Chinesische Mauer – September 2019

Zhong Guo Chang Cheng – Fakten

Bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. begannen regionale Herrscher, an den Grenzen ihrer Provinzen mauerartige Befestigungen zu errichten. Damit legten sie den Grundstein für die Entstehung der „Langen Chinesischen Mauer“ (Pinyin: Zhong Guo Chang Cheng), die man im Lande umgangssprachlich auch die Große Mauer (Wan Li Chang Cheng) nennt.
Unter dem ersten Kaiser Chinas (Qin Shi Huang Di) – der das Reich erstmals einte – wurden im Jahre 214 v. Chr. die nördlichen Mauerreste miteinander verbunden, um sich vor der Invasion nomadischer Reitervölker aus dem Norden zu schützen. 10 Jahre lang schufteten Hunderttausende, um einen Befestigungswall aus gestampfter Erde zu errichten; Unzählige verloren dabei ihr Leben.
Auch während der Hang-Dynastie setzte man den Bau der Mauer fort und drang dabei bis weit in den Westen vor. Es galt, die Handelswege über die Seidenstraße zu verteidigen. In den folgenden 1000 Jahren kamen die Baumaßnahmen erst einmal zum Erliegen, bis irgendwann die Bedrohung durch die Mongolen (unter Dschingis Khan) übermächtig wurde, und die Kaiser der Jin-Dynastie erneut den Ausbau des Schutzwalls vorantrieben.
Entscheidend trug jedoch ab 1493 die letzte große Bauphase zum heutigen Erscheinungsbild bei. So wurden während der Ming-Dynastie (unter Kaiser Hong Zhi) die einfachen Erdwälle mit gebrannten Ziegeln und Zinnen verstärkt. Als Mörtel diente gebrannter Kalk und Klebereis, wobei man das Inneren oft nur mit losen Steinen, Sand und Lehm auffüllte. Über 100 Jahre zogen sich die Arbeiten hin, und wieder kamen dabei viele Menschen zu Tode.
Nachdem letztendlich im 17. Jh. die Mandschu ihre Qing-Dynastie etabliert hatten, und auch die Bedrohung durch die Mongolen hinfällig war, wurde dieses Verteidigungssystem zunehmend überflüssiger, und die Mauer begann nun langsam zu verfallen. Die Invasion der Japaner, der Bürgerkrieg und nicht zuletzt die Jahre unter den Kommunisten beschleunigten noch zusätzlich den Zerfall; Mao ermutigte sogar noch die Menschen, die in der Nähe der Mauer lebten, sich derer als kostenloses Baumaterial zu bedienen. Erst unter Deng Xiaoping besann man sich wieder mehr auf die kulturellen Werte, stellte die Große Mauer unter den Schutz der Regierung und fing an, diese nun stückweise zu restaurieren.

Wan Li Chang Cheng bedeutet so viel wie 10000 li lange Mauer. Doch wie lang ist nun eigentlich die Große Mauer wirklich? Würde man nur von den Mauerresten der Ming-Dynastie ausgehen, dann käme man auf eine Gesamtlänge von 8851,8 km. Allein das ist schon gewaltig. Doch nach den neusten archäologischen Messungen des chinesischen Amts für Kulturerbe hat man 2012 sogar eine Länge von unglaublichen 21196,18 km ermittelt.
Allerdings sollte man sich nun dieses weltweit größte Bauwerk nicht als zusammenhängendes Mauersystem vorstellen, vielmehr als eine lose Aneinanderreihung einzelner Teilstücke aus verschiedenen Epochen und Bauweisen; die sich vom Chinesischen Meer im Osten ausgehend über Hügel und Bergketten winden und bis in die Wüstengebiete im Westen des Landes erstrecken. An manchen Stellen nutzte man aber einfach auch nur die natürlichen Gegebenheiten als Begrenzung und verzichtete gänzlich auf ein Mauerwerk. Entsprechend leicht war diese Barriere zu durchbrechen und somit der Nutzen als militärisches Bollwerk hinfällig. Dafür eignete sich die gepflasterte „Bergstraße“ aber hervorragend als Handelsweg, um Mensch und Ausrüstung relativ komfortabel durch das unebene Gelände transportieren zu können.

