

In dem kleinen Örtchen Hirschbach kamen wir mit einer freundlichen Dame ins Gespräch, die uns gleich zu einem Kaffee einladen wollte. Da wir irgendwann aber doch mal vorankommen wollten, ließen wir uns wenigstens etwas Wasser nachfüllen. Die Leute hier sind wirklich so etwas von herzlich, das habe ich noch nirgendwo anderes in Deutschland erlebt. 

Langsam hat sich nun auch unser Magen gemeldet. Ewig waren wir an keinem Restaurant oder an einer Bäckerei mehr vorbeigekommen und wenn, dann hatten sie nicht geöffnet. Wir hofften inständig, endlich in der nächsten Ortschaft mehr Erfolg zu haben.
Doch vorher hatten wir noch ein paar Meter zu bewältigen, und das auch noch bergauf. Endlich, nachdem wir den Bruderfels und im Anschluss noch den Pfaffenfels erklommen haben, konnten wir auf Schönau hinunterblicken. War das dort mit dem grünen Dach vielleicht ein Lokal? Voller Hoffnung rannten wir fast ins Dorf hinunter.

Es gab Saumagen (Kohls Leibspeise) und Blutwurst und für mich natürlich noch die doppelte Portion Bratkartoffeln, nach einem Salat und einem halben Liter Bier. Die Bedienung schaut mich fassungslos an und meinte, dass sie nicht mehr aufstehen könnte, wenn sie das gegessen hätte. Ich war überglücklich, satt und strotze nun wieder voller Energie. Es konnte also weitergehen.


Noch auf deutschem Gebiet haben wir uns als nächstes die kleine Ruine Blumenstein angeschaut, dann ging es abermals in französische Gefilde.

Den kurzen Umweg zur Ruine Wasigenstein mussten wir uns unbedingt gönnen. Diese war eine der beeindruckendsten unserer gesamten Wanderung. Imposant ragten ihre roten Wände vor uns empor und wirkten wie ein mächtiger Schiffsbug, der uns gleich zu überrollen drohte.


Viele steile Treppen galt es zu bezwingen, um die einzelnen Teile zu erkunden. Auch wenn wir schon einiges in den Knochen hatten, durften wir uns gerade jetzt keine Schwäche leisten. Es war einfach viel zu interessant, was wir zu sehen bekamen.

Doch wenigsten im Anschluss wollten wir uns und unseren Füssen eine kleine Verschnaufpause genehmigen. Der Wind wurde nun allerdings wieder einmal so heftig, dass es uns alles davon zu blasen drohte. So haben wir schnell wieder unsere Sachen zusammengepackt und sind weiter gezogen.
Während der Wind unaufhörlich tobte, und es nun auch noch anfing zu regnen, sind wir über den Bergrücken des Maimont auf der deutsch-französischen Grenze zum Friedenskreuz gewandert. Dieses Mahnmal soll an die blutige Schlacht am 13. Mai 1940 um den umstrittenen Berg erinnern.

Wenn auch nicht blutig, brennend aber schon, so fühlten sich so langsam meine Fußsohlen an, als wir die nicht enden wollenden Serpentinen nach Petersbächel hinuntergingen. Für heute reichte es mir eigentlich ordentlich in den Hintern hinein. Noch hatten wir allerdings keine Ahnung, wo wir schlafen sollen. Durch den Regen war inzwischen alles recht feucht, und auf dem nächsten Wegabschnitt würden auch keine Felsen mehr hergehen. Trotzdem hielten wir die Augen die ganze Zeit über offen, ob sich nicht doch noch eine ungeahnte Gelegenheit auftut. Das sind manchmal die Momente, wo man sich kurz fragt, warum man sich das alles zumutet.

In Petersbächel haben wir uns dennoch ein kaltes Bier gegönnt, auch wenn ich so schon fast am Erfrieren war. Unser Glück, denn bei der Gelegenheit kamen wir mit ein paar Hiesigen ins Gespräch, die meinten, dass es keinen stören würde, wenn wir am See im Pfälzerwoog unser kleines Zelt aufbauen; vorausgesetzt man hinterlässt alles wie man es vorgefunden hat und verhält sich ruhig. Ehrensache!!! Trotzdem waren wir hin- und hergerissen, weil dies ein Naturschutzgebiet ist. Doch wir waren irgendwann so fertig, dass wir am Wegesrand mit Blick zum See unser Zelt aufgebaut haben; mit dem Segen der Einheimischen.

Wirklich ein sehr idyllisches Plätzchen. Doch wir hatten nun kaum mehr Augen dafür, und noch weniger stand uns der Sinn nach Romantik. Nach 11 Stunden, 22 km und 600 hm wollten wir nur noch eine Kleinigkeit essen und dann endlich schlafen. Und das ist uns nun am letzten Abend wirklich auch gelungen – man mag es kaum glauben.


4. Tag / 01.05.2018 / Pfälzerwoog-Ludwigswinkel-Fischbach-Rumbach-Bruchweiler-Bärenbach


Fast schon so etwas wie ausgeschlafen sind wir an diesem Morgen bei 4 Grad aus unserem Zelt gekrabbelt. Warm war es uns nicht wirklich, und auch das Frühstück war nichts zum Einheizen. Aber wenigstens dieses Mal wollten wir den herrlichen Blick auf den See im goldenen Morgenlicht genießen. Doch dann ging es auch schon wieder weiter, um die letzte Etappe unserer Fernwanderung zu meistern.