Heute zählt die Chinesische Mauer zu den sieben Weltwundern der Neuzeit und gehört quasi zum Pflichtprogramm, wenn man sich das Land anschauen möchte. Zum großen Teil sind nur noch Ruinen mit bröseligem Gestein übrig geblieben, die von Pflanzen überwuchert werden; im Westen hat sich die Wüste sogar fast komplett die alte Bausubstanz einverleibt. Doch in der Gegend um Beijing wurden ein paar Abschnitte rekonstruiert, die man nun auch ohne bergsteigerisches Können recht einfach begehen kann und einen Eindruck davon vermittelt bekommt, wie dieses Befestigungssystem aufgebaut ist. Nichtsdestotrotz ist es ein einmaliges Erlebnis, auch einmal entlang der nicht restaurierten Abschnitte zu wandern. Voraussetzung: geeignetes Schuhwerk, gutes Wetter, ein wenig Kondition, Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit

06.09.2019 – Chinesische Mauer

Vorbereitung und Anreise

Nichts hat mir im Vorfeld so viel Kopfzerbrechen bereitet, wie dieser eine Ausflug zur Großen Mauer und vor allem von dort aus der Weitertransport zu unserem nächsten Reiseziel Chengde. Denn da diese Kombi wohl nicht allzu viele Touristen zu machen scheinen, gibt es keine direkte Busverbindung zwischen den zwei Orten. Man müsste also erst wieder die 130 km nach Beijing (im Südwesten) zurücktuckern; nur um anschließend gleich noch einmal in den Bus zu steigen, der einen die 230 km in ursprüngliche Richtung (Nordosten) nach Chengde bringt. Das Beste dabei ist aber, dass man auf dem Weg dorthin Jinshanling streift, von wo aus wir ja hätten direkt starten wollen; wirklich völlig unsinnig. Sich nun aber einfach in Jinshanling an die Schnellstraße zu stellen und zu warten bis irgendwann der Bus aus Beijing vorbei kommen würde, das war uns echt zu unsicher. Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir echt froh sind, uns nicht auf dieses Experiment eingelassen zu haben. Denn nun wissen wir auch aus eigener Erfahrungen, dass die Busse definitiv nicht anhalten, wenn da jemand steht. – Wir sind ja nicht in Vietnam oder Kambodscha. – Mit den Taxis ist das auch so ein Problem, da diese provinzübergreifend keine Passanten befördern dürfen. Also blieb uns nun nur noch die eine Möglichkeit, eine Unterkunft irgendwo in der Nähe der Mauer zu organisieren und einen privaten Fahrer aufzutreiben, der uns am nächsten Morgen nach Chengde bringen würde; und dabei auch noch bezahlbar blieb.
Nun, man hätte es aber auch wesentlich einfacher haben und mit dem Zug oder einer organisierten Tour zu den gut erreichbaren und leicht zugänglichen Mauerabschnitten in Badaling oder Mutianyu fahren können. Doch gerne lassen wir uns auf die ein oder andere Herausforderung ein, denn es war ja schließlich unsere Absicht, nicht nur auf einem der rekonstruierten Abschnitte entlang zu spazieren, sondern ebenso den Spuren der Nördlichen Qi (550-577 n. Chr.) zu folgen. Vor allem aber wollten wir uns etwas abseits der ausgetretenen Besucherpfade bewegen und dem großen Touristenansturm aus dem Weg gehen. Um nun möglichst viele verschiedene Eindrücke zu gewinnen, nahmen wir gern das kleine Abenteuer in Kauf, und sind dafür einen kompletten Tag über die alten Befestigungsanlagen gewandert. Doch nun alles schön der Reihe nach…

Natürlich sind wir extra schon 4 Uhr aufgestanden, um ja die erste U-Bahn zu erwischen, die dann leider erst um 6 Uhr ging. So saßen wir nun erst einmal dumm mit Sack und Pack im Untergrund herum, bis die Gitter zum Bahnsteig endlich nach oben gezogen wurden. Da in Beijing das meiste über den Verkehrsknotenpunkt Dongzhimen läuft, sollte der Bus Nr. 980 auch von dort aus starten. Bis wir Ortsunkundige endlich die Lage gepeilt und den Busbahnhof mit der entsprechenden Haltestelle gefunden hatten – was sich in so Momenten immer wie Stunden anfühlt – sahen wir unseren Bus schon dastehen und die Leute eilig hineinsteigen. Doch Dank der serpentinenreichen Gitterabsperrungen kann man rennen wie man will, man hat immer den Eindruck, seinem Ziel einfach nicht näher zu kommen.
Eh schon etwas außer Puste, war es uns dann nicht gerade angenehmer, nun auch noch den Verkehr aufhalten zu müssen; bis ein netter Chinese uns schnell einen Schein in einzelne Yuan gewechselt hat. – Man muss wissen, das Busfahren ist hier wirklich konkurrenzlos günstig, aber man sollte stets genüg Kleingeld bereit halten, damit man den Betrag einfach in die dafür vorgesehene Box beim Fahrer einwerfen kann. – Auf jeden Fall waren wir die einzigen ausländischen Fahrgäste, und so galt die ganze Aufmerksamkeit uns allein und sorgte bei dem ein oder anderen Einheimischen für eine gewisse Erheiterung.
Nach all der Aufregung konnten wird doch noch irgendwo 2 freie Sitzplätze ergattern, dafür mussten wir uns aber mit unserem gesamten Reisegepäck auf dem Schoss zwischen all die Leute hineinzwängen. Ich will dabei nicht versäumen, zu erwähnen: wo in Deutschland für gewöhnlich 2 Sitze angebracht sind, stehen in China eben 3. Da können einem während der 100minütigen Fahrtzeit schon ordentlich die Beine einschlafen. Doch wir waren glücklich, dass letzten Endes doch alles so gut funktioniert hatte, und wir uns endlich auf den Weg nach Gubeikou begeben konnten.

Bus nach Gubeikou / Chinesische Mauer

Leider fuhr dieser Bus nicht bis zu unserem Endziel, und so hieß es, in Miyun umzusteigen. Dort angekommen, standen wir dann gewissermaßen auf weiter Flur und haben uns versucht auszumalen, an welcher Stelle nun eigentlich der Bus nach Gubeikou abfahren könnte. Aber wie ich schon in meinem letzten Blog erwähnt habe: sich als Ausländer mit Rucksack auch nur 1 Minute irgendwo hinzustellen und zu überlegen, bedeutet den unverzüglichen Verlust seiner Eigenständigkeit. Und auch jetzt kam sofort wieder ein sehr aufmerksamer Taxifahrer auf uns zugesprungen, und Schwupp ist die Falle zugeschnappt; zumindest, wenn man Flo zum Begleiter hat. Nun ja, vielleicht war das in dem Fall gar nicht so schlecht; wer weiß schon, wann der nächste Bus in diesem verlassenen Ort angekommen wäre. So erreichten wir Gubeikou jedenfalls in einer Stunde und hatten noch genügend Zeit für unsere Tageswanderung.
Doch bevor es dann nun endgültig soweit war, gab es noch ein paar Diskussionen, was ich ja echt hasse. Immerhin konnte der Fahrer ein paar Brocken Englisch und wir 2 Worte Chinesisch. Jedenfalls machte er uns das Angebot, uns nicht direkt am Haupteingang abzusetzen, sondern er wüsste eine Stelle, von der wir genauso gut auf die Mauer kämen und uns zudem noch den Eintritt sparen könnten. Dafür sollten wir ihm dann aber ein paar Yuan mehr zahlen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam; alles ging so schnell. Mir jedenfalls hatte der Vorschlag nicht zugesagt. Unser Taxist fuhr nun einfach weiter, an Gubeikou und der Mauer vorbei, und ich fühlte mich schon wieder so ohnmächtig. Mir gefiel das so gar nicht. Irgendwann bog er dann aber doch noch auf der anderen Seite des Hügels in einen Feldweg ein und ließ uns dort raus. Wir waren nun völlig konfus und wussten erst einmal gar nicht, wo wir langgehen sollten. Da war kein Weg zu sehen, nur ein Zaun und so was wie ein Garten. Wir würden doch jetzt nicht anfangen, über fremde Zäune zu klettern. Mit Sicherheit wollten wir nicht mit der chinesischen Justiz in Berührung kommen. Also wieder zurück zum Fahrer, diskutiert und diskutiert, bis er uns dann auf einen anderen Weg geschickt hat; der ehrlich gesagt nicht sehr viel besser war. Ich schwor mir, mich nie wieder auf so einen Ablasshandel einzulassen und bin mit Flo erst mal in ein Kornfeld gestapft. Weg, nur noch weg, war unser erster Gedanke. Zum Glück sahen wir die Mauer wenigstens schon mal aus der Ferne und hatten auch unsere Handys mit maps.me ausgestattet.