Die paar Höhenmeter zum Lindelkopf haben uns nicht wirklich warm werden lassen. Dafür erhielten wir aber unsere Bestätigung, dass wir alles richtig gemacht hatten, indem wir am Vorabend unser Zelt dort aufgeschlagen haben, wo wir es getan haben. Die Möglichkeiten danach wären noch beschränkter gewesen.


Nachdem wir bis in die späten Morgenstunden hinein in der Umgebung Musik vernommen haben, schien Ludwigswinkel um diese Zeit nun auszuschlafen. So brauchten wir uns hier gar nicht weiter aufzuhalten und sind direkt nach Fischbach durchgestartet, wo wir dann hoffentlich mal etwas zu Essen bekommen würden.

Das ständige bergauf und -ab und die vielen Ruinen waren uns inzwischen schon so lieb und vertraut, dass wir etwas enttäuscht waren, nun auf der Ebene dahinzutrotten. Durch die Talauen am Sauerbach entlang zu wandern, mag sicher auch seinen Reiz haben, aber wir waren inzwischen so ausgekühlt und hungrig, dass wir uns bei dem tristen Wetter nur noch danach sehnten, endlich bei einem Tee aufwärmen zu können.

Nach einigen erfolglosen Anläufen haben wir schließlich doch noch eine kleine Bäckerei gefunden, die am Feiertag geöffnet hatte. Die Einheimischen waren vielleicht nicht ganz so glücklich darüber, dass wir die letzten 4 Schokocroissants aufgekauft haben; aber damit konnten wir gut leben. Manchmal ist einem das Hemd doch näher als die Hose.


Gegen Mittag ließ sich die Sonne endlich wieder blicken. So machte es gleich wieder viel mehr Laune. Und bei der sollten wir ja noch ein paar Stunden gehalten werden.
Nun kamen wir über einen langen Holzsteg direkt ins Naturschutzgebiet Königsbruch.

Danach hatten wir richtig Massel. Denn ab morgen wären die wochenlangen Baumfällarbeiten zum Christkindelsfelsen losgegangen und hätten eine weniger schöne Umgehung notwendig gemacht. Die Wege waren schon alle vorsorglich abgesperrt. Aber heute zum Feiertag würde keiner arbeiten, und so konnten wir uns noch gut durchmogeln. 
Auf urigen Waldpfaden sind wir nun auf den Rumberg hinauf und zu besagten Felsen gelangt, von welchem wir einen Blick auf die Ortschaft Rumberg und die Christuskirche werfen konnten.

Nett auch, am Felsen lagen überall kleine Zettel und beschriebene Steine, wo Kinder ihre Wünsche an das Christkind hinterlassen haben. Unsere Wünsche für den Moment konnten wir uns am besten selbst erfüllen und machten uns wieder auf den Weg. 


Nachdem wir durch das kleine Dorf Rumbach gekommen sind, ging es noch ein allerletztes Mal ein wenig bergauf, vorbei am Schützenfelsen, der ebenfalls bei Kletterern sehr beliebt ist und dann bei schönsten Sonnenschein über blühende Streuobstwiesen nach Bruchweiler-Bärenbach; nach 23 km das Endziel unserer Fernwanderung.

Typisch für uns wäre es eigentlich gewesen, die Route zu verlängern und zurück nach Dahn auch noch zu gehen. Doch schließlich mussten wir heute noch irgendwie nach Lenggries kommen, und die Füße waren nach der langen Zeit dankbar für jeden Schritt, den sie nicht mehr tun mussten. 

Irgendwie seltsam, wenn man das Ende vor Augen hat, dann schließt auch der Geist und Körper schon mal ab…

Fazit

Summa et summarum eine wunderschöne Wanderung, auf der wir viel sehen und lernen durften, aber auch Einiges auszuhalten hatten. Die Menschen in der Region sind super freundlich und würden sich über jeden freuen, der als Tourist in die Region reist. Bis auf Dahn ist die Gegend noch nicht so gut erschlossen, was die Einheimischen gerne ändern würden. 
Flo und ich lieben es, wenn wir für uns sind und in Ruhe wandern können. Dennoch haben wir am eigenen Leib auch erfahren, was es bedeutet, wenn es einfach nichts gibt, weil es sich nicht lohnt, zuhauf Restaurants zu eröffnen. Da sitzt man manches Mal einfach schlicht und ergreifend ganz schön auf dem Trockenen.
Den Leuten im Dahner Felsenland sei es also gegönnt, dass sich ein paar mehr Touris dorthin verirren. Wie ihr sehen konntet, es lohnt sich wirklich. Und das Essen ist ein Gedicht, vorausgesetzt man ist kein Vegetarier. Auch wenn ich nicht fürs Werben bezahlt werde, aber schaut unbedingt mal beim „Landhaus Mischler“ in Schönau/Pfalz vorbei. Wenn wir noch einmal hierher zurückkommen, dann müssen wir schauen, ob die Blutwurst und der Saumagen immer noch so grandios sind. Und das trau‘ ich mich auch noch zu schreiben, wenn mir eh schon der Magen knurrt. *arg*

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