Wanderung von Gubeikou nach Jinshanling

Alle Aufregung war sofort vergessen, als wir uns endlich wieder frei bewegen und die Hügelketten mit den Mauerresten in Augenschein nehmen konnten. Gerade der Blick zum Berg des Hockenden Tigers hat uns sofort wieder versöhnt. Doch wir wollten in entgegen gesetzter Richtung starten und uns auf die Route von Gubeikou nach Jinshanling begeben, welche über die Biegung Der sich Windende Drache führt.
Von unserem derzeitigen Standpunkt aus war es wahrhaftig eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, überhaupt erst einmal einen Weg zu finden; selbst Pfad wäre schier übertrieben für das, was wir die erste halbe Stunde vorgefunden haben. Durchs Feld, durch Wald und vor allem durch jede Menge Dornengestrüpp haben wir uns eine kleine Anhöhe hinauf gearbeitet, und uns dabei herrlich die Waden zerkratzt; bis wir zumindest schon mal ein paar Erdhügel ausmachen konnten, mit deren Hilfe wir uns nun vorangetastet haben. Immerhin ließ sich nun im Entferntesten erahnen, wo wir weitergehen müssen. Trotz der erschwerten Umstände waren wir außerordentlich beeindruckt, denn normalerweise wäre man nicht so ohne Weiters an diesen uralten Mauerresten vorbeigekommen, die sogar noch aus der Zeit der Nördlichen Qi stammen und über 1500 Jahre alt sind. – Ähnlich unwegsam ging es so noch ein Welchen weiter, bis wir schließlich auf den von uns ursprünglich vorgesehenen Weg kamen. – So hat zum Schluss doch irgendwo alles etwas Gutes; und wir unser gratis Abenteuer obendrauf.

Es war noch nicht einmal 10 Uhr, und schon knallte die Sonne erbarmungslos auf uns herunter, so dass es um diese Zeit schon nahezu 40 Grad hatte. Da wir an unserer Unterkunft für die kommende Nacht logischerweise nicht vorbeikommen würden, blieb uns jedoch nichts Anderes übrig, als unser gesamtes Reisegepäck trotz der Hitze den ganzen Tag mit umherzuschleppen. Gut, dass wir das schon von unseren Fern- und Schneeschuhwanderungen her kannten und dahingehend abgehärtet waren. Aber wir wollten auch so nicht klagen, das Allerwichtigste ist doch, dass das Wetter mitgespielt hat. Und es war wirklich ein Traum. Diese Aussicht, die wir heute hatten, war einfach unbezahlbar; dafür nimmt man gerne auch ein paar Hürden mehr in Kauf.
Von Anfang an konnten wir uns gar nicht sattsehen. Ihr wollt gar nicht wissen, wie viele Fotos wir an diesem Tag geschossen haben. Zumindest ist so ein wunderschöner Kalender für die Tanke entstanden. 😉

So langsam erreichten wir nun auch den gemauerten Teil aus der Zeit der Ming-Dynastie und konnten auf die 3 Wehrtürme in der Drachenwindung schauen. Der erste und der letzte Turm sind sogar noch relativ gut erhalten, so dass man die Fenster und Türen ausmachen konnte. – Na und da war dann noch die Dame, die plötzlich unsere Tickets sehen wollte… Ähm ja, dumm gelaufen; so was hatten wir ja leider nicht. Prinzipiell drücke ich mich sicherlich nicht vor dem Bezahlen, denn schließlich hat jeder irgendwo sein Auskommen zu bestreiten, und die Restaurierungsmaßnahmen müssen auch irgendwie finanziert werden; aber ich zahle eben auch nicht doppelt. Und so wies ich Flo an, seinen Mund zu halten und weiterzugehen, während ich mehr oder weniger überzeugend auf jene Dame eingeredet habe. Was sie von mir gehalten hat, kann ich nicht sagen, aber ich bin mir sicher, sie kennt schon die Machenschaften hiesiger Taxifahrer und hielt uns dann nicht weiter auf.

Gubeikou / Chinesische Mauer

Eine Stunde lang konnten wir nun ununterbrochen die herrliche Aussicht auf die Mauer vor und hinter uns, die einzelnen Türme und die traumhafte Landschaft genießen, bis wir zu dem eindrucksvollen 24-Fenster-Turm kamen; von dem heute allerdings nur noch 15 Fenster übrig geblieben sind. Doch da der nun folgende Mauerabschnitt durch ein militärisches Sperrgebiet geht, war an dieser Stelle erst einmal Endstation, und man musste einem schmalen Pfad hinab ins Tal folgen.

Hatten wir bisher schon kaum Leute getroffen, folgte nun der einsamste Teil unserer Wanderung, da an diesem Punkt eigentlich jeder wieder nach Gubeikou zurückkehrt. Wir genossen diese Abgeschiedenheit, auch wenn wir uns dafür komplett bergab und später wieder bergauf zu kämpfen hatten. Doch auch aus dem Tal boten sich einem tolle Sichten auf die Große Mauer. Umso beeindruckender war es dann aber, als wir nach ca. einer Stunde wieder nach oben steigen konnten. Hinter uns lagen nun die alten, zugewucherten Mauerreste, während in Laufrichtung schon Teile der restaurierten Mauer von Jinshanling – ja sogar von Simatai – zu erkennen waren. Aber bis dahin hatten wir noch einige Meter zurückzulegen. Es folgte ein ständiges Auf und Ab. Auch wenn die Mauer allmählich breiter und wegsamer wurde, durften nun seltsamerweise vielen Passagen nicht betreten werden, so dass wir uns daneben vorbeischleichen mussten. Doch so und so, das störte uns nicht, auf diese Weise konnten wir das Bauwerk wenigstens von allen Seiten bewundern und hatten eh noch genug Möglichkeiten, auf der Mauer zu wandeln.

Nun kamen wir auch am teilweise restaurierten Abschnitt von Jinshanling an. Da dieser zu einer anderen Region als Gubeikou gehört, musste man ein neues Ticket lösen; was wir dann auch bereitwillig taten. Endlich trafen wir auch auf den ein oder anderen, teuer angepriesenen Getränkeverkäufer. Doch Geld war uns in dem Moment egal, unsere Kehlen waren nahezu ausgetrocknet, und so haben wie uns erst einmal mit kühlen Getränken eingedeckt; was unverzüglich unsere Lebensgeister reanimierte hat.

Und noch immer waren wir völlig überrascht, dass wir so wenigen Leuten begegnet sind. Wir hatten ja fast schon Probleme, jemanden zu finden, der mal ein Foto von uns zusammen macht. Erst am späten Nachmittag kamen uns ein, zwei kleinere Grüppchen entgegen, die mit der Seilbahn am östlichen Ende nach oben gefahren sind.
Nach all den abenteuerlichen Wegen, die wir die letzten Stunden über passiert hatten, waren wir nun tatsächlich auch einmal ganz froh, wieder etwas festeren Untergrund unter unseren Füssen zu spüren, wenngleich es nach wie vor ständig Auf und Ab ging; vor allem, nachdem wir schon so früh aufgestanden waren und schon etliche Kilometer in den Knochen hatte. Trotzdem war es toll, nun auch einmal zu sehen, wie die Mauer einst ausgesehen haben muss.
Auf jeden Fall hatten wir es goldrichtig gemacht, die Route exakt so herum – von Ost nach West, von Alt zu Neu, von schwer zu leicht – aufzurollen. So konnten wir uns langsam steigern, von den ursprünglichsten, verfallensten Stücken bis hin zu den sehr schön rekonstruierten Teilen, die von weiteren steilen Hügelketten umgeben sind und abschließend den ultimativen Höhepunkt gebildet haben.

Man mag gar nicht glauben, wie schnell so die Stunden verstreichen, und schon war es später Nachmittag. Im Licht der warmen Abendsonne wirkten die Mauern noch imposanter. Ich habe es fast schon bedauert, dass uns nicht noch mehr Zeit zur Verfügung steht. Aber so gern ich auch weitergegangen wäre, ab dem Östlichen 5-Fenster-Turm muss man wieder ins Tal hinab, da man den Abschnitt zwischen Jinshanling und Simatai nicht betreten kann oder darf. Trotzdem, so eine Nacht im Schlafsack, direkt auf der Mauer, hätte auch etwas für sich gehabt. Doch wir wollen nicht unersättlich wirken, man kann schließlich nicht alles haben; und unser Tag war auch so noch lange nicht zu Ende.

Weiterfahrt nach Gubei Water Town

Eigentlich hatten wir mit dem Besitzer unserer Unterkunft vereinbart, dass er uns mit dem Auto von Jinshanling abholt. Nun ist das aber so eine Sache mit der Kommunikation in China. Flo hatte uns extra über Hongkong 2 SIM-Karten und eine chinesische Telefonnummer besorgt und des Weiteren einen VPN eingerichtet, um die regionale Internetsperre zu umgehen und überhaupt erst mal ins Netz zu kommen. Diese aufwendige Prozedur war nötig, damit wir ungehindert unsere Sachen erledigen können, die fürs Reisen auf eigene Faust wichtig sind; wie Buchungen organisieren, Mails beantworten, WhatsApp & Co. Da es im Lande nun mal so üblich ist, dass jeder alles über WeChat erledigt, haben wir uns schon von Deutschland aus auch dort angemeldet. Unser Account wurde allerdings sofort wieder gesperrt – ohne dass wir überhaupt jemals tätig geworden sind -, und nur ein gebürtiger Chinese hätte sich für uns verbürgen können, damit wir wieder freigeschaltet werden. – Genau, alles etwas komplizierter hier. – Jedenfalls hatten wir nun keine Möglichkeit mehr, unseren Vermieter irgendwie zu kontaktieren. Jemanden vor Ort zu erklären, dass dieser nun für uns in der Unterkunft anruft, führte leider auch nicht zum Erfolg; und so nahmen wir uns letztendlich doch ein Taxi, nachdem wir uns auf einen Preis geeinigt hatten.

Ich sag es euch, ich werde in Sachen Taxi immer skeptisch bleiben; worin mich auch folgendes Beispiel noch zusätzlich bestätigt hat: Mir war schon wieder total suspekt, warum unser Chauffeur zurück in Richtung Startpunkt unserer Wanderung fährt, als wir plötzlich in Gubeikou anhielten, und er sein fragendes Gesicht aufgesetzt hat. Als wir ihn irgendwie mit Handy und Füssen begreiflich gemacht haben, dass wir nicht nach Gubeikou sondern zum Wasserstädtchen Gubei müssen, wollte er nun deutlich mehr Geld von uns als vereinbart oder aber, dass wir hier aussteigen. Das war nun wirklich eine der wenigen Situationen, wo ich kurzzeitig meine Contenance zu verlieren drohte. Schließlich hatte er auf mein Angebot eingewilligt und uns in den falschen Ort gebracht. Irgendwie fühlte ich mich verarscht. Aber all das nützte uns jetzt herzlich wenig, und so mussten wir eben in den sauren Apfel beißen, wenn wir heute irgendwann noch mal in unserer Unterkunft ankommen wollten. Und das zog sich dann trotzdem noch eine ganze Weile, bis jener Fahrer überhaupt erst mal die Straße gefunden hatte. Man waren wir froh, als wir endlich diesen Wagen verlassen durften. Gut, dass wir am nächsten Morgen schon unser festen Fahrzeug in Aussicht hatten.

Gubei Water Town & Die Große Mauer von Simatai

Natürlich wurden wir schon erwarten, und natürlich hat sich unser Vermieter auch gewundert, warum wir ihn nicht kontaktiert hatten. Doch es soll mal keiner denken, die Chinesen wären ein rückständiges Volk. In Sachen Technik sind sie uns weit voraus. Und so konnten wir noch viel von dem etwas älteren Herren lernen, der zwar kein Wort Englisch beherrschte, aber mit seinem Übersetzungs-App uns die Sätze nur so um die Ohren warf, dass es krachte. Immerhin konnten wir uns auf diese Weise ganz gut mit ihm verständigen. Wir waren fast schon ein wenig beschämt, weil wir jungen Leut‘ so hinterwäldlerisch daher kamen. Fürs nächste Mal sind wir sicher besser gewappnet.
Da wir nun doch noch etwas Zeit zur Verfügung hatten und ich bereits damit geliebäugelt habe, den Mauerabschnitt von Simatai bei Nacht anzuschauen, wollten wir uns möglichst bald wieder auf die Socken machen. Schnell alle notwendigen Formalitäten abgewickelt, 2 Stück Wassermelone und ein kühles Bier geschlürft, dann brachte uns der Vermieter mit seinem Wagen nach Gubei Water Town. Zum Gehen wäre es tatsächlich auch für uns zu weit gewesen.

Schon von der kleinen Brücke am Parkplatz konnte man auf das schnuckelige Gubei Water Town blicken, welches komplett der Wasserstadt Wushen in Hangzhou nachempfunden wurde. Hoch darüber hinaus ragten die steilen Hügel von Simatai, auf denen die Mauerreste einer darauf gelegten Perlenkette glichen, die im Dunklen nun herausleuchtete. Da wollten wir jetzt hin, und es fing bereits an zu dämmern. Es hieß nun keine weitere Zeit zu verschenken und schnell den Ticketschalter ausfindig zu machen, bevor alles schließen würde.

Die Kombitickets fürs Wasserdorf und die Mauer – inklusive Seilbahn – waren gleich aufgetrieben; doch meist kommt nichts Gescheites dabei raus, wenn es einem pressiert. Wie 2 aufgeschreckte Hühner sind wir umhergesprungen, bis wir nun auch noch die Fahrkarten für den Miniaturzug organisiert hatten, welcher uns zur Seilbahn bringen sollte. Normalerweise würden wir ja überhaupt kein motorisiertes Fortbewegungsmittel nutzen, wenn wir wandern oder etwas erkunden wollen, doch leider darf man bei Dunkelheit die Wege zur Mauer nicht mehr betreten; und die Seilbahn fuhr auch nur noch begrenzte Zeit.

Oben angekommen, durften wir die letzten Höhenmeter zum Glück doch noch zu Fuß bewältigen; auch wenn das keinerlei Anforderung mehr darstellte. So schön die Mauer illuminiert war, so sehr fühlten wir uns allerdings auch geblendet. Als wir dann endlich an unserem Ziel ankamen, sind wir voller Tatendrang an all den Leuten vorbei gehastet, die sich gemütlich auf der Mauer niedergelassen hatten, um die romantische Stimmung in sich aufzusaugen. Doch nach 10 weiteren Stufen wurde unser Vorhaben jäh unterbrochen, und wir durften nicht weitergehen. Noch vor dem ersten Wachturm war es vorbei. Gut möglich, dass man tagsüber noch etwas weiter vordringen kann, aber für heute Abend war an dieser Stelle einfach Schluss.
Etwas enttäuscht haben wir uns zu den anderen auf die Steine gesellt, und konnten so wenigstens unsere Blicke über das wunderschön beleuchtete Gubei Water Town schweifen lassen, über dem plötzlich ein recht außergewöhnliches Feuerwerk entfacht wurde. Eine Unzahl an Drohnen zauberte nun die verschiedensten skurrilen Figuren in den nebelverhangenen Nachthimmel. Auch wenn wir ursprünglich etwas anderes von dieser Exkursion erwartet hatten, haben wir das Ganze gespannt verfolgt; so etwas sieht man schließlich nicht alle Tage.
Trotzdem sind wir schon recht bald wieder aufgebrochen, um ja nicht die letzte Seilbahn zu verpassen. Außerdem hofften wir, wenigstens noch etwas von dem Wasserstädtchen mit nach Hause nehmen zu können.

Inzwischen war es in den kleinen Straßen entlang der Kanäle schon ziemlich ausgestorben. Ich bereute es kurz, dass wir nicht einen Tag länger eingeplant hatten, um uns hier in Ruhe umschauen zu können. Aber wie schon erwähnt, kann man innerhalb von 2 Wochen unmöglich alles machen; unser Programm der nächsten Tage war auch so schon sportlich genug.
So schlenderten wir in der uns noch verbleibenden Zeit ein wenig durch das belebtere Viertel und über den Markt, auf dem soeben ein Chinesisches Theaterstück aufgeführt wurde. Dann haben wir aber zugesehen, dass wir zu später Stunde doch noch was zum Essen bekommen; denn bisher hatten wir den ganzen Tag über ausschließlich ein paar Kekse zu uns genommen. Doch auch das erwies sich als kleines Problem, denn in China wird inzwischen oft nur noch mit dem Handy gezahlt; und als Ausländer, der kein WeChat nutzt oder nutzen kann, ist man dann wahrhaftig zweiter Sieger.
Jetzt wussten wir jedenfalls auch, warum uns der Vermieter gedrängt hat, etwas für uns zu kochen.

Nun galt es nur noch irgendwie zur >>Unterkunft<< zu kommen. Mit unserem Vermieter hatten wir ausgemacht, dass wir ihn anrufen sollen, sobald wir fertig wären, und er uns dann abholen kann. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen wussten wir zwar noch nicht wie, doch er war recht zuversichtlich, dass das schon Jemand für uns in die Hand nehmen würde. Und er behielt Recht, auch wenn es eine ganz schöne Aktion war, den Angestellten im Informationszentrum zu verklickern, was wir von ihnen wollen. Wir waren wirklich mehr als erleichtert, als schließlich unsere weiße Kutsche dann am Eingang auf uns wartete und fielen wenig später, nach diesem ereignisreichen Tag, nur noch tot in unser Bett.

Fazit

Eigentlich bräuchte man nun gar nicht mehr viel zu schreiben; auch unsere Bilder sagen mehr als 1000 Worte. Doch gerne würde ich denen, die einmal im Leben die Große Mauer besuchen wollen, noch einen Rat mit auf den Weg geben:
Nehmt die Mühen auf euch, etwas weiter zu reisen und investiert ruhig einen ganzen Tag; vielleicht auch noch eine Nacht. Es ist es wert, sowohl die verfallenen Ruinen als auch die restaurierten Abschnitte zu besichtigen. Wenn man von Beijing aus startet und am Abend wieder zurück möchte, kann man auch einen privaten Fahrer mieten, der euch zum Startpunkt bringt und am Endpunkt eurer Wahl wieder aufließt. Ihr erspart euch den ganzen Zirkus der touristischen Hotspots, dafür werdet ihr mit einem authentischen Erlebnis und einem unvergesslichen Tag belohnt.

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